Mehr als 140 Jahre alte Papier-Abklatsche antiker Inschriften online einsehbar

Rund 250 antike Inschriften aus Mittel- und Norditalien können ab sofort online auf der Plattform museum-online.de abgerufen werden. Es handelt sich dabei allerdings nicht um Fotos der originalen Inschriften oder Textversionen. Vielmehr handelt es sich um detaillierte Digitalfotos von Papier-Abklatschen dieser Inschriften, die Forschende im 19. Jahrhundert anfertigten.

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Abklatsch der Grabinschrift
Abklatsch der römischen Grabinschrift CIL XI 1482 = Inscr. It. VII 1, 55 aus Arezzo (Etrurien), der jetzt im Archiv der BBAW liegt.

"Diese Abklatsche interessieren uns nicht in erster Linie als Kopie der jeweiligen antiken Inschrift. Sie sind vielmehr selbst Träger und Mittler von Wissen. Sie verraten uns, wie Gelehrte vor mehr als 100 Jahren Wissen über die Antike schufen", erklärt die Neulateinische Philologin Elisabeth Schwab vom Institut für Klassische Altertumskunde der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Die mehr als 100 Jahre alten Papier-Abklatsche liegen im Archiv des "Corpus Inscriptionum Latinarum" (CIL) in der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW). Das CIL ist ein Großprojekt, das der in Garding (Schleswig-Holstein) geborene Althistoriker und Literaturnobelpreisträger Theodor Mommsen (1817-1903) Mitte des 19. Jahrhunderts ins Leben gerufen hat. Ziel war und ist, alle bekannten antiken lateinischen Inschriften zu erfassen und zu veröffentlichen – eine enorme Aufgabe, die aktuell im Rahmen der BBAW fortgesetzt wird.

Ein gemeinsames Projekt der BBAW und des Exzellenzclusters ROOTS an der CAU hat sich nun mit der Frage beschäftigt, wie Wissen im Zuge der Arbeit am CIL generiert, ausgetauscht, dokumentiert und archiviert wurde. Als Fallbeispiel wählten die Beteiligten den 11. Band, der hauptsächlich von dem Althistoriker Eugen Bormann (1842-1917) erstellt und 1888 veröffentlicht wurde. "Wie hat Bormann die Daten gesammelt? Wie hat er sie für seine Artikel aufbereitet? Die Antworten auf diese Fragen liegen im Archivmaterial, insbesondere in den Abklatschen. Sie wurden direkt am Fundort einer Inschrift erstellt und sind jetzt in der Arbeitsstelle des CIL in Berlin archiviert", erklärt Elisabeth Schwab, die auf Kieler Seite für das Projekt verantwortlich war.

Die hoch auflösenden Fotos der Abklatsche ermöglichen ganz neue Einblicke in die Arbeitsweise der Altertumsforschung um 1900. Gleichzeitig sind sie Grundlage für weitere Untersuchungen, ohne hierfür nach Berlin reisen zu müssen und die originalen Abklatsche über Gebühr zu belasten. "Dieses Projekt geht den Ursprüngen von Big Science in den Geisteswissenschaften nach. Wir laden alle Menschen, die sich dafür interessieren, ein, sich online selbst Bild von der Arbeitsweise unserer Vorgänger zu machen", sagt Elisabeth Schwab.