Neueste Ausgrabungsergebnisse von der mittelalterlichen Holzburg Niendorf

In Haldensleben haben Archäologen den vollständigen Grundriss einer hölzernen Befestigungsanlage aus der Zeit des »Sachsenaufstandes« gegen Heinrich IV. freigelegt. Außerdem fanden die Wissenschaftler Spuren einer Siedlung, die bis ins 9. Jh. zurück reicht - und frühmittelalterliche slawische Keramik. Dies lässt spannende Erkenntnisse zur Siedlungsgeschichte dieses Raumes erwarten.

 

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Mittelalterlicher Spielstein aus Horn
Mittelalterlicher Spielstein aus Horn. Foto: © LDA Halle

Seit Oktober 2009 führt das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt aus Anlass der Erweiterung des Geländes der Hermes Fulfilment GmbH in Haldensleben archäologische Ausgrabungen im Bereich der Wüstung Niendorf durch. Im November des vergangenen Jahres wurde der Öffentlichkeit hier erstmals ein spektakulärer Befund vorgestellt: die in einem Moorbereich an der Ohre bemerkenswert gut erhaltenen Überreste einer mittelalterlichen Holzburg aus dem 11. Jahrhundert, die mit dem »Sachsenaufstand« gegen den salischen König Heinrich IV. in Verbindung gebracht werden konnte. Mittlerweile wurde die eindrucksvolle Befestigungsanlage auf dem etwa 5 Hektar großen Grabungsareal flächig freigelegt. Die Grabungen erbrachten außergewöhnliche Funde und Befunde, die insbesondere unser Bild von der Gestalt und Entwicklung der Festungsanlage bereichern.

Der nun komplett aufgedeckte Burggrundriss des 11. Jahrhunderts zeigt eine annähernd quadratische, kastellartige Holz-Erde-Befestigung mit einer Seitenlänge von ca. 35 m. Massive Eichenbohlen bzw. Viertelhölzer, die durch starke Holzpfosten gesichert waren, bildeten die Außenseite der Befestigungswälle. Dahinter befanden sich grob zurechtgehauene Eichenstämme. Diese Längshölzer waren im rechten Winkel mit Stämmen verkämmt, die als Ankerbalken in einem Erdwall saßen. Von der ursprünglich mehrere Meter hohen Wallkonstruktion haben sich die untersten Lagen aus 300 bis 400 Stämmen mit bis zu 0,6 m Durchmesser komplett erhalten. Im Westen der Anlage wurde ein nach innen versetztes Längsholz mit Ankerbalken freigelegt. Möglicherweise befand sich hier ein Befestigungsturm oder auch eine Toranlage. Genau gegenüber im Osten deutet eine dem Wall vorgelagerte Holzkonstruktion, die von einer Brücke stammen könnte, auf eine Zugangssituation. Die Funktion mächtiger Pfostenstellungen im Norden der Befestigung soll eine Erweiterung der Grabungsfläche klären.

Wahrscheinlich im 12. Jahrhundert wurde vor der hölzernen Wallfront eine etwa 1,7 m breite zweischalige Mauer aus in Kalkmörtel gesetzten Steinen errichtet. Das Fundament der Mauer ist durch sekundär verbaute Eichenhölzer verstärkt. Brandspuren an diesen Balken im nördlichen Bereich der Befestigung deuten darauf, dass das Aufgehende der älteren Holzburg einem Feuer zum Opfer gefallen ist. Auch das Steinmaterial der jüngeren Mauer zeigt im nördlichen Abschnitt Brandspuren. Wurde die Burg wiederholt gebrandschatzt? Hinweise auf die Gebäude der Burganlage gibt Versturzmaterial, das sich vor der Mauer im mutmaßlichen Bereich eines Befestigungsgrabens erhalten hat. Der romanische Sattelkämpfer eines Doppelbogenfensters könnte von einem steinernen Wohn- und Repräsentationsgebäude stammen. Herausragend sind in einmaliger Weise erhaltene hölzerne Konstruktionsteile von Dächern und Wänden. Große Bedeutung kommt einem zwischen dem Steinversturz der Burgmauer freigelegtes Pferdeskelett zu. Steht es mit der Eroberung oder Schleifung der Burg in Zusammenhang?

Die gehobene soziale Stellung der Burgbewohner spiegelt ein Spielstein aus Horn eindrucksvoll wider. Die Oberseite des flachen Steines ziert eine qualitätvolle Vogeldarstellung, die als Adler anzusprechen ist. Der Stein dürfte zu einem Brettspiel gehört haben. Großer Beleibtheit erfreuten sich im Hochmittelalter Trictrac (Backgammon) und Mühle.

Unmittelbar nordöstlich der Burg wurde auf einer Sandterrasse ein mittelalterliches Siedlungsareal mit einer Grabenanlage weiter untersucht. Ein seit dem Hochmittelalter deutlich angestiegener Grundwasserspiegel hat dazu geführt, dass sich auch von den Gebäuden dieser Siedlung, insbesondere von eingetieften Grubenhäusern, zahlreiche Hölzer erhalten haben. Erste dendrochronologische Untersuchungen zeigen, dass die Siedlung bis ins 9. Jahrhundert zurückreicht. Da die ältesten frühmittelalterlichen Keramikfunde dem slawischen Kulturkreis zugeordnet werden können, sind hier äußerst spannende Ergebnisse zur Siedlungsgeschichte der Grenzregion an der Ohre zu erwarten.

Bereits beim jetzigen Arbeitsstand lässt sich die mittelalterliche Siedlungsgeschichte im Bereich der Wüstung Niendorf in ihren Grundzügen deutlich erkennen und mit der schriftlichen Überlieferung in Übereinstimmung bringen: Ende des 11. Jahrhunderts wurde neben einer dörflichen Siedlung eine Burganlage in Holz-Erde-Bauweise errichtet. Das dendrochronologisch nachgewiesene Fälldatum von Eichenbalken der Burg in den Wintern 1076 und 1077 lässt deutlich einen Zusammenhang mit dem »Sachsenkrieg« erkennen. Dieser bezeichnet die Auseinandersetzung des salischen Königshauses mit den aufbegehrenden Sachsen. 1076 – Heinrich IV. befindet sich auf dem Gang nach Canossa – flieht Herzogin Gertrud von Haldensleben aus der salischen Gefangenschaft, in der sie sich seit der Niederlage in der Schlacht an der Unstrut im Jahr 1075 befand. Als eine führende Persönlichkeit war sie dort mit den aufständischen Sachsen von König Heinrich IV. geschlagen worden. Mit ihrem Enkel Lothar von Süpplingenburg, der 1125 die deutsche Königswürde erlangt, und den noch aufbegehrenden sächsischen Fürsten verschanzt sie sich anschließend wohl im Haldenslebener Raum.

Ins 12. Jahrhundert, die Zeit, als eine Burg Niendorf erstmals direkt in der urkundlichen Überlieferung auftaucht, ist die Steinbauphase der jetzt freigelegten Burg zu setzen. Der Magdeburger Erzbischof Wichmann von Seedorf soll im Jahr 1167 die dem Welfen Heinrich dem Löwen gehörenden Burgen Niendorf und (Alt-)Haldensleben belagert und zerstört haben. Der Haldenslebener Raum stellte im 12. Jahrhundert einen welfischen Brückenkopf in das Elbgebiet dar, an den die Welfen aus dem Erbe des erloschenen Haldenslebener Grafengeschlechts über Lothar von Süpplingenburg gelangt waren. In dem Ringen zwischen dem welfischen Herzog Heinrich dem Löwen und dem Staufer Friedrich Barbarossa um die Vorherrschaft im deutschen Reich stand der Magdeburger Erzbischof auf Seiten des Stauferkönigs. Nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen konnte Wichmann im Jahr 1181 auch die von Heinrich dem Löwen in der Ohreniederung planmäßig angelegte Marktsiedlung Neuhaldensleben durch Aufstauen der Ohre einnehmen und zerstören. Die Bewohner Neuhaldenslebens sollen daraufhin nach Niendorf übergesiedelt sein. Für einige Jahrzehnte erlangte die ca. 35 ha große, mit einer Wall-Graben Befestigung versehene Siedlung so frühstädtischen Charakter. Die im vergangenen Jahr großflächig dokumentierten Siedlungsbefunde des ausgehenden 12. und 13. Jahrhunderts sind von außergewöhnlicher Bedeutung für die Erforschung der mitteleuropäischen Stadtgründungsepoche des ausgehenden Hochmittelalters.

Das Hauptaugenmerk der weiteren Untersuchungen dieses Jahres, die voraussichtlich noch bis Ende Oktober 2011 laufen werden, gilt jedoch der spektakulären hochmittelalterlichen Holzburg aus der Zeit des Sachsenaufstandes sowie den unmittelbar angrenzenden Arealen. Die Untersuchung dieser einzigartigen Feuchtbodenfundstelle erfolgt unter fortlaufender Einbeziehung der Naturwissenschaften, von der Archäobotanik über die Bodenkunde bis zur Geophysik. Schon jetzt ist abzusehen, dass die wissenschaftliche Auswertung hervorragende Ergebnisse zur Siedlungsgeschichte der Region, zu den historischen Ereignissen am Ende der Salierherrschaft und zum hochmittelalterlichen Burgenbau erbringen wird.

Luftbild der Holzkonstruktion
Luftbild der Holzkonstruktion im Westen der Anlage (Turm- oder Torbereich?) und der Steinmauer der 2. Bauphase (Detail). Foto: Klaus Bentele, © LDA Halle
Hölzernes Konstruktionselement eines Dachstuhls in situ.
Hölzernes Konstruktionselement eines Dachstuhls in situ. Foto: Klaus Bentele, © LDA Halle

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