Die Rekonstruktion jungsteinzeitlicher Häuser aus Norddeutschland

Das Archäologisch-Ökologische Zentrum Albersdorf

von: Dipl.-Prähist. Rüdiger Kelm
veröffentlicht am
DeutschlandNeolithikumExperimentelle ArchäologieArchitektur

Seit 1997 arbeitet das Archäologisch-Ökologische Zentrum Albersdorf (AÖZA) daran, langfristig eine über 5.000 Jahre alte prähistorische Kulturlandschaft mit all ihren Charakteristika wie verschiedenen Landschafts-, Siedlungs- und Grabformen auf einer archäologisch und ökologisch hochinteressanten Fläche von ca. 40 Hektar Größe so zu gestalten, dass der Besucher auf unmittelbare Weise in die Vergangenheit geführt wird.
Unter dem Motto "Natur - Kultur - Geschichte erleben und erfahren, um sie für die Zukunft zu bewahren" verfolgt das AÖZA-Projekt in drei Abschnitten folgende konkrete Ziele:

1. Durch einen weitgehend natürlichen, aber landschaftsplanerisch gesteuerten und mehrere Jahrzehnte dauernden Entwicklungsprozess "vom Maisacker zum Steinzeitwald" soll ein Freigelände entstehen, das in Struktur, Proportion, Raumgefühl, Farbigkeit und Nutzbarkeit den Eindruck einer Landschaft der Jungsteinzeit vermittelt. Gleichzeitig wird ein attraktiver Erholungsraum geschaffen und die ökologische Situation verbessert.

2. Auf der Grundlage von zwei wissenschaftlichen Tagungen in Albersdorf, die den aktuellen Forschungsstand zum jungsteinzeitlichen Hausbau behandelten, sollen eine jungsteinzeitliche Siedlung und weitere neolithische Kulturlandschaftselemente nachgebaut werden. Im Frühjahr 1999 wurde mit diesem Abschnitt der Projektarbeiten begonnen. Dabei handelt es sich im ersten Schritt konkret um den nach Grabungsbefund wiederaufgebauten erweiterten Dolmen von Frestedt und die ersten drei Teilrekonstruktionen von trichterbecherzeitlichen Häusern nach den Befunden von Flögeln im nördlichen Elbe-Weser-Gebiet in Niedersachsen. Ab dem Sommer 2001 wurde ein erstes vollständiges Haus der Trichterbecherzeit nach dem Befund von Pennigbüttel nördlich von Bremen errichtet.

3. Bis 2005 ist die Errichtung eines Museums zur Archäologie und Landschaftsgeschichte mit dem Schwerpunktthema "Jungsteinzeit in Norddeutschland" geplant. Die intensiven Planungen zur Gebäudefrage und zum späteren Betrieb haben mittlerweile begonnen.

Im folgenden soll etwas genauer auf den wissenschaftlichen Hintergrund und die Probleme bei der Rekonstruktion jungsteinzeitlicher Häuser aus Norddeutschland eingegangen werden: Aus der Zeit der mittelneolithischen Trichterbecherkultur liegen die besterhaltenen Befunde für Häuser in Norddeutschland aus dem nördlichen Niedersachsen vor. Es handelt sich dabei um die Häuser von Flögeln, Landkreis Cuxhaven, und Pennigbüttel, Landkreis Osterholz. Da sich während der Trichterbecherzeit vielfach eine enge Verknüpfung der Regionen beiderseits der Niederelbe zeigt, ist es also auch aus kulturhistorischer Sicht gut zu vertreten, dass diese Hausbefunde als Vorbild für die ersten Rekonstruktionen in Albersdorf herangezogen werden.

Um Erfahrungen mit dem Bau von prähistorischen Langhäusern zu sammeln, sind bereits vor dem Bau eines ersten vollständigen Steinzeithauses ein "Versuchshaus" bzw. Teile eines solchen Hauses in verschiedenen, für die damalige Zeit nachgewiesenen bzw. vorstellbaren Techniken und Materialien gebaut worden. Außerdem ist das Grundgerüst für ein "Aktivitätshaus" zum praktischen Bau von Flechtwänden etc. errichtet worden und der archäologische Ausgrabungsbefund mit Hilfe von Pfostenstümpfen dargestellt worden. Wenn die ersten vollständigen Häuser errichtet sind, werden diese Teilrekonstruktionen als "das alte Dorf" bezeichnet; in Hinblick auf das Phänomen der für die mitteleuropäische Vorgeschichte typischen "Wandersiedlungen", die nach wenigen Generationen wegen Bodenerschöpfung teilweise um nur ein paar hundert Meter verlegt wurden, ist die Lage des "alten Dorfes" auch kulturhistorisch gut zu begründen.

Die Darstellung des Hausgrundrisses von Flögeln durch Holzpfähle ist die didaktische Grundlage für alle weiteren Nachbauten des "Steinzeithauses", denn der Grundriss verdeutlicht für die Besucher die (wissenschaftliche) Grundlage der Rekonstruktionen und zeigt, dass für die Darstellung des Aufgehenden viele denkbare, aber nicht beweisbare Möglichkeiten vorhanden sind.

Die erste Teilrekonstruktion der aufgehenden Bauteile des Flögeln-Hauses dient als wissenschaftliches "Versuchshaus" im Sinne der experimentellen Archäologie. Hier können die Mitarbeiter des AÖZA-Projektes durch die Anwendung verschiedener Bau- und Konservierungstechniken und durch den Einsatz verschiedener Baumaterialien praktische Erfahrungen für die weiteren Hausbauarbeiten sammeln, die die Qualität und Haltbarkeit der weiteren Gebäude beeinflussen werden. Außerdem dient dieses "Versuchshaus" für die Besucher als Anschauungsobjekt zu den Möglichkeiten und Vor- und Nachteilen verschiedener prähistorischer Handwerkstechniken - vor allem auch nach längerer Zeit, wenn sich eindeutige Unterschiede in der Erhaltung etc. zeigen.

Die zweite Teilrekonstruktion, die sich in Form und Größe an der ersten orientiert, dient als "Aktivitätshaus" für Kinder und Jugendliche. Um Besucheraktivitäten (wie das Anlegen einer Flechtwand und das Abdichten der Wand mit Hüttenlehm) durchführen zu können, ist bei diesem Haus natürlich prinzipiell nur der Ständerbau aufgebaut. Die von den Besuchergruppen erstellten Wandabschnitte können bei entsprechender Nachfrage wieder abgebaut werden, um Platz für weitere Gruppen zu haben.

Neben den Ausgrabungen in Flögeln lieferten auch Untersuchungen der Bezirksarchäologie Lüneburg in Pennigbüttel, Stadt Osterholz-Scharmbeck, nördlich von Bremen sehr gut erhaltene Hausbefunde aus der Trichterbecherzeit. Bei dem dort ausgegrabenen "Haus B" handelt es sich wahrscheinlich um ein Wohn- und Betriebsgebäude, das in Albersdorf nachgebaut ist. In Hinblick auf die Raumaufteilung und die Abmessungen sind die Hausgrundrisse von Pennigbüttel gut mit den Befunden aus Flögeln zu vergleichen, die ebenfalls im AÖZA rekonstruiert werden.

Trotzdem gibt es wesentliche Unterschiede zwischen beiden Fundorten:

  • Das Haus von Pennigbüttel ist wesentlich länger (über 16 m),
  • Der Grundriß in Pennigbüttel ist nicht rechteckig wie in Flögeln, sondern leicht trapezförmig,
  • Die Wände bestehen in Pennigbüttel aus massiven Rundhölzern und nicht aus den üblichen Flechtwänden (was hier einen enormen Materialbedarf an Holz bedeutet),
  • Die Dreierpfostenkonstruktion im Inneren ermöglicht ein hohes Gewicht der Dacheindeckung (weshalb wir bei der Rekonstruktion ein relativ flaches Dach mit Grassodeneindeckung darstellen).

Der Nachbau des Hauses von Pennigbüttel soll zukünftig als rekonstruiertes Wohnhaus der Steinzeit mit einer zeittypischen Innneinrichtung versehen werden. Dadurch kann ein Eindruck von den damaligen Lebensverhältnissen der ersten norddeutschen Bauern ermöglicht werden.

Wer sich über das Projekt genauer informieren, Veranstaltungstermine erfahren oder den weiteren Ausbau und die Aktivitäten des AÖZA unterstützen möchte, kann sich gerne an den Förderverein AÖZA e. V. wenden.

Förderverein AÖZA e. V.
Bahnhofstr. 23
25767 Albersdorf
Tel. 04835-950293
Fax 04835-979797
info(at)aoeza.de

www.aoeza.de

Literatur

  • V. Arnold, Archäologischer Wanderweg rund um Albersdorf - Ein Führer zu den ur- und frühgeschichtlichen Denkmälern. Heide 1991.
  • J. J. Assendorp, Die Bauart der trichterbecherzeitlichen Gebäude von Pennigbüttel, Niedersachsen. In: Kelm (Hrsg.), Vom Pfostenloch zum Steinzeithaus. Heide 2000, 116 - 125.
  • R. Kelm, An neuem Ort wiedererstanden. Die ersten Rekonstruktionsarbeiten im Archäologisch-Ökologischen Zentrum Albersdorf. Die Heimat 1/2, 2000, 1 - 9.
  • R. Kelm (Hrsg.), Vom Pfostenloch zum Steinzeithaus - Archäologische Forschung und Rekonstruktion jungsteinzeitlicher Haus- und Siedlungsbefunde im nordwestlichen Mitteleuropa. Heide 2000.
  • R. Kelm (Hsg.), Zurück zur Steinzeitlandschaft - Archäobiologische und ökologische Forschung zur Umweltgeschichte und Landnutzung in der Jungsteinzeit Nordwesteutschlands. Heide 2001.
  • W. H. Zimmermann, Ein Hausgrundriß der Trichterbecherkultur von Flögeln - Im Örtjen, Kreis Cuxhaven. In: H. Schirnig (Hrsg.), Großsteingräber in Niedersachsen. Hildesheim, 1979, 247-253.