2,6 Mio. Euro für Archäologisches Verbundprojekt

Neuer Schwerpunkt Jungsteinzeit an der Kieler Uni

Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel koordiniert ein neues Forschungsprogramm zur Jungsteinzeit, das mit 2,6 Mio. Euro Fördergeldern der DFG ausgestattet ist und sich der "Monumentalität und frühen sozialen Differenzierung" widmet. Gemeinsam mit über zehn weiteren Forschungseinrichtungen untersuchen die Kieler Wissenschaftler über Fächergrenzen hinweg die Entstehung monumentaler Bauwerke in Norddeutschland.

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Frühe Monumentalität
Prof. Müller von der Universität Kiel erläutert die Ziele des Forschungsprojekts »Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung«

Das Forschungsprogramm läuft über sechs Jahre. Kooperationspartner sind das Deutsche Archäologische Institut, Archäologische Landesämter, Universitäten und andere Forschungseinrichtungen. Die Koordinierung der Aktivitäten obliegt Professor Johannes Müller vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Kieler Universität. Die stellvertretende Koordination wird von der Römisch-Germanischen-Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts durchgeführt. Aus der Zusammenarbeit von Universität, Forschungseinrichtung und Landesämtern ergibt sich eine vorbildliche Möglichkeit der Verknüpfung von Grundlagenforschung und Berufsfeld für die zahlreichen, im Rahmen des Programms tätigen Doktorandinnen und Doktoranden.

Universitätspräsident Professor Gerhard Fouquet zu dem neuen Programm: "Rund um die Graduiertenschule 'Human Development in Landscapes' entwickeln wir unseren an der Schnittstelle zwischen Geistes- und Naturwissenschaften angesiedelten Förderschwerpunkt 'Kulturelle Räume' weiter. In dieses Programm passt die DFG-Förderung zur Jungsteinzeit genau hinein. Wissenschaftler aus beiden Exzellenzclustern der Universität sind hier ebenfalls beteiligt, so dass die Vernetzung innerhalb der Universität und mit unseren Kooperationspartnern wieder ein Stück vorankommt."

Der Koordinator des DFG-Schwerpunktprogramms, Professor Johannes Müller, ist gespannt auf die Forschungsresultate: "Zu erwarten sind Erkenntnisse über den Beginn von gesellschaftlichen Prozessen, Bräuchen und Organisationsformen, die bis in die heutige Zeit für unsere Gesellschaft prägend sind. Der Übergang zu einer produzierenden, sesshaften Lebensweise stellt einen der markantesten Wendepunkte der Geschichte dar, vergleichbar vielleicht nur noch mit der Industrialisierung in der Neuzeit. Gerade in dieser Zeit werden die vielen Großsteingräber Norddeutschlands errichtet. Umso wichtiger, dass wir hier genau hinschauen."

Zum Hintergrund

Um 4000 v. Chr. nahmen die Menschen in Norddeutschland und Südskandinavien eine bäuerliche Lebensweise an. Sie hatten vorher von den reichen Wildvorkommen zu Land und zu Wasser gut leben können und so der Versuchung widerstanden, ihre aneignende Wirtschaftsweise zugunsten einer produzierenden Wirtschafts- und Lebensweise aufzugeben, wie sie ihre südlichen Nachbarn in Nordrhein-Westfalen, Hessen, sowie Teilen Niedersachsens und Brandenburgs schon bereits gut 1000 Jahre praktizierten.

Die Konsequenzen dieser zunächst wirtschaftlichen Veränderungen erstrecken sich auf alle Lebensbereiche der Menschen. Es entstand eine neue Gesellschaftsordnung inklusive Weltanschauung und Religion. Die Wahrnehmung der Natur und der Rolle des Menschen darin änderte sich grundlegend, als er begann die Landschaft aktiv zu formen und zu kontrollieren.

Sichtbares Zeichen dieser neuen Verhaltens- und Denkmuster sind monumentale Bauwerke, die die norddeutsche Landschaft zum Teil bis heute prägen. Am augenfälligsten sind dabei die Großstein- bzw. Megalithgräber, die bereits wenige Jahrhunderte nach der so genannten "Neolithisierung" zu Tausenden errichtet wurden. Sie wären heute noch augenfälliger, hätten sie nicht im 19. Jahrhundert in großer Zahl für die Fundamentierung zahlreicher Straßen und Alleen herhalten müssen.

Grundlage für diese Megalithgräber waren die unzähligen vom Eis hierher transportierten Findlinge, die die nacheiszeitliche Landschaft damals prägten. Im Zuge der Urbarmachung des Landes wurden diese Steine beiseite geräumt, bildeten so aber auch die Materialgrundlage für die Errichtung der Megalithgräber. Auf diese Weise wurde die Landschaft einerseits bereinigt, andererseits boten die Megalithgräber auch Landmarken, die zu einer neuen Ordnung und Strukturierung der Landschaft führten.

In dieser Zeit vollzog sich also eine Strukturierung von Landschaft und Gesellschaft in regionaler Hinsicht, gleichzeitig geschah aber auch eine innergesellschaftliche Differenzierung. Die Inbesitznahme und Bewirtschaftung von Land war eine nur gemeinschaftlich zu bewältigende Aufgabe, die einerseits bereits eine gewisse Spezialisierung von Tätigkeiten erforderte, aber auch eine Organisation und Delegierung von Aufgaben.

Weiterhin führte die Kontrolle über Land und menschliche Arbeitskraft sowie über daraus resultierende Überschüsse bald zu Reichtum, der auf unterschiedliche Weise zu verteilen war und so eine soziale Differenzierung der Gesellschaft beförderte. Eine solche ist in der Folgezeit über die Anlage von zentralen Siedlungs- und Kultplätzen sowie über Ausstattungsunterschiede in den Gräbern archäologisch fassbar.

Die Wissenschaftler des Schwerpunktprogramms wollen untersuchen, wie sich diese sozialen Veränderungen und das Aufkommen der beschriebenen monumentalen Bauten räumlich und zeitlich zueinander verhalten, welche wirtschaftlichen und natürlichen Voraussetzungen dafür vorlagen. Es muss geklärt werden, welche Tiere und Pflanzen gezüchtet wurden, wie stark in die Landschaft eingegriffen wurde und welche Rohmaterialien verwendet wurden.

Es muss untersucht werden, wie sich die räumliche Verteilung von archäologischen Monumenten, Siedlungshinterlassenschaften und weiteren Fundstücken darstellt, um überhaupt abschätzen zu können, wie viele Menschen in wie großen Gemeinschaften zusammenlebten, welche Organisationsformen sie ausbildeten, in welcher Weise diese Gruppen miteinander in Kontakt standen.

Hierfür ziehen die Forscher alle Register, die die neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen zur Verfügung stellen. An der Uni Kiel hat sich in den letzten Jahren ein exzellentes Netzwerk archäologisch arbeitender Prähistoriker, Historiker, Geographen, Soziologen, Zoologen, Botaniker, Anthropologen, Genetiker, Materialwissenschaftler, Isotopenforscher, Klimatologen, Bodenkundler, Geophysiker und Informatiker formiert, unter anderem im Rahmen der von der Exzellenzinitiative der Bundesregierung geförderten Graduiertenschule "Human Development in Landscapes".

In den kommenden sechs Jahren werden die Prähistoriker Grabungen in vielen Regionen Norddeutschlands durchführen und das archäologische Fundmaterial sichten. Anthropologen und Paläogenetiker werden Verwandtschaftsstrukturen von Menschen und Tieren rekonstruieren, Klimatologen und Bodenkundler die Entwicklung des Klimas nachzeichnen, Archäobotaniker den menschlichen Eingriff in die Natur und die Wirtschaftsweise beschreiben. Eine große Anzahl von Radiokarbondatierungen wird eine erheblich verbesserte zeitliche Auflösung erbringen, die Isotopenforscher sind darüber hinaus in der Lage, Ernährung von Menschen und Tieren zu untersuchen.

Die Möglichkeiten der Archäoinformatik, das heißt der EDV-gestützten Modellierung und Auswertung der archäologischen und naturwissenschaftlichen Daten erlauben es, die zu erwartenden enormen Datenmengen zusammenzuführen, zu ordnen und für die interessierenden Fragstellungen nutzbar zu machen. So lassen sich aus der interdisziplinären Herangehensweise die besten Ergebnisse gewinnen.

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