Fürstengräber des frühen Mittelalters

von: Dr. Hubert Fehr
veröffentlicht am
Spätantike & FrühmittelalterFürstengräber

Beerdigungen im engsten Familienkreis dürften im frühen Mittelalter eher die Ausnahme gewesen sein. Bei der Totenfeier stand im Gegensatz zu heute nicht die individuelle Trauer der Angehörigen im Vordergrund. So makaber es auch klingen mag, Begräbnisse waren gesellschaftliche Ereignisse, an die die Trauergemeinde ganz bestimmte Erwartungen knüpfte. Der Tod eines Angehörigen bedeutete deshalb für die Hinterbliebenen nicht nur einen menschlichen Verlust, die Ausrichtung einer standesgemäßen Bestattung stellte darüber hinaus eine erhebliche materielle Last dar. Gleichzeitig bot ein solcher Anlaß die besondere Gelegenheit, dem am Grab versammelten Personenkreis noch einmal die Bedeutung des Verstorbenen und damit zugleich die seiner Familie nachdrücklich vor Augen zu führen.
Dies ist durchaus wörtlich zu nehmen: Für die Toten der Merowingerzeit wurden in der Regel keine oberirdischen Monumente errichtet, die die Erinnerung an sie dauerhaft wachgehalten hätten. Der Aufwand, der bei einer Bestattung betrieben wurde, war nur bei einer einzigen Gelegenheit, der Grablegung, sichtbar.

In großen Teilen Mittel- und Westeuropas hatte sich im Laufe des 5. und frühen 6. Jahrhunderts sukzessive ein relativ einheitlicher Grabritus durchgesetzt. Viele der sogenannten Reihengräber wurden geradezu verschwenderisch mit Beigaben ausgestattet. Über mehrere Generationen hinweg beteiligte sich jeweils ein großer Teil der Bevölkerung daran, diesen kostspieligen gesellschaftlichen Mechanismus fortzuführen. Kostbare Waffen und Schmuck aus Edelmetall finden sich zwar nicht in jedem Grab. Sie sind aber keineswegs seltene Ausnahmen, wie ein Besuch in fast jeder beliebigen Frühmittelalterabteilung der archäologischen Museen unserer Breiten bestätigen wird.

Aus der Masse gut ausgestatteter Bestattungen des frühen Mittelalters ragt eine Spitzengruppe besonders reicher Bestattungen heraus, die unter dem Begriff »Fürstengräber« zusammengefaßt werden. Die Fürstengräber des frühen Mittelalters zeichnen sich dadurch aus, daß sie zwar einerseits durch viele gemeinsame Züge in engem Zusammenhang mit der Bestattungssitte der übrigen Bevölkerung stehen. Andererseits gleichen sich die Fürstengräber in den verschiedenen Teilen Europas in vielen Details, die sie von den übrigen Bestattungen deutlich abheben.

Eines von ihnen, das Fürstengrab von Krefeld-Gellep, soll im folgenden kurz vorgestellt werden. Das Gräberfeld von Gellep, einem Vorort von Krefeld, ist einer der bedeutendsten Fundorte der Spätantike und des frühen Mittelalters in Europa. Mehr als 6000 Bestattungen aus der Zeit zwischen dem ersten und dem achten Jahrhundert nach Christus wurden bislang zu Tage gefördert. Höhepunkt der langen und ertragreichen Forschungstätigkeit, die seit 1934 bis heute nahezu ununterbrochen andauert, war im Herbst 1962 die Entdeckung des ungestörten Grabes 1782. Durch seine zahlreichen kostbaren und äußerst qualitätvollen Beigaben zählt es zu den reichsten Grabfunden der Merowingerzeit in Europa.

Bei dem Toten von Grab 1782 dürfte es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um einen Mann gehandelt haben, obwohl dies im strengen Sinne nicht zu beweisen ist, da sich im kalkarmen Krefelder Boden keinerlei Knochen erhalten haben. Die Erfahrung lehrt aber, daß die Auswahl der Grabbeigaben im frühen Mittelalter in hohem Maße von dem Geschlecht der Bestatteten abhängig war. Und die sprechen im vorliegenden Fall eine deutliche Sprache. Wie viele seiner Zeitgenossen erscheint auch der »Fürst« von Gellep in seinem Grab als Krieger, was freilich nicht seinem tatsächlichen Lebenswandel entsprochen haben muß. Neben dem zweischneidigen Schwert, der Spatha, und dem einseitigen Hiebschwert, dem Sax, vervollständigten ein Schild, eine Lanze sowie eine Wurfaxt, die sogenannte francisca, seine Ausrüstung. Diese Waffen stellten die übliche Ausstattung eines wohlhabenden Kriegers der Merowingerzeit dar. Allerdings sind sie im Fürstengrab mit aufwendigen Beschlägen aus Gold und Halbedelsteinen verziert. Auch der Ango, eine Wurflanze mit langer, hier über eineinhalb Meter messender Eisenspitze, findet sich nur in besonders reichen Gräbern.

Viele weitere Details der Grabausstattung demonstrierten der Trauergemeinde den Reichtum und die Bedeutung des verstorbenen Fürsten und seiner Angehörigen. Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß sie von den Besuchern der Beerdigung aufmerksam zu Kenntnis genommen wurden und diese gebührend beeindruckt waren.
Gefäße gehören zu den häufigsten Beigaben in merowingerzeitlichen Gräbern. Während sie aber in gewöhnlichen Bestattungen aus Keramik oder Holz waren, konnten sich nur sehr wohlhabende Personen Bronzegeschirr und qualitätvolle Gläser leisten. Die Schnalle, die den Gürtel des Toten verschloß, ist zwar von einer einfachen und sehr weit verbreiteten Form. Im Gegensatz zu den üblicherweise aus Bronze hergestellten Stücken war sie aber aus massivem Gold. Zu den besonders auffälligen Stücken im Grab gehört auch der goldene, filigranverzierte Fingerring, mit dem eine antike Gemme gefaßt war.

Anhand dreier Beigaben läßt sich die Zugehörigkeit des Grabes 1782 zum Kreis der Fürstengräber des frühen Mittelalters besonders gut verdeutlichen. Das im Grab des Fürsten niedergelegte Reitzubehör - Beschläge des Zaumzeuges sowie die eines Sattels - sind in ihrer Ausführung einzigartig innerhalb des merowingerzeitlichen Kunsthandwerks. Eine besondere symbolische Bedeutung kam den beiden goldenen, ineinander gehängten Ringen zu, die am Knauf des Langschwertes befestigt waren. Dies belegen Darstellungen frühmittelalterlicher Schwertträger, wie auf der Schwertscheide von Gutenstein (bei Sigmaringen), bei denen sehr viel Wert darauf gelegt wurde, gerade dieses Detail in aller Deutlichkeit abzubilden (siehe Abb. oben). Ringpaare finden sind an Schwertern von etwa 80 Fundplätzen im Merowingerreich sowie in Italien, England und Skandinavien. Auch sie sind ein Kennzeichen herausgehobener Bestattungen.

Das Prunkstück des Fürstengrabes von Krefeld-Gellep schließlich ist der vergoldete Spangenhelm, dem bereits einmal die hierzulande nicht alltägliche Ehre zuteil wurde, eine Sonderbriefmarke der Deutschen Bundespost zu zieren. Ein solcher Helm bestand aus einem eisernen Reif auf dem Spangen und Platten aus Bronzeblech aufgenietet wurden. Die Außenseiten waren vergoldet und mit eingepunzten Ornamenten verziert. Innen war er mit Leder ausgekleidet und ursprünglich schützte ein nicht mehr erhaltenes eisernes Kettengeflecht den Nacken des Trägers. Mehr als dreißig derartige Helme wurden bislang an verschiedenen Fundorten zwischen Gotland und Nordafrika gefunden. Hergestellt wurden sie aber sehr wahrscheinlich im byzantischen Raum, wo sie ursprünglich zur Ausrüstung von Offizieren der oströmischen Armee gehörten.

War nun der Tote von Grab 1782 wirklich ein »Fürst« ? Die Problematik des Begriffs »Fürstengrab« wurde bereits in der Einleitung angesprochen. Trotz der vorhandenen Schriftquellen stehen wir auch im frühen Mittelalter bei der Interpretation der sogenannten »Fürstengräber« vor einigen Problemen. Zwar kennen wir im Falle von Krefeld-Gellep vielleicht sogar den Namen des Toten, vorausgesetzt eine (fehlerhafte) lateinische Inschrift auf der Bronzekanne des Fürstengrabes bezieht sich tatsächlich auf den Bestatteten: ARPVAR ERAT ELEX VNDIQUE PRE lautet der Spruch auf der Kanne, was etwa als "Arpvar war glücklich und überall hoch angesehen" zu übersetzen ist. Seine gesellschaftliche Stellung kann man dagegen nicht genau bezeichnen. Dies ist allerdings weniger ein archäologisches Problem. Schwierigkeiten bereitet vielmehr der Begriff des »Fürsten«. Der Ausdruck »Fürst« (furisto), beziehungsweise seine lateinische Entsprechung princeps bezeichnen im frühen Mittelalter keine klar umrissene gesellschaftlichen Position. Darüber hinaus änderte der Begriff im Laufe des Mittelalters seinen Inhalt. Wenn man ihn aber in seinem ursprünglichen, recht unspezifischen Sinne - etwa als »Erster«, »Vornehmster« oder »Höchster« - verwendet, so ist von archäologischer Seite dagegen grundsätzlich nichts einzuwenden. Die kostbaren Grabbeigaben sind denen des Grabes des Frankenkönigs Childerich fast ebenbürtig. Dies belegt hinreichend, daß es sich bei dem Toten von Grab 1782 und seiner Familie um Angehörige einer gesellschaftlichen Elite gehandelt hat, die über große Entfernungen hinweg miteinander in engem Kontakt stand.

Den Teilnehmern der Beerdigung des Toten von Grab 1782 wurde diese herausragende Position durch den Anblick des prunkvoll ausgestatteten Leichnams in seiner Grabgrube in aller Deutlichkeit vor Augen geführt. Das Begräbnis des »Fürsten« von Krefeld-Gellep war ein Ereignis, von dem man noch lange gesprochen haben dürfte.

Literatur

  • Pirling, R.: Römer und Franken am Niederrhein (Mainz 1986).
  • Pirling, R.: Krefeld-Gellep im Frühmittelalter. In: Die Franken - Wegbereiter Europas. Katalog zur Ausstellung der Reiss-Museums Mannheim, 1 (Mainz 1996) 261-265. [Dieses Buch bei Amazon.de bestellen]
  • Reallexikon der germanischen Altertumskunde, 10: Fürstengräber (Berlin 1998) 168-220, bes. 196ff.