Wie viel Staat braucht der Mensch?

Neue Erkenntnisse durch Analysen der Staatswerdung in Spätantike und Früher Neuzeit werden von Nachwuchsforschern auf einem internationaler Kongress an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften diskutiert.

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Hoch zur Roß - Kaiser Justinian als siegreicher Feldherr, begleitet von einem Engel
Hoch zur Roß - Kaiser Justinian als siegreicher Feldherr, begleitet von einem Engel. Die Elfenbeinschnitzerei, entstanden um das Jahr 530, zeigt symbolisch, wie eng das Verhältnis von Staat und Kirche bereits in der frühen Neuzeit war.

Die Institution "Staat" erscheint selbstverständlich. Schließlich ist sie allgegenwärtig: Arbeitsverhältnisse, Gesundheits- und Altersversorgung, Bildung und Ausbildung, Erziehung und Wissenschaft, selbst die intimsten familiären Beziehungen, das Verhältnis von Männern und Frauen, Eltern und Kindern sind heute von staatlichen Strukturen durchzogen und werden durch Vorgaben oft bis ins Detail geregelt. De facto jedoch erweist sich die Form einer staatlichen Organisation keinesfalls selbstverständlich - wie wäre es ansonsten möglich, von einem "mehr" oder "weniger" an Staat als Ziel politischen Handelns zu sprechen oder die Wiedererrichtung staatsfreier Zonen zu diskutieren? Wie ließen sich Phänomene wie die Verlagerung der Gesetzgebung und Rechtsprechung auf supra-staatliche Institutionen erklären, wie die Organisation von Kriegen durch Privatunternehmer, wenn "der Staat" eine gleichsam naturgegebene Größe wäre, deren Handlungsmaximen niemand entrinnen kann?

"Ein Vergleich von Spätantike und Früher Neuzeit unter der Fragestellung der 'Staatlichkeit' verspricht daher neue und weitergehende Erkenntnisse sowohl für die beiden Epochen als auch für die Frage nach dem Wesen des 'Staates' überhaupt und dem analytischen Nutzen dieser Kategorie. Diesen Vergleich hat die Tagung 'Staatlichkeit und Staatswerdung in Spätantike und Früher Neuzeit' zum Ziel, die vom 3. bis 5. April in Heidelberg in den Räumen der Akademie stattfindet und die Reihe der Konferenzen des wissenschaftlichen Nachwuchses an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften fortsetzt", so Dr. Sebastian Schmidt-Hofner. Konzipiert und organisiert wurde die Tagung von Prof. Dr. Peter Eich ("Kultur der Antike", Universität Potsdam), Dr. Sebastian Schmidt-Hofner (Seminar für Alte Geschichte, Universität Heidelberg) und Dr. Christian Wieland (Historisches Seminar, Universität Freiburg). In vier Sektionen zur institutionellen Entwicklung der jeweiligen Staaten, zum Verhältnis von Zentrum und Peripherie, zur Bedeutung der Religion und zur Formierung der Gesellschaften konfrontieren sechzehn junge Historikerinnen und Historiker aus Europa und den USA alt- und neuhistorische Forschungsansätze miteinander  und bringen sie dabei in einen spannungsreichen Dialog.

Die Auflösungserscheinungen des Staates in der Postmoderne schärfen das Bewusstsein dafür, dass es sich bei den Staatsgebilden europäischer und nordatlantischer Prägung um Produkte einer historischen Sonderentwicklung handelt, die nicht universell verallgemeinerbar und deshalb erklärungsbedürftig ist. Besondere Bedeutung in dieser Sonderentwicklung hatte die europäische Frühe Neuzeit (1500 - 1800) als diejenige Periode, in der sich der Prozess der Staatsbildung stark intensivierte und beschleunigte. Diese besondere Bedeutung ist von der Forschung aller relevanten Disziplinen auch immer wieder gewürdigt worden. Oftmals bleibt jedoch unbeachtet, dass sich ein vergleichbarer Prozess schon zuvor einmal in der europäischen Geschichte vollzogen hatte. Das politische System der römischen Kaiserzeit durchlief in der Spätantike (300-600) eine ähnliche Entwicklung: Auch hier lässt sich eine graduelle Ausweitung der hoheitlichen Regelungsansprüche feststellen, und auch hier ging dieser Prozess mit einem beständigen Ausbau der Staatsgewalt einher.

Kommentare (4)

  • Anna-Katahrina Kurrle
    Anna-Katahrina Kurrle
    am 07.04.2008
    :surprised:
    Warum erfährt man so spät von einem derartig interessant klingenden Kolloquium? Will man unter sich bleiben? Oder denkt man einfach nicht daran, dass andere Leute ihre Termine planen müssen?
  • Christoph Steinacker
    Christoph Steinacker
    am 08.04.2008
    Hallo,
    die Veranstaltung war nicht-öffentlich. Wir haben die Pressemitteilung auch erst wenige Tage vor Beginn der Veranstaltung erhalten.

    Christoph Steinacker
    Redaktion Archäologie Online
  • Anna-Katahrina Kurrle
    Anna-Katahrina Kurrle
    am 10.04.2008
    Gibt es dann die Vort#ge online oder werden sie in einem Buch zusammengestellt?
  • Christoph Steinacker
    Christoph Steinacker
    am 11.04.2008
    Davon ist mir bisher nichts bekannt. Evtl. wird dies zu einem späteren Zeitpunkt auf der Homepage bekanntgegeben:
    http://www.staatlichkeitskonferenz.uni-hd.de

    Christoph Steinacker
    Redaktion Archäologie Online

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