Die Neandertaler - eine hochspezialisierte Art

von: Prof. Dr. Alfred Czarnetzki, Dr. Carsten M. Pusch
veröffentlicht am
Homo neanderthalensisEvolution

Einleitung

Um unter natürlichen Bedingungen überleben zu können, benötigen - und das wissen wir spätestens seit den Erkenntnissen Darwins - die verschiedenen Lebewesen Merkmale, die ihnen ein Überleben unter den gegebenen Bedingungen in ihrem Biotop ermöglichen. Das kann so weit führen, daß eine Art mit vielen Varianten (Unterarten) in die Lage versetzt wird, z.B. in allen Längen- und Breitengraden der Erde überleben zu können, während andere auf sehr eng begrenzte Gebiete mit hochspeziellen Bedingungen angewiesen sind. Ferner wissen wir, daß Arten über mehr als 190 Millionen Jahre unverändert existieren können (z.B. das Perlboot Nautilus), wenn der Lebensraum (Biotop) sich nicht stärker ändert als ihre individuelle Flexibilität es zuläßt. Andere hingegen können sich innerhalb von wenigen 100.000 Jahren sehr stark verändern (z.B. Proboscidea = Elefantenähnliche), wenn der Lebensraum ständigem klimatischem Wechsel ausgesetzt ist, so z.B. in denjenigen Erdregionen, die dem Wechsel von Eis- und Warmzeiten unterworfen waren. Neben den Merkmalen, die eine Anpassung an die gegebenen Umweltbedingungen ermöglichen, muß man aber auch mit einer großen Anzahl an Merkmalen rechnen, die völlig wertneutral sind.

Spezialisierung des Neandertalers

Der klassische Neandertaler, dessen Definition die sogenannten Präneandertaler - eine sehr inhomogene Sammelgruppe - ausschließt, ist durch einige Merkmale charakterisiert, die vor seinem Auftreten nicht vorhanden waren und später auch nicht mehr nachweisbar sind. Sie sind z.B. in dem Münsteraner Ausstellungskatalog "Neandertaler und Co." auf Seite 16 übersichtlich zusammengestellt (Czarnetzki, 1998). Unter diesen sind völlig einmalig beim Neandertaler:

  • das weit ausladende Hinterhaupt
  • die durchgehende Krümmung der Scheitelbeine
  • die Warzenfortsätze (Processus mastoidei) medial der größten Schädelbreite
  • die gekrümmten Seitenwände von hinten gesehen (quere Eiform)
  • ein durchschnittlich größeres Gehirnvolumen als das des modernen Menschen
  • die großen Nasennebenhöhlen (Sinus maxillares)
  • der fast gerade Übergang vom Zahnhalteapparat (Processus alveolaris maxillaris) zum Wangenbein (Os zygomaticum)
  • die großen Augenhöhlen (Orbitae) im Verhältnis zum gesamten Gesicht
  • die allgemein riesigen Gelenkenden im Verhältnis zur Länge des Knochens
  • die schwachen Muskelmarken an Ober- und Unterschenkel (Femur und Tibia)

Diese Merkmale müssen aufgrund ihrer Einmaligkeit die Adaptation des Neandertalers an seine Umwelt ausmachen. Immerhin befähigten sie ihn, über die Rißeiszeit, das Eem (letzte große Warmzeit) bis in die Würmeiszeit vor dem letzten großen Kältemaximum zu überleben. Natürlich darf man dabei nicht übersehen, daß die physiologischen Merkmale nicht berücksichtigt werden können. Selbst die in letzter Zeit durchgeführten umfangreichen Spurenelementanalysen lassen kaum einen Einblick in diesen Bereich zu. Denn sie ergaben die gleiche Zusammensetzung der einzelnen Elemente wie die in den gleichen Bodenschichten gefundenen Knochenreste von Fleischfressern wie z.B. Wölfen. Damit ist eine stringente Argumentation im Hinblick auf eine carnivorenähnliche Ernährungsweise der Neandertaler hinfällig.

Adaptive und nicht-adaptive Merkmale

Der Schädel der Neandertaler zeigt die deutlichsten Anzeichen einer hohen Spezialisation. So fällt vor allem das Gehirnvolumen auf, das trotz der relativ flachen Stirn durchschnittlich größer ist als beim heutigen Menschen. Eine detaillierte Betrachtung macht sofort deutlich, daß die Gebiete für das Erkennen optischer Eindrücke oder die Differenzierung von Geräuschen in der Masse besonders groß ausgebildet sind. Durch das weit ausgezogene Hinterhaupt als Sitz des Hinterhauptlappens des Großhirns (Lobus occipitalis) wird signalisiert, daß der Bereich für die Wahrnehmung optischer Eindrücke wie z.B. optische Dingerkennung, Ortssinn, Ortsgedächtnis, Farberkennen, Helligkeitserkennen usw., aber auch beispielsweise für optische Gedanken ausgezeichnet ausgebildet war.

Damit war der Neandertaler z.B. in der Lage, das, was er einmal gesehen hatte, auch zielsicher wiederzuerkennen. Zu seinen optischen Fähigkeiten passen auch gut die großen Augenhöhlen, stellvertretend für große Augäpfel, die sich vor allem bei exzellenten Nachtsehern finden. Auch hier besagt der Analogieschluß, daß der Neandertaler nicht gerade ein Nachtseher, aber doch noch ausgezeichnet in der Dämmerung agieren konnte. Allein dieser Teil des Gehirnes gibt also Aufschluß darüber, daß der Neandertaler für diese Eigenschaften hochspezialisiert war.

Die scheinbare Verlagerung der Warzenfortsätze zur Mitte des Schädels ist ein Zeichen für die übermäßige Ausdehnung der Hirnrindenfelder, die oberhalb (kranial) von diesen lokalisiert sind. Auch hier sei kurz ein Blick auf die dort lokalisierten Fähigkeiten geworfen. Zu Ihnen gehören Geräusch-, Ton- und Lautempfindungen, Sinnverständnis für Geräusche und Musik und ähnliches mehr. Damit kann als gesichert gelten, daß diese Fähigkeiten bei ihm deutlich besser als bei uns heutigen Menschen ausgebildet waren oder ausgebildet werden konnten. Jede weitere Interpretation über "Das was" er besonders auf diesen beiden Gebieten seines kognitiven Erkennens differenzieren konnte, wäre daher reine Spekulation.

Zwei Merkmale werden häufig für seine spezielle Anpassung an ein kaltes Klima gewertet. Das ist zum einen die relativ große Nasenöffnung (Apertura piriformis), definiert durch den sogenannten Nasenindex, der die Breite der Öffnung ins Verhältnis zur Nasenhöhe setzt. Zum anderen wird die relative Länge der unteren Extremität in der gleichen Weise interpretiert. Seine Form der Nase findet man heute und in Zeiten vor dem Neandertaler ausschließlich in tropischen Biotopen oder während der Warmzeiten des Pleistozäns bei den Vorläufern des Neandertalers und des modernen Menschen (Czarnetzki, 1995). Die Annahme, daß die Nasenmuscheln (Conchae nasales) wesentlich kräftiger ausgebildet waren als bei heutigen Bewohnern der Tropen und somit den Naseninnenraum in ähnlicher Weise ausfüllten wie bei heutigen Ekimos, läßt sich nicht schlüssig beweisen. Denn eine kräftige Leiste (Crista conchalis) für den Anschluß einer knöchernen Struktur sagt nichts über die Stärke derselben aus. Die unterstellte Analogie zum Muskel ist völlig unzulässig und führt daher auch zum Fehlschluß. Mit der Gestalt seiner Nase entspricht also der Neandertaler den heute nur noch in tropischen Bereichen lebenden Menschen.

Anders verhält es sich, wenn man die Beinlänge im Verhältnis zu der des Rumpfes (relative Beinlänge) betrachtet. Für den Neandertaler wird - ähnlich wie bei den Vertretern des modernen Menschen, die heute in den Breiten nördlich 66° leben - eine relativ geringe Beinlänge angenommen. Diese erreicht dort 47% bis 48% der durchschnittlichen Schulterhöhe, bei den Eskimos aber bis zu 51%, während sie in den Tropen zwischen 46% und 56% variiert (Katzmarzyk und Leonard,1998). Damit ist bewiesen, daß dieses Größenverhältnis keinen adaptiven Charakter hat, da besonders in den Tropen alle Größenrelationen vorkommen. Die relativ geringe Beinlänge des Neandertalers wäre also für ihn kein Hindernis gewesen, auch in den Tropen zu überleben. Die beiden hier angeführten Merkmale, die für eine Anpassung an kaltes Klima beim Neandertaler sprechen, sind in Wirklichkeit eher tropentaugliche Merkmale.

Ein Merkmal, für das keine Vergleiche in der Gattung Homo vorliegen, ist die massige Gestalt der oberen (proximalen) und unteren (distalen) Gelenkenden von Oberschenkel (Femur) und Unterschenkel (Tibia). So erreicht das obere Ende des Femurs, in dem spongiöser Knochen enthalten ist, bei Neandertalern von durchschnittlich 160 cm Körperhöhe ein durchschnittliches Volumen von 200 ccm, während der durchschnittliche Europäer mit 175 cm Körperhöhe ein durchschnittliches Volumen von nur 144 ccm erreicht (Czarnetzki, 1995). Derartig beeindruckende Volumina wie die des Neandertalers findet man erst wieder bei heutigen Menschen, die über 185 cm groß sind. Da das Volumen der Gelenkenden allgemein direkt mit der Körperhöhe korreliert ist, müßten die Neandertaler nach unseren Gelenkproportionen über 180 cm groß gewesen sein. Das bessere Maß für die Körperhöhe ist aber die Länge des Oberschenkelknochens. Und danach kann der Neandertaler im Vergleich zu uns heute lebenden Menschen durchschnittlich 164 cm groß gewesen sein (Abb. 2). Diese Diskrepanz ließ sich bis heute noch nicht schlüssig klären. Nach den Untersuchungen von Copf/Czarnetzki (1989) kann lediglich daraus geschlossen werden, daß die Gelenke des Neandertalers in der Lage waren, ähnlich hohe Druckkräfte auszuhalten, wie sie heute bei einem 190 cm großen Mann unter natürlichen (physiologischen) Bedingungen auftreten. Im Gegensatz dazu deuten die Muskelmarken an der unteren Extremität auf eine schwach ausgebildete Muskulatur hin, während die der oberen Extremität durchaus der des frühen modernen Menschen oder der der Megalithiker in Mitteleuropa entsprachen.

Zusammenfassung

Die sogenannte Spezialisierung des Neandertalers steht im Zusammenhang mit bestimmten Fähigkeiten seines Gehirns, die sogar deutlich besser ausgebildet sein konnten als beim heutigen Menschen: nämlich das kognitive Sehen und Hören sowie ein möglicherweise verbessertes Sehen in der Dämmerung. Nach heutigen Berechnungen konnten seine Gelenke enorme Druckkräfte aushalten. Eine wie auch immer geartete Adaptation an kalte Klimate am Rande des Eises läßt sich nicht nachweisen. Ähnliches gilt für seine angebliche Beschränkung auf eine carnivorenähnliche Ernährungsweise oder für die Unfähigkeit, seine selbst hergestellten Geräte sinnvoll nutzen zu können.

Literatur

  • Copf, F. & Czarnetzki, A. 1989: Die hydrodynamische Komponente im Gelenk: Nachweis eines Membranen-Zysternen-Systems in der kalzifizierten Zone des Knorpels am Femurkopf. Acta Anat. 136, 248 - 254
  • Czarnetzki, A. 1995: Morphological evidence of adaptive characters in the genus Homo. In: Man and environment in the Paleolithic. (Ulrich, H.; edit.) E.R.A.U.L. 62, 97 - 110. Liége
  • Czarnetzki, A. 1998: Neandertaler: Ein Lebensbild aus anthropologischer Sicht. In: Neandertaler & Co., Begleitheft zur gleichnamigen Ausstellung in Münster, 11 - 17, Westfälisches Museum für Archäologie - Amt für Bodendenkmalpflege - im Auftrage des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Münster
  • Katzmarzyk, P. M. & Leonard, W. R. 1998: Climatic influence on human body size and proportions: Ecological adaptations and secular trends. Am. J. Phys. Anthrop. 106, 483 - 503