Fürstengräber - Ausdruck von Macht und Reichtum

von: Ilona Knapp M.A.
veröffentlicht am
Fürstengräber

Fürstengräber sind wichtige Bestandteile der Altertumsforschung. Sie sind in fast allen Epochen der Ur- und Frühgeschichtsforschung vertreten: Von der Bronzezeit bis ins frühe Mittelalter wurden immer wieder Gräber angelegt, die sich von den restlichen Bestattungen in besonderer Weise unterscheiden.

Da es sich um ein Phänomen verschiedener Zeitstellungen handelt, ist eine allgemeine Beschreibung schwierig. Dennoch gibt es Merkmale, welche die Fürstengräber zeitübergreifend vergleichbar machen: Die Gräber wurden in überdurchschnittlich aufwendiger Art und Weise errichtet und dem Bestatteten wurden zahlreiche, wertvolle und qualitativ hochwertige Beigaben mitgegeben; Importwaren unterstreichen wirtschaftliche und/oder politische Beziehungen zu anderen, fremden Kulturgruppen. Auch die spezielle Lage der Gräber an Handels- oder Verkehrswegen, an höher gelegenen, weit einsehbaren Stellen oder in direkter Nähe zu einer zentralen Siedlung ist den meisten Fürstengräbern der verschiedenen Epochen eigen.

Darüber hinaus stellen sich den Archäologen in den verschiedenen Epochen jedoch ganz eigene Probleme. Die Frühbronzezeitforschung z.B. kämpft mit der schlechten Quellenlage. Viele Fürstengräber der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur wurden Ende des 19. Jahrhunderts ausgegraben, zumeist nicht vollständig untersucht und zudem sind einige Funde verschollen. Dennoch wurden sie, allein durch ihre Besonderheit und Beigabenausstattung, als Hinweis auf eine gesellschaftliche hierarchische Spitze akzeptiert.

Die Späthallstatt- bzw. Frühlatèneforschung, aber auch die Frühmittelalterforschung versucht dagegen eine genaue Merkmalsbeschreibung der Fürstengräber zu erstellen und sie gegen die Gräber der restlichen Bevölkerung abzugrenzen. Diese Abgrenzung führt zu einer detaillierten Darstellung politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse und letztlich zu einer Beschreibung der Lebensart der damaligen Bevölkerung.

Auch der Begriff Fürst wirft einige Probleme auf. Fürstengrab ist eine Bezeichnung, die in der Vergangenheit wenig reflektiert wurde. Immer häufiger wird in der Archäologie über eine genauere Definition des wertbehafteten Begriffs diskutiert. Änderungsvorschläge wie Adelsgrab, Prunkgrab, Häuptlingsgrab oder einfach herausragende Bestattung lösen jedoch nicht das allgemeine Problem. Für jede Zeitepoche bringen die verschiedenen Vorschläge unterschiedliche Probleme mit sich. Das Wort Fürst impliziert eine andere politische bzw. gesellschaftliche Organisation als das Wort Häuptling: Fürst, entstanden aus dem althochdeutschen Wort furisto, wird zumeist mit den Fürsten des Mittelalters oder mit den Reichsfürsten der frühen Neuzeit und den dahinterstehenden gesellschaftlichen Strukturen in Verbindung gebracht. Der Fürst wird in eine soziale Oberschicht hineingeboren und besitzt allein dadurch politische Autorität. Über ihm steht jedoch eine Zentralinstanz, z.B. ein König oder Kaiser. Dieser Instanz untersteht er mit Loyalität und Verantwortlichkeit.
Solch eine Führungsinstanz ist für die Frühbronzezeit kaum vorstellbar. Hier denkt man eher über den Begriff Häuptling nach, der jedoch auch mit einer bestimmten Bedeutung belegt ist. Manche mögen an nordamerikanische Indianerstämme oder an afrikanische Ackerbaukulturen denken, aber der Begriff wurde in der Vergangenheit genauestens definiert. Unter einem Häuptling versteht man eine Persönlichkeit, welche über eine klar bestimmte Gruppe die permanente politische Autorität ausübt. Dieses Amt muß jedoch nicht grundsätzlich als alleinige Lebensgrundlage dienen. Im Gegensatz zu einem Fürsten muß ein Häuptling nicht zwangsläufig aus einer bestimmten sozialen Schicht stammen. Seine Legitimation ist ihm also nicht notwendigerweise angeboren, sondern entspringt eher einem eigenständig erworbenen Prestige. Da ein Häuptling aus diesem Grund auf das Wohlwollen und die Unterstützung seiner Gruppe angewiesen ist, richtet sich seine Loyalität und Verantwortlichkeit nach 'unten', hin zur Bevölkerung.

Diese beiden Beispiele verdeutlichen die Probleme bei der Wortwahl zur Bezeichnung der Gräber. Zum Teil greift die Begriffszuweisung einer Interpretation vor, da der Begriff schon eng mit einer gesellschaftlichen Ordnung in Zusammenhang steht.

Uneingeschränkte Tatsache bleibt jedoch, daß Gräber wie das Childerichgrab, das Fürstengrab von Hochdorf oder die Häuptlingsgräber von Leubingen und Helmsdorf imposante Hinterlassenschaften besonderer Persönlichkeiten des Altertums sind. Sie zeigen in eindrucksvoller Form die sozialen Verhältnisse, aber auch die Reichtums- und Machtanhäufung Einzelner in den jeweiligen Kulturepochen.

Literatur

  • Eggert, M.K.H. (1988): Riesentumuli und Sozialorganisation: Vergleichende Betrachtungen zu den sogenannten "Fürstenhügeln" der späten Hallstattzeit. Archäologisches Korrespondenzblatt 18/3, 1988, 263-274.
  • Fischer, F. (1982): Frühkeltische Fürstengräber in Mitteleuropa. Antike Welt 13, Sondernummer. Feldmeilen/Freiburg 1982.
  • Kossack, G. (1974): Prunkgräber. Bemerkungen zu Eigenschaften und Aussagewert. In: Kossack, G., Ulbert, G. (Hrsg.): Studien zur Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie. Festschrift für Joachim Werner zum 65. Geburtstag (München 1974) 3-33.
  • Müller-Wille, M. (1989): Fürstengrab. Lexikon des Mittelalters, IV: Erzkanzler bis Hiddensee (München/Zürich 1989) 1038f.
  • Stagl, J. (1988): Häuptlingstum. In: Hirschberg, W. (Hrsg.): Neues Wörterbuch der Völkerkunde (Berlin 1988) 205.
  • Steuer, H. (1984): Frühgeschichtliche Sozialstrukturen in Mitteleuropa (Göttingen 1984). [Dieses Buch bei Amazon.de bestellen]
  • Strahm, C. (1995): Die Frühbronzezeit. In: Débuts de l'Age du Bronze entre Rhône et Aar. Ed. Museum Schwab (Biel 1995) 1-14.