Ein 400-Quadratmeter-Zeitfenster zur Stadtentwicklung in Hamm

Spuren aus der Zeit der Stadtgründung, der ersten Häuser, einer verheerenden Brandkatastrophe und von bürgerlicher Wohnbebauung dokumentieren die wechselvolle Entwicklung der Stadt Hamm. Mit den Untersuchungen an der Königstraße 39, die jetzt beendet wurden, haben die Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) die Hammer Stadtgeschichte um einige Aspekte ergänzt.

Nachrichten durchblättern
Ausgrabung in Hamm
Die Ausgrabungsfläche aus der Luft: Viel Stadtgeschichte auf kleinem Raum. Foto: EggensteinExca

Die Archäologen machten Funde, die den individuellen Alltag der Menschen in der mittelalterlichen Stadt erhellen. Dazu gehört die Sohle eines Kinderschuhs ebenso wie die vielen Spinnwirtel für die Herstellung von Spinnfäden und Scherben der Gebrauchskeramik aus den Küchen und von den Speisetafeln. Dass ein Stück Stadtgeschichte ausgerechnet dort im Boden liegt, wo das größte Medienhaus in Hamm seinen Sitz hat und nun erweitern will, ist deshalb mehr als passend. »Hier treffen vergangene und gegenwärtige Geschichte an einem Ort aufeinander - das ist auch für uns als Archäologen ein spannender Zufall«, sagt der Leiter der Olper Außenstelle der LWL-Archäologie für Westfalen, Prof. Dr. Michael Baales.

Auf gerade einmal 400 Quadratmetern Fläche öffnete sich für die Archäologen ein Zeitfenster. So konnte das Grabungsteam einer Grabungsfirma zwei Meter mächtige Erdschichten freilegen, die weit zurück in die Vergangenheit der Stadt Hamm reichten. Im Boden zeichneten sich die Epochen der Moderne, der Frühen Neuzeit, des Spätmittelalters und der Zeit der Stadtgründung im 13. Jahrhundert deutlich ab. Zunächst legten die Archäologen die Überreste der jüngeren Bebauung frei, darunter auch die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Fundamente einer Knabenschule. Diese Bebauungsreste waren über den Bruchstein- und Backsteinmauern älterer bürgerlicher Wohnhäuser aus der Frühen Neuzeit errichtet worden, die seinerzeit auf zwei Parzellen an der Königstraße standen. Sogar Reste eines heute in 1,20 Metern Tiefe gelegenen ehemaligen Erdgeschosses und einer zweistufigen Treppe zu einem früheren Hinterhof sind dokumentiert worden. Für die Wasserversorgung sorgte damals ein aus Bruchstein gemauerter Brunnen.

Stadtbrand von 1288

Eine unter der frühneuzeitlichen Bebauung liegende, großflächige Brandschicht begeisterte die Archäologen besonders. Schließlich belegen Holzkohle und verziegelter Flechtwerklehm, dass hier ein komplettes Haus abgebrannt war. Unter der Brandschicht fanden sich dann auch die verkohlten Schwellbalken und Lehmestriche. »Anhand der Schwellbalken konnten wir die einstige Größe des vom Feuer vernichteten Hauses rekonstruieren«, erläutert Wolfram Essling-Wintzer Mittelalter- und Neuzeitexperte der LWL-Archäologie für Westfalen. Demnach war das Gebäude bei einer Breite von knapp zehn Metern rund 14,5 Meter lang und lag mit seiner Front an der heutigen Königstraße. Die während des Brandes auf den Fußboden gestürzten und nun geborgenen Keramikgefäße lassen sich gut datieren. Sie beweisen, dass der vernichtende Brand in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gewütet haben muss. Es liegt daher nahe, das Feuer mit dem für das Jahr 1288 archivalisch überlieferten Stadtbrand in Verbindung zu bringen.

Das Haus gehörte demnach zu den ersten Niederlassungen in diesem Areal. Damals wurde die Stadt, deren Kern nordwestlich am südlichen Lippeufer lag, in diesem Gebiet erweitert. Aus noch älterer Zeit vor oder kurz nach der Stadtgründung im Jahr 1226 stammt auch ein Bach, den die Archäologen in zwei Metern Tiefe unter dem abgebrannten Haus entdeckten. Er verlief in ostwestlicher Richtung und scheint das Pendant eines ehemals zwischen Brüder- und Oststraße verlaufenden Baches zu sein, der dank eines Stadtplanes von 1734 als »Duna(u)" überliefert ist. Diese Wasserläufe, die durchaus auch künstlich angelegt worden sein könnten, sind besonders interessant. Einerseits könnte es sich um natürliche Bachläufe handeln, die zur Wasserversorgung und Entsorgung genutzt wurden. Andererseits könnten sie aber auch Bestandteile einer frühen Befestigung der neuen Ansiedlung gewesen sein.

»Unter den Funden der Ausgrabung ist ein vollständig erhaltener Kugeltopf besonders interessant«, so Essling-Wintzer. In den Restaurierungswerkstätten der LWL-Archäologie für Westfalen in Münster werden die Fachleute jetzt die Füllung im Inneren des Topfes nach Hinweisen untersuchen, ob das Gefäß womöglich absichtlich an dieser Stelle in den Boden eingegraben wurde, beispielsweise als damals durchaus übliche Bauopfer. Die Restauratoren bearbeiten außerdem eine Klappwaage aus Buntmetall. Dabei handelt es sich um eine kleine Balkenwaage, die man zwecks einfacherer Handhabung und Transports zusammenklappen und in einem Stoff- oder Lederbeutel mit sich führen konnte. Diese Instrumente gehörten zur Ausstattung mittelalterlicher Händler. Das gut erhaltene Fundstück könnte darauf hindeuten, dass hier an der Königstraße Kaufleute lebten. »Auffällig ist auch, dass sich in der Erde keine Objekte erhalten haben, die auf ansässige Handwerker hinweisen«, ergänzt Grabungsleiter Dr. Georg Eggenstein.

Die neuen archäologischen Erkenntnisse untermauern das, was die Archäologen und Historiker bereits über die 1226 von Graf Adolf von Altena-Mark gegründete Stadt Hamm wissen. Sie wurde planmäßig mit drei Hauptstraßen und im rechten Winkel dazu gebauten Nebenstraßen angelegt. Zu einer dieser Hauptstraßen gehört auch die Königstraße, die zuvor Löhrstraße hieß und ihren neuen Namen von einem hier ansässigen Bürger erhalten haben soll. Es wurde nicht sofort die spätere Stadtfläche besiedelt. Im 13. Jahrhundert erfolgte vielmehr eine allmähliche Aufsiedlung. Erst Anfang des 14. Jahrhunderts wurde die Stadtmauer errichtet.

Ausgrabung in Hamm
Detailansicht der Ausgrabung inmitten der Hammer Innenstadt. Foto: EggensteinExca
Bronzewaage
Clevere Konstruktion: Eine Bronzewaage zum Einklappen für den mobilen Einsatz. Foto: LWL/Brentführer

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben