Nofretete – eine deutsch-französische Affäre

Eine von der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy von der TU Berlin aufgefundene und bislang unbekannte Akte führt zu den Wurzeln des Streites um die ägyptische Schönheit.

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Die Büste der Nofretete im Neuen Museum in Berlin (Foto: Philip Pikart; CC BY-SA 3.0)
Die Büste der Nofretete im Neuen Museum in Berlin (Foto: Philip Pikart; CC BY-SA 3.0)

Es ist noch nicht einmal ein Dreivierteljahr her, dass der damalige Generalsekretär der ägyptischen Altertümerverwaltung in Kairo Zahi Hawass zum wiederholten Male die Rückgabe der weltberühmten Nofretete an sein Land forderte. Und zum wiederholten Male wurde von deutscher Seite das Ansinnen abgewiesen. Nun hat Prof. Dr. Bénédicte Savoy, Kunsthistorikerin an der TU Berlin, einen Band vorgelegt, der bisher unbekannte historische Fakten und Hintergründe ans Licht bringt in diesem seit fast neunzig Jahren währenden Streit, ob den Deutschen oder den Ägyptern eine der schönsten Frauen der Welt gehört.

In „Nofretete. Eine deutsch-französische Affäre. 1912–1931", so der Titel des im Böhlau Verlag erschienenen Buches, legt Bénédicte Savoy die geschichtlichen Wurzeln des Streites frei. Diese fußen nach den Forschungen der Kunsthistorikerin in der deutsch-französischen Feindseligkeit während und nach dem 1. Weltkrieg. Savoy war vor zwei Jahren in den Pariser Archiven auf ein bislang unbekanntes Aktenkonvolut im Nachlass von Pierre Lacau gestoßen. Lacau leitete von 1914 bis 1936 die unter französischer Hoheit stehende Altertümerverwaltung in Kairo. Er war es, der 1925 als Erster die Deutschen aufforderte, Nofretete an den Nil zurückzubringen. Sein Motiv: ein tiefsitzender Hass auf die Deutschen, der so weit ging, dass er den Deutschen über Jahre die Erlaubnis für weitere Ausgrabungen in Ägypten verweigerte. Ohne die Rolle Lacaus sei nicht zu verstehen, so Savoy, warum die gleiche Behörde im Jahr 1913, allerdings unter der Leitung eines anderen Franzosen, offiziell die Ausfuhr der Büste nach Berlin erlaubt hatte, und warum dies zwölf Jahre später rückgängig gemacht werden sollte mit der fadenscheinigen Begründung, die französische Altertümerverwaltung sei von dem Ausgräber der Nofretete, dem deutschen Archäologen Ludwig Borchardt, über den wahren Wert des Gips- und Kalksteinkopfes getäuscht worden.

Aber Nofretete ist nicht nur Opfer der historischen Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich, sondern auch der Feindschaft zwischen Briten und Franzosen, wie Savoy anhand der Rivalitäten zwischen der französischen Altertümerverwaltung in Kairo und dem ansonsten unter britischer Militärverwaltung stehenden Ägypten zeigt.

All diese ausgeblendeten Aspekte führten dazu, so Bénédicte Savoy, „dass bis heute die Frage nach der (un)möglichen Rückgabe der Nofretete so emotional und sackgassenartig diskutiert wird". Das Buch versteht sich von daher als Beitrag zur historischen Transparenz und zur Versachlichung einer weitestgehend emotional geführten Diskussion. Entscheidend für Bénédicte Savoy ist jedoch die Frage nach der Verantwortung Europas im Umgang mit dem im 19. und 20. Jahrhundert erworbenen kulturellen Eigentum fremder Länder beziehungsweise der Restitution dieser Kulturgüter. Für Bénédicte Savoy ist dies eine der großen, zentralen Fragen des 21. Jahrhunderts.

Neben den drei historischen Kapiteln – Teilung der Amarna-Funde 1913, die Folgen des 1. Weltkrieges für die internationale Ägyptologie und die Rezeptionsgeschichte der Nofretete – ist das Kernstück des Buches eine kommentierte deutsch-französische Edition der bisher unberücksichtigten Akte „Tête de Nefertiti. 1925–1931" der französischen Altertümerverwaltung in Kairo. „Diese Dokumente führen die bisher unterschätzte französische Dimension des deutsch-ägyptischen Disputs um Nofretete eklatant vor Augen", schreibt Bénédicte Savoy in der Einleitung zu ihrem Buch.

 

Nofretete. Eine deutsch-französische Affäre 1912-1931

Bénédicte Savoy (Hg.)
Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2011
229 Seiten, zahlreiche Abbildungen
ISBN 978-3-412-20811-0

Kommentare (4)

  • Detlev Lazar
    Detlev Lazar
    am 20.08.2011
    Ich denke, dass ALLE altertümlichen Fundstücke aus Ägypten oder einem anderen Land, welche nicht offiziell von den entsprechenden Staatsregierungen Deutschland GESCHENKT wurden, zurück in das Ursprungsland gehören. Wer sind wir, dass wir anderen Völkern ihre Kultur stehlen wollen? Dieses angebliche Teilungsabkommen aus 1913, auf welches sich die Stiftung beruft, ist nicht das Papier wert, auf welchem sie steht. Ägypten stand damals politisch unter britischer und kulturell unter französicher Besatzung, konnte also gar nicht selbst(!) entscheiden! Ich unterstütze den Kampf von Zahl-Hawass um die Rückkehr ägyptischen Kulturgutes in sein Land eindeutig. Archäologen in den ersten 30 Jahren des 20. Jahrhunderts waren in erster Linie Grabräuber, darüber hinaus aufgrund damaliger Finanzlage gezwungen, ihren Finanziers die wertvollsten Fundstücke zur Verfügung zu stellen, damit sich die Grabungen auch - finanziell - lohnten.

    Heute ist es doch so, dass mit der uns zur Verfügung stehenden Technik leicht ein Abdruck der Büste der Nofretete erstellt werden könnte. Was also hindert uns bzw. die Stiftung, die Originalbüste an Ägypten zurückzugeben? Zumal diese Büste in erster Linie einen ideellen, keinen materiellen Wert hat. Es mag vielleicht ein paar Privatsammler geben, die für diese Büste viel Geld ausgeben würden. Die sind doch aber nicht ausschlaggebend. Diese Büste gehört - wie vieles Andere auch - zurück nach Ägypten. Sie ist Teil der ägyptischen Kultur. Und heute hat Ägypten von seiner eigenen Kultur ein anderes Verständnis als vor fast 100 Jahren. Ich darf in diesem Zusammenhang an den Streit zwischen Deutschland und der Sowjetunion über die Rückgabe des sog. Bernsteinzimmers erinnern. Warum sollte den Ägyptern nicht zustehen, was wir für uns in Anspruch nehmen? Wird hier mit zweierlei Maß gemessen, weil wir DEUTSCHE sind und die Ägypter nur ein weit unter uns stehendes Volk, dem man keinen adäquaten Umgang mit seiner Kultur zutraut? (Drittes Reich lässt grüßen!)

    Wer sind wir, dass wir uns über das Verlangen eines anderen Volkes nach seiner Kultur ein Urteil erlauben?

    Viele Grüße

    Detlev
  • Pierre Michel Bruley
    Pierre Michel Bruley
    am 21.08.2011
    Ich gebe zum Teil Detlev Lazar recht und zwar in den Teil wo er Landesfunde jeglicher Art im Fundlande bleiben sollte, auch gebe ich ihn recht wenn er sagt das von jeden archäologischen Fund ohne weiteres Kopien erstellt werden kann. Ich gebe ihn aber nicht Recht wenn solche streitigkeiten nur aus politischen Gründen geführt wird, dabei spielt es keine Rolle in welcher Zeit die Funde gemacht wurde und wie sie überlassen wurden.
    Leider gibt es Länder in denen Archäologische Funde an irgendwelche Reiche Leute veräußern werden und diese dann für die Allgemeinheit verloren sind, dabei habe ich nicht nur Privatleute im Kopf sondern auch Regierungen und Institutionen. Herr Lazar spricht hier nur die Deutschen an (?), wie sieht es aber aus mit anderen Ländern ? USA, GB oder das Papstarchiv. Bitte nicht immer einseitig denken.
    Die Geschichte unserer schönen Muttererde geht allen an, und jeder Bürger diese Erde hat das Recht auf geschichtliche Informationen, solange dies geschieht, hierin gebe ich widerum Herrn Lazar Recht, sollte Fundstücke in welcher Art auch immer im Fundlande bleibt und die (Erden-)Gemeinschaft sollten sich gegenseitigt unterstützen um diese zu erhalten.
    PMBruley
  • Eugen Dr. Scherer
    Eugen Dr. Scherer
    am 25.08.2011
    Das Bestreben der zumeist orientalischen Herkunftsländer, archäologisch bzw. künstlerisch bedeutsame und einmalige Funde zurück zu erhalten, ist verständlich. Doch gleichzeitig darf die Frage entgegengehalten werden, welches Schicksal zahlreiche Fundgegenstände und antike Gebäude genommen hätten, wären nicht europäische Experten im Kolonialzeitalter in diese Länder gekommen, die den Wert des Nachlasses der Antike erkannten. Es war nicht Griechenland, das seine Antike wieder aufleben ließ. In Ägypten zum Beispiel konnte im 19. Jahrhundert ein Franzose mit knapper Not einen mächtigen lokalen Politiker davon abhalten, die Cheopspyramide zu zerlegen und die Blöcke für einen Staudamm zu verwenden. Hätten die Behörden im Irak des 19. Jhdts. Babylon ausgegraben und Museen angelegt ? Gewiss haben diese Staaten mittlerweile aufgeholt und die Versäumnisse ihrer langen osmanischen Periode überwunden. Doch sollten Rückforderungen nicht die Tatsache überdecken, dass die Europäer es waren, die das nationale Erbe der Zurückfordernden gerettet haben. Abgesehen von der Frage, inwieweit die Nachfolgenationen der alten Völker noch Anspruch auf volle Identität mit ihren namensgebenden "Vorfahren" erheben können.
  • Detlev Lazar
    Detlev Lazar
    am 11.02.2013
    Hallo,

    die Reaktion der Herren Bruley und Dr. Scherer auf meinen Beitrag sind doch sehr interessant.

    Zu Herrn Bruley:

    Als Deutscher kann ich nur die Deutschen ansprechen - mit dem Denken und Verhalten anderer Länder in dieser Frage (z. B. Frankreich oder Großbritannien) habe ich mich bisher nicht beschäftigt und kann daher dazu nichts sagen. Allerdings ist bei uns in Deutschland die Frage der Rückgabe von Kulturgütern aus anderen Ländern nicht erst seit "Gestern" aktuell - diese Frage wurde bereits in den 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts diskutiert, als ich noch Student war.

    Wir (die Deutschen respektive unsere verantwortlichen Kulturschaffenden und Museumsleute) verlangen von Russland (ehemals Sovietunion) die Rückgabe des Bernsteinzimmers. Dieses ist nach meinen Informationen noch z. T. in der Orangerie des Schlosses in St. Petersburg erhalten. Wir (die Deutschen) pochen auf die Rückgabe! Wo ist der Unterschied zur Büste der Nofretete???

    Ich bin Jurist - und ich benutze den Ausspruch eines ehemaligen Baden-Würrtembergischen Ministerpräsidenten etwas abgewandelt: Was Recht ist, muss Recht bleiben! (Originalzitat: "Was damals Recht war, kann Heute nicht Unrecht sein." - darüber ist er gestürzt!) Heißt für mich: Wenn Deutschland die Rückgabe des Bernsteinzimmers von Russland fordert, dann muss es die Originalbüste der Nofretete (und andere ägyptische Fundstücke) an Ägypten zurückgeben! Zweierlei Maß gibt es in unserem deutschen Rechtssystem nicht! Wenn es also keinen (wie auch immer gearteten) Vertrag zwischen Ägypten und Deutschland gibt, wonach die Büste zu Recht bei uns ist, ist sie zurück zu geben!

    Und dies betrifft auch alle Kulturgüter anderer Länder, die derzeit in deutschen Museen aufbewahrt werden.

    Zu Herrn Dr. Scherer:

    Es ist nicht UNSERE Sache, darüber zu entscheiden, welche Maßnahme eine Regierung getroffen hätte, um ihr Kulturgut zu schützen.

    Tatsache ist, dass sich die Archäologen im Ägypten des 19./20. Jahrhunderts (überwiegend
    ) als Retter der Kultur ansahen - obwohl sie im Grunde nur Grabräuber waren!

    Der gute Wille ist zu akzeptieren - das Ergebnis nicht! Jeder Fund aus dieser Zeit ist an das jeweilige Herkunftsland (z. B. auch die Mongolei) zurück zu geben!

    Aus dem Beitrag von Herrn Dr. Scherer spricht die altbekannte Ideoligie: "Wenn WIR nicht gewesen wären - wer hätte dann die ganzen Kulturgüter gerettet???" Diese Fragestellung ist falsch! Richtig ist:"Was hätten wir Europäer tun können, um die beteiligten Regierungen dazu zu bewegen, ihre Kulturschätze zu bergen und zu hüten?"

    Beispiel: Grabfunde Tut-Anch-Amun - gehen als Wahnsinnsfunde um die Welt (teilweise in Replika, was dem Erlebnis keinen Abbruch tut; das englische Kaufhaus Harrod's in London hat seinerzeit dieser Ausstellung das Erdgeschoss gewidmet!). An diesem Beispiel kann man sehr gut erkennen, wie internationale Zusammen-arbeit funktionieren kann.

    MaW: Respekt ist jeder Kultur und jedem Anderssein zu zollen - ob man nun mag oder nicht! Und jeder Rassismus (und dieser spricht versteckt aus dem Beitrag von Herrn Dr. Scherer) ist abzulehnen.

    Viele Grüße

    Detlev

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