Die Casa del Menandro

Leben in einem pompejanischen Haus

von: Maja Bettina Bremen M.A.
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ItalienAntikeSiedlungArchitekturWirtschaft

Die römische Kleinstadt Pompeji wies zum Zeitpunkt ihres Unterganges 79 n. Chr. eine Besiedlungsgeschichte von etwa 700 Jahren auf, die zunächst von oskischer, samnitischer, griechischer und etruskischer Kultur geprägt wurde. Die letzten 250 Jahre vor ihrem Untergang sind historisch und archäologisch am besten zu fassen und lassen die meisten Aussagen zu Lebenswelt und Sozialgefüge zu. Von einem kleinen Besiedlungekern im Südwesten des Stadtgebietes ausgehend, wurde das Areal innerhalb des Stadtmauerrings nach und nach erschlossen. Die sukzessive Anlage des Straßensystems führte zu einer regelmäßigeren Einteilung des städtischen Raums in Bebauungsflächen, in denen von Straßen umschlossene Häusergevierte (insulae) entstanden. Die kulturellen Einflüsse der griechisch-hellenistischen Zivilisation wurden durch die Übernahme und Anlage charakteristischer Bauformen während dieser Umbauphase der Stadt im 2. Jh. v. Chr. sichtbar. Im öffentlichen Bereich entstanden die Theaterbauten und die Stabianer Thermen im privaten Bereich dagegen zeigt sich dieser Einfluss beispielsweise durch wachsenden Wohnkomfort in Form hauseigener Bäder und ausgedehnter Säulenhöfe.

Die Insula I 10 in Pompeji

Die im Süden der Innenstadt gelegene Insula I 10 beherbergte nach zahlreichen Grundstückszusammenlegungen und Überbauungen zwischen dem 3. Jh. v. Chr. und dem 1. Jh. n. Chr. sieben Wohnhäuser, von denen das zentral gelegene und mit Abstand prächtigste, die »Casa del Menandro« (Haus des Menander), allein im 1. Jh. n. Chr. fast zwei Drittel der Fläche einnahm (s. Abb. 1). Als einziges Anwesen des Straßengevierts grenzte es an alle vier Fassaden der Insula, die in den übrigen Bereichen kleinere Häuser, Wohn- und Gewerbeeinheiten enthielt. Eine fullonica (Walkerei), (I 10,6), zwei thermopolia (Garküchen), eine davon mit Gastraum im Inneren (I 10, 2.13) und kleinere Läden, teilweise mit separaten Mietwohnungen im Obergeschoß (I 10,5. 9.12) lassen vermuten, dass dem Besitzer der Casa del Menandro auch weiterer Grund gehörte, den er durch Verpachtung wirtschaftlich nutzte (s. Abb. 2).

Die Anlage von vermietbarem Wohn- und Geschäftsraum innerhalb der Insula unmittelbar neben dem herrschaftlichen Stadthaus zeigt beispielhaft die hierarchisch strukturierte enge Verzahnung von Leben und Wohnen verschiedener sozialer Schichten auf engstem Raum.

Das Haus des Menander

Den Kernbereich des herrschaftlichen Stadthauses bildet das um 250 v. Chr. erbaute Atrium mit den umliegenden Räumen. Ein Jahrhundert später wurde das damals noch bescheidene Haus modernisiert und mit architektonischen Dekorationen ausgestattet. Im 1. Jh. v. Chr. erhielt es mit dem weiträumigen Hof und den darum angeordneten, mit Wandmalereien und Mosaiken reich ausgestatteten Festsälen seine herrschaftliche Gestalt.

Außen mit einer schlichten Fassade versehen, beeindruckte das Haus im Inneren mit seinen gestaffelten und prächtig ausgeschmückten Räumen: dem Eingangskorridor, dem zentralen, nach oben offenen Atrium mit seinem marmorverkleidetem Wasserbecken in der Mitte und dem tablinum als einer der wichtigsten Repräsentationsräume, die dabei in einer Sichtachse liegen. Die asymetrisch dazu angelegten luxuriös ausgestatteten Speiseräume sind über das dahinter liegende säulenumstellte Peristyl zugänglich (s. Abb. 4). Sie liegen auf der Westseite des Anwesens und sind wiederum Pendant eines weiteren luxuriösen Wohnbereichs des Hausherrn: dem hauseigenen Badetrakt (balneum). Zum Zeitpunkt des Vulkanausbruchs befand es sich, wie weite Teile des Hauses, im Umbau und die Versorgungseinrichtungen wie Wasserleitungen oder Heizsystem waren nicht in Funktion.

Das balneum

Eine funktionale und zugleich repräsentative Einheit der domus bildet das balneum, das private Bad, das zu den größten Privatbädern in Pompeji gehört. Seine Räume zählen mit ihren qualitätvollen Mosaiken und Malereien zu den am aufwändigsten gestalteten Zimmern des Hauses. Vom peristylium aus betrat der Besucher durch einen separaten Eingang den in sich abgeschlossenen Badetrakt und gelangte zunächst in ein mit Säulen umstelltes, mosaiziertes Atrium. Durch ein apodyterium gelangte der Besucher anschließend in die eigentlichen Baderäume, das gemäßigt warme und trockene tepidarium sowie in das caldarium-frigidarium. Dieses beherbergte zwei Becken mit unterschiedlich warmen Wasser: ein bronzene Badewanne diente dem warmen Bad, ein Kaltwasserbecken auf schlankem hohen Fuß der Erfrischung.

Die Beheizung der Baderäume erfolgte nach einem wohldurchdachten technischen System: Ein großer Kuppelofen in der Kelleretage heizte neben dem dort gelegenen Brotbackofen über seine vier Schornsteine eine Hypocaustanlage, die den darüberliegenden Fußboden und die Wände des caldarium erwärmten. Eine im Bau befindliche Heizanlage in der Wand war zur Beheizung eines Warmwasserkessels vorgesehen, der heißes und kaltes Wasser in die bronzenen Wanne leiten sollte.
Ein laconicum mit einem zentral aufgestellten Kohlebecken und bot als Schwitzraum eine weitere Kuranwendung. Erreichbar war es durch das atriolum, ein kleines Atrium, das dem Badenden als Wandelgang zwischen den einzelnen Anwendungen Möglichkeit zur Erholung bot.

Dieses reich ausgestattete Privatbad spiegelt den gehobenen Lebensstandard und Status eines Besitzers wider, der, worauf die Wandmalereien schließen lassen, bereits in republikanischer Zeit (ab ca. 40 v. Chr.), die neusten technischen Innovationen im Rahmen seines privaten Anwesens umsetzen konnte.

Leben und Wirtschaften der Casa del Menadro

Zur Bewohnerschaft eines großen Haushalts, zur familia, gehörten neben der Kernfamilie des Hausherrn weitere Personen von unterschiedlichem rechtlichem Status wie Freigelassene, Sklaven sowie deren Familien. Die Tätigkeiten der meisten Haussklaven dienten der Versorgung, Repräsentation und dem Komfort ihres dominus und seinem unmittelbaren Umfeld. Während einige, wohl gering angesehene Sklaven schwere körperliche Aufgaben erfüllten wie die das Bewirtschaften des Bades oder des Stalles, fungierten andere als Lehrer, Assistenten, Rechnungsführer oder Ärzte. Letztere Gruppe genoss sicherlich eine engere und freundschaftlichere Beziehung zu ihrem Herrn und konnte sich in seinem Umkreis relativ frei bewegen.

m Westen hinter den Sälen des Empfangsbereiches befand sich im Erd- und Obergeschoss eine Vielzahl von einzelnen kleinen Räumen (cellae) die von einem Korridor erschlossen wurde. Für die Unterbringung dieser Sklaven, die im herrschaftlichen Leben stets präsent waren, lassen sich diese einfachen kleinen cellae annehmen, die hinter den luxuriösen Empfangssälen lagen und von diesen aus einzig durch lange dunkle Gänge erschlossen wurden. Zwei einfache Latrinen sowie eine schlichte Kochgelegenheit lassen sich diesem Bereich zuordnen, der ebenso wie der Hofbereich die Möglichkeiten der selbstständigen Versorgung bot.

Arbeits- und Wohnwelt, öffentlicher und privater Bereich waren im römischen Haus eng miteinander verknüpft. Hinter den repräsentativen Bereichen mit axialer Symmetrie und festgelegten Raumabfolgen sowie abseits des herrschaftlichen Wohnbereichs befanden sich weitere Areale der Bewirtschaftung dieser herrschaftlichen Räume. So lagen die beispielsweise die Ställe der Zugtiere, Esel oder Maultiere westlich des Hofes im südöstlichen Trakt des Hauses. Die hier eingesetzten Sklaven verrichteten sicherlich schwere körperliche Arbeit bei der Versorgung der Tiere und beim Be- und Entladen der Waren. Die breite Hofeinfahrt und der hier abgestellte Wagen, der sich als Abdruck in der Vulkanasche erhalten hat, belegen, dass größere Warenmengen hier angeliefert wurden.

Ein Stapel von 43 Amphoren, in erster Linie für Öl- und Wein, die im Hofbereich gefunden wurden, vermitteln einen Eindruck von der Art des Transportgutes. Die meisten Amphoren waren zum Zeitpunkt der Katastrophe jedoch leer und wohl zur Rücküberführung bestimmt. Dieser baulich abgegrenzte Bereich bot mit eigener Zisterne, einem kleinen Ofen, einer Latrine sowie Wohnraum im Obergeschoss gleichzeitig alle notwendigen Möglichkeiten einer eigenen Versorgung. Das Leben und Arbeiten der hier eingesetzten Sklaven fand vom repräsentativen Bereich des herrschaftlichen Hauses weitestgehend abgeschirmt statt.

Den Unterhalt dieser ausgedehnte domus mit aufwendiger Haushaltsführung und spezialisiertem Dienstpersonal konnte sich nur die römische Oberschicht leisten. Derartige gehobene Anwesen mit privater Badeanlage und außerordentlich großen Speisesälen und säulenumstellten Gärten dienten nicht nur als Wohnraum, sondern auch zur Repräsentation und als Versammlungsort der Klientel der Hausherren und deren Familien.

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Maja Bettina Bremen
Das »balneum« der Casa del Menandro, in: Harald Meller und Jens-Arne ­Dickmann (Hrsg.), Pompeji – Nola – Herculaneum – Katastrophen am Vesuv (München 2011) 237-245

Maja Bettina Bremen
Verborgene Welten – Arbeiten und Wirtschaften in der Casa del Menandro, in: Harald Meller und Jens-Arne ­Dickmann (Hrsg.), Pompeji – Nola – Herculaneum – Katastrophen am Vesuv (München 2011) 246-255

Jens-Arne Dickmann
Die Casa del Menandro und ihre Nachbarn, in: Harald Meller und Jens-Arne ­Dickmann (Hrsg.), Pompeji – Nola – Herculaneum – Katastrophen am Vesuv (München 2011), 206-214

Jens-Arne Dickmann
Pompeji. Archäologie und Geschichte (München 2005)

Pompeji - Nola - Herculaneum. Katastrophen am Vesuv
Begleitheft zur Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Halle/Saale 2011)


Weiterführende Links

Sie finden im Bereich Themen / Pompeji - Nola - Herculaneum in unserem Guide eine Zusammenstellung mehrere Links zum Thema.

Medien-Tipps

Weitere Buchtipps finden Sie in der Rubrik »Pompeji – Nola – Herculaneum« in der Bibliothek.