Das keltische »Fürstengrab« von Hochdorf bei Stuttgart

von: Dr. Ines Balzer
veröffentlicht am
EisenzeitFürstengräber

Ein Jahrhundertfund

Als im September 1940 vier Jugendliche über die Hügel von Lascaux streiften, ahnten sie nicht, dass sie wenig später altsteinzeitliche Höhlenmalereien zu Gesicht bekommen sollten, die die Forschung über unsere Vorfahren revolutionierten. - Ohne die Angelpassion eines französischen Archäologen wäre die einzige nicht überbaute punische Stadt Kerkouane in Tunesien nie entdeckt worden.

Die berühmtesten Funde der Archäologie kamen oft nur durch Zufall ans Tageslicht. Und es sind immer noch große und kleine Entdeckungen möglich. Im deutschsprachigen Raum zählt zweifellos die Auffindung des "Fürstengrabes" von Hochdorf bei Stuttgart zu den aufregendsten archäologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts.

Eine Hobbyarchäologin entdeckte 1977 ortsfremde Steine auf einem Acker, die auf eine nicht mehr sichtbare Grabhügelschüttung deuteten. Die zuständige Behörde reagierte sofort: das verdächtige Areal wurde 1978 und 1979 unter der Leitung des Archäologen J. Biel erforscht. Schon bald war klar, dass es sich tatsächlich um eine aufwändige keltische Grabanlage aus dem letzten Drittel des 6. Jahrhunderts v.Chr. handelte. Dazu kam das seltene Glück, das dieses Grab nicht von damaligen Grabräubern heimgesucht worden war. Und es gab die einmalige Chance für die Archäologen, mit modernen Methoden bisher einzigartige Beobachtungen an den metallenen Beigaben und den organischen Materialien wie Leder, Textilien, Pflanzen und Holz machen zu können, die dank hervorragender Erhaltungsbedingungen konserviert waren.

Eine Zeitreise: im 6. Jahrhundert v.Chr. als Grabräuber unterwegs

Stellen wir uns vor, dass wir in frühkeltischer Zeit, also etwa im 6. Jahrhundert v. Chr., als "verkrachte Existenzen" lebten. Ackerbau, Viehzucht und Handwerk hat uns nie interessiert, das Dorfleben war uns immer viel zu beengt. Also machen wir uns auf, ziehen herum, verdienen uns mal hier und da Nahrung und Unterkunft. Ab und zu lassen wir auch mal was mitgehen... Auf dem jährlich stattfindenden "Großen Markt" hören wir vom Tod einer bedeutenden keltischen Persönlichkeit. Das bedeutet reichhaltige Gaben für den Weg ins Jenseits! Und - nach ein wenig Arbeit - auch reichhaltige Gaben für uns. Dann mal los!

Schon von weitem erkennen wir den 6 m hohen und 60 m im Durchmesser großen Grabhügel. Allerdings sehen wir in unmittelbarer Nähe auch ein Dorf. Vorsicht ist also mehr als angebracht. Die Dorfbewohner haben sicherlich etwas dagegen, wenn wir uns am Grab ihres "verehrten Bewohners" zu schaffen machen. Das ist aber nicht das einzige Problem. Als wir ungesehen endlich am Hügel stehen, bereitet uns das Vordringen durch die Hügelschüttung in die Grabkammer ungeahnte - daher auch ungewohnte - logistische Probleme: Die Grabkammer liegt unter 50 Tonnen Stein und Holz. Wie sollen wir hier einen Schacht graben, ohne dass Steine nachrutschen und uns begraben?

Irgendwie haben wir dann das Problem gelöst - wir befinden uns endlich in der hölzernen, 22 m² großen Kammer. Sie ist mit 1,20 m leider nicht sehr hoch, auch wenn wir Kelten und Keltinnen mit gut 1,60 m auch nicht besonders groß sind.

Damit wir wissen, was wir an Gegenständen mitnehmen und verhökern können, müssen wir diese erst mal auspacken. Ja, richtig gelesen: alle Gegenstände sind mit Tüchern verhüllt.

Wir fangen beim größten Gegenstand an, auch wenn wir schon von anderen "Gelegenheiten" wissen, was sich darunter verbirgt: ein hölzerner Wagen. Dieser ist aber ist völlig anders als alle anderen: er ist nahezu vollständig mit Eisenteilen beschlagen, ach was, verziert! Wenn Kunstschmiede diesen 2500 Jahre später nachbauen, werden sie von einem keltischen Meisterstück sprechen! Nahezu 1350 Einzelteile werden sie an dem 4,5 m langen und 1 m hohen Wagen zählen können!

Auf dem Wagenkasten liegt allerhand: ein bronzenes Eßservice für neun Personen, Geräte zum Schlachten und Tranchieren von Fleisch, die komplette Jochanschirrung für ein Pferdezweiergespann - merkwürdigerweise ist sie verdreht. Der Scherzkeks unserer Truppe will den Wagen bewegen, sieht im Halbdunkel aber nicht, dass dies wegen der engen Kammer gar nicht geht - und stolpert statt dessen über die Deichsel.

Nun erst werden wir auf die mit Tüchern behängten Wände aufmerksam. An einer sehen wir neun Trinkhörner aufgehängt. Eines davon ist gut 1,20 m lang und komplett aus Eisen, zum Mitnehmen ist es uns schon fast zu schwer und sperrig. Mit 5,5 Liter Bier oder Wein gefüllt wird es wohl kaum mehr zu halten sein.

Wir wenden uns jetzt der Ecke zu, in der es sehr unangenehm säuerlich-süßlich riecht. Als wir das Tuch wegziehen, stehen wir vor einem riesigen griechischen Bronzekessel. Er könnte 500 l Inhalt aufnehmen! Die drei Löwenplastiken auf dem Kesselrand sollten wohl seinen Inhalt bewachen. Ist ihnen auch gelungen: der Met (Honigwein) ist nach einem Jahr leider völlig ungenießbar - welche Verschwendung! Die kleine Schöpfschale aus purem Gold nehmen wir dagegen gerne mit.

Nun geht es an das letzte "Paket". Es entpuppt sich als ein ungewöhnliches keltisches Möbelstück: eine 2,75 m lange Liege mit Rückenlehne, aus verzierten, goldglänzenden Bronzeblechen zusammengeschmiedet. Weil die Beine der Liege aus acht kleinen Bronzefiguren auf Rädern bestehen, kann die Liege sogar gerollt werden. So etwas Verrücktes haben nicht einmal die Etrusker!

Auf der Liege sehen wir ein längliches Textilbündel. Die erste Lage ist noch aus recht groben ungefärbten Stoff. Dann folgen aber prächtig verzierte Textilien, vorrangig in Blau und Rot gehalten. Dieses Rot - der Farbstoff kann nur von der Schildlausart Kermes vermilio sein! Allerdings ist diese am Mittelmeer beheimatet.

Als das letzte Tuch weggezogen ist, erschrecken wir nun doch ganz schön: Der Tote! Nein, nicht irgendeiner - Tote haben wir schon oft gesehen. Dieser hier ist unheimlich - unheimlich groß (1,87 m). Er ist vollständig haarlos, was sicher nicht an seinen etwa 40 Jahren liegt. Sein persönlicher Besitz ist vom feinsten: Hals- und Armring, Fibeln, Dolch-, Gürtel- und Schuhbesatz aus Gold, für seine Bestattung neu angefertigt. Ein kegelförmiger Hut aus verzierter Birkenrinde ist dabei, ebenso wie ein Holzkamm, das Rasiermesser, Köcher und Pfeile für die Jagd, in einem Täschchen Nagelschneider und Angelhaken.

Als wir die verwelkten Blumen sehen, wissen wir, dass der Mann wohl im Spätsommer oder Frühherbst letzten Jahres bestattet worden war. Nun fällt uns auch die gestreifte Matratze und Kissen aus feinsten Dachshaar und Hanfbast auf. Wer war bloß dieser Mann? Seinen Namen kennen wir nicht, auch nicht seine Stellung oder seinen "Beruf". War er ein Priester, ein Weltreisender, ein Händler, ein "Millionär", ein Fürst, alles zusammen? War er zu Lebzeiten geachtet oder gefürchtet?

Als wir den durchgeschnittenen Halsreif und die verkehrt herum angezogenen Schuhe sehen, außerdem noch an das verdrehte Zaumzeugs denken, wird uns mit Entsetzen klar: Dieser Mann war so mächtig, so bedeutend, dass die Menschen mehr Angst als normal vor seiner Wiederkehr haben. Deshalb auch diese irrwitzige Steinschüttung auf der Grabkammer! Nun packt uns die Panik - bloß weg hier!

Zurück in das 21. Jahrhundert

Die angesprochene Befundsituation und die Objekte wurden während den Ausgrabungen tatsächlich angetroffen. Nur unsere Grabräuber gab es nicht. Vielleicht war eine Plünderung wegen dem naheliegenden keltischen Dorf (das 1989-1993 archäologisch untersucht wurde) gar nicht möglich?
Die Entdeckung eines unversehrten "Fürstengrabes" ist umso höher einzuschätzen, wenn man sich vor Augen hält, wie viele Gräber frühkeltischer Persönlichkeiten des 7. bis 5. Jahrhunderts v. Chr. geplündert worden sind. Allerdings sollte man bei der Interpretation aufgebrochener Grabkammern im Einzelfall aber immer Vorsicht walten lassen: beim Aufsuchen einer Bestattung kann sich genauso gut um eine Art von Ahnenverehrung handeln.

Viele Hinweise auf das Totenritual um 530 v. Chr. - wie das Verhüllen von Gegenständen - konnten uns die Auswertungen des "Fürstengrabes" von Hochdorf geben. Trotzdem tut man sich immer noch mit einer Antwort auf die Frage schwer: Wer war dieser Mann?

Hinweise

  • Das Keltenmuseum in Hochdorf widmet sich ganz dem "Keltenfürsten": seiner Entdeckung und Ausgrabung, der Rekonstruktion der Grabkammer uvm.
  • Der "Keltenfürst" ist seit Juni 2000 auch Darsteller in einem Comic: "Solon 1: Der Keltenfürst" erscheint bis November 2000 monatlich in der Comiczeitschrift "Zack". Wer möchte, kann direkt beim Autor auch die Originalzeichnungen des Comics im Format DIN A3 ersteigern und mehr über die Entstehungsgeschichte von der Idee zum fertigen Comic erfahren.

Literatur

  • Banck-Burgess, J. (1999): Hochdorf IV. Die Textilfunde aus dem späthallstattzeitlichen Fürstengrab von Eberdingen-Hochdorf (Kr. Ludwigsburg) und weitere Grabtextilien aus hallstatt- und latènezeitlichen Kulturgruppen. Forsch. u. Ber. Vor- u. Frühgesch. Baden-Württemberg 70 (Stuttgart 1999).
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  • Biel, J. (Hrsg.) (1996): Experiment Hochdorf. Keltische Handwerkskunst wiederbelebt. Schriften des Keltenmuseums Hochdorf/Enz 1 (Stuttgart 1996).
  • Biel, J. (1985): Der Keltenfürst von Hochdorf (Stuttgart ²1985).
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  • Koch, J.K. (2000): Der Wagen und das Pferdegeschirr aus dem späthallstattzeitlichen Fürstengrab von Eberdingen-Hochdorf (Kr. Ludwigsburg). Arch. Nachrichtenbl. 5/3, 2000, 325-328.
  • Körber-Grohne, U. (1985): Die biologischen Reste aus dem hallstattzeitlichen Fürstengrab von Hochdorf, Gem. Eberdingen (Kr. Ludwigsburg). In: Körber-Grohne, U., Küster, H.: Hochdorf I. Forsch. u. Ber. Vor- u. Frühgesch. Baden-Württemberg 19 (Stuttgart 1985) 87-164.
  • Krauße, D. (1996): Hochdorf III. Das Trink- und Speiseservice aus dem späthallstattzeitlichen Fürstengrab von Eberdingen-Hochdorf, Kr. Ludwigsburg. Forsch. u. Ber. Vor- u. Frühgesch. Baden-Württemberg 64 (Stuttgart 1996).
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