(Literarische) Begegnungen zwischen Neandertalern und Jetztmenschen

von: Susanne Wiermann
veröffentlicht am
Homo neanderthalensis

Die Neandertaler, die seit dem ersten spektakulären Knochenfund von 1856 im Neandertal bei Düsseldorf die Gemüter erregten und die Phantasie beflügelten, lebten vor etwa 220 000 bis 30 000 Jahren in einem Gebiet, das von Westeuropa über den Nahen Osten und das Kaspische Meer bis ins heutige Usbekistan reichte. Über ihre Kultur wissen wir mittlerweile einiges: Sie bestatteten ihre Toten, sie besaßen heilkundliches Wissen und Invalide wurden in einem sozialen Netz aufgefangen. Sie konnten vermutlich alle Laute der menschlichen Sprache erzeugen. Sie waren wesentlich robuster und kräftiger gebaut als wir und somit dem kalten Klima und dem harschen Leben als Jäger und Sammler optimal angepasst. Ihr Hirnvolumen entsprach in Korrelation zur Körpermasse gesetzt dem unseren. Dennoch wurden sie von anderen, moderneren Menschen, die sich zuerst in Afrika entwickelt hatten, verdrängt. Dies geschah schleichend über einen Zeitraum von mehreren Tausend Jahren. Was spielte sich ab, als sich Neandertaler (Homo sapiens neanderthalensis) und Jetztmenschen (Homo sapiens sapiens) vor rund 80 - 30 000 Jahren begegneten? Gehört der Neandertaler etwa zu unseren Vorfahren? Diese Fragen sind in Fachkreisen bis heute nicht eindeutig geklärt. Auf alle Fälle würde ein Neandertaler, der versehentlich ins 20. Jahrhundert nach Christus gelangt wäre, kaum Aufsehen erregen, sofern er moderne Kleidung trüge.

Da nichts spannender ist als das Leben selbst, erobern seit rund einer Dekade Romane aus der Urgeschichte der Menschheit immer mehr Leserherzen und - wenn Steven Spielberg sein Vorhaben realisiert - auch bald die der Kinogänger. Aus der Fülle der "Paläo- Fiction" (dieser Begriff wurde vom finnischen Paläontologen und Schriftsteller Kurten geprägt) habe ich nun Romane ausgewählt, in denen die Begegnung von Neandertalern und Jetztmenschen phantasievoll thematisiert werden. Welche Konstrukte liegen den Geschichten zugrunde? Gibt es Modelle des Aufeinandertreffens, Zusammenlebens, der Verdrängung oder Vermischung, die überzeugen? Wie kritisch ist die archäologische Belletristik zu lesen?

Im Folgenden werden die Bücher "Die Erben" (1955) von William Golding, "Neandertal. Tal des Lebens" (1996) von John Darnton, "Ayla und der Clan des Bären" (1980) von Jean M. Auel, "Tochter des Feuers" (1983) von Barbara von Bellingen und "Der Tanz des Tigers" (1978) von Björn Kurten vorgestellt. In dieser Reihenfolge evolviert die Neandertal- Figur in den Romanen vom täppisch- äffischen, rückständigen Wesen mit suspekten, telepathischen Fähigkeiten zum freundlichen, lichten, wissenden Mit- Menschen.

"Die Erben" von William Golding

William Goldings Roman "Die Erben", den er 1955 veröffentlichte, verblüfft durch die konsequent durchgezogene Perspektive einer fiktiven Neandertaler- Wahrnehmung. Da rennen z.B. die Neuen mit gebogenen Stöcken herum und werfen damit Zweige, die vorne knochig- spitz sind und hinten befiedert. Da gelingt es den Neuen über das Wasser zu kommen, indem sie in einem Stamm sitzen und durch das Wasser graben. Da wirken Bilder aus Erdpigmenten belebt. Da schmerzt es, daß die Neuen sich ihr Fell abziehen.

In den sehr deskriptiven Stil dieses "Paläo- Fiction"- Klassikers muß man sich erst eine Weile einlesen, einfühlen in die Gedankenwelt von Lok, dem etwas lächerlichen und tragischen Protagonisten. Er und seine Gefährten sind fellig behaarte Wesen, mit weicher Schnauze, Ohren, die sich ausrichten können und guter Witterung. Ihre Wahrnehmung ist instinktiv und intuitiv. Sie denken in Bildern, die sie sich ohne Sprache, auf telepathische Art, übermitteln können. Diese Bilder entstehen durch Erinnerungen; Unbekanntes kann nicht eingeordnet werden. Die Gabe, in Bildern zu denken, ist vor allem den Männern vorbehalten. Die Frauen sind für die Fruchtbarkeit und den damit verbundenen Oa- Kult zuständig. Gemeinsam erledigen sie die Alltagsarbeiten wie Holz sammeln und Nahrung suchen. Sie ernähren sich vegetabil, nur in Ausnahmefällen ergänzt Aas das Menu. Sie halten keine Vorräte, können kein Feuer erzeugen, scheuen das Wasser und besitzen keinerlei Gegenstände, die das Leben annehmlicher gestalten würden.

Loks Gruppe gelangt zu einem Unterschlupf an einem Wasserfall. Dem Anführer der Gruppe geht es sehr schlecht und er stirbt, obwohl seit langem einmal wieder Nahrung im Überfluss vorhanden ist. Diesem Unglück folgt ein noch Größeres: in der Nähe sind "neue Gefährten" gelandet, Menschen, die erschreckend anders aussehen, mit ihren knochigen Gesichtern, dem Fell, das sie abnehmen können, dem senkrechten Gang, der Sprache, die sich nach Lachen und Vogelgezwitscher anhört. Ihre Kulturerrungenschaften sind tödlich: Alkohol und Waffen. Sie überfallen Loks Leute und metzeln alle bis auf zwei Kinder nieder. Lok und seine Gefährtin Fa können ebenfalls entkommen und sinnen nun darüber nach, wie sie die Kinder befreien können. Am Ende rudern die "Neuen" wieder weg. Der kleine Neandertaler- Säugling ist dabei, da - Ironie des Schicksals - die Frau des Anführers ihr Kind verloren hat und nun froh ist, diesen kleinen "Teufel" stillen zu können. Weil sie ein "Spielzeug" wollte, mußten Loks Gefährten sterben.

In dieser eindrücklich geschriebenen Geschichte ist die Begegnung zwischen Neandertalern und Jetztmenschen kurz und brutal. Die Neandertaler werden ausgemerzt, weil sie den modernen Menschen, die ihnen technologisch weit überlegen sind, mit ihrem animalischen Habitus Furcht einjagen. Ob der Neandertaler- Säugling langfristig bei den modernen Menschen integriert wird, bleibt offen.
Goldings faszinierende Studie krankt für einen archäologisch interessierten Leser daran, daß die Neandertaler völlig überzogen als semianimale 'Hinterwäldler' dargestellt werden, kaum des logischen Denkens fähig und auf einer extrem primitiven Kulturstufe lebend.

"Neandertal" von John Darnton

Der jüngste der hier vorgestellten Romane, "Neandertal" von John Darnton, knüpft teilweise an Goldings Vorlagen an. Die Neandertaler haben ebenfalls telepathische Fähigkeiten, weshalb eine Sprachentwicklung unnötig war. Ihre Kommunikation geschieht durch "remote viewing", d.h. sie bedienen sich der Augen eines anderen, um zu schauen, was dieser sieht und denkt. "Hier findet Kommunikation in ihrer reinsten Form statt. Das Individuum geht in der Gruppe auf. Die Welt ist vollkommen, deshalb besteht kaum Bedürfnis, irgend etwas weiterzuentwickeln. Wozu nach Fortschritt streben, wenn jede Veränderung ein Rückschritt wäre" (ebd: 213).

Die Geschichte ähnelt in ihrem Aufbau sehr dem Film "Jurassic Park" von Steven Spielberg. Tatsächlich plant dieser eine Verfilmung des amerikanischen Bestsellers "Neandertal" (vgl. Geo Wissen September 1998: 126). Eine Gruppe von Neandertalern hat in einem abgeschiedenen Rückzuggebiet in Tadschikistan überlebt. Ein Paläontologe und seine Meisterschüler finden das Tal, in dem die "Almas" leben. Vor Ort erleben sie nun einerseits die friedvolle Idylle der ego- losen Neandertaler, die im egalitären Verband Getreide anbauen (!!) und sich ausschließlich vegetarisch ernähren, andererseits die Evolution der kleinen Gruppe wegen ihrer aggressiven Verhaltens Verstossener zu Kriegern und Jägern mit sozialer Stratifikation. Für die Wissenschaftler offenbart sich der "Schöpfungsakt zum homo sapiens". Pech für sie ist, daß die "Renegaten" auf Rache sinnen, um die Begegnungsschlacht vor 30 000 Jahren, bei der ihnen Fallen gestellt wurden, zu sühnen. Außerdem quält der Geheimdienst, der die telepathischen Fähigkeiten der "Almas" benutzen möchte, ein Exemplar dieser Menschenart, bis es stirbt, was seine Gefährten natürlich registrieren. Die eingekesselten Wissenschaftler haben größte Mühe, sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien, was ihnen dank der selbstlosen Hilfe der 'guten' Almas und einiger Täuschungsmanöver gelingt. Selbstverständlich gibt es dabei einige spektakuläre Szenen und das eine und andere gruselige Detail (Menschenopfer, Kannibalismus). Der Roman liest sich durchaus spannend, doch bleibt er etwa drehbuchhaft, die Neandertaler treten wie seltsame Computersimulationen auf, platt und unbelebt. Zudem bleiben die Lebenswelt- Modelle der sanften und der brutalen "Almas" oft in sich widersprüchlich.

Zwei Hypothesen zum Verschwinden der Neandertaler werden in diesem Roman angeführt. Erstens: Durch die Harmonie und Balance in ihrer Gesellschaft ist kein evolutionärer Druck gegeben. Die Renegaten dagegen, die sich ähnlich wie der homo sapins sapiens entwickeln, müssen sich organisieren und für die Jagd kooperieren. Durch die höhere Proteinaufnahme werden sie stärker und eventuell auch aggressiver. Ein Entwicklungssprung bahnt sich an: sie erfinden Bekleidung, Kunst, Arbeitsteilung - sie sind auf dem Weg zur Zivilisation. Übertragen auf die Urgeschichte heißt das: Die Neandertaler hatten der innovativen Aggressivität der Jetztmenschen nichts entgegenzusetzen.

Die zweite Hypothese zielt in die gleiche Richtung. Den Neandertalern hätte eine entscheidende Fähigkeit gefehlt: Die Fähigkeit zu betrügen, täuschen und lügen, während der Jetztmensch boshafte und arglistige Fallen gestellt habe.
Beide Hypothesen gehen davon aus, daß die Begegnung zwischen Neandertalern und Jetztmenschen einer Schlacht glich, aus der - nach Darwins Gesetzen- der Stärkere und Lebenstüchtiger als Sieger hervorging. Dem widerspricht die archäologische Tatsache, daß die beiden Menschenformen Tausende von Jahren nebeneinander lebten und daß Wissen vermittelt wurde (vgl. Fund von Saint Cesaire, bei dem ein Neandertalerskelett mit einem jungpaläolithischen Werkzeugsatz geborgen wurde).

"Ayla und der Clan des Bären" von Jean M. Auel und "Tochter des Feuers" von Barbara von Bellingen

Die beiden Romane "Ayla und der Clan des Bären" von Jean M. Auel und "Tochter des Feuers" von Barbara von Bellingen können aufgrund des ähnlichen Grundgerüstes der Geschichten gut miteinander verglichen werden. Auels erster Band des fünfteilig geplanten (bisher sind vier Segmente erschienen) paläolithischen Roman- Bestsellers um die Hauptfigur Ayla, eine Vertreterin der Jetztmenschen, beschreibt deren Aufnahme in eine Neandertaler- Gruppe.

"Ayla und der Clan des Bären"

Das kleine Mädchen Ayla ist nach einem fürchterlichen Erdbeben verwaist, irrt umher und wird schließlich von einer Neandertalerin aufgefunden. Diese heilkundige Frau, Iza, wird zu ihrer liebevollen Ziehmutter und Lehrerin zugleich. Der Schamane des Clans, Izas Bruder, behütet Ayla als Pflegevater, so daß sie trotz Ressentiments und Vorurteilen seitens der Gruppe relativ unbeschwert aufwächst. Als Jugendliche zeigt sie sich jedoch geschickter und innovativer als die anderen Gleichaltrigen und zieht Neid auf sich. Besonders der Sohn des Clanführers hasst sie und erniedrigt sie mit einer Vergewaltigung. Ayla bekommt ein Kind, das sie sehr liebt und zu ihrem großen Kummer verlassen muß, als ihr Peiniger Clanführer geworden ist und sie verbannt.

Auel zeichnet in diesem Band ein Lebensbild der Neandertaler, das Bezüge zur Archäologie und Ethnologie erkennen lässt, leider aber auch immer wieder in klischeehafte und esoterische Plattitüden abgleitet. Die weiteren Bände, die, da sie kaum mehr Begegnungen mit Neandertalern thematisieren, hier nicht vorgestellt werden, 'glänzen' zudem noch durch softpornographische Passagen, die das Niveau insgesamt nicht heben.

Archäologisch mehr oder weniger korrekt sind die physiognomischen Beschreibungen, abgesehen von dem "braunen Flaum" , der die Körper bedeckt und den dunkelbraunen Augen, die natürlich nur Spekulation sind. Der Schamane, Creb, erinnert mit seinen Behinderungen an den Skelett- Fund I. aus Shanidar (vgl. Solecki 1971: 192). Auel fasst in ihrem Roman- Zyklus archäologische Funde aus einer Zeitspanne von ca. 50 000 bis ca. 20 000 vor Heute zusammen, was sie als phantasiebegabte Belletristik- Autorin durchaus darf.

Aus der Ethnologie entlehnt sind Beschreibungen der Gesellschaftsstruktur und materiellen Kultur, die verkürzt die der Australischen Aborigines widergibt: Männer und Frauen haben eine strikte Arbeitsteilung, die sich u.a. auch im Verteilen der Lasten äußert. Die Männer treffen die Entscheidungen, haben Geheim- Riten und dominieren die Frauen u.a. auch in der Sexualität. Ein mögliches Gesellschaftsmodell - m.M. nach jedoch ein fragwürdiges aufgrund der Diskriminierung der Frauen, die mit ihren Sammelerträgen und ihrer Reproduktivität der Gemeinschaft viel geben.
Dagegen erscheint mir der beidseitige Ethnozentrismus in den Begegnungen von Neandertalern und Jetztmenschen sehr plausibel. Für beide war der jeweils Andere fremd und häßlich und unverständlich. So muß auch Ayla Außenseiterin bleiben, abstoßend in den Augen der Neandertaler, und - später - aus Sicht der Jetztmenschen- Männer bildschön mit ihrem geraden Wuchs, den langen Beinen, blonden Haaren und blauen Augen.

Zu den Mißverständnissen trägt wesentlich das Unvermögen der Neandertaler bei, sich zu artikulieren. Untereinander klappt die Verständigung leidlich mit "kehligen Lauten und Gebärden", Jedoch "... waren die Clan- Leute nicht imstande, so unterschiedliche und fein abgestufte Laute oder Verbindungen von Lauten zu artikulieren, als daß man hätte sagen können, sie hätten eine Sprache, die, vom Ohr erhört, in ihrem Sinn entschlüsselt würde" (32). Da ihre Sprechorgane so unterentwickelt seien, könnten sie auch keine Wahrnehmungen oder Ideen kommunizieren (55).

Auels Erklärung der Kognition der Neandertaler ist ein interessantes, aber wenig überzeugendes Puzzle- Stück in ihrer Geschichte des Untergangs der Neandertaler. Sie stellt die -bereits bei Golding angeklungene- Hypothese auf, daß die Neandertaler nicht in die Zukunft planen konnten, da ihre Hirnkapazität, die sie mit dem Hirnvolumen gleichsetzt, mit der Erinnerung an vergangenes Wissen ausgeschöpft sei. Damit versucht sie die größeren Schädel der Neandertaler verglichen mit den Jetztmenschen und den langen technologischen Stillstand im Mittel- Paläolithikum zu erklären. Da der Kopfumfang bereits so groß sei, daß Probleme bei der Geburt auftreten könnten, hätten die Neandertaler aus Platzspargründen ihr Erinnerungsvermögen geschlechtsspezifisch in der jeweiligen genealogischen Linie aufgeteilt. Das bedeutet, daß alle Frauen einer Familie synchron aber vor allem diachron die gleichen Erinnerungen und Erfahrungen abrufen können, während die Männer den vergangenen Wissensfundus aller männlichen Familienmitglieder benutzen können. Nur dem Schamanen ist kollektive Erinnerung möglich. Die Inkompetenz zu Zukunftsvisionen und Innovationen führt letztlich zum Niedergang der Neandertaler, da sie sich nicht an Neues adaptieren könnten.

"Tochter des Feuers"

In Barbara von Bellingens Roman "Tochter des Feuers" ist es ebenfalls eine weibliche Identifikationsfigur, die nach einem schrecklichen Disaster als Außenseiterin bei der fremden Gruppe lebt und ihr profundes Heilwissen einbringt. Bloß sind die Vorzeichen in dieser Erzählung umgekehrt: Uba ist eine junge, attraktive Neandertalerin, geliebt und geschätzt von ihresgleichen. Fast die Hälfte der Geschichte beschreibt anschaulich das Leben in der kleinen, im zwischenmenschlichen Umgang egalitär und respektvoll ausgerichteten, matrilinearen Neandertalergruppe, die zwar immer wieder mit Widrigkeiten der Natur zu kämpfen hat, aber dennoch eine Lebensfreude und Geborgenheit vermittelt. Uba wird von ihrer Großmutter in der Heilkunst ausgebildet. Sie findet ihren geliebten Partner im Nachbar- Clan und wird schwanger. Als sie kurz vor der Geburt steht, zerbricht das Idyll auf brutale Weise: Riesige Fremde mit blonden Haaren und blauen Augen überfallen das Höhlenzuhause und metzeln die Bewohner gnadenlos nieder. Uba überlebt durch einen Zufall und ist nun völlig auf sich selbst gestellt, hochschwanger, ohne Vorräte, und der Winter stellt sich ein. Verzweifelt kämpft sie für sich und ihr Baby ums Überleben und kann doch die Tragödie nicht verhindern, daß ihr kleines Kind an einer Lungenentzündung stirbt. Eine Wölfin, die genauso einsam wie Uba ist, wird zur Vertrauten, teilt die Beute mit Uba und wärmt sie (Auch Ayla domestiziert Wildtiere: ein Pferd und ein Höhlenlöwen- Junges). Als Uba gemäß ihrer hohen ethischen Maßstäbe einen der Fremden, der auf der Jagd verletzt wurde, medizinisch behandelt, wird sie aufgegriffen.

Die beidseitige Ablehnung ist am Anfang groß. Uba stellt bei der Betrachtung des verletzten Jägers fest: "Noch nie hatte ich einen so hässlichen, so mißgebildeten Menschen gesehen. Schon das farblose Haar, die nackte, unbehaarte Haut auf seinem Oberkörper und das flache Gesicht, aus dem die Nase und nicht der Mund am weitesten herausragte, waren alles andere als schön. Aber er war auch noch viel zu groß; sein Hals ragte weit aus den Schultern heraus. Und seine Beine erst! Denen fehlte die leichte Krümmung, die bei Menschen meiner Art normal ist." (162)
Die Fremden reagieren noch unhöflicher auf Uba, verspotten sie wegen ihres Aussehens, bezeichnen sie als "Halbmensch" und "Ungeziefer" (211) und "Tier" (210) und lassen sie diese Geringschätzung auch deutlich spüren.

Uba lernt mühselig die Sprache der Fremden - manche Laute sind für ihre Kehle sehr schwierig - und ist fasziniert vom religiösen Weltbild und dem großen Geschick der Fremden in der Herstellung und Benutzung von Werkzeug. Bei all diesen Talenten geht den blonden Fremden jedoch das medizinalpflanzliche Wissen ab. Der Schamane ruft zwar die Geister an, aber ansonsten steht er machtlos den Krankheiten gegenüber. Hier findet nun Uba ihre Nische, hilft bei Geburten, heilt und rettet.
Sie und ein weiterer Außenseiter der Gruppe, der wegen seiner angeblich unnützen Erfindungsgabe verlacht wird, finden zueinander. Fulki, ihr neuer Partner, konstruiert u. a. Pfeil und Bogen, Bola und Speerschleuder sowie den Dreizack zum Fischen. Außerdem ist er künstlerisch sehr begabt und schnitzt "Venusfigürchen" und ein Frauenköpfchen aus Mammutelfenbein, in dem er das Gesicht Ubas festzuhalten versucht. Dieses Köpfchen wird 1883 bei Brassempouy von französischen Archäologen gefunden und ist heute im Museum St. Germain en Laye in Paris ausgestellt. Mit diesem Verweis auf einen tatsächlichen Fund (der wegen der mangelhaft dokumentierten Fundumstände umstritten ist) gibt von Bellingen ihrem Roman den Anschein von Authentizität. Mir hat diese Idee gut gefallen, zumal das "Mädchen von Brassempouy" bei näherer Betrachtung wirklich eine auffällige Überaugenpartie aufweist.

Die Protagonistin im Roman "Tochter des Feuers" ist verglichen mit den Fremden, den Jetztmenschen eindeutig die moralisch Gütigere. Sie verzeiht die Greueltaten, die an ihrem Volk verübt wurden und teilt ihre Begabung zu Heilen mit den Überlegenen. In von Bellingens Modell ist es die pure Arroganz und Brutalität der Jetztmenschen gepaart mit einer verbesserten Technologie, die das Verschwinden der Neandertaler einleitet. Die wenigen Überlebenden gehen in der Übermacht der Jetztmenschen auf. Ubas und Fulkis Tochter zeigt sogar die genetische Übermacht der Jetztmenschen, da sie zu Ubas großer Enttäuschung mehr ihrem Vater gleicht.
"Tochter des Feuers" zählt zu den spannend erzählten Beispielen von "Paläo- Fiction". Besonders die Perspektive einer intelligenten Neandertalerin überrascht und überzeugt. Schwachstellen sind m. M. nach das Bild vom haarigen, dunklen Neandertaler und die Hypothese von Bellingens, daß den Neandertalern die biologische Vaterschaft verborgen geblieben sei. Vermutlich erklärt von Bellingen mit dem Wissen um die Zeugung und Vererbung auch die patriarchal organisierte Gesellschaftsstruktur der Jetztmenschen.

Den Romanfiguren Ayla und Uba ist gemeinsam, daß sie starke Frauen sind, heilkundig, geschickt im Umgang mit Tieren, was ihren Mitmenschen sehr suspekt vorkommt. Die jeweiligen Kulturen sind unterschiedlich konzipiert: Aylas Neandertaler können kaum sprechen, sind strikt patriarchal organisiert und unterscheiden sich im Denken von den Jetztmenschen; Ubas Leute sind matrilinear und in der Machtverteilung egalitär, planen und denken wie wir, und Uba gelingt es, die Sprache der Fremden einigermaßen verständlich zu beherrschen. In Auels Modell liegt der Untergang der Neandertaler in deren Unvermögen, in die Zukunft zu schauen, begründet. In von Bellingens Modell dagegen scheitern die Neandertaler an der Brutalität der Eroberer.

"Der Tanz des Tigers" von Björn Kurten

Kurtens Roman "Der Tanz des Tigers" von 1978 , der mittlerweile leider vergriffen ist, ist sowohl in literarischer als auch wissenschaftlicher Hinsicht ein Meisterstück der "Paläo- Fiction". Der Autor, der an der Universität von Helsinki Evolutionspaläonthologie lehrte, verbindet in seiner Geschichte spannende Handlungen, exakte Beschreibungen und interessante Hypothesen zu einem verblüffenden, in sich schlüssigen Modell. Zunächst einmal erstaunt es, daß bei ihm die Neandertaler die 'Weißen' und die modernen Menschen die 'Schwarzen' sind, was ja nur logisch ist, wenn man davon ausgeht, daß die Neandertaler im lichtarmen Nordeuropa, wo die Geschichte spielt, seit Generationen lebten und mit einer helleren Hautpigmentierung mehr Vitamin D aufnehmen konnten, was sie gerade für den Aufbau ihrer schweren Knochen benötigten. Dagegen hatten die aus dem Süden eingedrungenen Jetztmenschen ihre Pigmentierung noch nicht optimal adaptieren können.

Kurtens Konstruktion der Lebenswelten der Neandertaler und Jetztmenschen zeigt teils Gegensätzlichgkeiten teils Gemeinsamkeiten.
Aufgrund des geringen Geschlechtsdimorphismus sind die Neandertaler bei Kurten egalitär strukturiert und Männer und Frauen erledigen die anfallenden Arbeiten gemeinsam. Allerdings suchen die Frauen sich ihre Partner aus, und die Abstammung wird ebenfalls nach der mütterlichen Linie gerechnet. Der Umgang der Neandertaler ist stark ritualisiert und von großer Ehrfurcht, Takt und Höflichkeit geprägt. Die bedrohlich wirkenden Augenbrauen werden in einer besänftigenden Geste immer wieder bedeckt. Sie verstehen sich in der Kunst des Erzählens von langen, genealogischen Geschichten.

Die Jetztmenschen, die sich selber 'Menschen' nennen und die Neandertaler verächtlich als 'Trolle' und 'Tiere' bezeichnen, haben eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung: Die Männer jagen, kämpfen und zeugen Söhne, die Frauen gebären und erziehen, sammeln Nahrung und "gehorchen dem Mann, der sie gewählt hatte, die Mutter seiner Söhne zu sein" (53). Sie besitzen eine differenzierte Sprache, die den Neandertalern nicht fehlerfrei von den Lippen kommen will. Aber vor allem besitzen sie eine innovativere Technologie, z.B. die Speerschleuder und eine verbesserte Steinbearbeitungstechnik, und - was die Neandertaler sehr fasziniert, da sie es leider nicht vermögen - die Gabe, bildlich darzustellen.

Gemeinsam ist den beiden Menschenformen, das sie vom gleichen Land leben und sich einer mythischen Verbundenheit und Übereinstimmung mit der beseelten Natur fühlen. "So lebten die Weißen und die Schwarzen, die Menschen der Vergangenheit und die Menschen der Zukunft, im Pakt mit denselben Mächten, obgleich sie die Geheimnisse, von denen die Welt so erfüllt war, oft auf verschiedende Weise deuteten".

Nachdem das Konzept Kurtens etwas ausführlicher dargestellt wurde, möchte ich noch eine kurze inhaltliche Zusammenfassung geben.

Tiger, ein junger Schwarzer, erlebt seine erste Mammutjagd. Dabei wird seine Gruppe von den Kriegern, die sich um Schelch, einen legendären Zauberer, versammelt haben, überfallen und getötet. Weiße, die in dem Gebiet schon länger ansässig sind, finden Tiger halbtot und nehmen ihn bei sich auf und pflegen ihn. Tiger überwindet seine anfängliche Aversion gegen die ihn umsorgenden Neandertaler und lernt ihre Sprache von dem ehrwürdigen alten Herrn Silberbirke, der als Kind von einer Schwarzen aufgenommen wurde, und dem jungen Mischling Salweide, der Sohn der Anführerin. Für Tiger ist die Sprache der Weißen schwierig, "voller verdrehter und ungelenker Laute" und mit unterschiedlichen Tonhöhen, die ein perfektes musikalisches Gehör erfordern, um die Nuancen unterscheiden zu können. Für die Weißen ist Tigers Sprache aber auch schwierig, da sie nur die Vokale "a" und "e" aussprechen können. Salweide, der junge, sympathische Mischling, der, wie es sich später herausstellt, Tigers älterer Halb- Bruder ist, lernt die Sprache der Schwarzen dagegen mühelos. Tiger verbindet sich mit einer Frau, der fröhlichen Waid, mit der er Kinder bekommt. Obwohl er sich wohl fühlt, drängt es ihn, Rache zu nehmen an Schelch. Seinem Vorhaben kommt allerdings ein weiterer Überfall der Schelch- Bande zuvor. Durch eine List, die Waid ersonnen hat, weden die Angreifer vernichtet. Schelch, dem man nachsagt, er könne an mehreren Orten gleichzeitig sein, wird von Salweide getötet, um den Vater zu sühnen. Trotzdem treibt Schelch weiter sein Unwesen. Es handelt sich nämlich um Zwillingsbrüder, die wegen ihrer Herkunft - die Mutter war Schwarze, der Vater ein Weißer; tragischerweise der bereits erwähnte Herr Silberbirke - Spott und Ungerechtigkeiten ertragen mussten und sich nun in größenwahnsinnigen Plänen ergehen. Nachdem der militärischere der Zwillinge, der "Rechte Hand" genannt wird, nicht mehr lebt, übernimmt "Linke Hand" das Regiment. Wie sein Bruder will er sich verewigen, und da das mittels Nachkommen nicht klappt, will er eine große Idee verwirklichen: die Karibuzucht. Dazu rekrutiert er Freiwillige und Gefangene, die die Tiere, die sich aber leider nicht zur Domestikation eignen, einsperren und für ihn arbeiten müssen. Auch Tiger schleicht sich in Schelchs Heer und kann schließlich in einem grandiosen Finale dem Größenwahnsinnigen, der schon selbst anfängt, Einsicht zu zeigen, die Macht entringen und den Menschen und Tieren die Freiheit wieder geben.

Das Modell für die Auslöschung der Neandertaler, das Kurten uns vorstellt, basiert auf drei Hypothesen:

  1. Es kommt zu Vermischungen zwischen Neandertalern und Jetztmenschen, jedoch sind die daraus entstehenden Nachkommen unfruchtbar, weshalb z.B. die Schelche keine Nachkommen hatten.
     
  2. Weiße und Schwarze betrachten die Schwarzen als überlegenes Wesen, wegen der verbesserten Technologie und der gekonnteren Artikulation (Kurten hält sich an Liebermanns mittlerweile überholte These, daß die Neandertaler außer "a" und "e" keine Vokale erzeugen konnten). Außerdem besteht ein Konsens darin, daß die 'kindlichen' Züge der Jetztmenschen anziehender und liebenswerter seien als das knochige Gesicht der Neandertaler. Letzteres bezieht sich auf das in der Verhaltensbiologie beobachtete 'Kindchenschema', d.h., daß eine hohe Stirn und runde, weiche Formen, wie es Kinden und Jungtieren zu eigen ist, Gefühle des Bemuttern- und Beschützenwollens auslösen.
     
  3. Aufgrund dieses Wertigkeitsgefälles und der von Kurten vorausgesetzten matriarchalen Gesellschaftsstruktur der Neandertaler gibt es immer mehr 'weiße' Mütter mit Mischlingskindern, die wiederum steril wären. Als Folge würde die Zahl der Neandertaler selbst bei friedlichen Bedingungen kontinuierlich schrumpfen.

Kurtens Konstruktion ist insgesamt ein intelligentes, plausibles Modell, das sich - wie alle archäologischen Spekulationen - nicht verifizieren lässt.

Die vorgestellte Belletristik zeigte eine breite Variabilität in der Konstruktion der steinzeitlichen Lebenswelten. Auf der einen Seite reichen die Extreme vom äffischen, haarigen, dumpfen Neandertaler, von einfältiger oder bedrohlich- unheimlicher Natur, der sich überlebt hat, bzw. dem sein Untergang bereits vorprogrammiert ist bis zum edlen, integren, ob seines Gutseins letztlich unterlegenen Neandertaler. Dem gegenüber steht der 'moderne Mensch', clever, aber auch bösartig, schön, geschickt, und schließlich der Gewinner.

Diese Konstruktionen spiegeln z.T. den Forschungsstand wider - die sich hartnäckig haltende Karrikatur vom bucklig gehenden, primitiven, der Sprache unmächtigen Neandertaler, der gruseligen Kulten wie dem rituellen Kannibalismus huldigt, und seit den 70er Jahren die "Flower Power" Version Soleckis, die den Neandertalern eine intakte Sozialstruktur, religiöse Handlungen und empirisches Wissen bescheinigt.
In den Forschungsstand wiederum ist der Zeitgeist eingeflossen, die Ablehnung, bzw. Toleranz von Fremdem, Ungewohntem, denn - wie ein chinesisches Sprichwort sagt:
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind; wir sehen sie, wie wir sind".

Literatur

  • Aiello, Leslie und Pia Bennike (hg): 4 Millionen Jahre Mensch.
    1996. Köln.
  • Auel, Jean M.: Ayla und der Clan des Bären.
    1993 (OA 1980). Frankfurt am Main.
  • Bellingen, von Barbara: Tochter des Feuers. Roman aus der Morgendämmerung der Menschheit.
    1991 (OA 1983). Reinbeck bei Hamburg.
  • Darnton, John: Neandertal. Tal des Lebens.
    1996. München.
  • Golding, William: Die Erben.
    1983 (OA 1955). Frankfurt am Main.
  • Geo Wissen: Die Evolution des Menschen.
    1998. Hamburg.
  • Kurten, Björn: Der Tanz des Tigers. Roman aus der Eiszeit.
    1981 (OA 1978). Hamburg.
  • Schrenk, Friedemann: Die Frühzeit des Menschen. Der Weg zum Homo sapiens
    1997. München.
  • Solecki, Ralph S.: Shanidar - The First Flower People.
    1971. New York.
  • Steinacker, Johannes: Menschliche Urgeschichte als Thema der modernen Literatur.
    1994. Frankfurt am Main.
  • Trinkaus Erik und Pat Shipman: Die Neandertaler. Spiegel der Menschheit.
    1993. München.