Konzept von Pfeil und Bogen entschlüsselt

Ungeahnt komplexes frühmenschliches Werkzeugverhalten

Pfeil und Bogen werden lange schon als möglicher Indikator für moderne kulturelle Fähigkeiten gehandelt. Erste Hinweise auf ihre Nutzung stammen aus Südafrika und werden auf ca. 64 000 Jahren vor heute datiert. Bislang war die Bedeutung dieses Gerätesets für die kognitiven Fähigkeiten des Menschen unklar. Nun gelang es zwei Wissenschaftlerinnen, Miriam Haidle von der Forschungsstelle ROCEEH der Heidelberger Akademie der Wissenschaften am Senckenberg Forschungsinstitut und der Universität Tübingen und Marlize Lombard von der University of Johannesburg, die neuartige konzeptionelle Basis des Umgangs mit Pfeil und Bogen zu entschlüsseln.

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Buschmann-Bögen
Äußerlich einfach, vom Konzept her hochkomplex: Buschmann-Bögen aus Botswana, Foto: Lombard/Haidle

Auf der Grundlage archäologischer Funde, völkerkundlicher Analogien und durch Experimente wurden die für die Herstellung von Pfeil und Bogen notwendigen Schritte und Elemente rekonstruiert. Beide Gegenstände sind ein Beispiel für ein komplementäres Werkzeugset. Diese bestehen aus getrennten, aber in Abhängigkeit voneinander entwickelten Elementen. Der Bogen stellt dabei den kontrollierenden bzw. verstärkenden Teil dar, Pfeile die flexibel einsetz- und austauschbaren Verbrauchselemente. Zunächst nutzte der Mensch Werkzeuge zur Herstellung von Werkzeugen (seit ca. 2,5 Millionen Jahren), dann aus verschiedenen Teilen zusammengesetzte Geräte, die eine Einheit mit neuen Eigenschaften bilden wie hölzerne Speere mit Spitzen aus Stein (seit 200-300.000 Jahren). Pfeil und Bogen und andere komplementäre Werkzeugsets waren eine weitere Möglichkeit für prähistorische Menschen, die Flexibilität ihrer Reaktion auf die Herausforderungen der Umwelt enorm zu steigern.

Das Konzept komplementärer Werkzeugsets beinhaltet verschiedenartige Anwendungen wie Nadel und Faden, Angel und Haken, Hammer und Meißel. Pfeil und Bogen sind ein besonders komplexes Beispiel dafür. An der heutigen Rekonstruktion eines einfachen Bogens und Pfeilen mit Vorschaft sind zehn verschiedene Werkzeuge beteiligt. Aus insgesamt 22 Rohmaterialien und drei unspezifischen Halbfertigprodukten (Bindematerial, Multikomponentenkleber) werden in fünf Herstellungsabschnitten ein Bogen und in weiteren Herstellungseinheiten dazugehörige Pfeile gefertigt. Die vorliegende Untersuchung konnte eine derartige Komplexität im Umgang mit Geräten zu einem frühen Zeitpunkt in der Geschichte des Homo sapiens erstmals sichtbar machen.

Die Ergebnisse werden in der aktuellen Ausgabe des Cambridge Archaeological Journal vorgestellt. In der Forschungsstelle »The Role of Culture in Early Expansions of Humans« (ROCEEH) der Heidelberger Akademie der Wissenschaften arbeiten Archäologen, Päläoanthropologen, Paläobiologen und Geographen gemeinsam an Fragen zu Ursprung, Verlauf und Ursachen menschlicher Ausbreitungen zwischen drei Millionen und dem letzten glazialen Maximum um 20.000 Jahren vor heute im Raum Afrika und Eurasien. Es wird untersucht, wann, wo und in welcher Form das Zusammenspiel von sich wandelnden Umweltbedingungen, biologischer Evolution und kultureller Entwicklung es der Gattung Homo erlaubte, die Verhaltensnische eines großen afrikanischen Menschenaffen zu erweitern und neue Nischen auch außerhalb Afrikas zu erschließen. Seit 2008 beherbergen die Universität Tübingen und das Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt die auf 20 Jahre projektierte Forschungsstelle der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

Die Heidelberger Akademie der Wissenschaften, gegründet 1909, ist die wissenschaftliche Akademie des Landes Baden-Württemberg. Als eine der acht deutschen Landesakademien der Wissenschaften ist sie Mitglied der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. Als außeruniversitäre Forschungseinrichtung verantwortet sie derzeit 22 Forschungsvorhaben, in denen etwa 230 Mitarbeiter beschäftigt sind. Die rund 270 gewählten Mitglieder der Heidelberger Akademie treffen sich als herausragende Vertreter ihrer jeweiligen Disziplin regelmäßig zum fächerübergreifenden Gespräch, die Akademie veranstaltet wissenschaftliche Tagungen sowie öffentliche Vortragsreihen.Mit der 2002 erfolgten Einrichtung eines Nachwuchskollegs (WIN-Kolleg), der Ausrichtung der »Akademiekonferenzen für junge Wissenschaftler« sowie durch die Vergabe von Forschungspreisen fördert sie herausragende jüngere Exponenten der Wissenschaft.

 

Publikation

Lombard, M., Haidle, M.N. 2012. Thinking a Bow-and-arrow Set: Cognitive Implications of Middle Stone Age Bow and Stone-tipped Arrow Technology. Cambridge Archaeological Journal 22:2, 237–264
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Kommentare (1)

  • Rudolf Adems
    Rudolf Adems
    am 15.07.2016
    Mich interessieren Einzelheiten zum Buschmannbogen.
    Holzart? Form der Wurfarme rund, D-Form, flach oder andere Form? Bogenlänge? Sehnenstand in cm? Auszugslänge? Erforderliche Zugkraft in lbs oder Kilo? Auf welche Entfernung war ein wirksamer Treffer möglich?

    Der Nachbau historischer Bogen, die gefunden wurden, hat in Deutschland viele Anhänger. Z.B. der englische Langbogen, der in großer Zahl in einem Schiffswrack, der "Mary Rose", entdeckt wurde, wird nicht nur von Archäologen nachgebaut sondern auch von interessierten
    Bogenschützen. Obwohl es beim "Ötzi-Bogen" ungelöste Fragen gibt, versucht man sich fleißig am Nachbau. Das Ding ist jedoch mehr Bergstock als Bogen. Wären die Einzelheiten der Buschmann-Bogen bei den Bogenbauern besser bekannt, würde er nachgebaut.

    Rudolf Adems

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