Erst gejagt, dann gezähmt: das Wildpferd

von: Dr. Karlheinz Steppan
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Unter den Haustieren gibt es verschiedene Arten, die schon seit Jahrtausenden zu Arbeits- und Transportzwecken genutzt werden. Dazu zählt in Mitteleuropa neben dem Rind vor allem das Pferd. Seine Haltung begann mit einem deutlichen zeitlichen Abstand zu den klassischen Nutztieren Rind, Schwein, Schaf und Ziege. Rinder waren wie die anderen Haustierarten zunächst Fleischlieferanten, erst später verrichteten sie in der Landwirtschaft Zugarbeit vor Pflug und Wagen. Beim Pferd dagegen stand bereits zu Beginn seiner Haltung die Nutzung seiner Muskelkraft im Vordergrund. Sein Einsatz als schnelles Zug- und Reittier revolutionierte den prähistorischen Personen- und Warenverkehr und führte auch im Kriegswesen zu entscheidenden Veränderungen.

„Fette Beute“ – das Wildpferd als Beutetier

Mit einem Gewicht von 240 bis 300 kg war das Wildpferd zu allen Zeiten eine begehrte Beute. Neben Fleisch und Fett lieferte es Haut, Haare, Sehnen und Knochen.

Rentier und Wildpferd bildeten die Nahrungsgrundlage späteiszeitlicher Jäger und Sammler. Weitere Tierarten ergänzten das Spektrum der Beutetiere. Bei der Nutzung dieser Nahrungsressourcen zeichnen sich jahreszeitliche Schwerpunkte ab:

Im Herbst bzw. Winter und im Frühjahr waren es vor allem Rentiere, die bei ihren Wanderungen zwischen den Sommer- und Winterweiden in großer Zahl erlegt werden konnten. Diese Jagdstrategie erforderte die Bildung größerer Gemeinschaften zur Aufbereitung der Beutetiere und zur Konservierung des Wildbrets. Eine wichtige Ergänzung in der kalten Jahreszeit war die Bejagung von Schneehasen und Schneehühnern.

Im Sommer durchstreiften kleine mobile Gruppen die Sommerweiden der Huftiere. In dieser Jahreszeit spielte die Pferdejagd eine deutlich wichtigere Rolle bei der Nahrungsversorgung.

Die Spuren messerscharfer Steinwerkzeuge an den Knochenfunden zeigen, dass die erbeuteten Pferde zerlegt und ihre Skelette sorgfältig entfleischt wurden. Schlagspuren und unzählige Knochensplitter belegen, dass auch das Knochenmark ein begehrtes Nahrungsmittel war. Ausgewählte Skelettelemente dienten als Rohmaterial zur Herstellung bestimmter Werkzeuge.

Der Klima- und Umweltwandel am Ende der Eiszeit ließ die Bestände der Wildpferde stark schrumpfen. Spärliche Überreste aus mittelsteinzeitlichen Fundschichten (Henauhof-Nordwest) lassen auf eine dünne Population von Wildpferden im frühen Holozän (Nacheiszeit) schließen. Im Vergleich zu den anderen Beutetieren (Rothirsch, Wildschwein, Ur, Reh etc.) war das Pferd jedoch von eher geringer Bedeutung für die Ernährung der Jäger und Sammler.

Vom Wildpferd zum Hauspferd

Zur Erforschung der Anfänge und der weiteren Entwicklung der Pferdehaltung stehen mehrere Quellengattungen mit unterschiedlichen Erkenntnismöglichkeiten zur Verfügung. Anhand archäologischer Kleinfunde, bildlicher Darstellungen, früher Schriftquellen und der Überreste der Pferde selbst lässt sich der Beginn der Pferdehaltung mit unterschiedlicher Genauigkeit zeitlich eingrenzen:

(1) Als Bestandteile des Zaumzeugs zählen Trensenknebel aus Geweih oder Bronze zu den ersten, archäologisch verwertbaren Hinweisen auf eine Nutzung der Pferde als Reit- oder Zugtiere; die erstmalige Verwendung in der späten Jungsteinzeit bzw. frühen Bronzezeit markiert aber nicht zwangsläufig den Beginn der Haltung von Pferden.

(2) In der Felskunst Nord- und Südeuropas werden Pferde häufig als Zugtiere vor zwei- und vierrädrigen Wagen dargestellt. Diese Felsbilder illustrieren zwar eindrucksvoll die Nutzung von Hauspferden, liefern auf Grund ihrer unscharfen Datierung aber keine zuverlässigen Hinweise auf den Beginn der Pferdehaltung in den betreffenden Regionen.

(3) Und schließlich gibt es verschiedene frühe Schriftquellen, die sich mit dem Thema „Pferd“ befassen.

Das gemeinsame Merkmal all dieser Quellengattungen ist, dass der Zeitpunkt ihrer Entstehung erst längere Zeit nach dem eigentlichen Beginn der Pferdehaltung liegt. Ein detaillierter Einblick in die Domestikationsgeschichte des Pferdes ist daher von den in großer Zahl überlieferten Knochen- und Zahnfunden dieser Tierart zu erwarten:

Am Ende der letzten Eiszeit besiedelte das Wildpferd, Equus ferus, Boddaert, 1785, weite Teile Eurasiens. Die nacheiszeitliche Wiederbewaldung ließ sein Verbreitungsgebiet schrumpfen und seine Bestandsdichte sinken. Mit Hilfe seiner Knochenfunde lässt sich für das mittlere Holozän (Nacheiszeit) ein geschlossenes Verbreitungsgebiet des Wildpferdes rekonstruieren, das sich von der Iberischen Halbinsel über Mittel- und Osteuropa sowie Zentralasien bis in das Gebiet der heutigen Mongolei erstreckt. Die Wildpferde zeichnen sich in ihrem Verbreitungsgebiet durch ein von Ost nach West gerichtetes Größengefälle aus. Die Schulterhöhen der östlichen Pferde betragen zwischen 140 und 150 Zentimeter, im Westen liegen die Schulterhöhen bei etwa 120 Zentimeter.

Aus den zahlreichen Pferdeknochen im Siedlungsabfall prähistorischer Siedlungen lassen sich zahlreiche Indizien für den Beginn einer kontrollierten Pferdehaltung gewinnen: dazu gehören die Reduktion der Körpergröße und die gleichzeitige Zunahme der Größenvariabilität sowie das Vorkommen von Pferden außerhalb des natürlichen Verbreitungsgebietes der Wildpferde. Auch die Zunahme der Fundhäufigkeit von Pferdeknochen oder das Auftreten von krankhaften Veränderungen am Skelett gelten als Hinweise auf die erfolgte Domestikation des Pferdes.

Molekularbiologische Untersuchungen des Erbgutes verschiedener Pferderassen konnten zeigen, dass Pferde nicht nur an einem Ort sondern in mehreren Regionen domestiziert wurden. In der Folgezeit kam es zur Ausbreitung dieser frühen Hauspferde und vermutlich auch zur wiederholten Einkreuzung von Wildpferden.

Eine derartige Entwicklung scheint sich im Zeitraum von 3300 bis 2700 v. Chr. in Mitteldeutschland abzuzeichnen: Aus den Fundstellen der Bernburger Kultur stammen zahlreiche Pferdeknochenfunde. Die erhöhte Größenvariabilität lässt dort auf Domestikationsvorgänge schließen. Diese frühen Hauspferde lassen sich möglicherweise ausschließlich auf Importe aus den östlichen Nachbarregionen zurückführen. Es bestand jedoch auch die Möglichkeit, die lokalen Wildpferde in die Pferdezucht einzubeziehen.