Pferdegeschichte(n)

von: Dr. Ralf Baumeister
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Reiten war im Altertum ...

... unbekannt. Geritten hatte man gelegentlich auf Rindern, später auch auf Pferden, aber ´Reiten´ war in den frühen Hochkulturen nicht standesgemäß: Adelige und Könige fuhren im Streitwagen zur Jagd oder in die Schlacht! Erst Jahrhunderte später führte die militärische Überlegenheit der antiken Reiterei zum Untergang der Streitwagen als Kriegswaffe. Erst die rasante Ausbreitung und Vermehrung berittener Truppen machte das Reiten schließlich auch im zivilen Bereich populär.

Trainingsanleitungen für Pferde...

... entstanden bereits im 2. Jahrtausend v.Chr. infolge der hohen Nachfrage nach vielseitig ausgebildeten und trainierten Pferden. Die hethitischen Pferdetexte des Mitanni-Hurriters Kikkuli berichten über eine 184tägige Ausbildung junger Pferde für den Dienst am Streitwagen; darin sind neben Futterzeiten und Pflegeanleitungen für jeden Tag genaue Lauf- und Trainingsübungen mit Gangarten und Streckenmaß verzeichnet.

Die Anspannung der Pferde ...

.. erfolgte bis ins nachchristliche Jahrtausend mit Hilfe des Widerristjoches, das ursprünglich für die Rinderanspannung entwickelt wurde. Durch das Fehlen des Widerristes bei den Pferden wurde die Zugkraft im wesentlichen durch die Halspartie des Tieres abgenommen und über Joch und Deichsel auf das Gefährt übertragen.

Erst die Erfindung des Kummets und Sielengeschirrs im 1. Jahrtausend n.Chr. ermöglichte die Abnahme der Zugkraft in Höhe der Schultern und die Kraftübertragung über Zugstränge auf das Gefährt. Auf diese Weise konnte schließlich die volle Zugkraft des Pferdes ausgenutzt und um ca. das fünffache gesteigert werden.

Der Enkel des Dschingis Khan („Batu“) ...

... eroberte im Verlauf des 11. Jahrhunderts praktisch das gesamte damalige russische Reich. Nach den großen russischen Städten fielen Krakau, Breslau und Budapest – ganz Europa schien eine sichere Beute der fernöstlichen Reiterarmee, die nicht nur aus schnellen Bogenschützen, sondern auch aus gepanzerter schwerer Kavallerie bestand.

Einschließlich Tross und Ersatzpferden wurden bei den Kriegszügen über eine Million Pferde bewegt. Doch das Nachschubproblem – die Achillesferse großer Eroberungszüge – lösten die Mongolen auf ihr Art: Jeder Soldat führte neben seinen beiden Kriegstieren über ein Dutzend weiterer Pferde im Tross, die er reihum als Blutspender für eine nährstoffreiche Flüssignahrung nutzte. Zusammen mit Stutenmilch, Pferdekäse und Fohlenfleisch war dies die tägliche Marschverpflegung – immer frisch und in Reichweite.

„Sey geen selten zu fusz überfeldt, ist auch ihrem Stand schendlich“...

..besagt eine spätmittelalterliche Schrift über den Standesdünkel von Adel und hohem Klerus.

Pferde waren der letzte Besitz, von dem sich verarmte Adelige trennten und das erste, was sie erwarben, sobald die mageren Zeiten überstanden waren. Denn für die Herrschaften des Mittelalters galt: wer zu Fuß geht, gehört ganz nach unten.

Bereits auf Anhieb erkannte man den adeligen Reiter, der mit zwei Pferden und einem Knappen unterwegs war: Eines der Pferde trug ihn, das zweite schwerer gebaute, kam als Schlachtross zum Einsatz, das dritte trug die zentnerschwere Rüstung. Auch im zivilen Bereich wiesen sich Reisendes zu Pferd neben ihrem kostbarem Zubehör insbesondere durch ihr Reittier als „vom Stande“ aus.

Wenige Jahre nach der Entdeckung Amerikas...

... durch Christoph Columbus eroberte Hernando Cortez mit einem winzigen Expeditionsheer große Teile Mittel- und Südamerikas. Trotz überlegener Waffentechnik und gepanzerter Pferde müssen sich die katholischen Eroberer angesichts der drückenden Überlegenheit ziemlich verlassen gefühlt haben. Dass den allerchristlichsten Eroberern die Unterwerfung der Heiden so leicht fiel, haben sie weniger ihren Rüstungen und Feuerwaffen als den Pferden zu verdanken, vor den die Azteken einen Heidenrespekt hatten.

Spanische, später auch englische Pferde fanden ...

... in den riesigen amerikanischen Grassteppen ideale Lebensbedingungen. Der spanische Naturforscher Felix de Azara berichtet, dass die im Jahre 1535 gegründete Stadt Buenos Aires bald wieder von den Einwohnern verlassen wurde. „Etwa fünf bis sieben Pferde blieben zurück; als man im Jahre 1580 die Stadt erneut in Besitz nahm, lebte dort auf den Pampas eine Unzahl verwilderter Pferde, die von dieser kleinen Gruppe abstammten. Man nannte sie Cimarrones, und es war bis in die neueste Zeit hinein allgemein erlaubt, sie zu fangen und nach Belieben zu benutzen“ (aus: Grzimeks Tierleben, Säugetiere 3).

Bis etwa 1650 waren die nordmerikanischen Indianer...

... Fußgänger - dann brachten ihnen die Weißen das Pferd ! Der Šunka Wakan – der „unbegreifliche Hund“, wie die Lakota das Huftier nannten – veränderte das Leben der Völker in den großen Grasebenen grundlegend: Pferde erhöhten die Mobilität und erleichterten die Jagd auf die Bisons erheblich. Ihren Besitz transportierten die Nomaden mit Schleifen aus Zeltstangen, die zuvor die Hunde gezogen hatten. Darüber hinaus waren Pferde Statussymbole – manche Krieger hielten hunderte von Tieren, oft auf Raubzügen erbeutet.

Als Arbeitsknechte schrieben Pferde ...

... vor allem Landwirtschaftsgeschichte. Bis weit in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts konnte das Pferd im Dienst des Menschen seine jahrhundertealte Rolle behaupten. Selbst nach Einführung der erste Automobile und des Dampfkraftantriebs war das Arbeitspferd auf dem Lande, ebenso wie das Wagen- und Reitpferd aus der Stadt, nicht wegzudenken.

Demonstrierte das Pferd im gehobenen Bürgerstand als Statussymbol den Wohlstand seines Besitzers, war dies im bäuerlichen Umfeld ganz ähnlich: Selbst wenn das Pferd – mit täglich acht Pfund Hafer und zehn Pfund Heu – dem kleinen Bauern den Verdienst aus der Tasche zu fressen schien, ließ manch einer von einem eigenen Gespann nicht ab und trieb unter widrigen Umständen die ganze Familie in den Ruin.

Vor nicht einmal 60 Jahren...

... wurden Pferde totgesagt, weil sie auf Schlachtfeldern und Äckern ausgedient hatten. Pferde wurden abgehalftert und ausgemustert - ... und sind heute wieder voll da: Als liebevoll gehegte Freizeitpartner und als Sportgeräte für den gehobenen Bedarf erfreuen sie sich die seit den 70er Jahren wieder einer wachsenden Beliebtheit.