Landschaftsgestaltung als astronomisches Instrument

Das älteste Sonnenobservatorium Amerikas

von: Andreas Brunn
veröffentlicht am
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Die etwa 300 km nordwestlich von Lima in einer Wüstenregion nahe der peruanischen Küste gelegene archäologische Stätte von Chankillo ist der Wissenschaft bereits seit über 100 Jahren bekannt. Die Bedeutung der mehrere Quadratkilometer umfassenden Anlage, die in das Ende der Chavin-Kultur vor etwa 2.300 Jahren datiert wird, war jedoch bisher rätselhaft. Neuere Forschungen legen jetzt nahe, dass es sich um ein kulturelles Zentrum handelt, bei dessen Anlage die Beobachtung des Sonnenlaufes eine zentrale Rolle spielte.

Im Jahr 2001 kam Ivan Ghezzi, damals noch Student der Yale University, nach Chankillo, um Aspekte der Kriegsführung in jener Zeit zu untersuchen. Das bekannteste Bauwerk der Anlage, eine das Tal dominierenden Zitadelle, wurde lange als eine Hügelfestung angesehen. Schon bald jedoch zog eine andere Konstruktion seine Aufmerksamkeit auf sich: 13 steinerne Türme, die auf dem Kamm eines Hügels in der Nähe in kurzen Abständen nebeneinander errichtet worden waren. Dieses Monument, das aus der Ferne betrachtet an die Rückenstacheln eines urzeitlichen Tieres erinnert, war zwar ebenfalls bereits bekannt, sein Zweck war jedoch nach wie vor ein Rätsel.

Ghezzi wusste, dass schon im 19. Jahrhundert darüber spekuliert wurde, ob das Monument einen astronomischen Bezug haben könnte. Allerdings war diese These bisher nie ernsthaft weiter verfolgt worden. Um diese Frage zu klären, holte er sich Unterstützung von einem Fachmann, dem britischen Archäoastronomen Clive Ruggles. Die genaue Vermessung der Strukturen zeigte bald, dass sich die Anordnung der Türme auf dem Hügelkamm eindeutig auf den Lauf der Sonne bezog.

Die Türme haben jeweils einen rechteckigen oder rautenförmigen Grundriss, sind zwischen zwei und sechs Meter hoch und stehen in einem Abstand von etwa fünf Metern in Nord-Süd-Richtung nebeneinander. In der Hügelmitte sind die Türme am niedrigsten und werden nach aussen hin höher. An ihrer südlichen und nördlichen Seite führen Treppenstufen nach oben.

Etwa 200 m westlich des Hügels befinden sich die Überreste mehrerer Gebäude. Entlang der Südseite eines dieser Bauwerke verläuft ein etwa 40 m langer Korridor, der wie das Gebäude selbst sehr sorgfältig angelegt war: Er war gepflastert, mit weißer Farbe gestrichen und führte zu einer Maueröffnung, von der aus man direkt auf den Hügelkamm blickte. Der Kamm bildete von hier aus gesehen mit seinen Türmen einen „künstlichen“ Horizont. Anders als bei anderen Maueröffnungen in Chankillo waren hier keine Hinweise darauf zu entdecken, dass einst eine Tür die Öffnung verschloss. Allerdings deutet die Einfassung durch Mauern an, dass dieser Aussichtspunkt anscheinend nicht für jeden zugänglich war. Möglicherweise war der Zutritt auf Mitglieder einer Elite beschränkt, die das „Observatorium“ nutzten, um die Termine für Aussaat und Ernte oder für wichtige Zeremonien zu bestimmen. Zahlreiche Keramikscherben, Muscheln und Steinartefakte, die bei Ausgrabungen im Umfeld dieser Stelle ans Licht kamen, sind ein Indiz für rituelle Handlungen, die am Ende dieses Korridors angesichts des Hügelkamms durchgeführt wurden.

Ein weiteres Bauwerk, das anscheinend ebenfalls speziell für die Beobachtung der Türme auf dem Hügelkamm bzw. für damit in Verbindung stehende Riten errichtet wurde, fanden Ghezzi und seine Kollegen auf der anderen Seite des Hügels im Osten. Die Position eines kleineren, isoliert stehenden Gebäudes entspricht ziemlich genau derjenigen auf der westlichen Seite: beide Stellen liegen fast exakt auf einer Ost-West-Linie, in etwa der gleichen Höhe und im gleichen Abstand vom Hügel. Auch von diesem östlich des Hügels gelegenen Gebäude aus gesehen, bildet die turmbesetzte Kuppe den Horizont.

Von den beiden Beobachtungspunkten aus betrachtet kann die Wanderung der Sonnenauf- und -untergänge über den Horizont im Laufe des Jahres anhand der Lücken zwischen den Türmen genau beobachtet und so der Zeitpunkt wichtiger Kalenderdaten exakt bestimmt werden. Während vom westlich des Hügels gelegenen Beobachtungspunkt aus die Sonnenaufgänge beobachtet werden konnten, markierten die Türme vom östlichen Beobachtungspunkt aus die Sonnenuntergänge der kalendarischen Eckdaten. Dabei markierte im 4 Jh. v. Chr. der südlichste Turm genau die Wintersonnenwende, der nördlichste die Sommersonnenwende. Während der Tagundnachtgleiche ging die Sonne genau zwischen den zentralen Türmen Nr. 6 und 7 auf.

Dass die Sonne eine wichtige Rolle in der Kultur der frühen südamerikanischen Völker spielte, ist aus den Aufzeichnungen spanischer Chronisten bekannt. Diese berichten, dass die Inkas Markierungen zur Beobachtung der Sonnenbahn nutzten. So sollen in der Nähe der Stadt Cuzco Säulen gestanden haben, mit denen der Zeitpunkt ritueller Handlungen und der Aussaat festgelegt wurde.

„Wir haben seit Jahrzehnten aufgrund archäologischer Funde und aus Aufzeichnungen gewusst, dass die Inkas etwas praktizierten, was als »Sonnenhorizont-Astronomie« bezeichnet wird. Dabei werden die Positionen von Auf- und Untergang der Sonne am Horizont genutzt, um die Jahrezeiten zu bestimmen.“, sagt Ghezzi, der inzwischen Direktor für Archäologie am Nationalen Kulturinstitut in Lima ist. „Es war bekannt, dass die astronomischen Kenntnisse der Inka schon weit fortgeschritten waren und dass sie Gebäude als eine Art Landmarken einsetzten, um den Stand der Sonne zu bestimmten Zeiten des Jahres zu bestimmen, aber wir wussten nicht, dass diese Praktiken so alt sind.“

Die späteren astronomischen Praktiken der Inka standen in engem Zusammenhang mit der Politik des Inkaherrschers, der sich selbst als ein Abkömmling der Sonne betrachtete. Auch für Chankillo vermutet Ghezzi, dass die kalendarischen Beobachtungen genutzt wurden, um die soziale und politische Hierarchie zu stützen. Damit wäre diese Tradition weitaus älter als bisher bekannt.

Das Observatorium von Chankillo ist der früheste eindeutige Nachweis eines Monumentes zur Beobachtung der Sonnenbewegung als Teil einer kulturellen Landschaft – und zwar nicht nur in den Anden, sondern auf dem gesamten amerikanischen Kontinent. „Es ist das bisher älteste Monument dieser Art, das zudem im Gegensatz zu allen anderen bekannten Stätten Strukturen aufweist, die das gesamte Sonnenjahr abdecken.“, erklärt Ghezzi. „Es wurde 1.800 Jahre vor Ankunft der Europäer errichtet und ist 500 Jahre älter als die für ähnliche Zwecke errichteten Monumente der Maya in Mittelamerika.“

Vor dem Hintergrund der neuen Erkenntnisse erscheint auch die benachbarte Zitadelle in einem neuen Licht – möglicherweise handelt es sich nicht in erster Linie um eine militärische Festung, sondern um eine Art befestigten Tempel.

Der Archäoastronom Clive Ruggles von der Universität Leicester beschreibt seine Eindrücke so: „Chankillo ist eine der aufregendsten archäoastronomischen Stätten, die ich kenne. Es ist außergewöhnlich, dass ein so eindeutiges altes astronomisches Instrument so lange unentdeckt bleiben konnte.“

Literatur

I. Ghezzi, et al., Chankillo: A 2300-Year-Old Solar Observatory in Coastal Peru. In: Science 315, 1239 (2007).
online: http://www.sciencemag.org/cgi/content/abstract/315/5816/1239 (Volltext gegen Gebühr abrufbar)

M. S. Ziółkowski, R. M. Sadowski (Hrsg.), Time and Calendars in the Inca Empire (British Archaeological Reports International Series, Oxford, 1989), vol. 479.

B. S. Bauer, D. S. P. Dearborn, Astronomy and Empire in the Ancient Andes (Univ. of Texas Press, Austin, 1995).

I. Ghezzi, North and South, In: W. Isbell, H. Silverman, (Hrsg.), Andean Archaeology III, Springer, New York, 2006, 67–84.

I. Ghezzi, Proyecto Arqueológico Chankillo: Informe de la Temporada 2003 (Instituto Nacional de Cultura, Lima, 2004).

Medientipps

Podcast

Auf der Website des Science Magazine sind auch Podcasts (MP3-Audiodateien) zu verschiedenen Themen abrufbar. Im Science-Podcast vom 2. März 2007 (Dauer ca. 34 Minuten) kommt neben anderen Themen auch das Sonnenobservatorium von Chankillo zur Sprache (englisch).
http://podcasts.aaas.org/science_podcast/SciencePodcast_070302.mp3

Chankillo in Google Earth

In Google Earth können Sie sich die Situation von Chankillo im Gelände quasi dreidimensional betrachten. Laden Sie dazu einfach folgende Datei herunter und öffnen Sie diese in Google Earth: Download: Chankillo.kmz