Mitteleuropa wurde vor 7500 Jahren neu besiedelt

Eiszeitliche Jäger und Sammler sind nicht die Vorfahren der ersten sesshaften Ackerbauern. Die ersten Bauern Europas waren Einwanderer - vermutlich aus dem Karpatenbecken.

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Prähistorische Funde werden UV-bestrahlt
Prähistorische Funde werden UV-bestrahlt, um vor der weiteren Analyse oberflächliche DNA-Kontaminationen zu zerstören. © Joachim Burger

Die ersten Bauern Europas stammten nicht von den Jäger-Sammler-Gesellschaften ab, die unseren Kontinent seit dem Untergang der Neandertaler besiedelt hatten. Stattdessen sind die ersten Bauern vermutlich vor 7500 Jahren nach Mitteleuropa eingewandert. Zu diesen Ergebnissen kommt ein Forscherteam um den Mainzer Palaeogenetiker Joachim Burger durch die Analyse alter, aus Skelettknochen stammender DNA. "Wir nehmen an, dass die ersten Bauern aus dem Karpatenbecken nach Mitteleuropa eingewandert sind und die Haltung von Tieren und den Anbau von Nutzpflanzen mitgebracht haben", sagt Barbara Bramanti, Erstautorin einer Studie, die in der Onlineausgabe des Wissenschaftsmagazins Science erschienen ist. Damit steht auch fest, dass die ursprünglich in Europa beheimateten Jäger-Sammler-Gesellschaften nicht die Vorfahren der heutigen modernen Europäer sind, die eingewanderten Bauern allerdings auch nicht. "Nach dem Faktor, der die Herkunft der jetzigen Bevölkerung Europas erklären würde, suchen wir noch", teilt Burger mit.

Alte DNA aus archäologischen Skeletten sorgt immer wieder für ungeahnte Erkenntnisse über die Vorgeschichte des Menschen. Bereits im Jahr 2005 hatte Joachim Burger mit seiner Arbeitsgruppe nachgewiesen, dass die ersten Bauern Europas nicht die Vorfahren der heutigen Europäer sind. Eine überraschende Entdeckung, hatten die Urfarmer doch die Sesshaftigkeit und die ganze Lebensweise etabliert, die fortan für den Kontinent prägend sein sollte. In ihrer neuen Veröffentlichung vergleichen die Forscher nun die ersten Bauern Europas mit den letzten Jägern und Sammlern des Kontinents.

Vor 45.000 Jahren wurde Europa zum ersten Mal von sogenannten modernen Menschen besiedelt, die ursprünglich aus Afrika stammten und in Europa eine andere Menschenform, den Neandertaler, verdrängten. Vor 25.000 Jahren musste der anatomisch moderne Mensch den nach Mitteleuropa vordringenden Eismassen weichen und konnte das Gebiet erst vor 20.000 Jahren wieder besiedeln. Die Lebensweise dieser Ureinwohner blieb indes selbst bis in die Nacheiszeit hinein stets gleich und war auf das Sammeln von Früchten, Wurzeln und Nüssen beziehungsweise auf die Jagd ausgerichtet.

Aus Knochen von 22 Menschen dieser Jäger-Sammler-Gesellschaften hat das Mainzer Team die mitochondriale DNA sequenziert und zusammen mit Kollegen aus Großbritannien und Estland analysiert. Dabei fanden sie heraus, dass die ansässigen Jäger und Sammler nicht die Vorfahren der ersten Bauern sein konnten, dass also die Bauern eingewandert sein mussten. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Einwanderung vor 7500 Jahren ihren Anfang nahm", so Bramanti. "Und da die Computersimulationen die Diskontinuität zwischen beiden Gruppen zweifelsfrei nachgewiesen haben, bleibt aus Sicht der Archäologie eigentlich nur das Karpatenbecken als Ursprungsgebiet der Bauern."

Die Frage, ob Migranten die Sesshaftigkeit und das bäuerliche Leben nach Europa gebracht haben oder ob beheimatete Europäer lediglich die Idee dieses Lebensstils aus dem Nahen Osten, wo sie zum ersten Mal in Erscheinung trat, übernommen haben, beschäftigt die Wissenschaft bereits seit einem Jahrhundert. Gerade in den letzten Jahrzehnten setzte sich unter europäischen Altertumsforschern immer mehr die Ansicht durch, dass lokale Traditionen in Europa eine bedeutende Rolle spielen, die weitere Entwicklung also von den ursprünglichen Jäger-Sammler-Gesellschaften ausgegangen sei. Die neuen Ergebnisse revidieren diese Auffassung offenbar gründlich. "Auch wenn es sicherlich kulturelle Kontakte zwischen Jäger-Sammlern und Bauern gegeben hat, so entsteht doch mehr und mehr das Bild einer neolithischen Keimzelle in Südosteuropa. Von hier aus sollte die Geschichte unseres Kontinents in der Folge maßgeblich bestimmt werden", sagt Burger und fügt hinzu: "Doch möglicherweise ist dies nur ein Glied in einer Kette, die noch weiter zurückreicht, in das Ursprungsgebiet der bäuerlichen Sesshaftigkeit nach Anatolien und in den Nahen Osten."

 

Originalveröffentlichung:
Bramanti, B., Thomas, M.G., Haak, W., Unterlaender, M., Jores, P., Tambets, K., Antanaitis-Jacobs, I., Haidle, M.N., Jankauskas, R., Kind, C.-J. , Lueth, F., Terberger, T., Hiller, J., Matsumura, S., Forster, P., Burger J.
Genetic discontinuity between local hunter-gatherers and Central Europe's first farmers
Science Express, online publiziert 3. September 2009
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Abbildung, Tabellen zu Methoden und Probenmaterial (PDF)

Kommentare (6)

  • Michael Mallmann
    Michael Mallmann
    am 10.09.2009
    Es ist ja sehr lobenswert, dass über die DNA-Forschung immer mehr archäologische Kenntnisse gewonnen werden.
    Aber, dass der Neanderthaler durch den modernen Menschen verdrängt wurde, ist genauso wenig bewiesen, wie die out of Africa Theorie. Es ist allerdings richtig, dass der Neanderthaler durch den modernen Menschen ersetzt wurde.
  • Holger Riesch
    Holger Riesch
    am 10.09.2009
    Es tut mir leid, aber mir ist diese 'Migrations-und-Verdrängungs-oder-Bereicherungs-Forschung auf genetischer Grundlage' hochgradig verdächtig!
    Da scheint auf das Feld der Historie und Anthropologie eine "Schlacht" ausgeweitet zu werden, eine Prolematik, die im modernen Europa (1. Welt) auf der politischen Agenda steht, die viel diskutiert wird, zu der man aber keine schlüssigen Antworten findet.
    Nun, die Archäologie wird dieses Defizit ganz sicher nicht beseitigen und sollte sich hinsichtlich des Themas Migration auch nicht von politischen Ideologen vor den Karren spannen lassen.
  • Gerhard Teuschl
    Gerhard Teuschl
    am 15.10.2009
    Sehr geehrte Damen und Herren!
    Genetische Untersuchungen sind valide Befunde, wenn die Methodik sauber ist. Die Frage nach der Schlußfolgerung, die gezogen werden kann ist da schon schwieriger zu beantworten. Es gilt, die selbst präferierte Hypothese zu erkennen und sich der Falsifikation zu stellen und nicht nur beweisende Bedunde herzuziehen.
    Dennoch: größter Respekt vor dieser Untersuchung und der provokant interessanten Interpretation
  • Holger Riesch
    Holger Riesch
    am 20.10.2009
    Das ist aber reichlich verwirrend, so eine Anhäufung von Binsenweisheiten... Was genau ist denn nun Ihr Standpunkt?
  • Rüdiger Lutz
    Rüdiger Lutz
    am 12.12.2010
    Mir gefällt die Veröffentlichung sehr gut. Ich bin zwar kein Archäologe, aber ein Erforscher der prähistorischen Felsgravuren in der libyschen Sahara. Nach meinen Annahmen kommt das Neolithikum aus dem Zweistromland (Gübekli Tepe u.a.). Um 5000 v.Chr. stehen wandernde Neolithiker am Eisernen Tor (Levenski Vir). Gleichzeitig bringen Wanderhirten die Domestkation in die zentrale Sahara (Messak Sattafet).
  • Sergio Sergio
    Sergio Sergio
    am 28.04.2013
    dcber den Ansatz 1. P8=7 K4=5 2. P5+1 A5+4 3.P+=6 A6-5 4. P5+1 K5=6 gefolgt von keienm Matt nach 5. P5=4 C6+3 bin ich zune4chst auch nicht hinausgekommen. Dann aber der Lichblick, dass man auch durch die Mitte kann, stilecht unter Bauernopfer: 5. P5+1 K6-1 6. P6=5 A4-5 7. P5+1 K6+1. Dann noch der stille Zug 8. P7=6 und die Mattdrohung 9. P6=5 ist nicht mehr abzuwehren, so jedenfalls mein erster Gedanke. Allerdings stellt sich bei dieser Lf6sung die Frage, was die beiden Figuren oben rechts ffcr einen Zweck erffcllen? Und siehe da: 8.- H9+7 deckt das Matt, aber 9. P1=2 droht sofort wieder einzfcgig. Das kann man wiederum gerade noch mit 9.- C6=7 decken, aber jetzt entscheidet das zweite Bauernopfer: 10. P6=5 H7+5 11. P2=3 matt. Das ist, wenn es denn stimmt, ganz nett, auch weil es zeigt, welch Kraft selbst ein paar einfache Soldaten im gegnerischen Palast entfalten kf6nnen.

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