Kreuzfahrer in Syrien

Der Krak des Chevaliers zwischen Homs und Tartus

von: Prof. Dr. Sebastian Brather
veröffentlicht am
SyrienMittelalterWehrbautenKonflikte & Krisen

Der Krak des Chevaliers ist die wohl bekannteste Kreuzfahrer-Burg in Syrien. Ihr arabischer Name lautet Qal'at al-Hisn. Die vielfach umgebaute und veränderte Anlage liegt mehr als 650 m hoch in den südlichen Ausläufern des Jebel al-Ansariyeh zwischen Homs und Tartus, kaum mehr als 40 km vom Mittelmeer entfernt. Sie wurde auf einem Bergsporn errichtet, der nach allen Seiten mäßig steil abfällt. Die hervorragende Lage kontrollierte den Weg von der Küste ins Landesinnere und erlaubte direkten Blickkontakt zur Burg von Safita.

Der Krak des Chevaliers war Verwaltungsmittelpunkt der Kreuzritterbesitzungen im Umland und diente der Verteidigung der Ostgrenze der Grafschaft Tripolis. Seine "Hochzeit" fiel in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts, als zwar die Kreuzfahrerstaaten um ihr Überleben kämpften, auf dem Krak aber 2000 Mann stationiert waren. Diese Burg ist außergewöhnlich, und sie verdankt ihren Reichtum den Einnahmen aus den umliegenden Besitzungen, Tributzahlungen der einheimischen Moslems und Stiftungen pilgernder Kreuzfahrer.

Die Kreuzfahrerburg war nicht die erste Befestigung an dieser Stelle. Der Emir von Homs hatte hier bereits 1031 eine kurdische Militärkolonie stationiert, woher der Name Hisn al-Akrad stammt. Nach kurzzeitiger Besetzung durch Kreuzfahrer 1099 eroberte Tankred von Antiochia (ca. 1072-1112) 1109 die Burg. Im Jahre 1142 gelangte die Anlage in den Besitz der Johanniter. Dieser Besitzerwechsel und ein Erdbeben 1157 führten zum ersten Ausbau (Phase Ia). Arabische Angriffe konnten in den beiden folgenden Jahrzehnten abgewehrt werden. Ein erneutes Erdbeben 1169/70 erzwang erneut umfangreichere Baumaßnahmen (Phase Ib). Eine Belagerung durch Saladin (Salah ad-Din Yusuf; 1138-1193) 1188 blieb erfolglos. Nach neuen Erdbeben erfolgte ein umfangreicher Ausbau der Anlage (Phase II), deren heutiger Eindruck wesentlich auf diese Zeit zurückgeht. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts war der Krak des Chevaliers vor allem ein Offensiv-Stützpunkt für Angriffe und Überfälle auf arabisches Gebiet, mußte aber deswegen auch zahlreichen Belagerungsversuchen standhalten. Das Ende der Johanniter-Besatzung kam 1271. Sultan Baybars' I. (ca. 1233-1277; mamelukischer Sultan von Ägypten 1260-1277) Truppen gelang es mithilfe schwerer Belagerungsmaschinen, innerhalb von vier Wochen die massiv befestigte Südmauer zu durchbrechen. Die Burgbesatzung kapitulierte angesichts der aussichtslos gewordenen Verteidigung und erhielt freien Abzug nach Tripolis. Die folgenden Instandsetzungen unter arabischer Herrschaft veränderten vor allem die beschädigten Bereiche im Süden und Osten der Anlage. In der Neuzeit lag ein Dorf in der Burg, das den seit 1927 unternommenen Restaurierungen schließlich weichen mußte.

Ein Abschnittsgraben schützt die Burg vor Angreifern vom sich nach Süden fortsetzenden Bergrücken (Abb. 1). Die Anlage besteht aus zwei Teilen: einem äußeren Befestigungsring und der durch eine zweite Mauer geschützten Kernburg. Zwischen beiden Mauern entsteht dadurch ein sogenannter (offener) Zwinger. Aus dem 12. Jahrhundert stammen wesentliche Teile der Kern- oder Oberburg. Dazu gehören die Befestigungsmauern, die innen an dieser Mauer umlaufenden Raumfluchten, das Haupttor im Osten und die Burgkapelle im Nordosten. Von den Türmen dieser Zeit hat sich nur der rechteckige Nordwestturm erhalten. Hinzukam wohl auch noch eine Schildmauer im Süden, die den feindlichen Zugang vom Berg her abriegeln sollte.

Im frühen 13. Jahrhundert wurden die Mauern der Unterburg errichtet (Abb. 1). Sie bestehen aus einem polygonalen Mauerzug von 9 m Höhe mit mehreren Verteidigungsgalerien. Diese sind auf der Außenseite durch sehr schmale Schießscharten und durch Pechnasen (Maschikulie) kenntlich. Identische Pechnasen finden sich auch auf der Zitadelle von Aleppo oder in Damaskus. Da all diese Bauten gleichzeitig sind - errichtet etwa im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts -, ist es schwer, das entscheidende Vorbild auszumachen. Offensichtlich sind jedoch die gegenseitigen Beeinflussungen zwischen arabischer und europäischer Wehrarchitektur - kein Wunder, wenn man die andere Seite besiegen wollte. Halbrundbastionen oder -türme (im Unterschied zu den rechteckigen Türmen des 12. Jahrhunderts) schützen die Mauer, indem sie die Mauerabschnitte zwischen den Türmen durch die Schießscharten beobachten und beschießen können.

Ausgebaut wurde auch die Oberburg. Im Süden, der gefährdetsten Stelle, wurde ein gewaltiges Glacis errichtet - eine massive schräge Hangmauer (Abb. 2). Unterhalb des Glacis' befindet sich ein Wassergraben, der sowohl als Annäherungshindernis als auch als Zisterne (Wasserreservoir) diente. Ein Aquädukt führte Wasser von Süden heran. Ebenso wie die Süd- wurde auch die Westmauer durch eine Vorlage verstärkt und ein Wehrgang im Zwischenraum zwischen den Mauern eingerichtet. Über dem Glacis an der Südseite erheben sich drei riesige Halbrundtürme, die in mehreren Geschossen große gewölbte Räume enthalten. Zusammen mit den heute weithin zerstörten Räume dazwischen bildeten die Türme die Wohnräume für die vielleicht 60 obersten Ritter der Besatzung.

Im Südwestturm (Abb. 2) findet sich ein als "Logis du Maître" bezeichneter, reich ausgestatteter Raum, der als Wohnbereich des Großmeisters angesehen wird. Im Innenhof der Oberburg entstand an der Westseite der "Große Saal" (Abb. 3; 4) von etwa 27 x 7,5 m². Sein Gewölbe stammt aus dem 13. Jahrhundert, die schmuckvolle Vorhalle, die zugleich der Beleuchtung des Saales dient, könnte in den 1230er Jahren gebaut worden sein. Die eleganten, leichten Pfeiler, Bögen und Rippen bilden einen deutlichen Kontrast zur sonstigen massiven Wehrarchitektur. Einer der Bögen enthält diese Inschrift:

Sit tibi copia Mögest du Reichtum erwerben,
Sit sapientia Weisheit erlangen
Formaque detur und Schönheit gewinnen.
Inquinat omnia sola All das verdirbt allein
Superbia si comitetur der Hochmut, wenn er sich dazugesellt.

Im Süden des Innenhofes finden sich große überwölbte Räume, die wahrscheinlich Wirtschaftsräume, die Küche und vielleicht auch das Refektorium beherbergten.

Nach dem Fall von 1271 wurden vor allem die Belagerungsschäden ausgebessert. Darauf gehen der große, 60 m lange Saalbau (Magazine und Stallungen) zwischen Südmauer und Wasserbecken in der Unterburg zurück, ebenso der dortige runde Südwestturm und der rechteckige sogenannte Baybars-Turm. Neben dieser am meisten gefährdeten Stelle wurde der gesamte östliche Bereich der Unterburg erneuert. Darauf geht der noch heute benutzte Zugang zur Burg zurück. Ein langer tonnengeölbter Gang führt zunächst in die Unterburg und von dort zum Haupttor der Oberburg. Auch das Nordtor zur Unterburg dürfte aus arabischer Zeit stammen. Bis in die Neuzeit wurde die Burg genutzt.

Der Krak des Chevaliers ist bei weitem nicht die einzige Kreuzritterburg im Umfeld des Heiligen Landes. Sie ist aber wohl die am besten erhaltene und deshalb beeindruckendste Anlage des hohen Mittelalters. Eine sehr ähnliche Burg findet sich in Qal'at al-Marqab, etwa 25 km nördlich von Tartus in Küstennähe (Abb. 5). Aufgrund des verwendeten dunklen Basalts erscheint diese Burg sehr düster, ganz anders als der aus Kalkstein bestehende Krak. Marqab kapitulierte als letzte Kreuzritterburg erst 1285. Diese Burg besitzt eine mächtige Kernburg und eine ausgedehnte, dicht besiedelte Vorburg. Ein mächtiger runder Donjon thront im äußersten Süden über der Anlage.

Nicht minder eindrucksvoll präsentiert sich die sogenannte Saladinsburg (Saône, Qal'at Sahyun bzw. Qal'at Salah ad-Din) (Abb. 6). Auch sie liegt auf einem Geländesporn, der hier durch einen künstlich in den Fels gehauenen Graben - 18 m breit, 28 m tief, 150 m lang - wohl im hohen Mittelalter abgeriegelt wurde. Die Oberburg überragt ein mächtiger quadratischer Donjon. Aus arabischer Zeit stammen hier Bad und Moschee, denn 1188 eroberte Saldin diese Burg. In der Unterburg liegen ein mittelbyzantinisches Fort und eine Kirche (11. Jahrhundert). Anders als der Krak, Marqab oder Safita war Sahyun nicht im Besitz eines Ritterordens, sondern blieb durch die Zeiten Familienbesitz.

Eine Reihe weiterer hochmittelalterliche Burgen haben sich erhalten, zu deren eindrucksvolen Vertretern auch al-Kerak (Jordanien), Beaufort (Libanon), Montfort und Belvoir (Israel) gehören. Die mächtigen Befestigungen, die herausgehobene Lage und die Geschichte der Kreuzzüge weckten besonders im 19. und 20. Jahrhundert das europäische Interesse. Die "Kreuzritterburgen" wurden zum Idealbild mittelalterlicher Burgen schlechthin - weil sie oft besser als westeuropäische Burgen erhalten sind, wegen geringer späterer Nutzung nahezu unverändert blieben und weil sie in eindeutige historische Zusammenhänge gehören. Burgenrekonstruktionen wie im südfranzösischen Carcassonne durch Eugène Viollet-le-Duc (1814-1879) oder der elsässischen Hohkönigsburg durch Bodo Ebhardt (1865-1945) orientierten sich u. a. an den vermeintlichen nahöstlichen "Vorbildern".

Angesichts dessen ist die Besonderheit der Kreuzfahrerburgen hervorzuheben. Sie waren nicht mehr oder weniger kleine Herrensitze eines landgesessenen Adels. Die Kreuzritterburgen waren Besatzungsburgen, die der Beherrschung eines rasch eroberten Gebietes dienen sollten. Die massiven Attacken arabischer Herrscher, die sich in ihren Ansprüchen und Machtgrundlagen herausgefordert und bedroht sahen, erforderten gewaltige Verteidigungsbauten. Sie sollten massiven Belagerungen, u. a. mit schweren Belagerungsmaschinen standhalten können und zugleich den christlichen Herrschaftsanspruch demonstrieren. Deshalb wandte man immense, "durchschnittlichen" Adligen in Europa nie zur Verfügung stehende Summen auf, verwandte die neuesten Bautechniken. Dies waren nicht nur europäische Vorbilder, sondern auch nahöstlich-arabische Analogien - schließlich wollte jeder den anderen besiegen und mußte deshalb "verteidigungstechnisch" auf der Höhe der Zeit sein. Nicht alle in der Levante vorkommenden Bauformen lassen sich daher unbesehen zur Rekonstruktion europäischer Burgen übertragen, wenngleich manche Erfahrungen fortgeführt und auch in Europa aufgegriffen wurden.

Ebenso irreführend wie die unbesehene Übertragung der Kreuzfahrerarchitektur ist auch die häufig verwandte Bezeichnung "Franken" für die Kreuzritter. Auch wenn sich dieser Name gelegentlich in zeitgenössischen Texten finden mag, so ist er doch völlig unzutreffend. Die Kreuzfahrer waren ein bunt gemischter Haufen sehr unterschiedlicher sozialer und regionaler Herkunft, die durch eine solch klassifizierende Bezeichnung zusammengefaßt wurden. "Franken" waren dagegen die Stütze des merowingischen und karolingischen Frankenreichs des 5/6. bis 9. Jahrhunderts zwischen Atlantik und Rhein. Zuvor (im 3. und 4. Jahrhundert) wurden damit germanische Plündererscharen am Niederrhein bezeichnet. Später verlor sich das Prestige des Frankennamens, als aus dem früheren Frankenreich allmählich Frankreich und das deutsche Reich entstanden.

Literatur:

  • Adrian J. Boas, Crusader archaeology. The material culture of the Latin East (London 1999).
  • Paul Deschamps, Les châteaux des Croisés en Terre Sainte 1. Le Crac des Chevaliers; 2. La défense du Royaume de Jérusalem; 3. La défense du Comté de Tripoli et de la Principeauté d'Antioche. IFAPO Bibl. arch. et hist. 19, 34, 90 (Paris 1934, 1939, 1973).
  • Robin Fedden/John Thomson, Kreuzfahrerburgen im Heiligen Land (Wiesbaden 1959).
  • Hugh Kennedy, Crusader Castles (Cambridge 1994).
  • Jean Mesqui, Châteaux forts et fortifications en France (Paris 1997).
  • Wolfgang Müller-Wiener, Burgen der Kreuzritter im Heiligen Land, auf Zypern und in der Ägäis (München, Berlin 1966).
  • Joachim Zeune, Burgen. Symbole der Macht. Ein neues Bild der mittelalterlichen Burg (Regensburg 1996)