Datenbank der Gelehrten des Spätmittelalters

Ohne Beziehungen läuft in der Wissenschaft nicht viel. Das war schon im Mittelalter so, als Gelehrte aus ganz Europa sich intensiv austauschten und reisten. Diese Ursprünge der heutigen Wissensgemeinschaft zeigt jetzt die öffentlich zugängliche Datenbank «Repertorium Academicum Germanicum» (RAG). Sie ist unter Berner Federführung entstanden und umfasst die Lebensläufe von mehr als 60.000 mittelalterlichen Gelehrten.

Die Netzwerke von Gilbert Cousin (1506-1572) und Jean Matal (1517-1597)
Juristen unter sich. Die Netzwerke von Gilbert Cousin (1506-1572) und Jean Matal (1517-1597) (© Repertorium Academicum Germanicum.)

Hunderttausende Menschen haben bereits im Mittelalter in Europa eine Universität besucht, viele davon haben auch einen Abschluss errungen und durften sich «Baccalaureus», «Magister» oder gar «Doktor» nennen. Seit über 10 Jahren geht das internationale Forschungs- und Digitalisierungsprojekt RAG der Universität Bern und der Justus-Liebig-Universität Giessen den Lebenswegen dieser Gelehrten nach, ermittelt ihre Herkunft und verfolgt ihre späteren Karrieren. Aus den verschiedensten historischen Quellen wurden die Informationen gesammelt und stehen nun in einer Online-Datenbank der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung.

Neben berühmten Persönlichkeiten wie Erasmus von Rotterdam oder Martin Luther sind in der Datenbank des RAG auch Informationen zu 60.000 weiteren Personen erfasst. Mit einfachen Suchbegriffen können all die Gelehrten des Mittelalters nach ihrem Herkunftsort, Studienfach oder den besuchten Universitäten gruppiert, ihre Reisen auf einer Karte dargestellt und ihre Beziehungen zu anderen Personen interaktiv visualisiert werden. «Bei einem Studium geht es nicht nur um den Unterrichtstoff», erklärt Rainer C. Schwinges, Co-Leiter des Projekts und emeritierter Professor für Mittelalterliche Geschichte, «auch die Beziehungen, die man an der Universität knüpft sind sehr wichtig». Das war damals genauso wie heute: Das persönliche Netzwerk ist entscheidend für die Karriere, aber auch für die Verbreitung von neuen Ideen und damit für den Fortschritt der Wissenschaft und der Gesellschaft.

Dank dem digitalen Ansatz des Projekts sind eine grosse Menge an Daten an einem Ort kostenlos abrufbar. «Nicht nur der einzelne Gelehrte, sondern der gesamte Gelehrtenstand aller Fachbereiche gerät so ins Blickfeld der Forschung», erklärt Professor Schwinges. Durch die Vielfalt der dort konzentrierten Informationen und Visualisierungstools eröffnen sich neue, auch interdisziplinäre Forschungsperspektiven – der Bildungs- und Wissenschaftsgeschichte genauso wie der Demographie- und Migrationsforschung.

Die Datenbank RAG zeigt: Auch Schweizer waren Teil dieser mittelalterlichen Gelehrtenwelt, obwohl man damals für sein Studium deutlich weiter reisen musste. Von den modernen Schweizer Universitäten gab es nur die 1460 gegründete Universität Basel bereits im Mittelalter. Trotzdem machten sich auch aus dem Gebiet der heutigen Schweiz viele junge Männer auf, um an einer Universität einen Abschluss zu erlangen (Frauen war das Studium damals noch nicht erlaubt): Insgesamt 1250 sind in der RAG-Datenbank verzeichnet. Einige davon sind bekannte Namen: Der Walliser Mediziner Thomas Platter, der berühmte Reformator Jo-hannes Calvin oder auch der Berner Ratsherr und Stadtschreiber Thüring Fricker. Aber auch weniger bekannte Schweizer aus kleineren Ortschaften wie Aarberg, Büsserach, Soglio oder Zofingen sind in der Datenbank zu finden.

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