Möglichkeiten und Grenzen der experimentellen Archäologie

von: Prof. Dr. Mamoun Fansa
veröffentlicht am
Experimentelle Archäologie

Die grandiosen Ruinenstätten früher Zivilisationen und musealen Schausammlungen ihrer prächtigsten Relikte, Ziel von Bildungsreisen und neuerdings sogar des Erlebnismassentourismus, täuschen: Die große Menge dessen, was das Leben bis in die historischen Epochen im Wesentlichen ausgemacht hat, ist verloren. Vor allem von den alltäglichen Dingen wurde das meiste verbraucht und zerstört; und von dem Wenigen, was davon in den Boden gelangte, hat wiederum nur Weniges die Jahrhunderte oder Jahrtausende der Einlagerung überdauert.

Unter allen denkbaren Gesichtspunkten untersuchten deshalb die Archäologen ihre Funde solch materieller Zeugnisse, um eine immer genauere Vorstellung von unserer vor- und frühgeschichtlichen Vergangenheit zu gewinnen. Seit Anbeginn dieser Forschung hat dabei interessiert, wie Bauten und Gerätschaften - gerade wenn davon nur spärliche Reste erhalten sind - ursprünglich ausgesehen haben, wie sie entstanden sind und wie sie genutzt wurden. Vielfach erschließen sich ihre mutmaßlichen oder wahrscheinlichen Funktionen erst durch den nachvollziehenden Gebrauch von Rekonstruktionen.

Diese Methode, die experimentelle Archäologie, hat in den angelsächsischen und skandinavischen Ländern eine bedeutende Tradition. Hingegen scheint in der Bundesrepublik das Verständnis dafür noch wenig entwickelt zu sein. Zwar sind in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus besonders viele Publikationen dieser Art erschienen, insbesondere volkstümliche; doch dabei ging es weniger um exakte wissenschaftliche Befunde, als um den Versuch, ideologische Vorgaben zu bestätigen. Freie Erfindungen sollten die Überlegenheit einer nur in rassistischem Wahn existierenden arischen Urbevölkerung Nordeuropas dokumentieren. Dies war wohl der Grund, weshalb nach dem Zweiten Weltkrieg die dadurch belastete deutsche Archäologie nicht den Anschluss an das sach- und fachkundige experimentelle Arbeiten in anderen Ländern fand.

Nun ist nicht jede Rekonstruktion ein Experiment, aber aus Experimenten ergibt sich eventuell eine das Original treffende Rekonstruktion. Die ersten Ansätze dazu im 19. Jahrhundert waren noch recht unsystematisch. Inzwischen arbeitet die experimentelle Archäologie methodisch, vergleichbar den Naturwissenschaften, mit Meßinstrumenten und Dokumentationsmedien. Unter kontrollierbaren Bedingungen werden Hypothesen praktisch überprüft, die zunächst nur auf theoretischen Überlegungen basieren, damit allein jedoch nicht zu klären sind. Das Ziel jedes Experiments muss mithin vorher genau definiert sein.

Den Ausgangspunkt bilden jeweils Grabungsbefunde, wie etwa Störungen und Verfärbungen des Erdreichs durch vermoderte Hauspfosten oder Funde, wie zum Beispiel ein Steinbeil, mitunter auch frühe historische Texte oder bildliche Darstellungen. Daraus lassen sich Fragen nach Beschaffenheit, Herkunft und Verwendung von Materialien, nach Herstellungsverfahren und nach dem Gebrauch des Produkts ableiten. Ferner sind die Lagerung der Artefakte im Boden und ihre Veränderungen durch verschiedene Umwelteinflüsse zu berücksichtigen. Voraussetzung für dies alles ist, dass die Wissenschaftler sich mit der Forschungsgeschichte und den Erkenntnissen von Nachbardisziplinen, wie Völkerkunde, Volkskunde und Technikgeschichte vertraut machen.

Um Zufälle auszuschließen und mehrfache Messungen zu ermöglichen, muss jedes Experiment wiederholbar sein. Sein Ablauf ist fachlich zu dokumentieren. Dann analysiert man die Ergebnisse, um die zugrunde liegende Theorie zu erhärten oder zu verwerfen oder gänzlich neue Einsichten zu gewinnen. Schließlich werden die zusammengefassten Resultate kulturhistorisch interpretiert und eingeordnet; häufig ergeben sich daraus weitere Forschungsansätze.

Eindeutige Beweise für bestimme Vorgänge in vor- und frühgeschichtlicher Zeit kann die experimentelle Archäologie freilich nicht liefern; auch liegt die vergangene geistige, soziale und religiöse Welt weitgehend außerhalb ihrer Reichweite. Sie ist nur eine von mehreren Möglichkeiten der Erklärung und Interpretation bruchstückhaft vorgefundener Sachverhalte und befasst sich vorwiegend mit technologischen Einzelaspekten. Doch die Vorstellung von der Leistung früherer Menschen stellt sie damit auf eine relativ reale Basis - das Feld für Spekulationen wird eingeengt.

Immerhin ist die Vielfalt dieser Forschungsunternehmen beträchtlich, so dass zahlreiche Lebensumstände vor und nach der neolithischen Revolution einsichtiger werden. Am besten lässt sich dieses Vorgehen an einigen Beispielen verdeutlichen.

Hausbau wie vor 6000 Jahren

Umfangreiche Ausgrabungen während der siebziger Jahre im Vorfeld des Tagebaus im Rheinischen Braunkohlerevier haben unter anderem zahlreiche Siedlungsspuren der Rössener Kultur (4500 bis 3900 vor Christus) ans Licht gebracht. Ein Haus der Siedlung Inden 1 war Gegenstand eines 1978 begonnen Experiments des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen. Von der Rekonstruktion versprach man sich insbesondere fundierte Aussagen über den Materialbedarf und die Arbeitszeit. Vergleichendes Probieren geeignet scheinender Planungs- und Arbeitsschritte sollte den urgeschichtlichen Bauablauf klären. Haltbarkeit und Verfall dieses Nachbaus werden nun in einem Langzeit-Experiment beobachtet und dokumentiert.

Im Wesentlichen bleiben die Aussagen über das Aufgehende eines vorgeschichtlichen Hauses zwar unsicher; doch dürften auch in der Rössener Kultur die Probleme auf nächstliegende Weise mit gesundem Menschenverstand gelöst worden sein. So wählte man die tragenden Hölzer - Eichen mit passenden Stammdicken - nicht nur gemäß dem archäologischen Befund, sondern auch nach den architektonischen Erfordernissen; bearbeitet werden sie lediglich mit einfachen technischen Hilfsmitteln, wie die Bewohner der jungsteinzeitlichen Siedlung sie hatten. Für die Dacheindeckung wurde Schilfrohr verwendet, da heimisches Langstroh nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stand.

Bauphysikalische Funktionen wie die Heizbarkeit des Hauses, der Rauchabzug, Temperaturschwankungen im Inneren zwischen Sommer und Winter, sowie die Nutzungsmöglichkeiten wurden und werden immer wieder überprüft.

Insgesamt dauerten Materialbeschaffung und Bau 28 Tage. Dabei brauchten drei Personen sechs Tage für den Einschlag des Holzes und 14 Personen vier Tage für dessen Transport sowie vier Personen vier Tage für das Schneiden von Weidenruten für das Flechtwerk und weitere drei, um sie zum Bauplatz zu schaffen; vier Personen gruben innerhalb eines Tages die Pfostenlöcher, fünf errichteten in 15 Tagen das tragende Fachwerk, vier Personen deckten in zehn Tagen das Dach, und zwei Personen arbeiteten vier Tage an den Wanddichtungen.

Herstellung eines steinzeitliche Bootes

Durch ihre ästhetische Funktionalität faszinieren geschliffene Feuersteinbeile auch viele archäologische Laien. Wie aber wurden sie hergestellt? Waren sie überhaupt praktisch brauchbar? Und wenn, wie lange konnte man damit arbeiten? Woran erkennt man, ob solche, die etwa als Grabbeigaben gefunden wurden, zuvor benutzt worden waren? Dies und vor allem die Arbeitstechnik mit diesen Werkzeugen sollte die Anfertigung eines größeren Einbaums klären und veranschaulichen.

Als Rohmaterial wurde eine Roteiche gewählt. Um zunächst einen flachen Bootsboden und eine ebene Oberfläche zu schaffen, wurden Kerben in den Stamm geschlagen. Mit Holzkeilen ließen sich dann bis zu 60 Zentimeter lange Schindeln losbrechen.

Nächster Schritt war die Zuformung von Bug und Heck. Um den so vorbereiteten Stamm schließlich auszuhöhlen, verwendete man gerade und quer geschäftete Beile im Wechsel. Mit den Geradbeilen können, wenn man in flachem Winkel zu den Fasern schlägt, bis zu ein Meter lange Holzpließe gelöst werden, die sich dann leicht mit den Querbeilen entfernen lassen.

Die Arbeiten erfordern allerdings einige Übung: Dabei wurden mehrere Beile zerbrochen. Nach diesen anfänglichen Schwierigkeiten erwiesen sich die Feuersteinbeile jedoch als effektive Werkzeuge, und man konnte mit ihnen ebenso kräftig zuschlagen wie mit modernen Stahläxten. Diejenige, die am längsten hielt, war insgesamt 54 Stunden im Einsatz. Die drei Adepten des neolithischen Bootsbaus waren zusammen 264 Stunden tätig. Zu Wasser gelassen, erwies sich der Einbaum als durchaus fahrtüchtig und manövrierfähig.

Salzsieden wie zur Zeitenwende

Im Jahre 1974 wurden im Werl (Landkreis Soest) Keramikteile aus der römischen Kaiserzeit um Christi Geburt gefunden, die vermutlich zu einem Salzsiedeofen gehörten. Von 1987 bis 1989 hat man Rekonstruktionen derartiger Öfen wiederum in Oerlinghausen erprobt, um zu erfahren, ob sich mit Hilfe einer solchen Briquetage Salz in Form fester genormter Blöcke gewinnen ließ.

Als Briquetage (der französische Begriff bedeutet eigentlich Backsteinmauerung oder ziegelsteinartige Bemalung) bezeichnet man seit Mitte des 18. Jahrhunderts auch die tönernen Teile - Salzwassernäpfe, Formkästen, Stützen und Tragplatten - vorgeschichtlicher Salinen. Anhand ihrer charakteristischen Form vermochte man nachzuweisen, dass während der späten Bronze- und der Eisenzeit in verschieden Regionen Mittel- und Nordwesteuropas, so im Saalebecken bei Halle, und im Kaukasus Sole eingedampft wurde. Von vergleichbaren Anlagen, die in Afrika noch immer betrieben werden, kennt man die Einzelheiten des Verfahrens.

In diesem Falle fertigte man gemäß dem archäologischen Befund aus einer Lehm-Ton-Mischung zylindrische Säulen von rund 20 Zentimetern Länge und fünf Zentimetern Durchmesser als Stützen. Die Tiegel wurden aus Tonfladen von 25 Zentimetern Durchmesser und drei Zentimetern Dicke über einem Holzmodel geformt, um einen genormten Inhalt von 450 Kubikzentimetern zu erhalten. Außerdem wurden für das Gerüst ovale Säulen von rund 27 Zentimetern Länge und 5 Zentimetern Durchmesser mit hornartigen Ende gebaucht.

Zum Ofenbau tiefte man eine rechteckige Fläche etwas ein und platzierte an den Längsseiten paarweise die ovalen Säulen mit einem Holzstab jeweils quer darüber. Dazwischen wurden die runden Stützen mit den Tiegeln aufgestellt und die Wandungen des Ofens aus Lehm über der Grube hochgezogen.

Bei etwas mehr als 100 Grad Celsius dauerte das Sieden 10 bis 12 Stunden. Der Versuch erbrachte pro Tiegel einen festen Salzkuchen von 325 Gramm. Dieses Experiment hat also gezeigt, dass mit einer derart einfachen Anlage ein für den Handel geeignetes Produkt mit quasi genormtem Gewicht zu gewinnen war.