Die Geoglyphen von Nasca

Ist die astronomische Theorie zu den Linien und Figuren von Nasca noch relevant?

von: Bernd Teichert
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Etwa 435 km südlich der peruanischen Hauptstadt Lima befinden sich, auf einer Hochebene nördlich des kleinen Städtchens Nasca, die sogenannten „Linien und Figuren von Nasca“. Tausende von kilometerlangen Linien, zahlreiche riesige Flächen, sowie gigantische Tier-, Pflanzen- und geometrische Figuren, sogenannte Geoglyphen, die in ihrer Gesamtheit nur aus der Luft erkennbar sind, bedecken das als "Pampa de Nasca" bezeichnete Wüstenplateau.
Wissenschaftler datieren die Zeichnungen auf die Epoche der Nasca- Kultur (etwa 200 v.Chr. bis 650 n.Chr.), was Untersuchungen nach der Radiokarbon- Methode (C14) und Stilvergleiche der Geoglyphen mit Figuren auf bemalten Tonvasen der Nasca- Kultur ergaben.

Wiederentdeckt wurden die Geoglyphen 1926 von dem peruanischen Archäologen Mejía Xesspe, der die Linien für ‚ceques', zeremonielle und religiöse Straßen, hielt. Inzwischen ranken sich die unterschiedlichsten Thesen und Spekulationen um die bis heute ungelöste Frage: „Warum wurden diese Zeichnungen geschaffen?“.

Eine der wesentlichen wissenschaftlichen Überlegungen beschäftigt sich mit der Astronomie- und Kalendertheorie. Der amerikanische Historiker und Archäologe Paul Kosok, der sich 1941 in Peru aufhielt, um frühere Bewässerungssysteme des Landes zu erforschen, nannte das Gebiet um Nasca "das größte Astronomiebuch der Welt". Er gelangte zu dieser These, als er, zum Zeitpunkt der Wintersonnenwende am 21. Juni 1941, während seiner Arbeiten in der Pampa eher zufällig die Beobachtung machte, dass eine der langen Linien fast exakt in Richtung des Sonnenuntergangs zeigte.

Paul Kosok (21. Juni 1941):

Was für eine Entdeckung -Wir erkannten sofort, dass wir anscheinend die Lösung des Rätsels gefunden hatten.
[Aveni, A. 2000, S. 131]

Die aus Dresden stammende Mathematikerin und Geographin Maria Reiche setzte sich als erste mit der von Kosok vorgeschlagenen astronomischen Deutung der Linien auseinander. Im Jahre 1946 begann sie, zunächst gemeinsam mit Kosok, mit der Bestandsaufnahme der Erdzeichnungen auf der Pampa von Nasca. Sie war überzeugt von der astronomischen Bedeutung der Linien und Geoglyphen und versuchte daher, durch systematische Vermessungen und Berechnungen, die von Kosok aufgestellte astronomische Theorie zu untermauern. Dabei fand sie u.a. eine Reihe von Linien, häufig von Linienzentren ausgehend, mit der Ausrichtung auf Sonnenwenddaten, Sternbilder, Auf- und Untergänge heller Sterne und Mondlinien. Leider hat sie die Ergebnisse ihrer 40- jährigen Forschungen nur in ihren persönlichen Tagebüchern nieder geschrieben, ohne sie in ausreichendem Maße wissenschaftlich zu veröffentlichen.

Die erste anerkannte astronomische Untersuchung wurde 1969 von Gerald Hawkins, Astronom am Smithsonian Astrophysical Observatory, durchgeführt. Im Ergebnis seiner Untersuchungen kam er zu dem Schluss, dass, aufgrund der geringen Korrelation der Gesamtzahl der Linien mit den ausgewählten Positionen, die Anlage in ihrer Gesamtheit keinen astronomischen Hintergrund habe [Hawkins, G. 1969]; die astronomische Theorie galt damit für lange Zeit als irrelevant. Da seine Untersuchungen jedoch ohne einen strengen geodätischen, astronomischen und vor allem statistischen Ansatz erfolgten, erntete er international viel Kritik.

Eine solidere und zuverlässigere Untersuchung wurde Anfang der 80-er Jahre von  Anthony Aveni durchgeführt Er kam zu dem Ergebnis, dass astronomische Überlegungen bei der Erschaffung der Linienzentren zwar nicht grundlegend waren, dass aber Astronomie mit Sicherheit eine Rolle gespielt habe. Und dass, wenn man eine alle Aspekte berücksichtigende Hypothese aufstellen wolle, diese sicherlich eine Mischung aus den verschiedenen Theorien sei [Aveni, A. 1990].

Neuere Untersuchungen von z. B. [Lambers, K. 2006] und eine Vielzahl von Veröffentlichungen in diversen Zeitungen und Magazinen, sowie populärwissenschaftliche Fernsehsendungen über Nasca, lassen nun den Schluss zu, dass die astronomische Theorie beim Bau der Linien und Figuren eher keine Rolle gespielt haben soll?

Astronomie im Nascaprojekt Dresden

In Würdigung und Fortführung der jahrzehntelangen Arbeit von Dr. Maria Reiche wurde im Jahre 1994 der Verein „Dr. Maria Reiche - Linien und Figuren der Nasca- Kultur in Peru“ e.V. gegründet und das Forschungsprojekt „Nasca“ ins Leben gerufen. Ein Ziel dieses Forschungsprojektes besteht in der Untersuchung der Astronomie- und Kalendertheorie. Hierfür wurden folgende Projektziele definiert:

  • Berechnung der Positionen von Sternen, Planeten, Sonne und Mond zur Nasca- Zeit
  • Überprüfung der Richtungen (Azimut und Höhenwinkel) langer Linien und Flächen mit denen der Himmelskörper zu ausgewählten astronomischen Ereignissen (Auf- und Untergang, Sonnenwende, etc.), siehe Abb. 2a.
  • Prüfung auf Übereinstimmung von Geoglyphen mit bekannten Sternbildern, siehe Abb. 2b.

Astronomische Untersuchungen

Allgemeines zur Bestimmung astronomischer Orientierungen

Mit den Koordinaten der Linien (geographische Länge und Breite, sowie Höhe über NN) werden Azimut und Höhenwinkel (Altitude in Abb. 3) aller Linien berechnet. Diese beiden Winkel legen die astronomische Richtung innerhalb des jeweiligen lokalen Horizontalsystems fest und können nun mit den ebenfalls zu berechnenden Richtungen der Auf- und Untergänge von Himmelskörpern verglichen werden.

Grundsätzlich ist zu sagen, dass für die Berechnung der Richtungen zu den Himmelskörpern folgende Unterscheidungen zu treffen sind: Für die Sterne werden Sternkataloge, wie z. B. der Fundamentalkatalog 5 (FK5) benutzt, während die Bewegungen von Sonne, Mond und Planeten den Gesetzen von Simon Newcomb, einem berühmten amerikanischen Astronom, folgen. Die notwendigen Transformationen zwischen den verschiedenen astronomischen Koordinatensystemen sind bekannt.

Die präzise Bestimmung, wo und wann ein Himmelskörper am Horizont erscheint oder untergeht ist relativ kompliziert. Erst eine exakte Kenntnis der Himmelsmechanik und die Berücksichtigung weiterer lokaler Phänomene erlauben eine genaue Berechnung. Folgende Effekte verursachen eine zum Teil signifikante Änderung im Azimut und im Höhenwinkel des zu betrachtenden Himmelskörpers:

  1. Bewegung des gesamten Universums (zeitabhängig)
  2. Präzession und Nutation (zeitabhängig)
  3. Refraktion des Lichtes (atmosphärenabhängig)
  4. Absorption des Lichtes (atmosphärenabhängig)
  5. Erdkrümmung (entfernungsabhängig)
  6. Abweichung des Höhenwinkels vom Horizont (Berge oder Täler)

Auf eine Erläuterung dieser Phänomene muss hier verzichtet werden; es wird auf die umfangreiche Spezialliteratur verwiesen.

Erste Ergebnisse des Nascaprojektes Dresden

Die für die Berechnungen erforderlichen Softwareprogramme wurden von Studenten im Rahmen von Projekt- und Diplomarbeiten entwickelt. Die Überprüfung der Ergebnisse erfolgte auch mit kommerzieller Software, wobei die Abweichungen in Azimut und Höhenwinkel jeweils unterhalb einer Bogenminute lagen. Diese Genauigkeit reicht für Beobachtungen mit bloßem Auge völlig aus.

Ausgangspunkt der astronomischen Untersuchungen im Nascaprojekt Dresden sind die Beobachtungen und Ergebnisse Maria Reiches.

Ein Beispiel ihrer astronomischen Beobachtungen ist in Abb. 4 dargestellt: Die an den Linien angegebenen Zahlen in dieser Abbildung entsprechen jeweils dem Azimut und dem Höhenwinkel der entsprechenden Linie. An einer Reihe von Linien sind zudem Korrelationen mit Himmelskörpern vermerkt.

Sonnenwendlinien

In den Büchern und den persönlichen Notizen von M. Reiche findet man eine Vielzahl von Linien, deren Richtungen zu den Sommer- und Wintersonnenwenden zeigen. Bisher wurden 10 solcher Sonnenwendlinien überprüft und bestätigt. Abb. 5 zeigt ein Beispiel unserer Berechnungen [Schmidt, A. 2001]. Die mit einem Pfeil markierten Linien zeigen exakt zum Sonnenuntergang zur Nasca  Zeit.

Linien zu hellen Sternen

Aufgrund der Absorption des Lichtes in der Atmosphäre können nur Sterne mit einer stellaren Helligkeit besser als 3.0 betrachtet werden.

Die gekennzeichnete Linie durch die Spinne in Abb. 6 zeigt zum Stern Rigel, dem hellsten im Sternbild des Orion. Dieses Ergebnis ist deshalb bemerkenswert, weil M. Reiche eine Korrelation des Orion mit der Spinne vermutet, siehe Abb. 2b. Die Figur der Spinne ist etwa 56 m groß.

Ein weiteres interessantes Ergebnis zeigt die Abb. 7: Hier weisen die beiden roten Linien auf die zwei hellsten Sterne der aufgehenden Plejaden um ca. 610 n.Chr. Das sogenannte Plejaden- Dreieck ist eine von Steinen freigeräumte Fläche von ca. 850m x 80 m. Diese Fläche enthält einen großen Steinhaufen am westlichen und drei kleinere am östlichen Ende mit jeweils trichterförmigen Vertiefungen in der Mitte, in denen sich möglicherweise Holz-pflöcke befanden, welche zur Peilung dienten (Visurlinien).

Die sogenannte Sirius- Linie in Abb. 8 (IKONOS – Satellitenbild) befindet sich zwischen Nasca und Palpa; sie kreuzt die Panamerikana, ist ca. 3,7 km lang und weist um 222 n.Chr. in die Richtung des untergehenden Sternes Sirius, dem hellsten Stern am Firmament. Westlich der Panamerikana ist die Linie durch Baumaßnahmen (Tierfarm) völlig zerstört; Luftbilder von 1945 zeigen jedoch noch ihre ganze Ausdehnung.

Ein letztes Beispiel zeigt Ergebnisse, basierend auf Daten unserer örtlichen Vermessungen im Jahre 2004. Damals wurden u. a. 18 Anfangs- und Endpunkte  von Linien länger als 3 km durch hochgenaue GPS- Messungen bestimmt und anschließend deren Azimute und Höhenwinkel berechnet. Diese 18 Richtungen der Linien wurden unter Verwendung der entwickelten Software mit den Richtungen der Auf- und Untergangspositionen von hellen Sternen überprüft. Aus diesen 18 Linien fanden wir 12 relevante Linien, deren Richtungen mit hellen Sternen zur Nascazeit übereinstimmten. Bemerkenswert ist dabei, dass die Richtungen von vier Linien (Line_ID: 67, 70, 80, 82) mit zwei oder mehreren Sternen zu unterschiedlichen Epochen korrelierten! [Tille, S. 2005]

    • Tabelle: Übereinstimmung von Linien mit hellen Sternen
      Line_ID FK5-No. Name Magnitude Start End
      63 616 Antares 1.0 June, 16 A.C. Oct., 32 A.C.
      64 194 Rigel 0.1 Nov., 104 B.C. March, 81 B.C.
      66 509 Alkaid 1.9 Feb., 323 A.C. Aug., 339 A.C.
      67 468 Gacrux 1.8 June, 650 A.C. March, 667 A.C.
      67 481 Becrux(Mimosa) 1.3 March, 170 A.C. June, 183 A.C.
      67 518 Agena(Hadar) 0.6 April, 32 B.C. April, 18 B.C.
      70 54 Achernar 0.5 July, 114 B.C. Aug., 99 B.C.
      70 483 Alioth 1.8 July, 181 B.C. Aug., 164 B.C.
      75 194 Rigel 0.1 Oct., 700 A.C. July, 734 A.C.
      78 616 Antares 0.9 June, 179 A.C. Nov., 199 A.C.
      79 616 Antares 0.9 Aug., 37 A.C. July, 56 A.C.
      80 243 Murzim 1.9 Jan., 128 B.C. May, 80 B.C.
      70 616 Antares 0.9 April, 127 B.C. Oct., 108 B.C.
      81 616 Antares 0.9 April, 35 B.C. Oct., 18 B.C.
      82 243 Murzim 1.9 June, 134 B.C. Nov., 86 B.C.
      82 616 Antares 0.9 Aug., 124 B.C. Aug., 105 B.C.
      83 616 Antares 0.9 June, 225 A.C. Oct., 243 A.C.

Spalte 1: Nummer der Linie (interne Bezeichnung der Linie)
Spalte 2: Nummer des Sterns im FK5
Spalte 3: Name des Sterns
Spalte 4: Helligkeit des Sterns
Spalte 5: Erstmaliges Auftauchen des Sterns am Horizont in Richtung der Linie
Spalte 6: Letztmaliges Auftauchen des Sterns am Horizont in Richtung der Linie

Auf weitere Angaben wie Azimut, Höhenwinkel etc. wurde hier verzichtet.

Schlussbemerkungen

Es ist in hohem Maße wahrscheinlich, dass der Mythos der Pampa von Nasca nicht durch nur eine Theorie erklärt werden kann. Die bisherigen Ergebnisse unserer astronomischen Berechnungen sind erfolgversprechend und bestärken uns in der Annahme, dass tatsächlich eine Korrelation zwischen einigen Linien und Himmelskörpern besteht; dies muss aber noch statistisch gesichert nachgewiesen werden. Hierfür ist es jedoch notwendig, dass die Ausgangsdaten (Koordinaten der Linien und Geoglyphen) in entsprechender Genauigkeit vorliegen. Neben GPS- Messungen und Luftbildauswertungen können dafür auch hochauflösende Satellitenbilder genutzt werden [Richter, Ch. 2007].

Danksagung

Besonderer Dank gilt den vielen Studentinnen und Studenten, die durch ihre Diplomarbeiten und Praktika einen wesentlichen Beitrag zum Voranschreiten des Projektes leisten bzw. geleistet haben, sowie den Projektbeteiligten des Dresdner Vereins „Dr. Maria Reiche – Linien und Figuren der Nasca- Kultur in Peru“ e.V. und der HTW Dresden, ohne deren Mitarbeit eine Realisierung des Projektes nicht möglich wäre.

Literatur

Aveni, A., 1990, The Lines of Nazca, Memoirs of the American Philosophical Society, Vol. 183, Philadelphia, pp. 41-113.

Aveni, A., 2000, Das Rätsel von Nasca – Die gigantischen Bodenzeichnungen in der Wüste Perus. Ullstein Verlag, München

Gerlach, E., 2001, Die Linien und Geoglyphen in der Pampa von Nasca - Astronomische Untersuchungen zur Überprüfung der Kalendertheorie. Diplomarbeit, HTW Dresden, unveröffentlicht

Hawkins G., 1969, Ancient lines in the peruvian desert. Special report No. 906-4 of the Smithonian Institute, Cambridge

Lambers, K., 2006, The Geoglyphs of Palpa, Peru – Documentation, Analysis and Interpretation. Linden Soft Verlag, Aichwald

Reiche, M., 1993, Contribuciones a la Geometría y la Astronomía en el antiguo Perú, [Sammelband ihrer wissenschaftlichen Veröffentlichungen: 1944-1992], Lima.

Richter, Ch., 2007, Orthorektifizierung von IKONOS- Szenen als Grundlage für die GIS- Datenerfassung im Gebiet der Pampa von Nasca. Master Thesis, Universität Salzburg, unveröffentlicht

Schmidt, A., 2001, Astronomische Untersuchungen und Simulation von Sonne, Mond und Planeten in der Pampa von Nasca.  Diplomarbeit, HTW Dresden, unveröffentlicht

Teichert, B., 1996, Conception of the Nasca-GIS. Proceedings of the FIG Commission 3 Seminar, Copenhagen, Dänemark

Teichert, B., Richter, Ch.: 2001, The Nasca Lines and Geoglyphs - On the way to a Multimedia GIS. Proceedings of the International Workshop "Recreating the Past - Visualization and Animation of Cultural Heritage", Ayutthaya, Thailand

Teichert, B., 2007, Astronomical Investigations of the Nasca Lines. Dresdner kartographische Nachrichten, im Druck

Tille, S., 2005, Überprüfung der astronomischen Theorie zu den Linien in der Pampa von Nasca/Peru. Diplomarbeit, HTW Dresden, unveröffentlicht