Streit um Tara

Der Hill of Tara ist das Nationalsymbol der Iren. Doch nur anderthalb Kilometer entfernt von seinen Bodendenkmälern sollte eine neue Autobahntrasse entstehen. Das Bauvorhaben und die notwendigen Rettungsgrabungen entfachten einen heftigen Streit unter den Iren: Während die Gegner den Verlust jahrtausendealter Monumente fürchteten, hofften die Befürworter auf neue Erkenntnisse über den »heiligen Hügel«.

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Hill of Tara
Hill of Tara - Heiligtum, Bestattungsplatz und Krönungsstätte irischer Könige. Foto © Andreas Brunn.

Um 2700 v. Chr. entstanden die frühesten Monumente des Hill of Tara – kreisrunde Wälle, Gräben und Erdhügel, die bis ins 7. Jahrhundert n. Chr. als Heiligtum, Bestattungsplatz und Krönungsstätte irischer Könige dienten. Heute ziehen sich die Bodendenkmäler als grün bewachsene, sanfte Erhebungen durch die Landschaft nordwestlich von Dublin. Doch so unscheinbar der Hill of Tara auch wirken mag – er ist der bedeutendste Erinnerungsort der Iren.

Als 2005 für einen Autobahnbau in nächster Nähe Notgrabungen begannen, ging ein Aufschrei durch die Bevölkerung. »Die Fundstellen um Tara werden zwar wissenschaftlich erkundet – dadurch aber auch zerstört«, protestierte der Archäologe Conor Newman vom Projekt Discovery Programme, in dessen Rahmen der Hill of Tara jahrelang mit zerstörungsfreien Prospektionsmethoden erforscht wurde. Demonstranten forderten die beauftragte Grabungsfirma ACS Ltd. gar zum Boykott auf. Doch entgegen aller Widerstände gingen die Archäologen ans Werk, wurde die Autobahn gebaut und 2010 fertig gestellt.

Das Magazin epoc gibt in seiner neuen Ausgabe 5/2011 einen Einblick in die Geschichte dieser bedeutenden eisenzeitlichen Fundstätte, die bis zuletzt die Gemüter der Bürger wie Archäologen Irlands erregte. »Es wurden in den wenigen Jahren an der M3 mehr Informationen über Tara gewonnen als in den fast 20 Jahren im Rahmen des Discovery Programme«, fasste der Archäologe Stuart Rathbone von ACS Ltd. die Grabungsergebnisse zusammen. Im Umkreis von zirka 1,5 Kilometern um den Hill of Tara legten er und seine Kollegen Wall-und-Grabenanlagen frei, die Forscher bisher als Überreste eines Verteidigungsrings zum Schutz des »heiligen Hügels« gedeutet hatten. Doch die Ausgrabungen widerlegten diese These: Einige der kreisförmigen Erdwälle waren befestigte Wohnplätze frühmittelalterlicher Fürsten (500 bis 1100 n. Chr.).

An einer anderen Fundstelle, nordöstlich des Hill of Tara bei Lismullin, stießen die Archäologen auf eine Rundanlage aus Holzpfosten, die vom 6. bis 4. vorchristlichen Jahrhundert wahrscheinlich als Sakralstätte diente. Doch die Ringanlage von Lismullin hätte wohl nie freigelegt werden dürfen – im Frühjahr 2011 verurteilte die Europäische Union die Grabungen. Der Grund: Lismullin war kurz zuvor unter Denkmalschutz gestellt worden. Womöglich drohen Irland nun Sanktionen – der Streit um Tara ist noch längst nicht beigelegt.

 

Quelle: epoc 5/2011

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