Die ungewöhnlich frühen modernen Menschen im Nahen Osten

von: Prof. Dr. Erik Trinkaus
veröffentlicht am
Naher OstenHomo neanderthalensisEvolution

Seit dem Mittleren Miozän, als die Afrikanisch-Arabische Kontinentalplatte auf die Eurasische traf und so ein Austausch der Landfauna zwischen den zwei Kontinenten möglich wurde, ist der Nahe Osten eine Region der wechselseitigen Beziehungen, Konflikte und des Durcheinanders. Während des Mittelpaläolithikums, vom späten Mittelpleistozän bis zur Mitte der letzen Vereisung (Sauerstoffisotopenbereich 6 bis 3), fanden dort komplexe Muster von Bewegungen menschlicher Populationen und möglicherweise auch Interaktionen statt. Das Bild dieser Zeit ist - vor allem auf Grund der Schwierigkeiten, archäologische Schichten der betreffenden Perioden zu datieren - in einigen Aspekten noch unklar. Dennoch lassen sich Muster der menschlichen Evolution in dieser Region erkennen, die einen Rahmen für das Verständnis menschlicher Populationen des Nahen Ostens dieser Periode bieten.

Der allgemeine Rahmen

Die an dieser Stelle interessierenden menschlichen Überreste stammen aus einer Reihe von Fundorten entlang der Levante-Küste (Israel und Syrien) und von einigen Plätzen im Zagrosgebirge (die Funde aus dem Kaukasus werden hier nicht berücksichtigt). Diese beinhalten Fossilien aus Amud (Israel), Bisitun (Iran), Dederiyeh (Syrien), Kebara (Israel), Qafzeh (Israel), Shanidar (Irak), Shovakh (Israel), Skhul (Israel) und Tabun (Israel). Alle diese Exemplare können mit bestimmten Phasen und regionalen Varianten des Mittelpaläolithikums in Verbindung gebracht werden. Trotz geringer Unterschiede zwischen den Steingeräten, den Faunenresten und sozialen Verhaltensformen (z. B. Bestattungen), lassen sich die Funde der menschlichen Fossilien der verschiedenen Fundorte kaum sinnvoll unterteilen. Tatsächlich konnten auch bei den umfangreichen Untersuchungen vor allem der israelischen Fundplätze keine signifikanten Unterschiede in der Technologie, den Subsistenzstrategien oder dem Sozialverhalten festgestellt werden, die man nicht genau so gut einfach als Ergebnisse einer normalen kulturellen Variationsbreite infolge saisonaler und regionaler Faktoren und dem sich während mehr als 100.000 Jahren verändernden Klimas erklären könnte.

Dennoch wurde es offensichtlich, daß die Exemplare von zwei unterschiedlichen menschlichen Gruppen stammen: In Qafzeh und Skhul fanden sich die Überreste früher moderner Menschen, während an den übrigen Fundorten die Überreste später archaischer Menschen gefunden wurden. Die Funde von Qafzeh und Skhul stammen aus Ablagerungen, die ca. 90.000 Jahre alt sind, vor und nach ihnen kommen in der Region späte archaische Menschen vor. Obwohl ihre Schädelform robust ist, zeigen die Überreste von Qafzeh und Skhul eine Anzahl von Merkmalen des modernen Menschen auf, was sie zu den ältesten gut datierten Resten des modernen Menschen gehören läßt. Ihre Gesichtsmerkmale und Körperproportionen zeigen eine Ähnlichkeit insbesondere zu den afrikanischen menschlichen Populationen der Subsahara und stellen eine kurze, an ein warmes Klima gebundene Einwanderung des modernen Menschen aus dem Nordosten Afrikas in die Levante dar.

Die späten archaischen Menschen bestehen aus Merkmalen des späten Mittelpleistozäns und der frühen letzten Vereisung, deren Kombination die evolutionäre Richtung vom unspezialisierten Muster des archaischen Menschen des mittleren Pleistozäns (im Nahen Osten repräsentiert durch die Skelettfunde von Zuttiyeh und Tabun Schicht E) hin zum Neandertaler zeigt. Die Reihe der herkömmlichen cranialen und facialen Merkmale, wie auch der Körperproportionen, des europäischen und zentralasiatischen Neandertalers, tauchen allmählich im Nahen Osten während des Mittelpaläolithikums auf und möglicherweise fand im Zusammenhang mit klimatischen Veränderungen des Mittel- und Spätpleistozäns eine Ausbreitung der menschlichen Population in die Levante und andere Regionen des Nahen Osten statt, die von Populationen des Neandertalers in Anatolien, dem Kaukasus und Zentralasien ausging.

Fest steht, daß die Ausbreitung der Qafzeh - Skhul nach Norden in die südliche Levante nur von kurzer Dauer war und mit der Ausbreitung von Säugetieren zusammenhing, die an warmes Klima gebunden sind. Allerdings ist ihre mittelpaläolithische Technologie die gleiche, die im Nahen Osten zusammen mit den Resten spätarchaischer Menschen gefunden wird und unterscheidet sich von der in den benachbarten Regionen Nordafrikas. Im Gegensatz dazu ist die Besiedlung des Vorderen Orients durch den späten archaischen Menschen - man könnte auch sagen: vom Prä-Neandertaler bis zum Neandertaler - von langer Dauer (sowohl vor als auch nach dem Eindringen der Qafzeh-Skhul) und ist mit einer Fauna vergesellschaftet, die an ein kühles Klima gebunden ist. Die aus ökogeographischen Gründen unterschiedlichen Körperproportionen dieser zwei Gruppen korrelieren mit den Unterschieden der vergesellschafteten Faunenarten.

Paläobiologische Unregelmäßigkeiten und Abweichungen im Verhalten

Der zeitliche Wechsel der mittelpaläolithischen Menschenpopulationen im Vorderen Orient - zuerst archaisch, dann modern, dann archaisch (der moderne Mensch folgt im beginnenden Jungpaläolithikum) - zusammen mit den paläobiologischen und archäologischen Erscheinungen bringen eine Reihe von Interpretationsschwierigkeiten mit sich. Einige davon haben mit den Beziehungen zwischen diesen beiden Gruppen zu tun. Andere wiederum hängen mit der Paläobiologie der Qafzhe-Skhul-Menschen zusammen, die zumindest im Rahmen ihres eigentlich mittelpaläolithischen Kontextes von der Norm abweicht.

Verbindungen

Von den klimatischen und archäologischen Verbindungen dieser Exemplare fallen zwei als ungewöhnlich auf. Erstens scheinen - wie sowohl die begleitende Fauna als auch die Körperproportionen zeigen - die beiden Gruppen, trotz der ziemlich komplexen kulturellen Systeme dieser mittelpaläolithischen Menschen, unterschiedlichen ökologischen bzw. bioklimatischen Zonen zu folgen. Waren sie über mehrere Jahrtausende hinweg aufgrund Ihrer Anpassungsmerkmale auf diese Zonen beschränkt? Wenn dem so wäre, dann würde das heißen, daß beide Gruppen einen geringeren Grad an ökologischer Flexibilität gehabt hätten als die etwas jüngeren Menschen des Jungpaläolithikums. Zweitens haben, trotz ihrer jeweiligen engen Verbindungen nach Süden und Norden, sowohl die Menschen von Qafzeh-Skhul als auch die Neandertaler des Nahen Ostens sehr ähnliche archäologische Zeugnisse hinterlassen, die Steinbearbeitung ist typologisch und technologisch (hinsichtlich der Bearbeitungssequenzen) im wesentlichen die gleiche und weicht in unterschiedlichem Maße sowohl von den mittelpaläolithischen Funden in Nordafrika also auch von jenen im nördlichen Vorderen Orient ab. Haben beide Gruppen kulturelle Verhaltensnormen ausgetauscht, obwohl sie offensichtlich in unterschiedlichen ökologischen Zonen lebten und obwohl es vermutlich keine zeitliche Überlappung gab?

Handfertigkeiten

Die mittelpaläolithischen Funde, die mit beiden Gruppen verbunden werden können, deuten auf eine ähnliche technische Fertigkeit, beide verwendeten in erster Linie in Abschlagtechnik gefertige Steingeräte mit anspruchsloser Schäftung, wobei nur wenig Knochen oder Geweih verwendet wurden. Trotzdem lassen sich einige paläontologische Anzeichen für Unterschiede in der Handhabung der Geräte finden.

Alle dokumentierten spätarchaischen Menschen mit mittelpaläolithischen Technologien nutzten für die verschiedenen Tätigkeiten ausgiebig ihre Vorderzähne, was sich sowohl in deren Größe zeigt (absolut und relativ zu ihren Backenzähnen), als auch in der fortgeschritteneren Abnutzung der vorderen Zähne (relativ zu der der Backenzähne). Insbesondere bei den Neandertalern des Vorderen Orients ist dies gut dokumentiert. Die Vorderzähne der Exemplare von Qafzeh und Skhul sind dagegen relativ schmal und zeigen trotz ihrer geringen Größe keine so ausgeprägte relative Abnutzung der Schneide- und Eckzähne, wie es bei den Neandertalern und anderen archaischen Homo zu beobachten ist. Somit steht fest, daß die Qafzeh-Skhul-Population Ihre Vorderzähne nicht so intensiv benutzten.

Ferner haben die Reste der oberen Extremität der Quafzeh-Skhul Gruppe nicht die für den archaischen Vertreter der Gattung Homo kennzeichnende Hypertrophie (=übermäßige Entwicklung [Anm. d. Übers.]) des Schaftes, der Gelenkflächen oder der Muskelansätze. Die Schäfte des Oberarmknochens sind trotz einer hohen Variabilität in der Größe sehr grazil. Die Speichen sind nur wenig zur Seite hin gebogen und die Tuberositas radii ist nur wenig verdreht, um die Wirkung der Streck- und Drehbewegungen der Hand verstärken zu können. Ihre Rauhigkeiten an den Handwurzelknochen sind klein und die Ansatzstelle für den Muskel, der den Daumen abspreizt oder die Ansatzstellen der Muskeln an den Endgliedern der Finger, die für die Hände des archaischen Homo charakteristisch sind, sind nicht entwickelt. Auch ihre Gelenke zwischen der Handwurzel und den Mittelhandknochen haben eine ähnliche Gesalt wie die der jungpaläolithischen Menschen sie sind eher für einen Präzisionsgriff gebaut als für die Übertragung hoher Kräfte im Gelenk. In anderen Worten: Wo die oberen Extremitäten der Neandertaler des Nahen Ostens übermäßig stark ausgebildet waren, um die Art von Kräften zu erzeugen, die für eine effektive Nutzung der mittelpaläolithischen Technologie nötig waren, zeigen die Überreste von Qafzeh-Skhul wenig von einer solchen Hypertrophie. Ihre Arme und die Größe und Abnutzung ihrer Vorderzähne ähneln sehr stark denen von Menschen im Jungpaläolithikum des Nahen Ostens und Europas oder sind sogar graziler als diese.

Bewegungsapparat

Biomechanische Analysen der Überreste der unteren Gliedmaßen pleistozäner Menschen haben gezeigt, daß es vom späten Mittelpleistozän bis zum Spätpleistozän nur wenig Veränderung hinsichtlich der Robustheit (oder Stärke, in Bezug auf Körpergröße und -form) gab. Besonders in der Form des mittleren Schaftes des Oberschenkelknochens spiegeln sich nur wechselnde Mobilitätsmuster ab. Hier zeigen die mittelpaläolithischen Neandertaler gerundete Mittelschäfte, was auf eine geringere Gesamtbeweglichkeit hindeutet, während die stark nach hinten gekrümmten Femure der frühen jungpaläolithischen (spätarchaischen und frühen modernen) Menschen auf einen sehr viel höheren Grad an Beweglichkeit hindeuten. In dieser Hinsicht stimmen die Femure von Qafzeh-Skhul vollkommen mit den frühen jungpaläolithischen Formen überein und unterscheiden sich von denen anderer mittelpaläolithischer Menschen. Dennoch, während der Unterschied zwischen mittelpaläolithischen Neandertalern und frühen jungpaläolithischen Menschen mit dem archäologischen Nachweis einer größeren Expansion im Grad der Mobilität zwischen den beiden Gruppen (speziell zwischen dem Mittelpaläolithikum und dem mittleren Jungppaläolithikum) verbunden ist, gibt es in der Archäologie der Qafzeh-Skhul-Menschen nichts, was auf einen Grad an Beweglichkeit hindeuten würde, die größer als die der Neandertaler im Nahen Osten gewesen wäre.

Dieser Unterschied im Mobilitätsmuster der Erwachsenen ist verbunden mit einem Hinweis auf einen entgegengesetzten Unterschied in der Beweglichkeit Jugendlicher. Neandertaler und frühe jungpaläolithische Menschen zeigen alle niedrige Winkel zwischen Hals und Schaft des Femurs, gleich denen oder sogar niedriger als die von rezenten menschlichen Sammler-Gruppen. Das deutet auf einen hohen Grad an Aktivität und das Tragen von Lasten während des Wachstums und der Entwicklung dieser Leute hin. Die Femure von Qafzeh-Skhul andererseits zeigen außergewöhnlich große Winkel zwischen Hals und Schaft des Femurs, ähnlich denen moderner seßhafter industrialisierter Populationen. Die biologische Schlußfolgerung ist, daß ihre Jugendlichen nicht ernsthaft an der Subsistenzarbeit teilnahmen, obwohl ihre Eltern es nachweislich taten. Impliziert dies eine soziale Arbeitsteilung aufgrund des Alters, weit über das hinausgehend, was unzweifelhaft für alle pleistozänen menschlichen Jäger und Sammler charakteristisch war?

Belastung und Überleben

Für die Neandertaler im Nahen Osten und die Neandertaler allgemein wurde festgestellt, daß sie in ungewöhnlich hohem Grad Entwicklungsstreß-Indikatoren (insbesondere Zahnschmelz-Hypoplasien, die auf Unterbrechungen der Wachstumsperiode schließen lassen) und häufig verheilte traumatische Verletzungen aufweisen. Außerdem erlitt ein Neandertaler des Nahen Ostens, Shanidar 1, eine Reihe ernsthafter traumatischer Verletzungen, die er dennoch für Jahre überlebte. Die Überreste von Qafzeh-Skhul zeigen ebenfalls eine Anzahl pathologischer Veränderungen, aber die Form ist unterschiedlich. Schmelzhypoplasien sind weit weniger gegenwärtig und Traumata sind weniger häufig. Dennoch überlebten zwei immature, von denen eines eine Schädelfraktur und das andere einen angeborenen Wasserkopf hatte, was normalerweise unter den Bedingungen des Mittelpaläolithikums tödlich gewesen wäre. Die Schlußfolgerung ist nun, daß insgesamt der Belastungsgrad unter den spätarchaischen Menschen größer war und daß die Qafzeh-Skhul eine höhere Wahrscheinlichkeit hatten, lebensbedrohliche Anomalien zu überleben. Die Menschen von Qafzeh-Skhul waren, trotz dem gleichen kulturellen System, besser darauf vorbereitet, körperlichen Gebrechen umzugehen. In dieser Hinsicht ähneln sie sehr den menschlichen Gruppen des Jungpaläolithikums.

Zusammenfassung

Diese Übersicht des paläobiologischen und archäologischen Kontextes der Gruppe moderner Menschen von Qafzeh-Skhul beleuchtet eine Reihe von Unterschieden zwischen diesen und den mittelpaläolithischen spätarchaischen Menschen. In jedem der genannten Beispiele ist es die paläobiologische Ausprägung des spätarchaischen Neandertalers, die am besten zum Verhaltensmuster paßt, welches durch die archäologischen Zeugnisse des Mittelpaläolithikums indiziert wird. Gleichzeitig korrespondieren die Veränderungen, die sich in der paläobiologischen Ausprägung der jungpaläolithischen Menschen des Nahen Ostens und Europas zeigen, gut mit den zahlreichen Verhaltenswechseln zwischen dem Mittel- und Jungpaläolithikum und geben so Gewißheit, daß die Übereinstimmung zwischen der Biologie der Neandertaler und dem Mittelpaläolithikum nicht zufällig ist.

In all diesen Vergleichen fallen die Exemplare von Qafzeh-Skhul aus dem Rahmen. Der Mangel an archäologischer Übereinstimmung schließt ihre manuellen Fähigkeiten, die durch die Überreste ihrer Vorderzähne und der oberen Gliedmaßen indiziert wird, ebenso ein wie die Indikatoren für die unterschiedliche juvenile und adulte Beweglichkeit sowie den hohen Grad der Fähigkeit des Überlebens im Kontext mit niedrigen allgemeinen Belastungsgraden. Sie passen nicht dorthin, wo sie sind und doch können sie nicht aus dem Kontext entfernt werden. Sie bleiben eine Anomalie der menschlichen Evolution.

Literatur

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  • Vandermeersch, B. (1981). Les Hommes Fossiles de Qafzeh (Israël). Paris: Editions du C.N.R.S.