Eine Landschaft aus einer vergangenen Zeit

Die Toten Städte

von: Dr. Hubert Fehr
veröffentlicht am
SyrienSpätantike & FrühmittelalterSiedlung

Anders als der Name zunächst nahelegt, hat es sich bei den sogenannten "Toten Städten" auch zu ihren Lebzeiten nicht um Städte im eigentlichen Sinne gehandelt. Vielmehr faßt man unter diesem Begriff eine Gruppe heute aufgegebener Siedlungen meist dorfartigen Charakters im nordwestsyrischen Kalksteinmassiv zusammen. Mehr als 700 solcher Orte finden sich in einer Landschaft, die heute ebenso unwirtlich wie malerisch anmutet, zu ihrer Blütezeit vom 4. bis zum 7. Jahrhundert nach Christus aber recht dicht besiedelt war. Nachdem die Toten Städte in frühislamischer Zeit von ihren Bewohner aufgegeben worden waren, blieb der Landstrich bis in jüngste Zeit hinein weitgehend unbesiedelt. Vor allem diesem Umstand ist es zu verdanken, daß sich viele der Ruinen in einem einzigartig guten Erhaltungszustand befinden. Manche Bauten, wie z. B. die Säulenbasilika von Mushabbaq aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts, erwecken den Eindruck, daß sie nur geringfügiger Reparaturen sowie eines neuen Daches bedürften, um wieder nutzbar gemacht zu werden.

Das in der Antike Belos oder Belus genannte Kalksteinmassiv besteht aus mehreren zusammenhängenden Bergketten von durchschnittlich 400 bis 900 m Höhe. Bei einer Breite von etwa 30 bis 40 km erstreckt es sich auf etwa 150 km Länge von Norden nach Süden. Große Wasserarmut kennzeichnen die baumlosen, verkarsteten Anhöhen. Leben und Wirtschaften einer größeren Bevölkerung war unter diesen Bedingungen zu allen Zeiten vom Wasser aus den großen, in den Fels geschlagenen Zisternen abhängig, in denen die Regenfälle des Winters aufgefangen wurden. Im Frühjahr überzieht dann ein dichter Grasteppich die Landschaft. So ungünstig die Voraussetzungen für die Landwirtschaft zunächst scheinen mögen, zumindest für eine Kultur bietet die durch die Verwitterung des Kalksteins rötlich gefärbte Erde gute Voraussetzungen:

Der Ölbaum liebt heiße und trockene Sommer sowie feuchte, milde Winter. Tatsächlich zeugen die Überreste zahlloser Ölpressen davon, daß die Toten Städte ihren zeitweiligen Wohlstand vor allem der Erzeugung von Olivenöl zu verdanken hatten. Abnehmer für das Öl fanden sich ganz in der Nähe, liegt doch das nordwestsyrische Kalksteinmassiv im Schnittpunkt zwischen den antiken Metropolen Antiochia, Aleppo (Boroia), Apameia, Kyrrhos und Chalkis. Darüber hinaus liegen aber auch deutliche Hinweise dafür vor, daß das Öl über diesen Bereich hinaus im gesamten ostmediterranen Raum verhandelt wurde. Die Landwirtschaft im Bereich der Toten Städte war keineswegs allein auf die Kultivierung des Olivenbaums beschränkt, so belegen etwa zahlreiche steinerne Wassertröge, daß die Viehzucht eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat. Rückgrat der Wirtschaft und Hauptquelle des Wohlstandes war aber die Ölbaumkultur.

Ihre besondere archäologische Bedeutung verdanken die Toten Städte aber nicht allein der Tatsache, daß hier die Siedlungsstruktur einer ganzen antiken Landschaft gut ablesbar erhalten ist, sondern gleichermaßen der Qualität der überlieferten Bauten. Neben Sakralbauten wurden auch Wohn- und Wirtschaftsgebäude einstmals in großer Zahl aus oft qualitätvoll behauenen und mörtellos aufgeschichteten Quadersteinen errichtet. Das Vorherrschen der Steinarchitektur war keineswegs lediglich auf eine entsprechende regionale Bautradition zurückzuführen, sondern vor allem durch den Mangel an alternativen Werkstoffen bedingt. Holz als Baumaterial oder Energielieferant zum Ziegel- oder Kalkbrennen mußte eigens aus größeren Entfernungen herbeigeschafft werden. Die ältere Forschung ging zwar zeitweilig davon aus, daß das Gebiet der Toten Städte einstmals dicht bewaldet gewesen sei, diese Ansicht wurde aber mittlerweile revidiert. Zweifelos kam es gegen Ende der Siedlungsperiode zu erheblichen Erosionsprozessen im Gebiet der Toten Städte, die ursprüngliche Vegetation unterschied sich aber nicht grundsätzlich von der heutigen.

Neben der Qualität der erhaltenen Bauwerke fällt vor allem die Dichte der Sakralbauten auf. Selbst Dörfer, die nur wenige Dutzend Häusern umfaßten, konnten es sich leisten, aufwendige Kirchen zu errichten. Ein Ort wie Kharab Shams verfügte nicht allein über eine dreischiffige Basilika, sondern auch über einen weiteren, einschiffigen Kirchenbau, der vielleicht Teil eines Klosterbezirkes oberhalb der Siedlung war. Die Basilika von Kharab Shams stammt im Kern aus dem 4. Jahrhundert, wobei einige Partien nach einem Erdbeben im 6. Jahrhundert erneuert werden mußten. Die Wände der Seitenschiffe haben sich nicht erhalten, so daß die Konstruktion der Kirche von außen gut erkennenbar ist. Es handelt sich um eine klassische Basilika mit fünfjochigem Langhaus und halbrunder Apsis.

Die fünf Arkaden des Mittelschiffs werden von acht Säulen getragen, wobei sich neben sieben ionischen Kapitellen auch ein vereinzeltes korinthisches findet. Den fünf Mittelschiffarkaden entsprechen zehn halbrunde Fensteröffnungen im Obergaden. Der Apsis war halbkreisförmig, wobei sie zusammen mit den zwei rechteckigen Räumen in den angrenzenden Seitenschiffen nach Außen hin einen geraden Chorabschluss bildete.

Der großartigste Kirchenbau im Bereich der Toten Städte gehört dagegen nicht zu einer ländlichen Siedlung, sondern bildet das Zentrum eines ehemals überregional bedeutenden Wallfahrtsortes. Qalaat Seman, die "Simeonsburg", leitet ihren Namen vom Heiligen Simeon her, dem ersten Säulenheiligen, her, der an diesem Ort einen Großteil seines Lebens verbrachte. Simeon wurde um das Jahr 389 in einem Dorf nahe bei Antiochia geboren. Noch als Jugendlicher trat er in ein Kloster ein, wo er schon bald durch seine ausgeprägte Neigung zu aus heutiger Sicht etwas bizarr anmutenden Formen der Askese auffiel. Zeigte er zunächst seine Verachtung allem Irdischen gegenüber durch Mißachtung und gar Mißhandlung seines Körpers, so verbrachte er bald längere Zeitabschnitte in Erdgruben, einmal auch in einem Brunnenschacht. Aus diesen Tiefen arbeitete er sich dann langsam in weltentrückte Höhen empor, wobei sein Handeln gewissermaßen eine Metapher für seine spirituelle Entwicklung darstellen sollte. Nachdem er die Erdhöhlen verlassen hatte, erklomm er jenen Berg, auf dem sich heute noch die Reste des nach ihm benannten Klosters befinden. Zeit seines Lebens sollte er diesen Berg nicht wieder verlassen. Nacheinander bestieg er drei, jeweils höhere Säulen. Auf der Plattform der letzten, 20 Meter hohen Säule verbrachte er schließlich die letzten 30 Jahre seines Lebens.

Noch zu Simeons Lebzeiten setzte ein lebhafter Pilgerverkehr ein. Nicht zuletzt um diesem zu entkommen flüchtete sich der Heilige auf immer höhere Säulen. Der Pilgerstrom riß auch nach dem Tod des Heiligen im Jahre 459 nicht ab. Bestand das Heiligtum beim Tod Simeons lediglich aus einer Säule, deren Basis durch Absperrungen geschützt war, so entstand innerhalb von wenigen Jahrzehnten eine gewaltige Anlage. Alleine durch die Zuwendungen von Pilgern hätten die Bauten sicher nicht errichtet werden können. Es spricht im Gegenteil alles dafür, daß der Bau unmittelbar vom byzantinischen Kaiserhaus gefördert wurde. Nur wenige Jahre nach dem Tod des ersten Säulenheiligen hatte ein Schüler Simeons, Daniel Stylites, vor den Toren Konstantinopels eine Säule bestiegen und auf diese Weise den Kult des Heiligen in der Hauptstadt verbreitet. Von seiner Säule herunter stand er in regem Kontakt zu den Kaisern Leon I (457-474) und Zeno (474-491). Der Rückhalt in der kaiserlichen Familie dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, weshalb in Qallaat Seman ein so gewaltiger Bau errichtet werden konnte. Bereits gegen das Jahr 500 war der Großteil der Bauten fertiggestellt.

Den besten Eindruck von der Anlage verschafft man sich, indem man den Aufstieg im ehemaligen Pilgerort Deir Seman, dem antiken Telanissos, am Fuße des Berges beginnt. Im Ort befinden sich die Reste mehrerer Kirchen, Klöster sowie zweier Pilgerherbergen. Besondere Beachtung verdient die sogenannte Residenz, ein Bau mit einer erhaltenen dreistöckigen (!) Säulenvorhalle. Vom Ort führt eine Prozessionsstraße unter einen Triumphbogen hindurch zum Heiligtum auf der Anhöhe oberhalb der Pilgerstadt. Der heilige Bezirk wurde von einer Mauer umschlossen, innerhalb derer sich zahlreiche Bauten befanden: ein Kloster, eine weitere Pilgerherberge, ein Baptisterium sowie schließlich am Ende des Weges das eigentliche Ziel, die Pilgerkirche.

Dabei handelt es sich um eine gewaltige kreuzförmige Anlage, die man durch eine dreitorige Vorhalle von Süden her betritt. . Zentrum des Kirchenbaues war ein achteckiger Hof, in dessen Mitte einstmals die Säule der Heiligen Simeons stand. Generationen von Pilgern verschafften sich mit Hilfe von Hammer und Meißel ein Andenken, so daß heute nur ein kümmerlicher Rest an Ort und Stelle verblieben ist. Ursprünglich wurde der Oktogonalhof, immerhin von etwa 30 m Durchmesser, vermutlich von einer hölzernen, circa 25 m hohen Kuppel überwölbt.

Die Bögen um den Hof öffnen sich in die vier anschließenden, jeweils dreischiffigen Säulenbasiliken. Die Hauptkirche des Baues war die östliche Basilika. Sie hob sich im Grundriß bereits dadurch hervor, daß ihre Achse gegenüber den Fluchten des übrigen Baues leicht verschoben ist. Darüber hinaus wird sie als einzige der Basiliken durch drei halbrunde Apsiden abgeschlossen.

Das Pilgerzentrum von Qalaat Seman florierte bis ins 12. Jahrhundert hinein. Wie auch in Resafa, das in einem anderen Artikel in dieser Ausgabe von archaeologie-online behandelt wird, bedeutete die arabische Eroberung keineswegs das Ende der Wallfahrt. Das Umland war allerdings zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend wüst gefallen. Fast alle Orte wurden spätestens im Laufe des 8. Jahrhunderts aufgegeben. Die Gründe hierfür sind bislang nicht endgültig zu benennen. Großflächige Zerstörungen durch die arabische Eroberung im 7. Jahrhundert sind jedoch weitgehend als Ursache auszuschließen. Viel eher wird wohl das Abbrechen der Verbindungen zu den Märkten des ostmediterranen Raumes eine Rolle gespielt haben, vor allem wenn man davon ausgeht, daß der Export von Olivenöl in diesen Raum die eigentliche ökonomische Grundlage darstellte. Aber auch die Veränderung der Absatzmärkte im Nahbereich, der Bedeutungsrückgang der ehemaligen Metropolen im Umland, könnte eine Rolle gespielt haben. Nicht zu unterschätzen ist darüber hinaus die Tatsache, daß die Ölbaumkultur recht kapitalintensiv ist. Die Bäume müssen zunächst einmal etwa 15 Jahre gepflegt werden, bevor sie zum ersten Mal Erträge einbringen. Ohne eine wohlhabende Bevölkerungsschicht, die die Kultivierung auch während periodisch auftretenden Krisenzeiten fortsetzt, ist eine dauerhafte Bewirtschaftung kaum möglich. Ungeachtet der Frage, ob nun eine einzelne Ursache oder gleich ein ganzes Bündel von Gründen für das Ende der Toten Städte verantwortlich war, muß vor allem daran erinnert werden, daß es nicht selbstverständlich ist, daß dieses Gebiet überhaupt bewirtschaftet wird. Letztendlich ist die Landschaft des Kalksteinmassivs doch nur sehr eingeschränkt für die Landwirtschaft geeignet. Eine Abwanderung von Bevölkerungsteilen in das siedlungsgünstigere Umland als Mitverursacher der Verödung der Toten Städte ist deshalb ebenfalls nicht auszuschließen.

Erst in jüngster Zeit wird die Gegend um die Toten Städte zaghaft wiederbesiedelt. Den Anfang machten neue asphaltierte Straßen, die das lange nur schwer zugängliche Gebiet dem Verkehr erschlossen. Die Straßen haben die Toten Städte zwar für Touristen leichter zugänglich gemacht, andererseits hat die verbesserte Verkehrsanbindung auch negative Auswirkungen auf den Erhalt der Bausubstanz. Manches Architekturelement, das noch vor wenigen Jahren an Ort und Stelle zu besichtigen war, hat mittlerweile Verwendung bei Neubauten oder gar den Weg zum Antikenhändler gefunden.

Bei den Neuansiedlern im Gebiet der Toten Städte handelt es sich meist um Bauern kurdischer Herkunft. Nach und nach werden die Steine von den Ackerfluren geräumt. Selbst die Erde zwischen den Ruinen wird für die Landwirtschaft genutzt, wie das Beispiel des Gemüseanbaus im ehemaligen Langhaus der Basilika von Burj Haidar verdeutlicht. Den Hauptteil des Lebensunterhaltes erhoffen sich die Neusiedler jedoch von einem anderen Erzeugnis - dem Öl aus den Früchten der neu gepflanzten Olivenbäume.

Literatur

  • Hartmut Gustav Blersch. Die Säule im Weltgeviert. Der Aufstieg Simeons, des ersten Säulenheiligen (Trier 1978).
  • Howard Crosby Butler, Early churches in Syria, fourth to seventh century (Amsterdam 1929).
  • Christine Strube, Die "Toten Städte": Stadt und Land in Nordsyrien während der Spätantike. 2. Aufl. (Mainz 2000).
  • George Tate, Les campagnes de la Syrie du Nord du IIème au VIIème siècle. Un example d'expansion démographique et économique à la fin de l'Antiquité (Paris 1992).
  • Georges Tchalenko, Villages antiques de la Syrie du Nord. Le massif du Bélus a l'époque romaine. 3 Bde (Paris 1953-58).