König Heinrich I. und der ›Schädelkult‹ der SS. Neue Studie erhellt dunkles Kapitel der Archäologie

1936 entwickelten Heinrich Himmler und die SS Pläne, die St.-Servatii-Kirche zu Quedlinburg in eine nationale Weihestätte umzugestalten. Im Zentrum sollten die Gebeine des Königs Heinrich I. stehen, den man als ideologischen Vorläufer des NS-Regimes präsentieren wollte. In der Folge angestellte Ausgrabungen führten zur angeblichen Entdeckung der sterblichen Überreste des Königs. Der Grabungsbericht galt allerdings lange Zeit als verschollen. Eine neue Studie gibt nun Antworten zu den offenen Fragen.

Nachrichten durchblättern
SS-Sarkophag für den vermeintlichen Schädel König Heinrichs I.
Der SS-Sarkophag für den vermeintlichen Schädel König Heinrichs I. bei der Öffnung im Jahr 1948. Zu erkennen ist die ausgearbeitete Kopfnische nach mittelalterlichem Vorbild. Foto: Heinz Kittel © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (Ortsaktenarchiv)

Heinrich I. aus dem Geschlecht der Liudolfinger, geboren um 876 und verstorben am 2. Juli 936 in der Pfalz Memleben, war ab 912 Herzog von Sachsen und von 919 bis 936 König des ostfränkischen Reiches. Heinrich nutzte die Schwäche des karolingischen Königtums, um sich nicht zuletzt durch geschickte Heiratspolitik in Sachsen eine eigene Machtbasis aufzubauen. Nach Außen konnte er seine Macht durch einen Sieg gegen die Ungarn, die seit dem späten 9. Jahrhundert nach Mitteleuropa vorstießen, in der Schlacht bei Riade (933) sichern. Nach seinem Tod wurde das Reich nicht mehr in karolingischer Sitte geteilt, sondern ging an seinen ältesten Sohn aus zweiter Ehe, Otto, über.

Im Jahr 1936 entwickelten Heinrich Himmler und die SS Pläne, die St.-Servatii-Kirche zu Quedlinburg in eine nationale Weihestätte umzugestalten. Im Zentrum sollten die Gebeine des Königs Heinrich I. stehen, den man als ideologischen Vorläufer des NS-Regimes präsentieren wollte. Heinrich I. bot sich aus Sicht der Nationalsozialisten hierfür besonders an. Er galt ihnen als Begründer des Deutschen Reichs, seine Kriegszüge gegen die Slawen im Osten wurden für die eigene ›Blut und Boden‹-Ideologie ebenso vereinnahmt wie eine angebliche germanische und kirchenfeindlichen Haltung. In der neueren Forschung wird die Entstehung des Römisch-Deutschen Reichs als langwieriger und komplexer Prozess gesehen, Heinrichs Agieren galt, ganz ideologiefrei, in erster Linie der Sicherung seiner Herrschaft.

Zur Ausgestaltung der Propagandaaktion wurden die sterblichen Überreste des Herrschers benötigt – erste Nachforschungen an seinem Bestattungsort verliefen jedoch ergebnislos, so dass die aufwendig inszenierte Feier zum 1000. Todestag Heinrichs im Juli 1936 ohne diese Erfolgsmeldung auskommen musste. Erst ein Jahr später wurde nach Ausgrabungen in St.-Servatii verkündet, dass die sterblichen Überreste des Königs gefunden worden waren. Der Grabungsbericht galt allerdings lange Zeit als verschollen, so dass sogar Zweifel bestanden, ob die Grabung überhaupt stattgefunden hatte.

Im Bundesarchiv werden ein Manuskript und Rohdruckfassungen zu den Ausgrabungen aufbewahrt, die der von Himmler beauftragte Ausgräber Rolf Höhne unter Beteiligung seines engsten Mitarbeiters Karl Schirwitz verfasst hat. Sie wurden in der Forschung bislang faktisch nicht berücksichtigt. Eine neue Studie, die vor Kurzem in der ›Jahresschrift für Mitteldeutsche Vorgeschichte‹ erschien, gibt nun Antworten zu den offenen Fragen.

Das Grab, das von der SS mit dem König in Verbindung gebracht wurde, liegt im nördlichen Teil der Krypta der St.-Servatii-Kirche zu Quedlinburg. Das Hauptaugenmerk galt dem fragmentierten Schädel aus dem Grab. Er wurde von August Hirt, einem Professor für Anatomie aus Greifswald und späteren Medizinverbrecher eingehend untersucht. Hirt unternahm Abformungen und Schädelbemaßungen, die als wissenschaftliche Methode ausgegeben wurden, um den Rassenwahn zu rechtfertigen. Hirt stellte dann auch einen Schädel von angeblich »überwiegend nordischem Gepräge« fest. Weiterhin konstatierte er ein greises Alter, war sich bei der Einschätzung des biologischen Geschlechts aber nicht sicher. Im Zusammenspiel mit der Nadel und der Kopfbedeckung reichte Höhne der Befund aus, um den Schädel, als den von König Heinrich I. zu verkaufen.

Die nunmehr vorliegende Dokumentation erlaubt eine Neubewertung des Grabes. So gehören das Textil, das Leder und die Ösenringe, die sich an der Stirn einfanden, zu einer Totenhaube. Bei der Nadel handelt es sich um eine Stecknadel. Das Holzbrett zeugt von einem Totenbrett oder Holzsarg. Alle diese Elemente sind Bestandteile der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Sepulkralkultur. Totenhauben finden sich bei Erwachsenen insbesondere in Gräbern von Frauen. Schließlich weisen die auf den Fotos erkennbaren und über die angegebenen Maße erschließbaren anthropologischen Merkmale auf ein weibliches Individuum hin. Da bis in das Jahr 1878 die Grabplatte der Stiftspröpstin Anna von Tautenburg († 1533) über dem Grab lag, ist es naheliegend, sie mit dem Schädel in Verbindung zu bringen. Absolute Sicherheit darüber lässt sich allerdings nur durch eine Nachgrabung und eine aDNA-Analyse erzielen. Insgesamt sprechen aber alle Indizien dafür, dass Himmler die sterblichen Überreste einer Stiftsdame zum Mittelpunkt seines ›Schädelkultes‹ bei den König-Heinrich-Feiern inszenieren ließ. 

Publikation

Donat Wehner/Andreas Stahl/Jörg Orschiedt

König Heinrich I. († 2. Juli 936) und der »Schädelkult« der SS

Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte. 2026
DOI: 10.11588/jsmv.2026.2.116367