Chinesische Archäologendelegation besuchte Projektpartner RGZM in Mainz

Am Montag, dem 14. Mai stellte das Römisch-Germanische Zentralmuseum (RGZM) gemeinsam mit seinen Kooperationspartnern ihr China-Projekt vor. Fünf hochrangige Vertreter der Provinz Shaanxi waren zur Projektvorstellung eigens angereist, um Kooperationsgespräche mit ihrem langjährigen Projektpartner in Sachen Kulturgüterschutz zu führen.

Schmuckelement der Li Chui
Schmuckelement der Li Chui mit Türkisen und Perlen. Foto: RGZM / Annegret Gerick

Seit über 25 Jahren ist das RGZM mit einer eigenen Außenstelle in der Provinzhauptstadt Xi’an aktiv, finanziell gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Das Treffen ermöglichte einen intensiven Austausch über die laufenden gemeinsamen Forschungsprojekte zu Funden der Tangdynastie (618-907 n. Chr.).

Ungeahnte Schätze und kostbare Seidenstoffe

Mainzer Restauratoren und Restauratorinnen haben in den letzten Jahren gemeinsam mit ihren chinesischen Kollegen in den Werkstätten in Xi’an an der Restaurierung und Konservierung hochrangiger archäologischer Bodenfunde gearbeitet. So konnte aus dem Grab der im Jahr 736 nach Christus verstorbenen Adeligen Li Chui ein prächtiger Kopfschmuck aus Gold und Edelsteinen konserviert werden – der erste jemals aus einem Original rekonstruierte Befund dieser Art.

Der einfühlsame Text des Epitaphs (Grabinschrift) der bereits mit 25 Jahren verstorbenen Dame vermittelt uns einen seltenen Einblick in die Gefühlswelt der Tangzeit:

»Madame war tugendhaft und schön... Als sie herangewachsen war, kam ein Reisender aus dem Land, in dem Wildgänse am Himmel ihre Kreise ziehen ...
Er, der aus einer reichen und adligen Familie stammt, nahm sie zur Frau. ...
Wer ahnte aber, dass sie an einer unheilbaren Krankheit litt. [...]
Hier weht in tausend Herbsten und zehntausend Jahren der Wind der Traurigkeit«

Sonja Filip, Annette Kieser und Florian Ströbele erforschen derzeit gemeinsam mit chinesischen Kollegen Grabbeigaben und Bekleidung der Verstorbenen sowie ihren historischen Hintergrund.

Nicht minder spektakulär sind die Funde kostbarer Seidentextilien, die in der unterirdischen Schatzkammer des buddhistischen Klosters von Famen entdeckt wurden. Es handelt sich dabei um Schenkungen der kaiserlichen Familie zu Ehren einer dort aufbewahrten Buddhareliquie, die in der Schatzkammer im Jahr 874 nach Christus versiegelt wurden. Der prekäre Erhaltungszustand erforderte langjährige aufwändige Restaurierungsmaßnahmen.

Doch wer trug in der späten Tang-Zeit solche Kleidung und zu welchen Gelegenheiten? Wie wurde die Kleidung getragen? Kann man anhand der zeitgenössischen Grabfiguren und Wandmalereien die Kostüme rekonstruieren? Shing Müller, Soon-Chim Jung und Sandra Austrup gehen derzeit im Auftrag des RGZM der Frage nach, ob es sich bei den Funden um tragbare Kleider oder nur um eine förmliche Gabe handelt. Regina Knaller, derzeit an die Expositur Xi’an entsandte Textiltechnologin und Lu Zhiyong, Archäologisches Institut Shaanxi, katalogisieren derweil die reichen Dekorationen, wie Stickereien und gemalte Dekore.

Zusammenarbeit über zehntausende Kilometer

Unter dem Dach des Mainzer Chinaprojektes arbeiten über zehn Wissenschaftler von verschiedenen Standorten in Deutschland und China aus. Die Fachleute unterschiedlichster Spezialgebiete wie der Textiltechnologie, der klassischen Sinologie, der archäologischen Sinologie und den Materialwissenschaften bearbeiten die zwei genannten Fundkomplexe im intensiven interdisziplinären Miteinander – ein Ansatz, der so in China bisher kaum verfolgt wurde.

Durch die Zusammenführung von Beobachtungen am Objekt, der Auswertung zeitgenössischer Textquellen, der Durchführung naturwissenschaftlicher Analysen und einer fundierten archäologischen Betrachtung lässt sich ein entscheidender Kenntnisgewinn zu wichtigen technischen, wirtschaftshistorischen und sozialgeschichtlichen Aspekten der Tangdynastie erwarten.

Vermittlung

Um die Ergebnisse der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit im Rahmen des Kulturgüterschutzes abschließend vorzulegen und zu vermitteln, sind neben dreisprachigen Publikationen zu den Forschungsvorhaben auch eine Konferenz zu Techniken der Dokumentation, Bergung und Funderstversorgung, sowie ein konferenzbegleitender Weiterbildungskurs geplant. Die Wissenschaftler beider Länder bemühen sich derzeit um finanzielle Mittel, um die Funde sowie ihre gemeinsam erzielten Forschungsergebnisse im Rahmen einer Ausstellung auch dem deutschen Publikum präsentieren zu können.

Kopfschmuck der Li Chui
Kopfschmuck der Li Chui (rekonstruiert). Foto: RGZM / Chr. Eckmann
Kopfschmuck der Li Chui
Kopfschmuck der Li Chui (Fundsituation). Foto: RGZM / Chr. Eckmann
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