Älteste Speere der Welt erhalten neues Zuhause

Neues Forschungs- und Erlebniszentrum soll am Fundort der Schöninger Speere entstehen

Zur Umsetzung des Vorhabens haben das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur und das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege (NLD) jetzt ein Team von Fachleuten engagiert. Ziel ist es, das "Abenteuer Forschung" an einem der bedeutendsten archäologischen Fundplätze der Welt für den Besucher nachvollziehbar und hautnah erlebbar zu machen.

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Wildpferd-Jagd
Jagd einer Herde von Wildpferden (© Tom Ungemach)

"Jenseits traditioneller Präsentationsformen wird das Forschungs- und Erlebniszentrum Schöningen Wissenschaft auf internationalem Niveau vermitteln", so der Niedersächsische Minister für Wissenschaft und Kultur, Lutz Stratmann. Das Projektteam wird die Konzeption des Zentrums auf dem Niveau vergleichbarer, international führender Institutionen umsetzen.

Garant für den Erfolg ist Projektleiterin Dr. Gabriele Zipf. Sie zeichnet für die im In- und Ausland als vorbildlich angesehene "Arche Nebra" verantwortlich, die an der Fundstelle der berühmten Himmelsscheibe inzwischen zum Besuchermagneten geworden ist. "Dass es gelungen ist, Frau Dr. Zipf für das Projekt Schöningen zu gewinnen, ist ein echter Glücksfall für Niedersachsen", sagte der Präsident des NLD, Dr. Stefan Winghart.

Aufgabe des Projektteams wird es sein, mehr als 25 Jahre Forschung in Schöningen zu durchdringen und die Kernaussagen in eine Form zu bringen, die den Besucher von Anfang an fesselt und in eine Geschichte einbezieht, die mit einer Pferdejagd vor mehr als 300.000 Jahren begann, bis heute andauert und deren Ende noch lange nicht absehbar ist: Die Forschungen in Schöningen werden in Kooperation mit hoch renommierten wissenschaftlichen Instituten wie dem Institut für ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Universität Tübingen, dem Senckenberginstitut Frankfurt/M. oder dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz in einem gläsernen Labor vor den Augen des Publikums fortgesetzt.

Als unterstützender Partner konnte eines der besten Teams in der Realisierung anspruchsvoller Ausstellungs- und Präsentationsprojekte gewonnen werden, nämlich die Gruppe um den Direktor des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt und des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, Professor Dr. Harald Meller. Halle ist in den letzten Jahren zu einer der weltweit ersten Adressen in der Archäologiepräsentation geworden. Es unterstreicht die Bedeutung des Projektes Schöningen, dass sich Meller mit seinen Mitarbeitern zur Unterstützung bereit erklärt hat.

Finanziert wird das Schöninger Forschungs- und Erlebniszentrum mit 15 Millionen Euro aus dem Aufstockungsprogramm des Landes zum Konjunkturpaket II.

 

Der Braunkohletagebau Schöningen – Ein einzigartiges Archiv für die Menschheits- und Klimageschichte

Der Braunkohletagebau Schöningen ist eine der bedeutendsten archäologischen Fundstellen der Welt. Neben den spektakulären Einblickmöglichkeiten in die Menschheitsentwicklung ergibt sich an dem gewaltigen Schöninger Schichtpaket die einmalige Chance längerfristige Trends und zyklische Schwankungen des Klimas in einer sonst nie erreichten Auflösung zu erfassen und in den globalen Zusammenhang zu stellen.
In über 50 Millionen Jahren lagerten sich Sedimente in Rinnen und Becken entlang eines Salzstockes ab. Diese sind nun durch den Braunkohletagebau bis in eine Tiefe von über 100 Metern aufgeschlossen und für die Forschung zugänglich. Das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege führt mit einer Vielzahl von Partnern seit 1983 im Rahmen eines forschungsorientierten Schwerpunktprogramms nahezu ganzjährig umfangreiche Rettungsgrabungen im Tagebau Schöningen durch.

Nahe der Oberfläche konnte eine vom Menschen seit seiner Sesshaftwerdung geprägte Kulturlandschaft archäologisch untersucht werden. Siedlungen, Befestigungsanlagen und Gräber aus der Jungsteinzeit sowie der Bronze- und Eisenzeit zeugen davon. In den darunter gelegenen Abschnitten aus dem Quartär haben sich Schichten aus dem Eiszeitalter der letzten 500.000 Jahre mit einer Mächtigkeit von bis zu 30 Metern erhalten. Während der Warmphasen bildeten sich kleine Seebecken, die durch ihre Verlandung einmalige organische Erhaltungsbedingungen aufweisen. Die Seeufer wurden von den Urmenschen bevorzugt als Rast- und Jagdplatz aufgesucht. Die noch tiefer gelegenen Stockwerke aus dem Paläogen (Tertiär), liefern insbesondere
für die Klimaforschung einmalige Daten.

Die bislang größte Sensation ist das 1994 in 15 Meter Tiefe entdeckte Jagdlager des Urmenschen. Hier haben vor mehr als 300.000 Jahren steinzeitliche Jäger an einem Seeufer Wildpferde erlegt, Feuerstellen angelegt - und uns die ältesten Holzartefakte und damit die ältesten Jagdwaffen der Menschheit hinterlassen. Sorgfältig bearbeitete Wurfspeere, heutigen Wettkampfspeeren durchaus vergleichbar, zeugen von einem erstaunlichen handwerklichen Können und deuten auf unerwartet hohe Fähigkeiten der Urmenschen hin. Die von Hartmut Thieme und seinem Team entdeckten Spuren belegen organisierte aktive Großwildjagd auf schnell fliehende
Herden, die ohne planendes Handeln und Kommunikationsvermögen undenkbar wäre. Durch die Fülle der Einzelbefunde werfen die Grabungen in Schöningen wie an keiner anderen Stelle in der Welt Licht in das Dunkel der Urgeschichte. Der Homo erectus war im Gegensatz zur bisherigen, weit verbreiteten Auffassung kein Aasfresser und kein sprachloses Wesen, das seiner Umwelt ausgeliefert war. Vielmehr verfügte er über hohe technologische Fähigkeiten, ausgefeilte Jagdstrategien, ein komplexes Sozialgefüge und damit bereits über die erst dem modernen Menschen zugeschriebenen intellektuellen Fähigkeiten vorausschauenden planenden Denkens und Handelns.

Die ungewöhnlich gute Erhaltung organischer Materialien in den quartären Schichten machen Schöningen zu einem der wichtigsten Archive für die Geschichte der Menschheit und des Klimas weltweit.

 

Kommentare (2)

  • Rolf Nowack
    Rolf Nowack
    am 30.11.2009
    Hier bei Schöningen werden genau wie bei Nebra wenige Objekte in den Stand von Kronjuwelen hochgelobt. Bei Nebra auf dem Mittelberg wurde nicht die gesamte Baufläche von "hypermoderner Peilstation" und "goldener Banane" ärchäologisch untersucht. Mit Hilfe von Google-Earth und Fotosoftware zeichnete sich im Untergrund eine Doppelkreisanlage mit mittigem Wegekreuz in der Eisenzeit-Wallanlage ab. Leider gab es damals in Sachsen-Anhalt keinen amtlichen Luftbildarchäologen, der diese Situation vor Durchwinken der teuren Projekte mit Hilfe von Software nachvollziehen konnte. Den Ainrainern außer dem ansässigen Schlachtermeister und dessen Sohn (Bürgermeister) hat es nicht viel gebracht - nur Lärm und Müll. In Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit sollte auch bei den Bewohnern in langfristigen Projekten mindestens bei vollbezahlten Halbtagsstellen ein Teil der Investitionssummen hängen bleiben. Aber meistens werden die Freunde hochrangiger Politiker an den Freßnapf herangeführt. Statt bei Nebra die vermutlich in 3 Zeiträumen ausgebauten Wallanlagen komplett zu vermessen und damit anschaulich den Rang der vormaligen Erbauer und Bewohner zu dokumentieren, wurden hier leider nur stichprobenartig Bodenuntersuchungen vorgenommen.
    In Schöningen hatte man dagegen im Braunkohlentagebau vor dem heranrückenden Bagger gegraben und sehr spät eine Lobby für die Funde bekommen. Bei Northeim wurden ab 1975 und in weiteren Jahren im Bereich des "Großen Freizeitsees" bis in 4 Metern Tiefe verschiedene Ansiedlungen der Jungsteinzeit (Bandkeramiker, Hallstattkultur bis römische Eisenzeit) und anderer Epochen durch das Hedemündener Kiesunternehmen Oppermann abbaggern lassen, ohne daß sich irgendein Archäologe darum gekümmert hatte. In dieser Branche müssen auch die hoch beanspruchten Maschinen kräftig geschmiert werden. Nur eine kleine Flächenuntersuchung mit ABM-Kräften unter Leitung des Katlenburger Archäologen Siegmund untersuchte außerhalb des "50 Meter tiefen Teiches" einen Teil der 3-fachen Holz-(Henge)-Grabenringanlage, die noch 1976 von (Volontär)Klaus Grote und Stadtarchäolgen Merl als Fantasie abgetan wurden. Diese beiden Herren können vermutlich nur das nachvollziehen, was Fachamateure zuvor umfassend beschrieben, weiter gegeben aber nicht publiziert hatten.
    Das römische Standlager in der Nähe von Northeim mit seinen Vorsiedlungen wird dagegen nicht beachtet, weil ein Amateur dieses Objekt genauso wie das Oppidum bei Hann.Münden zuvor an die große Glocke gehängt hatte, und der mögliche zu erwartende Ruhm dadurch für die zuständigen Archäologen ein wenig geschmälert würde. Deshalb werden archäologische Neuobjekte wie die Stadtwüstung Nienover oder das Römerlager-Hedemünden so nie wieder irgendeinem Märchen erzählenden Archäologen in den Schoß fallen. Ich hoffe die Ehrlichkeit gegenüber den Hobbyforschern wird obsiegen. Und nochmals sehr geehrte Archäologen und Politiker bindet eure einheimischen Zulieferer und Wähler in die Projekte mit ein, selbst wenn ein internationales Grabungsteam kurzfristig euren Stern aufblitzen läßt. Nur dann wird eine breite Masse diese Extremausgaben ohne zu murren akzeptieren.
  • C.G.Schmidt
    C.G.Schmidt
    am 15.12.2009
    Gibt es denn in Niedersachsen keine guten Archäologen und Museumsgestalter? Die professionelle Öffentlichkeitsarbeit der Archäologie in Sachsen-Anhalt in allen Ehren - aber es wirkt doch ziemlich merkwürdig, dass über Jahre hinweg die niedersächsische Archäologie durch Verlagerung auf die kommunale Ebene (und damit verbunden finanziell wie rechtlich gesehen massiver Verschlechterung) allmählich abgebaut wird, und dann die Experten der deutlich besser dastehenden Landesarchäologie Sachsen-Anhalts herangeholt werden, um renommierte Projekte in Niedersachsen durchzuführen - denn es gibt ja keine entsprechenden Strukturen in Niedersachsen (mehr). Es wäre ein viel größerer Prestigegewinn, wenn auch Niedersachsen ähnlich professionelle und finanziell verlässliche Ressourcen (wieder-)aufbauen würde...die entsprechenden Personen gibt es, sie warten schon lange auf bessere Arbeitsmöglichkeiten.

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