Ex oriente agricolae

DNA-Analysen belegen Herkunft der frühen Bauern in Mitteleuropa aus dem Nahen Osten

Internationale Forschergruppe veröffentlicht Ergebnisse einer Studie zur Struktur und Dynamik populationsgenetisch wirksamer Prozesse während der Jungsteinzeit (7.500-4.100 Jahre vor heute) in Mitteldeutschland.

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Genetische Verwandschaftskarte
Nähe der genetischen Verwandschaft zwischen heutigen Europäern und den Menschen der Jungsteinzeit. Je dunkler das Grün, desto näher die matrilineare Verwandtschaft. Grundlage der Kartierung bildet der Vergleich von 42 aDNA-Proben aus der linienbandkeramischen Zeit und 55 rezenten DNA-Proben. Abbildung doi:10.1371/journal.pbio.1000536.g003

Kein Epochenwechsel hat die Geschichte der Menschheit ähnlich fundamental beeinflusst wie die sogenannte Neolithische Revolution. Der kulturelle Wandel von der aneignenden zur produzierenden Wirtschaftsweise und Sesshaftigkeit vollzog sich vor etwa 11.000 Jahren im Vorderen Orient und erreichte vor etwa 7.500 Jahren mit der bedeutendsten neolithischen Kultur, der Linienbandkeramik (LBK), Mitteleuropa. In kontroversen Hypothesen wird seit Langem die Verbreitung der bäuerlichen Lebensweise aus dem Fruchtbaren Halbmond nach Europa zu erklären versucht: durch Ideentransfer und Akkulturation oder aber durch unterschiedliche Formen von Infiltration fremder Bevölkerungsgruppen nach Mitteleuropa.

Als "neolithic package" importierten die Immigranten nicht nur neue Arten, wie zum Beispiel (Haus-)Rinder, und Kulturpflanzen wie Einkorn. Sie hinterließen durch Vermischung mit der hiesigen Bevölkerung zudem auch Spuren im Genpool Mitteleuropas. Diese sind in Form von allochthonen DNA-Markern (mtDNA- und Y-Chromosom-Lineages) bis heute nachweisbar.

Die vorliegende interdisziplinäre Studie, an der Wissenschaftler des Instituts für Anthropologie der Universität Mainz, des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie in Sachsen-Anhalt und des Centre for Ancient DNA der Universität von Adelaide und weitere Partner beteiligt sind, wertete Proben alter DNA (aDNA) einer Bestattungsgemeinschaft der frühneolithischen Fundstelle Derenburg-Meeresstieg II im Mittelelbe-Saale-Gebiet aus. Herausragendes Ergebnis der Studie ist der erstmalige molekulargenetische Nachweis, wonach das genetische Profil der frühen neolithischen Siedler aus Derenburg große Ähnlichkeit mit heute lebenden Populationen im Nahen Osten aufweist. Das bedeutet, dass zumindest in diesem Fall die ersten Bauern nach Mitteleuropa eingewandert sind und nicht die vorher hier ansässigen Jäger- und Sammlerpopulationen lediglich eine bäuerliche Lebensweise übernommen haben.

Die genetischen Signaturen erhärten auch Hinweise auf den Verlauf der Einwanderungsroute über Südosteuropa und das Karpatenbecken bis nach Mitteleuropa. Auf der Grundlage der gewonnenen Informationen lassen sich Besiedlungsvorgänge rekonstruieren, die maßgeblich die frühe europäische Geschichte mitbestimmt haben.

Über die unmittelbaren historischen Erkenntnisse hinaus enthalten die getroffenen Aussagen einen starken Gegenwartsbezug beim Blick auf die derzeit geführte Integrationsdebatte: "Out of Africa" markiert vor mehr als 2 Millionen Jahren den Beginn der Verbreitung der Gattung Homo über den gesamten Globus. Der Mensch ist von Natur aus ein Migrant und es steht außer Zweifel, dass Mobilität und Migration über alle Zeiten hinweg schon immer Teil unseres Verhaltens waren. Durch steigende Bevölkerungsdichten, zunehmende Hierarchisierung der Gesellschaft, einen stark reglementierten Zugang zu natürlichen Ressourcen, menschliche Eingriffe in die Natur und kriegerische Auseinandersetzungen verstärkten sich jedoch nach und nach der ökonomische und soziale Druck innerhalb und zwischen Gemeinschaften mit den bekannten Folgen.

Die emotional geführte Diskussion um Integration in Deutschland ließe sich entschärfen, wenn der Politik Instrumente zur Hand gegeben werden, die gemeinsamen Wurzeln von Einheimischen und Migranten deutlich zu machen. Unerwartet fällt der Archäometrie hier die Rolle zu, diese Sachverhalte zu veranschaulichen. Die größte ökonomische Umwälzung in der Menschheitsgeschichte – die Neolithische Revolution – hat ihren Ursprung in einer Region, die vermutlich die Heimat aller Europäer bildet und wurde in Migrationswellen nach außen getragen. Diese Erkenntnis kommt für die traditionelle Vorgeschichtsforschung nicht unerwartet; die naturwissenschaftlichen Belege dafür wurden in Kooperation zwischen Archäologie und Anthropologie allerdings gerade erst gewonnen.

Die Ergebnisse der Studie sind am 9. November 2010 unter dem Titel "Ancient DNA from European Early Neolithic Farmers Reveals Their Near Eastern Affinities" in der Fachzeitschrift PLoS Biology, Band 8, Ausgabe 11, veröffentlicht worden.

Kommentare (6)

  • Roland Benn
    Roland Benn
    am 11.11.2010
    "Herausragendes Ergebnis der Studie ist der erstmalige molekulargenetische Nachweis, wonach das genetische Profil der frühen neolithischen Siedler aus Derenburg große Ähnlichkeit mit heute lebenden Populationen im Nahen Osten aufweist. Das bedeutet, dass zumindest in diesem Fall die ersten Bauern nach Mitteleuropa eingewandert sind und nicht die vorher hier ansässigen Jäger- und Sammlerpopulationen lediglich eine bäuerliche Lebensweise übernommen haben"

    Wirklich? Das würde doch voraussetzen, dass die heutige Bevölkerung Zentralanatoliens genetisch die des frühen Neolithikums repräsentiert. Und das in einer Region, die seitdem von europäischen, vorderasiatischen und zentralasiatischen Völkern immer neu besiedelt wurde...
  • xaver195
    xaver195
    am 13.11.2010
    Man sollte sich mal fragen, warum die Migration so emotional geführt wird.
    Wanderungsbewegung sind eine immanente Eigenschaft der Menschen.
    Es geht nicht um die Migranten, sondern schlicht und einfach um eine
    Religion, die gleichzeitig auch eine
    (theokratische) Regierungsform ist.
    Dagegen habe ich etwas und nicht etwa gegen schwarz, gelb oder
    Religionen.
  • Marion Krämer/Maya Kiran
    Marion Krämer/Maya Kiran
    am 15.11.2010
    Unterstützt meine Vermutung und die wissenschaftliche Arbeit anderer (Pitman/Schwarzes Meer), dass der Auszug nach der "Türkei" und nach Europa um 5500 v. Chr. von Schwarzen Meer aus erfolgte, das damals gerade voll lief, als der nach der Eiszeit steigende Meeresspiegel die Bosporusschwelle überwand. Die heute überfluteten Ufer und der Kulturkreis des Schwarzen Meeres als Ausgangspunkt der neolithischen Revolution und der asiatisch-europäischen Sintflutlegenden. Würde schon passen.
    Die neuensten Forschungen zur Sprachentwicklung in Europa und Asien zeigen es deckungsgleich. Man muss nur mal die Scheuklappen vor den Augen wegnehmen und sich neueren Forschungsergebnissen im Zusammenhang öffnen.

  • Brak
    Brak
    am 15.12.2010
    "Die emotional geführte Diskussion um Integration in Deutschland ließe sich entschärfen, wenn der Politik Instrumente zur Hand gegeben werden, die gemeinsamen Wurzeln von Einheimischen und Migranten deutlich zu machen."

    Gutmensch-Wunschdenken! Als ob "gemeinsame Wurzeln" Interessenkonflikte entschärften. Ein gutes Beispiel, wozu es "gemeinsame Wurzeln" bringen, ist der Konflikt in nahen Osten. Wer ist denn mit "die Politik" gemeint?
  • Sepp Albrecht
    Sepp Albrecht
    am 17.12.2010
    Ich möchte Ihre These insoweit unterstützen, dass mit der "Sintflut" die den Bosperus übersprang, die Lebensgrundlage der Menschen gravierende Änderungen erfahren haben müssen. Der bislang als Süswassersee zu bezeichnende "Schwarze Meer" enthilt danach Brackwasser. Die Menschen die die katastrophe überlebt haben waren gezwungen ihr Aufenthalt an Flussmündungen zu verlagern, was die Neolithisierung z.B nach Mitteleuropa wesentlich beschleunigt haben dürfte.
  • Sepp Albrecht
    Sepp Albrecht
    am 05.02.2011
    Sie haben aus heutiger Sicht Recht, dass aus der Vermischung eingewanderter Bevölkerungsgruppen nicht der Beweis einer Umkehrung der Genpopulationen geführt werden kann. Dass wird auch in Zukunft nicht möglich sein. Nur müssen Sie bei ihrer Kritik beachten, dass die Vermischung der Bevölkerungsgruppen erst nach der neolithischen Revulution erfolgte.

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