Wissenschaftlerteam von der Universität Jena findet Bleisiegel, das auf Königsmord deutet

Ein Bleisiegel eines bislang unbekannten Usurpators im mittelalterlichen islamisch-seldschukischen Anatolien, Ikhtiyar ad-Din al-Hasan ibn Ghafras, ist durch ein Forschungsteam von der Universität Jena entdeckt worden.

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PD Dr. Stefan Heidemann und Dr. Claudia Sode fanden das Siegel in den Sammlungen des Zentrums für byzantinische Forschungen der Harvard University in Washington D.C..

"Das Besondere ist, dass al-Hasan ibn Ghafras aus dem oströmischen-byzantinischen Adel stammt", hebt die Byzantinistin Claudia Sode hervor. Damit beweist das Dokument in Blei, dass ein hoher Funktionär des Seldschukenreiches und Angehöriger der ehemaligen oströmischen Adelsfamilie der Gabraden für kurze Zeit im Jahr 1192 Anspruch auf den Sultanstitel im islamischen Seldschukenreich erhoben hat.

"Für die seldschukische Geschichte ist dies ein einmaliger Vorgang", wertet Stefan Heidemann. "Ein solcher Vorgang ist weder in der griechischen, arabischen oder persischen Geschichtsschreibung belegt - vermutlich liegt hier ein Königsmord zugrunde", betont der Islamwissenschaftler die Bedeutung des Fundes. "Das Siegel ist ein originales Dokument, das in den wenigen Wochen der Usurpation angefertigt wurde und wahrscheinlich an einem Staatsschreiben nach Konstantinopel hing", ergänzt Sode.

Die Entdeckung ist Teil eines Forschungsprojektes, zu dem die Harvard Universität das Jenaer Team nach Washington an das Zentrum für byzantinische Studien in Dumbarton Oaks eingeladen hat. Ziel des Projektes ist es, die etwa 100 Bleisiegel in byzantinischer Tradition mit arabischen, syrisch-aramäischen und armenischen Inschriften in der dortigen Sammlung zu erschließen. Die Siegel dienen als Wissensquelle über die Bevölkerung, die politische Herrschaft und die Kirchenorganisation in der syrisch-nordmesopotamischen Grenzregion zwischen Byzanz und dem Islamischen Reich.

 

Quelle: Uni Jena

Kommentare (3)

  • Prof. Dr. Wolfgang Kuhoff
    Prof. Dr. Wolfgang Kuhoff
    am 28.10.2004
    Der Nachweis des Eintretens oströmischer Honoratioren in den seit 1077 sich im mittleren und südlichen Kleinasien ausdehnenden Staat der Seldschuken von Ikonion ist wirklich bemerkenswert, war aber ohnehin zu erwarten. Wie allerdings ist die Datierung des Siegels zu begründen, wenn auf ihm der Name eines sonst nirgendwo überlieferten ephemeren Herrschers steht, und womit wird die Annahme belegt, daß der Originalbrief, an dem das Siegel befestigt war, an den Kaiser in Konstantinopel, also Isaak II. Angelos, gerichtet war? Der namentlich genannte "Herrscher" müßte bei begründeter Datierung zudem Nachfolger des Sultans Kilidsch Arslan II. gewesen sein, der immerhin einer der bedeutendsten Herrscher der Seldschuken war und 1176 den großen Sieg über Kaiser Manuel I. bei Myriokephalon errungen hatte. Hier sehe ich noch merklichen Erklärungsbedarf.
  • Prof. Dr. Ralph-Johannes Lilie
    Prof. Dr. Ralph-Johannes Lilie
    am 04.11.2004
    Die Rolle, die die Familie Gabras seit dem 11./12. Jh. in Kleinasien zwischen Byzantinern und Seldschuken gespielt hat, ist seit langem bekannt und in der Forschung auch ausgiebig diskutiert worden (s. Cahen 1966, Bryer 1970, 1975 und 1980). Dies gilt auch für die Person und Karriere des al-Hasan ibn Ghafras (s. Bryer 1970, Nr. 9-11), der zum Islam konvertiert war, einen hohen Rang (Vesir) am Hof des Sultans einnahm und auch schon nach früheren Erkenntnissen an dem Mord an Kilidsch Arslan II. beteiligt gewesen sein könnte. Das, bisher offenbar unbekannte Siegel, dessen Legende in dem Artikel leider nicht mitgeteilt wird, fügt dem bekannten Lebenslauf einen weiteren Mosaikstein hinzu. Die bisherige Forschung sensationell auf den Kopf stellen tut es nicht.
  • Stefan Heidemann
    Stefan Heidemann
    am 11.11.2004
    Sehr geehrter Herr Lilie, sehr geehrter Herr Kuhoff.

    Dem wissenschaftlichen 'Erklärungsbedarf' dieses Siegels, mit einer historisch-kritischen Auswertung der literarischen Quellen und der angesprochenen Berücksichtigung des Forschungsstandes wird in einem entsprechenden Beitrag genüge getan, der vor dem Abschluß steht. Eine Pressemeldung ist der Ort für Resultate nicht für ausführliche Argumentation. Diese Argumente legen wir Ihnen gerne mit der Publikation zur kritischen Prüfung vor.
    Auch wenn das Siegel für die Bedeutung der Gabraden in der kleinasiatischen Geschichte nur einen weiteren Mosaikstein hinzugefügt, so ist doch die auf dem Siegel explizite Nennung eines Gabraden als ‚Sultan’ für die seldschukische Geschichte eine völlig unerwartete Wendung. Keine literarische Quelle und keine bekannte Münze nennt den Gabraden als Sultan. Das ist für die islamische Geschichte und ihre vergleichsweise gute Überlieferung überraschend. Das Siegel, das ihn „Sultan“ nennt, ist jedoch zweifellos aus der Zeit. Dies wurde genau in Washington überprüft.
    Herrschaft wurde in der Regel nur legitim von der seldschukischen Familie ausgeübt. Diese Staatsform der kollektiven Familienherrschaft war die einzig legitime. Eine Usurpation begründete in der Regel keine Herrschaftsanspruch. Usurpatoren in der islamischen Welt des 11./12. Jahrhundert begnügten sich in der Regel damit, Macht im Namen eines Marionettensultans auszuüben. Sie eigneten sich in der Regel jedoch nicht die Insignien der Herrschaft, die Titulaturen und den Rang an. Es gibt jedoch in Ostanatolien in der Zeit der Marwaniden im 10. Jahrhundert zwei Belege von Königsmord, als Begründung einer legitimen Herrschaft aus der Sicht der Usurpatoren. Im ersten der beiden Fälle wurde sich explizit auf ein archaisches „Gesetz der Türken“ berufen. Im zweiten Fall sind es konkludente Handlungen, die auf eine legitimierende Wirkung des Königsmordes aus der Sicht des Königsmörders deuten. Auch al-Hasan ibn Ghafras wird nach einer Quelle mit einem Königsmord in Zusammenhang gebracht. Al-Hasan ibn Ghafras wäre der dritte Fall. Letzterer und der zweite Königsmörder fanden ein besonders grausames Ende.

    Mit freundlichen Grüßen
    Ihr

    Stefan Heidemann

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