Arche Nebra – Die Himmelsscheibe erleben

von: Manuela Werner
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Am 20. Juni 2007 wurde die Arche Nebra, das neue Besucherzentrum am Fundort der Himmelsscheibe von Nebra, eröffnet. Die Arche Nebra macht die spannende Geschichte rund um die Himmelsscheibe erlebbar und verbindet Archäologie und Astronomie.

Die Himmelsscheibe von Nebra

Die Errichtung eines eigenen Besucherzentrums am Fundort der Himmelsscheibe in Wangen im südlichen Sachsen-Anhalt trägt der großen Bedeutung des spektakulären Bodenfundes Rechnung. Die Himmelsscheibe von Nebra zeigt die weltweit älteste bisher bekannte konkrete Darstellung des Kosmos und ist ein einzigartiges Zeugnis der Menschheitsgeschichte. Die 3600 Jahre alte runde Bronzescheibe misst 32 cm im Durchmesser und zeigt die Sonne – je nach Deutung auch den Vollmond –, eine Mondsichel sowie insgesamt 32 goldene Sterne. Sieben davon stehen eng beieinander und werden als Sternbild der Plejaden interpretiert. Randlich finden sich auf der Himmelsscheibe zu einem späteren Zeitpunkt hinzugefügte sogenannte Horizontbögen sowie eine Schiffsdarstellung, die als „Sonnenbarke“ ein mythisches Element auf der Bronzescheibe darstellt. Später wurde der Rand der Himmelsscheibe durchlocht; einer der Horizontbögen wurde entfernt oder ging verloren.

Die Himmelsscheibe diente als astronomische Erinnerungsstütze – als Memogramm – für diejenigen, die den Himmel der Bronzezeit beobachteten. Die Plejaden konnten zur Bestimmung des Zeitpunkts von Aussaat und Ernte und damit zur Strukturierung des bäuerlichen Jahres genutzt werden. Dieser Zusammenhang wird von Hesiod überliefert und ist wahrscheinlich bereits seit dem Beginn der Jungsteinzeit bekannt. Die astronomischen Untersuchungen Wolfhard Schlossers haben unter anderem gezeigt, dass die Horizontbögen die Auf- und Untergangspunkte der Sonne im Verlauf eines Jahres markieren und dass ihre Enden gleichzeitig auf markante Punkte weisen, die sich vom Fundort der Himmelsscheibe auf dem Mittelbergplateau aus anvisieren lassen. Nach der Interpretation des Astronomen Rahlf Hansen verschlüsselt die Himmelsscheibe darüber hinaus eine komplexe Schaltregel, die dazu diente, Sonnen- und Mondjahr in Einklang zu bringen. Die abstrakten Darstellungen auf der Scheibe sind außergewöhnlich, weil sie jahrzehntelange präzise Himmelsbeobachtungen und einen hohen Abstraktionsgrad voraussetzen, den man bislang bei bronzezeitlichen Menschen außerhalb der Hochkulturen im Vorderen Orient nicht vermutet hatte. Außerdem lassen sie Rückschlüsse auf das bronzezeitliche Weltbild zu: Wie eine Kuppel wölbt sich der Himmel über die flache Erde.

Die spannende Geschichte der Auffindung der Himmelsscheibe ist bekannt: Zwei Männer gruben sie im Jahr 1999 zusammen mit zwei reich verzierten Schwertern, zwei Beilen, den Bruchstücken zweier Armspiralen und einem Meißel auf dem Mittelberg in Wangen bei Nebra aus. Die beiden Raubgräber, die mit einer Metallsonde auf der Suche nach vorgeschichtlichen Metallfunden waren, hatten keineswegs vor, ihre Funde im Sinne des Schatzregals in Sachsen-Anhalt ordnungsgemäß beim Archäologischen Landesamt abzuliefern, sondern verkauften sie. Nach weiteren Stationen – die Objekte wurden auch Museen zum Kauf angeboten – konnten sie im Jahr 2002 in einer fingierten Ankaufssituation durch den Landesarchäologen Dr. Harald Meller und unter Einsatz der Polizei in einem Baseler Hotel sichergestellt werden.

Nach Bekanntwerden zeigte sich, dass viele Menschen fasziniert von der geheimnisvollen Bronzescheibe waren. Mehrere Faktoren machen diese Faszination aus: Zum einen ist der Krimi um die Auffindung und Sicherstellung des Schatzfundes mit den anschließenden Fahndungen und Prozessen, die unter großer Anteilnahme der Medien stattfanden, eine abenteuerliche Geschichte. In diesem Zusammenhang sind auch die lange Diskussion um die Echtheit der Himmelsscheibe und die Frage, wo genau sich der Fundort befindet, zu nennen; sie haben das Interesse weiter erhöht. Seit die verschiedenen Untersuchungen gezeigt haben, dass es sich bei den Objekten tatsächlich um 3600 Jahre alte Gegenstände handelt, die auf dem Mittelberg vergraben wurden, begeistern das hohe Alter und die Tatsache, dass verschlüsseltes Wissen in dem einprägsamen Bild auf der Himmelsscheibe verborgen ist. Es ist wohl die Verbindung zwischen Archäologie und Astronomie, die viele Menschen fesselt.

Die große Anziehungskraft der Himmelsscheibe von Nebra zeigte sich in der überwältigenden Resonanz auf die Ausstellungen, in der sie seit 2002 gezeigt wird. So sahen im Jahr 2004 fast 300.000 Menschen die Ausstellung „Der geschmiedete Himmel – Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren“ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Gleichzeitig stellte man fest, dass der Fundort der Himmelsscheibe auf dem Mittelberg von vielen Interessierten aufgesucht wurde. Begründet lag dies zum einen in den archäologischen Untersuchungen, die dort im Anschluss an die Bekanntgabe des Fundortes (2002) stattfanden, und zum anderen sicherlich in der Reaktion auf die umfassende mediale Berichterstattung: Es bestand dringender Informationsbedarf am Fundort der Himmelsscheibe. Anfänglich wurde er durch Aufstellung von Informationstafeln verschiedener Initiatoren am Fundort und vor allem des „Museumscontainers“ am Fuß des Mittelberges durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie gedeckt. Seit Juni 2007 beantwortet nun das Besucherzentrum Arche Nebra die Fragen zur Himmelsscheibe und ihrem Fundort.

Sonnenschiff und Aussichtsturm – die Architektur der Arche Nebra

Die Himmelsscheibe von Nebra begeistert durch die Verbindung von Archäologie und Astronomie. Im Besucherzentrum Arche Nebra wird dies entsprechend aufgegriffen: Die Arche Nebra mit ihrer Präsentation zur Himmelsscheibe und die Gestaltung des Fundortes auf dem Mittelberg machen als Gesamtanlage die beiden Themen für ein breites Publikum erlebbar. Architektur, Landschaftsgestaltung und die innovative Präsentation bilden eine Einheit, die nicht nur von Architekturkritikern bereits als Gesamtkunstwerk bezeichnet wurde.

Zur Umsetzung gelangte nach einem internationalen Architektenwettbewerb der Entwurf von Holzer Kobler Architekturen aus Zürich. Die Architekten setzten das Besucherzentrum, das aufgrund von Naturschutzbestimmungen nicht direkt am Fundort der Himmelsscheibe auf dem Mittelberg errichtet werden durfte, an den Fuß des Berges. Mit Hilfe eines Aussichtsturms am 3,5 km entfernt gelegenen Fundort schufen sie eine neue Landmarke und richteten das Besucherzentrum wie eine Kompassnadel nach dem Turm bzw. dem Fundort der Himmelsscheibe aus. Dadurch besteht auch am Fuß des Mittelberges eine ständige Sichtverbindung mit dem Fundort.

Die markante Architektur mitten im ländlichen Unstruttal ist schon von weitem sichtbar. Das scheinbar schwebende Gebäude am Mittelberg ist eine Referenz an ein Element der Himmelsscheibe von Nebra: die goldene Sonnenbarke. Die Fassade der Barke aus gelb eloxierten Aluminiumplatten ist zum Himmel gerichtet und bietet je nach Sonneneinfall und Wetterlage ein subtiles Lichtspiel. Der Schwebeeffekt wird durch das fast vollständig verglaste Erdgeschoss erzeugt, auf dem das Sonnenschiff ruht. Auf gut 300 qm zeigt die Arche Nebra eine Dauerpräsentation zur Himmelsscheibe, die ein Ergebnis der fruchtbaren Zusammenarbeit der Wissenschaftler des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle mit den Gestaltern von Holzer Kobler Architekturen ist. Weitere 150 qm stehen für Sonderpräsentationen zur Verfügung. Zentral im oberen Geschoss, zwischen den beiden Präsentationsräumen gelegen, zeigt ein Planetarium den astronomischen Hintergrund der ältesten Himmelsdarstellung.

Archäologie und Astronomie – die Dauerpräsentation der Arche Nebra

Das Besucherzentrum verfolgt einen weniger musealen, sondern stark erlebnisorientierten Ansatz, der die Präsentation für ein breites Publikum attraktiv macht. Dabei ist es gelungen, einen hohen wissenschaftlichen Anspruch mit emotionalem Erleben zu verbinden. In einem Zusammenspiel aus Originalobjekten, Repliken, Texten, Bildern und filmischen Sequenzen vermittelt die Dauerpräsentation die Inhalte rund um Himmelsscheibe und Bronzezeit, Archäologie und Astronomie. Die Himmelsscheibe ist zentraler Inhalt der Präsentation, ohne jedoch selbst „anwesend“ zu sein: Sie wird in besonderer Weise – und auch ein wenig spielerisch – in Szene gesetzt. Vor dem gerahmten und verfremdeten Blick zum Fundort durch ein großes Panoramafenster bilden im Gegenlicht Großskulpturen die zentralen Insignien der Himmelsscheibe nach: Vollmond (oder Sonne), Sichelmond und Plejaden. Tritt der Besucher näher, entfalten sich die Skulpturen und geben den Blick auf Inhalte und Exponate frei. Auch durch die Gestaltung vermittelt sich so die Komplexität der Himmelsscheibe. Jeder, der die Himmelsscheibe betrachtet, erkennt sofort „Sonne, Mond und Sterne“. Die intensiven wissenschaftlichen Untersuchungen haben aber bewiesen, dass in der zunächst einfach erscheinenden Darstellung der Himmelskörper komplexes astronomisches Wissen – ja sogar ein ganzes Weltbild der Bronzezeit – steckt. Die Gestalter haben diese Tatsache in sprechende Bilder umgesetzt: Die Großskulpturen, die das scheinbar einfache zweidimensionale Bild von Sonne, Mond und Sternen nachbilden, lösen sich bei näherem Hinsehen in die Dreidimensionalität auf. Hinter und in ihnen verbirgt sich das Wissen, das zum Verständnis der Himmelsscheibe notwendig ist. Je näher der Besucher dieser Inszenierung kommt, desto komplizierter wird das Bild, aber desto mehr Kenntnisse gewinnt er auch.

Die Großkörper dienen gleichzeitig der Gliederung der Präsentation. Der Vollmond beinhaltet gleich mehrere zentrale Themen: Bronze und die Gewinnung der für ihre aufwendige Herstellung erforderlichen Rohstoffe, deren Herkunft sowie der damit verbundene frühbronzezeitliche Fernhandel werden hier thematisiert. Der Besucher erfährt, dass sich durch den Fernhandel nicht nur materielle Güter, sondern auch Ideen und geistige Vorstellungen in weiten Teilen Europas verbreiteten. So wird in diesem Zusammenhang auch die Gesellschaft der Frühbronzezeit verbildlicht: Die Gegenüberstellung zweier Bestattungen im Modell – des Fürstengrabs von Leubingen und einer einfachen Hockerbestattung – zeigt die gesellschaftlichen Unterschiede unter den Menschen der Frühbronzezeit auf. Ein Guckloch macht neugierig und lenkt den Blick auf das Grab von Dohndorf in einer Bodenvitrine, das dem "Durchschnittsmenschen" der Frühbronzezeit ein Gesicht gibt.

Im Zentrum der Vollmondskulptur findet der Besucher die Deutung der Himmelsscheibe. Eine grafisch dargestellte „Biografie“ veranschaulicht ihre fünf Herstellungs- bzw. Bearbeitungsphasen. Die Rekonstruktion der fünf Phasen war Voraussetzung für die Entschlüsselung der Inhalte der Himmelsscheibe. Die Himmelsscheibe ist mit zum Teil immens aufwendigen Mitteln der Technik untersucht worden. So wurde etwa die unterschiedliche Zusammensetzung der Goldauflagen mittels protoneninduzierter Röntgenanalyse im Forschungszentrum Rossendorf sowie Röntgenfluoreszenz mit Synchrotronstrahlung am Berliner Elektronensynchrotron (BESSY) untersucht. Dass naturwissenschaftliche Forschung nicht abstrakt und unverständlich bleiben muss, zeigen 3D-Aufnahmen, die von der Himmelsscheibe und ihren Beifunden gemacht wurden. Diese sind in der Präsentation in einen 3D-Flug über die Oberfläche der Scheibe und der beiden Bronzeschwerter, die zusammen mit der Himmelsscheibe gefunden wurden, umgesetzt worden. Der Besucher sieht die Oberflächen gleichsam aus der Sicht eines Staubkorns. Eine Bronzescheibe zum Anfassen vermittelt den Besuchern ein Gefühl für das Material, die Größe und das Gewicht der originalen Himmelsscheibe.

Die Inszenierung der Gestalter legt den Fokus auf den Fundort der Himmelscheibe, und damit auf den Blick zum Mittelberg. Durch das große Panoramafenster im Dauerpräsentationsraum blickt der Besucher aus dem Raum hinaus auf den Aussichtsturm auf dem Mittelbergplateau. Die dadurch geschaffene Verbindung zum (originalen) Fundort holt diesen – einem Ausstellungsobjekt gleich – in die Präsentation hinein. Dazu passend wird in der Präsentation unmittelbar vor dem Panoramafenster der Mittelberg näher thematisiert. Ausgerichtet auf die originale Fundstelle entdeckt der Besucher einige Objekte, die bei den archäologischen Untersuchungen auf dem Mittelbergplateau zutage traten. Darunter sind zum Beispiel Keramik der Eisenzeit, Fragmente von Steinbeilen und Feuersteinklingen der Jungsteinzeit sowie ein bronzener Armring. Die wenigen Funde zeugen davon, dass der Mittelberg zwar über einen langen Zeitraum, aber nur sporadisch aufgesucht wurde, um etwa Deponierungen oder vielleicht andere kultische Handlungen vorzunehmen oder auch um – wie im Fall der Himmelsscheibe – astronomische Beobachtungen durchzuführen. Ein ganz besonderer, vielleicht heiliger Ort war das Bergplateau in jedem Fall, zumal Siedlungsspuren oder Bestattungen fehlen.

Der "Spurensuche" widmet sich auch die Sichelmondskulptur. Nach Bekanntwerden des Fundortes der Himmelsscheibe im Jahr 2002 ist das Gelände auf dem Mittelberg in insgesamt drei Grabungskampagnen intensiv archäologisch untersucht worden, um die Aussagen der Raubgräber zum Fundort zu überprüfen und eventuelle weitere Funde zu sichern.

Gegenübergestellt werden in diesem Zusammenhang irreguläre Raubgrabung und seriöse archäologische Untersuchung. Im Vordergrund stehen eine Ansicht des Grabungsplans und archäologische Profilzeichnungen. Dem Besucher wird an dieser Stelle vor Augen geführt, welcher immense Aufwand betrieben werden muss, um die Informationen, die bei einer unsachgemäßen Bergung von archäologischen Funden verloren gehen, zu rekonstruieren – sofern dies zum späteren Zeitpunkt überhaupt noch möglich ist. Herausgegriffen werden der Nachweis der exakten Fundstelle der Himmelsscheibe über die hohe Konzentration von Kupfer- und Goldionen im Boden oder auch der Beweis für die Zusammengehörigkeit der Funde anhand des Vergleichs von minimalen Bodenanhaftungen an den Objekten. Etwas versteckt im Präsentationskörper gibt es Originalexponate zu sehen: Die Metallsonde der Raubgräber, ihre Hacke, mit der sie die Himmelsscheibe beschädigten, sowie die Scherben der Mineralwasserflasche, die ihnen beim Graben zerbrach. Letztere wurden ironischerweise von den späteren Archäologen wieder ausgegraben und konnten sogar zur Datierung – nicht der Himmelsscheibe, aber der Raubgrabung – genutzt werden.

Der Besucher wird in der Präsentation auf unterschiedlichen Ebenen angesprochen. Im Gegensatz zur klassischen Präsentation von Exponaten in Vitrinen mit Beschriftung werden hier zeittypische Gegenstände wie Bronzetasse, Dolch und Gewandnadel durch einen sogenannten Pepper’s Ghost präsentiert. An vier verschiedenen Stellen in der Präsentation geistern diese virtuellen Figuren durch die Vitrinen und nehmen mit Witz und Ironie Kontakt zu den Besuchern auf. Während der eine die Elemente der Himmelsscheibe kommentiert, unterhält ein anderer die Gäste, die vor dem Planetarium der Arche Nebra auf den Einlass warten. Die virtuellen Geister führen durch die Präsentation, sind aber gleichzeitig ein unterhaltendes Element, und sprechen die Besucher auf einer sehr emotionalen Ebene an.

Vielfältige innovative Ideen sind darüber hinaus in der Präsentation zur Umsetzung gekommen, die übliche Sichtweisen durchbrechen. So präsentiert sich beispielsweise die bis in die Altsteinzeit zurückreichende Kulturgeschichte der Region rund um den Mittelberg schlaglichtartig durch einige repräsentative archäologische Funde oder Fundorte. Auf einem an der Wand montierten Relief der Landschaft werden diese mittels einer Projektion verortet, so zum Beispiel die ältesten Steingeräte, die Venusstatuetten von Nebra, die Hügelgräber am Mittelberg oder die Kaiserpfalz Memleben. Das Besondere: Mit den bedeutenden Funden oder Fundorten verbunden sind kleine fiktive Geschichten, die als Comicstrips auf das Relief projiziert werden. Sie erzählen auf fantasievolle und auch sehr spaßige Weise, wie der eine oder andere Fund ins Unstruttal gekommen sein mag.

Auch das Thema Fernhandel wird auf ungewöhnliche Weise präsentiert: Mittels eines Cartoons in Kombination mit einem Hörspiel zur „wundersamen Reise eines Kupferbarrens“ versetzt sich der Betrachter und Zuhörer selbst in die Lage eines solchen Barrens, der auf weitreichenden Handelswegen der Frühbronzezeit eine weite Strecke zurücklegt und verschiedene Abenteuer erlebt, bis er zusammen mit anderen zur Himmelsscheibe weiterverarbeitet wird.

Schließlich wird die Geschichte rund um die Auffindung der Himmelsscheibe – von der Raubgrabung über den illegalen Verkauf, von der Fahndung bis hin zur Sicherstellung der Himmelsscheibe – als Kasperltheater auf augenzwinkernde Weise umgesetzt. Diese Geschichte muss erzählt werden, ohne sie wäre die Arche Nebra unvollständig – zumal es das Besucherzentrum nicht gäbe ohne das illegale Treiben der Raubgräber. Andererseits wollte man in der Darstellung eine Heroisierung der Raubgräber vermeiden. Das „Theater um die Scheibe“ darf daher durchaus ironisch betrachtet werden.

Eine Reise durch die Bronzezeit - das Planetarium

Herzstück und ein Höhepunkt des Besucherzentrums Arche Nebra ist ohne Zweifel das Planetarium, das Inhalte der Dauerpräsentation auf neue und sehr anschauliche Weise vermittelt. Die Planetariumsshow erklärt die Elemente der Himmelsscheibe von Nebra ganz praktisch „direkt“ am Sternenhimmel und hilft, die komplexen astronomischen Zusammenhänge um die Himmelsdarstellungen auf der Bronzescheibe zu verstehen. So erfährt der Besucher zum Beispiel, wie die Plejaden, die er in abstrakter Form von der Himmelsscheibe kennt, am Sternenhimmel tatsächlich aussehen. Es wird gezeigt, wie die verschiedenen Konstellationen von Mond und Plejaden am Himmel aussehen und was sie bedeuten. Ein virtueller Blick in das Sonnenobservatorium von Goseck veranschaulicht den Lauf der Sonne und die Entstehung und Bedeutung der Horizontbögen auf der Himmelsscheibe. Insbesondere erhellt die Kuppelprojektion die komplexe Schaltregel, die in der Himmelsscheibe verschlüsselt ist und die zur Verknüpfung von Sonnen- und Mondjahr diente.

Mit dem 80 qm großen, mit 42 Sitzplätzen ausgestatteten digitalen Planetarium verfügt das Besucherzentrum über eines der wenigen digitalen Planetarien in Deutschland überhaupt (neben Hamburg, Kiel, Jena und Fulda). Mehr als ein Jahr lang arbeiteten die Spezialisten vom Planetarium Hamburg an der Gestaltung dieser Inszenierung, die in enger Kooperation mit dem Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle entstand. Im hauseigenen Studio für virtuelle Welten des Planetariums Hamburg errechneten 19 miteinander vernetzte Spezialcomputer mit einer Speicherkapazität von zusammen 14 Terabyte rund um die Uhr die eindrucksvollen Bilder der Show: insgesamt 40000 Einzelbilder mit jeweils vier Millionen Pixel. Daneben wurde großer Wert auf exzellente Sprache und Musik gelegt: Sprecher ist Bernd Vollbrecht, und die Musik stammt vom erfolgreichen Filmmusik-Komponisten Alexander van Bubenheim, der seit Jahren in und für Hollywood arbeitet.

Zur Präsentation der Show arbeiten unter der Sieben-Meter-Kuppel vier miteinander vernetzte Computer zusammen: Zwei PCs liefern je eine Hälfte des Kuppelbildes, ein PC den 5.1 Surround-Sound, und ein weiterer Computer sorgt für die vollautomatische Ansteuerung und Kontrolle des Systems. Mit zwei DLP-Datenprojektoren und der dazugehörigen Fischaugen-Optik werden die Bilder aus den PCs nahtlos aneinandergefügt. Der sogenannte TWIN-Projektor wurde gemeinsam von Carl Zeiss Jena und dem amerikanischen Planetariumsausstatter Sky-Skan entwickelt. Sky-Skan, weltweit führender Anbieter von Multimedia-Systemen für Kuppeltheater, hat in der Arche Nebra seine neueste Entwicklung installiert: DigitalSky2, eine Echtzeit-Applikation in 3D, die Planetariums- und Multimedia-Elemente in einer Ganzkuppel-Projektion vereint. Basierend auf einem realistischen 3D-Sternenhimmel, bietet das System alle Funktionen eines klassischen Planetariums – simuliert also auch den Sternenhimmel für einen frei wählbaren Ort und Zeitpunkt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – und erlaubt zusätzlich, 3D-Objekte, Grafiken und weitere Multimedia-Elemente einzubinden.

Besuch eines »heiligen« Ortes – der Fundort der Himmelsscheibe von Nebra

Es gehört zu dem Konzept des Besucherzentrums, dass sich die Besucher nicht nur in der Arche Nebra aufhalten, sondern auch den Fundort der Himmelsscheibe aufsuchen. Ein Fußweg verbindet die Sonnenbarke mit dem 3,5 km entfernten, 100 m höher gelegenen Turm auf dem Mittelberg, der sich in unmittelbarer Nähe der Fundstelle befindet und diese schon aus der Ferne wahrnehmbar macht. Der 30 m hohe und um 10° geneigte Turm ist in der Nord-Süd-Achse auf die Fundstelle gerichtet. Ein vertikaler Schnitt durch den Turm markiert die Linie, in der die Sonne zur Sommersonnenwende untergeht. Diese Linie bildet zugleich die Sichtachse zum Brocken ab. Hinter dem Brocken, dem höchsten Berg des Harzes geht zur Sommersonnenwende am 21. Juni die Sonne unter. Dieser Orientierungspunkt – und damit das Datum – ist auf der Himmelsscheibe am oberen Ende des linken Horizontbogens sogar festgehalten. Auf der Brüstung des Turms sind die Sichtachsen zu den Sonnenwenden, zum Brocken, Kyffhäuser, Petersberg und zum Besucherzentrum markiert. So lassen sich über die heutigen Baumkronen hinweg die bronzezeitlichen Himmelsbeobachtungen auch heute wieder nachvollziehen – war doch der Mittelberg in der Bronzezeit unbewaldet. Durch seine Neigung ist der Aussichtsturm wie der Zeiger einer überdimensionalen Sonnenuhr ausgebildet. Er ist damit ein Symbol für das Thema Zeitmessung.

Der von Holzer Kobler Architekturen gestaltete Aussichtsturm dominiert das Mittelbergplateau und ist ein zentrales Element für die Besucher des Fundortes der Himmelsscheibe. Nach einem internationalen „LandArt“-Wettbewerb erhielten die Landschaftsgestalter von Club L94 LandschaftsArchitekten (Köln) den Auftrag, ein Konzept für das gesamte Areal rund um den Fundort der Himmelsscheibe unter Einbeziehung des Aussichtsturms zu entwickeln. Die behutsame Inszenierung des Umfeldes nimmt sich gegenüber dem markanten Turm entsprechend stark zurück und beschränkt sich auf wenige Akzente.

Das Mittelbergplateau wird von einer eisenzeitlichen Ringwallanlage umschlossen und von zwei Abschnittswällen begrenzt. Die Ringwallanlage der älteren Eisenzeit ist partiell wieder hergestellt und in Form eines grasbewachsenen Erdwalles modelliert. Der Wall folgt seiner ursprünglichen Lage, ist aber im Gegensatz zu einer Rekonstruktion in einem neuen, trapezförmigen Querschnitt erstellt worden. Dadurch bleibt der fragmentarisch erhaltene ursprüngliche Wall im Osten des Plateaus erkennbar und es ergibt sich ein spannender Kontrast zwischen Alt und Neu. Die Sichtbeziehungen, die der Besucher vom Aussichtsturm aus herstellen kann, werden durch etwa 50 cm breite Betonbänder im Boden mit eingestanzten Inschriften aufgenommen und helfen dem Betrachter, den Blick zu den entsprechenden Punkten zu leiten.

Außer der Himmelsscheibe gibt es noch weitere Fundstellen innerhalb der Anlage, die bei den archäologischen Untersuchungen ab dem Jahr 2002 nachgewiesen wurden. Diese Fundstellen sind durch Betonscheiben mit einem Durchmesser von etwa 50 cm markiert. In die „Fundscheiben“ ist die jeweilige Nummer des Fundes graviert. Wer sich in der Dauerpräsentation der Arche Nebra einen der kleinen Pläne, die dort ausliegen, mitgenommen hat, kann auf dem Mittelberg die Fundnummern eintragen. Mit Hilfe der so katalogisierten Funde kann der Besucher selbst auf „Schatzsuche“ gehen und – zurück im Besucherzentrum – den Fundstellen die ausgestellten archäologischen Funde zuordnen.

Das "Himmelsauge" schließlich dokumentiert den Fundort der Himmelsscheibe. Am exakt vermessenen Punkt liegt eine leicht gekrümmte Scheibe aus poliertem Edelstahl mit der Aufschrift „Fundort der Himmelsscheibe von Nebra“ im Boden. Der Besucher tritt an die Senke heran und sieht in die Wolken und bei Dämmerung in die Sterne – der Blick in den Boden ist somit gleichzeitig ein Blick in den Himmel. Das Himmelsauge verbindet Himmel und Erde genau an der Stelle, wo 3600 Jahre lang ein Bild des Himmels im Boden verborgen lag. Durch die künstlerische Inszenierung wird vermieden, die Raubgräbergrube zu rekonstruieren, was sowohl didaktisch als auch konservatorisch problematisch gewesen wäre.

Himmelswege

Das Besucherzentrum Arche Nebra und der Fundort der Himmelsscheibe bilden einen von vier Standorten der "Himmelswege". Die Himmelswege sind eine touristische Route, die archäologisch bedeutende Standorte im südlichen Sachsen-Anhalt miteinander verbindet. Die Auffindung der Himmelsscheibe von Nebra als einem international beachteten und bedeutenden archäologischen Fund gab zusammen mit den Grabungen rund um das Sonnenobservatorium von Goseck den Anstoß für die Etablierung dieser Tourismusroute. Weitere Standorte sind das rekonstruierte 7000 Jahre alte Sonnenobservatorium in Goseck mit dem dazugehörigen Infopoint im Schloss Goseck, Langeneichstädt mit einer jungsteinzeitlichen Grabkammer und der sogenannten Dolmengöttin sowie das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle mit der originalen Himmelsscheibe von Nebra (Wiedereröffnung am 23. Mai 2008).

Literatur

  • Kulturtourismus 2004: Kulturtourismus in Sachsen-Anhalt, hrsg. v. Ministerium für Wirtschaft und Arbeit Sachsen-Anhalt, Magdeburg, Potsdam, Köln 2006 (= Tourismus-Studien Sachsen-Anhalt; 23).
  • Meller, Harald, Die Himmelsscheibe von Nebra – ein frühbronzezeitlicher Fund von außergewöhnlicher Bedeutung, in: Archäologie in Sachsen-Anhalt 1/02 (Sonderdruck, Die Himmelsscheibe von Nebra), 7-31.
  • Ders., Die Himmelsscheibe von Nebra, in: Der geschmiedete Himmel. Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren, Ausstellungskat. hrsg. von Harald Meller, Stuttgart 2004, S. 22–31.
  • Pernicka, Ernst, Die naturwissenschaftlichen Untersuchungen der Himmelsscheibe, in: Der geschmiedete Himmel. Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren, Ausstellungskat. hrsg. von Harald Meller, Stuttgart 2004, S. 34–37.
  • Pfaff, Bettina, Arche Nebra – Eröffnung der Himmelsbarke im Frühsommer 2007, in: Saale-Unstrut-Jahrbuch 12 (2007), S. 141–144.
  • Pfaff, Bettina, Eine Himmelsbarke über Wangen – Das Erlebniscenter zur Himmelsscheibe von Nebra, in: Saale-Unstrut-Jahrbuch 11 (2006), S. 109–111.
  • Reichenberger, Alfred, Die Faszination der Himmelsscheibe, in: Der geschmiedete Himmel. Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren, Ausstellungskat. hrsg. von Harald Meller, Stuttgart 2004, S. 32–33.
  • Schlosser, Wolfhard, Die Himmelsscheibe von Nebra – Astronomische Untersuchungen, in: Der geschmiedete Himmel. Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren, Ausstellungskat. hrsg. von Harald Meller, Stuttgart 2004, S. 44–51.

Arche Nebra

Die Himmelsscheibe erleben

Die Arche Nebra bietet Führungen und verschiedene Aktionsprogramme für Kinder und Jugendliche an. Ebenso kann man das Besucherzentrum für Veranstaltungen und sogar Hochzeiten unterm Sternenhimmel buchen.

Öffnungszeiten:

April–Oktober: täglich 10–18 Uhr
November–März: Di.–Fr. 10–16 Uhr; Sa., So., Feiertag 10–17 Uhr;
montags und am 24. Dezember geschlossen

Der Aussichtsturm ist täglich geöffnet (außer am 24. Dezember).

Arche Nebra – Die Himmelsscheibe erleben
An der Steinklöbe 16
06642 Wangen

T: 034461-2552-0
F: 034461-25365
info(at)himmelsscheibe-erleben.de
www.himmelsscheibe-erleben.de

Weiterführende Links

In unserem Guide im Bereich Themen / Archäo-Astronomie finden Sie eine Zusammenstellung von Links zum Thema.