Wirkungsgeschichte und Rolle des Mythos Varusschlacht in der europäischen und deutschen Geschichte seit dem 15. Jh.

von: Klaus Kösters , Klaus Kösters
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WissenschaftsgeschichteNeuzeitGesellschaftKonflikte & Krisen

„Imperium – Konflikt – Mythos. 2000 Jahre Varusschlacht 2009“

Unter diesem Stichwort wird ein Ausstellungsgroßereignis das Jahr 2009 bestimmen und viele Besucher wieder einmal zu der alten und immer neu gestellten Frage führen, wo war denn eigentlich das Schlachtfeld? Die Funde in Kalkriese sind beeindruckend und dokumentieren ein Schlachtfeld aus der Zeit der römischen Germanenkriege, aber nichts ist so umstritten wie die eindeutige Zuordnung zu den Ereignissen von 9 n. Chr. Lässt man einmal die Frage nach dem tatsächlichen Schlachtfeld und die Debatte darum beiseite, scheint der Rest farblos zu werden, obwohl die eigentlich spannende Geschichte nicht so sehr das Ereignis, sondern viel mehr das ist, was man später daraus machte. Denn die Varusschlacht und ihr Protagonist Arminius wurden sehr schnell zu einem Mythos, der bis heute wirkmächtig geblieben ist.

Es lohnt sich, der wechselhaften Wirkungsgeschichte dieses Mythos einmal nachzugehen und aufzuzeigen, welche Rolle er seit der Wiederentdeckung des historischen Ereignisses im Humanismus des 15. und 16. Jahrhunderts in der deutschen und der europäischen Geschichte gespielt hat. Dieser Mythos ist eng verknüpft mit dem Bild, das man sich in Deutschland von den germanischen Vorfahren machte. Das Startereignis ist dabei die Wiederentdeckung der Germania des römischen Schriftstellers Tacitus in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Wie und auf welchen Wegen die karolingische Abschrift der Germania aus einem deutschen Kloster nach Italien gelangte, ist bis heute nicht ganz geklärt. Einer der ersten, der sie las, war der Humanist und Bischof Enea Silvio Piccolomini (1405-1464), der spätere Papst Pius II. Und er wusste sofort daraus politischen Gewinn zu ziehen. Damals wehrten sich die deutschen Stände gegenüber immer neuen Geldforderungen der römischen Kirche. Enea Silvio Piccolomini hielt dagegen und benutzte die gerade erst entdeckte Germania für seine Gegenargumente. Damals, so schrieb er, waren die Germanen primitiv und barbarisch. Dass die Deutschen in seiner Gegenwart wohlhabend und zivilisiert seien, verdankten sie allein der römischen Kirche.

Arminus wird zum „Deutschen“ Helden

Enea Silvio Piccolomini machte die deutschen Humanisten auf die Germania des tacitus aufmerksam. Durch Tacitus beglaubigt bekamen die Deutschen jetzt eine Ursprungsgeschichte. Jetzt konnte man wirksam dem italienischen Vorwurf begegnen, die Deutschen seien seit altersher Barbaren geblieben. Und jetzt war auch der Weg offen, die von Tacitus beschriebenen Tugenden als allzeit gültige deutsche Nationaleigenschaften zu bestimmen. Tacitus’ Aussagen von der deutschen Ureinwohnerschaft fielen auf fruchtbaren Boden. Für Heinrich Bebel (1472-1518) und andere Humanisten sind sich die Deutschen seit Alters her immer treu geblieben; keinem verderblichen Einfluss fremder Stämme und Völker ausgesetzt haben sie ihre Freiheit und Unabhängigkeit bewahrt.

Bebel war nicht der einzige, der die Tugenden, allen voran die Kriegstüchtigkeit der Germanen-Deutschen in höchsten Tönen lobte. Aber all diesen Lobpreisungen fehlte noch der held, auf den sich all die guten Eigenschaften projizieren ließen. Der wurde gefunden, als man 1509 die Annalen des Tacitus und 1515 die Römische Geschichte des Velleius Paterculus entdeckte. Beide führten Arminius als siegreichen Heerführer der Germanen in die Geschichte ein. Tacitus nannte ihn den „Befreier Germaniens“ und großen patriotischen Führer – ein Urteil ausgerechnet von einem römischen Schriftsteller, das keinen deutschen Humanisten ruhig lassen konnte. Sie bemühten sich, den Germanen zum ersten Helden der Deutschen und strahlenden Führer eines deutsch-germanischen Freiheitskampfes zu machen, der sich in der Gegenwart fortsetzt.

Den spektakulärsten Versuch einer Denkmalserhebung unternahm Ulrich von Hutten (1488-1523). 1520 verfasste er im Stil der Totengespräche des griechischen Dichters Lukian seinen Arminius Dialogus, wo er den Germanen zum Vorkämpfer der deutschen Freiheit machte, ein Vorbild im Kampf gegen die aktuellen Feinde der Deutschen: das Rom der Päpste.

Hutten gab den Takt vor, der die zukünftige Arminius-Rezeption begleiten wird: Der deutsche Freiheitsheld wird zur Allzweckwaffe, die man immer dann mobilisieren kann, wenn Deutschland in der Krise steckt, eine Art Nothelfer in deutscher bedrängnis. Die Einigung der germanischen Stämme im Kampf gegen Rom und vor allem der spektakuläre Sieg über die Römer ließen sich problemlos auf die aktuelle Situation und die gegenwärtigen Feinde der Deutschen übertragen. Das war im 16. Jahrhundert in den Augen vieler deutscher Patrioten und Reformatoren die römische Kirche, aber auch schon zunehmend Frankreich, das mit den Habsburger Kaisern im Dauerkonflikt stand.

Um politische Wirksamkeit zu erreichen, musste Arminius allerdings noch populärer werden. Das besorgten weitere Schriften, die ihn zum ersten deutschen Freiheits- und Siegeshelden beförderten, z. B. Bayrische Geschichte des Johannes Turmair, genannt Aventin (1477-1534). Oder das kleine Reimbüchlein des Burkhard Waldis (1490/95-1566/67), der Arminius in die reihe der mythischen deutschen Könige und Stammväter einreihte. Es fehlte nur noch die Namensgebung „Hermann“ in Luthers Tischreden, um aus Arminius den deutschen Helden „Hermann der Cherusker“ zu machen.

Arminius – Hermann, im 17. Jahrhundert international ein Held

Der Faszination des germanischen Heerführers und Freiheitskämpfers konnte sich in Deutschland kaum jemand entziehen. Arminius-Hermann wurde jetzt fest im Bestand der deutschen Helden verankert und in vielen Schriften immer wieder als kämpferisches Vorbild und Garant deutscher Freiheit und Unabhängigkeit gefeiert. Eine der aufwändigsten literarischen Bearbeitungen stammt von Daniel Caspar von Lohenstein (1635-1683). Auch sein „Großmüthiger Feldherr Arminius oder Herrman“ von 1689/90 war nicht frei von aktuellen Zeitbezügen und richtete sich gegen die französische Eroberungspolitik in Richtung Rheingrenze. Dabei geriet ihm sein Arminius-Roman zu einem Loblied der deutschen Tapferkeit und Tugenden, die alles, was bisher darüber geschrieben wurde, in den Schatten stellte: Keine Schlacht der Antike, so Lohenstein, konnte ohne die Mithilfe der kriegstüchtigen Deutschen gewonnen werden.

Lohenstein ließ sich in seinem monumentalen Romanwerk von französischen Autoren inspirieren, die zuvor schon den Arminius-Stoff frei nach Tacitus entdeckt hatten. Georges de Scudéry (1601-1667), verfasste 1642 sein Theaterstück Arminius oder die feindlichen Brüder. Im Mittelpunkt der Tragödie stehen eingebunden in eine Liebes- und Eifersuchtstragödie die alten Adelstugenden von mutiger Entschlossenheit, Großherzigkeit, Opferbereitschaft und der Suche nach der idealen Liebe, welche die Hauptpersonen verkörpern. Unpolitisch war diese Liebestragödie nicht, denn hinter den persönlichen Verwicklungen stand der Kampf um die (germanische) Freiheit – und das zu einer Zeit, als der französische Adel seine alten Freiheitsrechte gegenüber der sich immer absolutistischer gebärdenden französischen Monarchie verteidigte. Der gleiche politische Ton herrscht auch in dem Theaterstück Arminius, eine Tragödie von Jean Galbert de Campistron (1656-1723) von 1685 vor. Auch hier wird im gewand einer Liebestragödie der Kampf um die politische Freiheit der germanen als (leise) Kritik an den politischen Verhältnissen im Frankreich des alternden und immer selbstherrlicher regierenden Ludwigs XIV. vorgetragen. Campistrons Stück war aber vor allem eine Tragödie, welche die heroisch-adligen Tugenden seiner Protagonisten ganz im Verständnis des adligen Leitbildes feierte, des „honnête homme“. Sein Autor hatte damit so großen Erfolg, dass sein Theaterstück Vorlage für unzählige Opernlibretti wurde, die im 18. Jahrhundert den Arminius-Stoff in den Opernhäusern Europas bekannt machten. Biber, Scarlatti, Hasse, Händel und viele andere, unbekanntere Komponisten vertonten den Arminius-Stoff. Die im Stil der italienischen Oper umgeschriebene Handlung verzichtet fast vollständig auf irgendwelche politischen Inhalte und stellt oft in Form eines Liebesreigens verschiedene Paare vor, die um Arminius und seine Braut gruppiert sind. Da der Stoff aller „deutschen“ Interpretationen von nationalen Tugenden und althergebrachten germanischen Freiheiten entkleidet wurde, konnte er international Erfolg haben.

Die deutsche Reaktion ließ nicht lange auf sich warten, denn ein vollständig unpolitischer Arminius war nicht patriotisch genug. 1743 verfasste der deutsche Dichter Johann Elias Schlegel seine Tragödie  Herrmann. Es war der Versuch, ein deutsches Nationaldrama zu verfassen, weshalb das Stück mit einem Preisgesang auf die alten deutschen Tugenden frei nach Tacitus beginnt. In Schlegels Drama stehen der Einsatz für das Gemeinwohl und die Vaterlandsliebe ganz oben auf der Tugendskala. Dass Schlegel parallel zu der politischen Aussage des Stückes noch eine Liebesrivalität zwischen Hermann und Flavus um Thusnelda in sein Stück einfügte, verdankte er den französischen Autoren.

Schlegels Stück wurde in Deutschland politisch verstanden, als Antwort auf die Eroberungspolitik Ludwigs XIV. Aber trotz dieser antifranzösischen Tendenz übersetzte Grégoire Bauvin (1714-1778) Schlegels Tragödie ins Französische. Es wurde 1772 als erstes deutsches Theaterstück in Paris aufgeführt. Bauvins Version betont auffällig oft die alten Freiheitsrechte der germanen und verbindet sie mit einer Kritik an jeglicher Tyrannis – und das zu einer Zeit, als die französische Zentralmonarchie den politischen Druck auf die Parlamente verstärkte, um die altadligen Privilegien und Freiheitsrechte der Provinzen zu kassieren. Bauvins Heimatprovinz, das Artois, kämpfte gerade gegen die Auflösung seiner alten Rechte, so dass das Thema der germanischen freiheit eine willkommene Gelegenheit bot, zumindest literarisch dagegen Stellung zu beziehen. Deutlicher wurde dabei allerdings der Baron de Montesquieu (1689-1755), der in seinem berühmten Buch Vom Geist der Gesetze von 1748 die englische Verfassung, die freiheitlichste der damaligen Zeit, auf die germanischen Ursprünge bezog.

Auch Montesquieu kämpfte gegen die Entmachtung der Parlamente durch die französische Monarchie. Und auch bei Montesquieu geht es um die Stärkung des Adels gegenüber dem absoluten Königtum. Das Thema der Varusschlacht und des germanischen Freiheitskampfes bildeten so bis zur Französischen revolution die historisch weit entfernte (und damit politisch ungefährlichere) Hintergrundfolie, über die man sich politisch äußern konnte, ohne direkt die Monarchie anzugreifen. Und dass Montesquieus Werk in Europa kursierte und zahlreiche Anhänger fand, beförderte die „germanische Libertät“ auf eine internationale rezeptionsebene.

Montesquieus Werk fand im aufklärerischen Deutschland eine begeisterte Aufnahme, aber das hinderte viele Franzosen nicht, abschätzig auf die deutschen „Barbaren“ jenseits des Rheines zu blicken. Die Rezeption des Arminius-Mythos war eng mit dem Kulturtrauma einer deutschen Verspätung verbunden. Der Dreißigjährige Krieg hatte ein politisch zerstückeltes, ökonomisch geschwächtes Deutschland zurückgelassen, das – gemessen an der Entwicklung seiner Nachbarn – in einer Art Stagnation zu verharren schien. Im 18. Jahrhundert waren die deutschen Intellektuellen auf der Suche nach Identitätsformeln und -Bildern, um gegenüber der französischen Leitkultur den Mangel einer eigenen kulturellen Tradition, eines eigenen „goldenen Zeitalters“ sowie – angesichts der politischen Zersplitterung Deutschlands - einer eigenen politischen Tradition, die mit Stolz erfüllte, zu überwinden.

Einer, der sich zur Ehrenrettung der alten germanen aufmachte, war der Osnabrücker Aufklärer Justus Möser (1723-1798). Dieser hatte 1749 ein Arminius-Drama geschrieben, mit dem er das negative Germanenbild des Tacitus revidieren wollte, um die deutschen Vorfahren vom Vorwurf der Barbarei zu entlasten. Die Tugenden der germanen sah er in den niedersächsischen Bauern seiner Zeit aufs Beste bewahrt. Mösers Anliegen, die Zurückweisung des Barbarenvorwurfs, wandte sich gegen die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zunehmende Griechenbegeisterung. Die Hochkultur des klassischen Griechenlands war über jeden Zweifel erhaben. Aber wie stand es mit den Germanen, denen Tacitus rohe und primitive Verhaltensweisen attestiert hatte? So konnte Möser nur hoffen, dass der deutsche Zuschauer seinem Arminius „vor einem Griechen oder Römer gewogen sein werde,“ wie er in der Vorrede zum Stück schrieb.

Arminius-Hermann in der Aufklärung

Der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803) verfasste zwischen 1769 und 1787 drei Hermann-Stücke, die zu den einflussreichsten Dichtungen über den Cheruskerfürsten gehören. Klopstock zeigt den Befreiungskampf der Germanen als Kampf gegen eine eroberungssüchtige, rücksichtslose Weltmacht. Zwei Wertsysteme prallen hier unversöhnlich aufeinander: hier die naturverbundene, einfache, moralische und solidarische Stammesgesellschaft der Germanen – dort die ehr- und herrschsüchtigen, menschenverachtenden und tyrannischen Römer. Klopstocks Germanen, das ist das unschuldige Jäger- und Hirtenvolk, das seit Tacitus immer wieder beschworen wurde und in den „guten Wilden“ der neu entdeckten Welt ein zeitgenössisches Pendant fand. Die alten und neuen Naturvölker hielten im 18. Jahrhundert Einzug in die Literatur und warfen ein zivilisationskritisches Spiegelbild auf die überfeinerte, amoralische höfische Gesellschaft. Klopstocks naturverbundene Germanen gehören in diese Traditionslinie und knüpfen an die bekannten germanisch-deutschen Klischees an. Als Leitbilder bei der deutsch-bürgerlichen Identitätssuche und in (leiser) Opposition zu den absolutistischen Herrschern auch in Deutschland waren sie, weil historisch weit entfernt, gut zu gebrauchen. Klopstocks Betonung der altgermanischen Freiheit entsprach einem Geschichtsbild, das die spätere Entwicklung als Weg zu Unfreiheit und Tyrannei deutete, ähnlich wie dies auch in den aufklärerischen Schriften von Rousseau und den Enzyklopädisten gesehen wurde. Ausgangspunkt war im Sinne der Naturrechtslehre der frei geborene Mensch, in dessen Namen gesellschaftliche Veränderungen gefordert wurden.

Es ist schon erstaunlich, welch große Resonanz Klopstocks Dichtungen in dem Deutschland der Spätaufklärung fanden. Die deutsche Kulturnation – die noch lange nicht zu einer politischen Einheit gefunden hatte – definierte sich über eine gemeinsame Sprache und Kultur. Um sich als eine wenn auch nur gedachte oder erwünschte Einheit zu konstituieren, bedurfte es der patriotischen Mythen, um die eigene Nationalität auch im Licht der Geschichte bewusst zu machen. Klopstock hatte dies richtig erkannt und sein Versuch, die nordische Geschichte und Mythologie dem deutschen Publikum nahe zu bringen, wandte sich gegen den kulturellen „Mainstream“, der von Winckelmann und der klassischen Antike besetzt war.

Der Umschwung zu einer entschieden politischen Auffassung von der deutschen Nation kam mit der Französischen revolution und den Eroberungskriegen Napoleons. Nach der Niederlage Österreichs und Preußens wurde dieser immer mehr mit dem Bild eines habgierigen und rücksichtslosen Eroberers identifiziert. Der Wunsch nach Zurückdrängung der französischen Besatzungsmacht wuchs, jetzt aber verbunden mit Vorstellungen von nationaler Einheit in einem auch politisch geeinten Vaterland.

Hermann der Erlöser

Der Dichter Heinrich von Kleist (1771-1811) gehörte zu denjenigen, die zum unbedingten Widerstand gegen die französische Besatzungsmacht aufriefen, zu einem Volkskrieg, wie er in den preußischen Reformkreisen um den Freiherrn vom Stein erwogen wurde. Seine Hermannsschlacht von 1808 ist das kompromissloseste Stück, das jemals über den germanischen Freiheitskämpfer geschrieben wurde. Die Römer und allen voran Varus sind die kaltblütigen Eroberer, welche die Germanen mit ihrer menschenverachtenden imperialen Expansionspolitik in ihrer kulturellen Identität und „nationalen" Eigenart bedrohen. Kleists Hermann ist nicht der gefeierte makellose Held der Barockbühne, der immer und zur rechten Zeit das Richtige tut und moralisch unantastbar ist. Der Hermann in Kleists Stück ist ein gewiefter, skrupelloser Taktiker, ein begabter Schüler Machiavellis, der seine Landsleute zum Hass gegen die fremden Besatzer aufstacheln will.

Kleist hat kein erbauliches Patriotenstück geschrieben, sondern eine Anleitung zum totalen Partisanenkrieg. Der Zweck heiligt die Mittel, und dieser besteht in der Wiedererringung der germanischen freiheit - ein hohes ethisches Ziel, das ihn gerade eben noch davor rettet, in Amoralität und Barbarei zu versinken.

Kleist und andere hatten begriffen, dass die bisherige durch Kultur bestimmte nationale Identität der Deutschen mit politischen Inhalten aufgeladen werden musste, um Wirksamkeit zu erreichen. Das aufkeimende Nationalbewusstsein benötigte Propagandisten, welche die Öffentlichkeit mobilisieren konnten. Einer der populärsten wurde Ernst Moritz Arndt, dessen patriotisch mitreißende Lieder überall gesungen wurden. Und er war auch einer der ersten, welcher den Befreiungsmythos von Arminius und der Varusschlacht geschickt und effizient für die politische Mobilisierung der Massen einsetzte: Den Befreiungskrieg gegen Napoleon erklärte er zur neuen Hermannsschlacht.

Arndts publizistische Wirkung war gewaltig. Mit seinen eingängigen Liedern, denen bekannte Melodien unterlegt werden konnten, entfachte er eine patriotische Begeisterung, wie die zahlreichen Freiwilligenverbände der Befreiungskämpfer zeigen. Das Muster der neuen Hermannschlacht tauchte immer wieder auf und versah die aktuelle Gegenwart mit dem Glanz vaterländischer Tradition. So wird der Hermannsmythos zum Sinngenerator von der Freiwilligenmeldung bis zum Opfertod, Hermann selbst zum Erlöser, der die Deutschen zu neuer moralischer und politischer Größe führt.

Das war der Traum der Befreiungskriege. Aber die politische Wirklichkeit nach 1815 sah allerdings anders aus. Die deutschen Fürsten einigten sich auf ihren eigenen Machterhalt und schufen einen Bundesstaat souveräner Einzelstaaten, ohne Beteiligung des Volkes. Der Traum von der Einheit der deutschen Stämme musste erneut geträumt werden. Und dies gab auch der Arminius-Literatur neue Nahrung, galt der germanische Heerführer doch als garant dieser verpassten deutschen Einheit und Freiheit.

Der Arminius-Mythos ein Teil des deutschen Nationalismus

Aber das ist nur die eine Seite des Arminius-Mythos. Heinrich von Kleist, Ernst Moritz Arndt und andere hatten im Kampf gegen Napoleon den deutschen Patriotismus mit Hass verbunden. Und auch die gestalt des Arminius als deutscher Freiheitskrieger verdüsterte sich zunehmend und wurde Teil eines sich immer fremdenfeindlicher gebärdenden Nationalismus.

1844 erschien Heines berühmtes gedicht Deutschland - ein Wintermärchen, das von einer 1843 unternommenen Reise von Paris nach Hamburg inspiriert ist. Das Wintermärchen beginnt als ein jubelndes Bekenntnis zum Fortschritt und zur Befreiung der Menschheit und Kampfansage an die reaktionären Mächte, die sich an die politische Macht klammerten und das politische Leben in Deutschland erstickten.

Im 11. Abschnitt (Caput XI) kommt Heine auch in den Teutoburger Wald und beschreibt in feiner Ironie den „klassischen Morast", in dem Varus stecken geblieben ist. Heine macht sich über all diejenigen lustig, deren Germanophilie sich mit einem Arrangement mit den herrschenden Feudalmächten verbindet. In diesem deutschen nationalen Sumpf versinken alle, die „noch immer den Arminius den Cherusker und seine Frau Thusnelda" preisen, als seien sie deren „blonde Enkel" - ein „wandelndes Denkmal einer untergegangenen Zeit." Heine sah die Befreiungstat der Varusschlacht durchaus positiv. Aber auch wenn er die Bedeutung der Schlacht nicht in Frage stellte, so kämpfte er mit der Waffe der Ironie gegen den abgelebten falschen Patriotismus der deutschtümelnden Germanenschwärmer, welche die altgermanischen Tugenden wie Treue und Tapferkeit mit Grobheit und militanter Arroganz verwechselten.

Heines Wintermärchen löste kurz nach seinem Erscheinen die heftigsten Reaktionen aus - vom preußischen Publikationsverbot bis zu enthusiastischer Zustimmung. Unbestreitbar gebührt Heine der Verdienst, schon sehr frühzeitig die zukünftigen Exzesse eines Nationalismus vorausgeahnt zu haben, in dem sich obrigkeitsstaatlicher, militärisch geprägter Untertanengeist und eine chauvinistische, antiaufklärerische sowie antisemitische Hetzpropaganda unheilvoll miteinander verbinden sollten, wie das dann in den reaktionären und völkischen kreisen nach der reichsgründung geschah.

Als Heine sein Wintermärchen schrieb, hatte der Bau des hermannsdenkmals bei Detmold gerade begonnen. Arminius-Hermann, dieser Symbolfigur für die ersehnte deutsche Einheit, wollte der Bildhauer Ernst von Bandel (1800-1876) ein nationales Denkmal setzen. Die projektierte Lage auf einem Berggipfel sollte das Denkmal in eine Reihe mit Bergheiligtümern und Wallfahrtsorten stellen und erforderte einen mächtigen Unterbau, um eine Fernsicht des Denkmals zu gewährleisten. Darauf platzierte Bandel die Figur mit erhobenem Schwert. Die Schwerterhebung verknüpft die Symbolfigur des Arminius mit dem Gedanken der Macht, der Stärke und der Größe der Nation.

Arminuskult im Deutschen Reich

Nach 1846 waren die Finanzmittel, zum großen Teil Spendengelder von Denkmalvereinen, aufgebraucht und der Weiterbau stockte. Nach 1871 finanzierte das neue Kaiserreich den Weiterbau. Bandels Denkmal bekam jetzt einen neuen Sinn: Ursprünglich hatte Bandel das denkmal als Erinnerungsmal für die Befreiung Deutschlands geplant, gleichzeitig aber auch als aktuelles Mahnmal für die Einigkeit und Einheit der deutschen Stämme. Nach der Reichsgründung 1871 wurde das Denkmal zu einem Symbol des Sieges über den Erbfeind Frankreich und der unter preußischer Führung wiedergewonnenen Einheit.

Das Wort „Freiheit", das ursprünglich mit der Denkmalsidee verknüpft war, war in der „Umwidmung" des Denkmals verloren gegangen: Aus dem Befreiungsakt des Arminius wurde eine Demonstration von Macht und militärischer Stärke, eine ständige Abwehrbereitschaft gegen einen allseits präsenten Feind, der von den Römern nahtlos auf die Franzosen übertragen werden konnte. Der Hermannmythos wurde zum zentralen Gründungsmythos des neuen Kaiserreichs. Seit den Befreiungskriegen nahm der Mythos in der öffentlichen Wahrnehmung einen immer größeren Raum ein, wie die vielen literarischen Bearbeitungen des Stoffes signalisieren. Die Schlacht im Teutoburger Wald markiert einen konkreten, klar umrissenen Gründungsakt, der aufgrund eines militärischen Sieges geschah. Die vereinte Nation definierte sich militärisch, in Abgrenzung zu ihren Nachbarn und vermeintlichen Feinden. Und die Frage nach der Identität der Deutschen, die sich nach der Reichsgründung in neuer Form stellte, konnte durch einen verstärkten Rückgriff auf die germanische Frühzeit beantwortet werden.

Parallel zum Arminiuskult geriet auch die germanische Frühgeschichte in den Blickpunkt. Historiker bemühten sich, die anfängliche Kulturhöhe der Germanen gegenüber den antiken Mittelmeerkulturen nachzuweisen. Das Bedürfnis, sich der Germanen als der direkten eigenen Vorfahren zu versichern, entsprang dem Wunsch, die eigene Nation als Ergebnis einer langen und eigenständigen historischen Entwicklung zu begreifen.

Parallel zum Arminiuskult geriet auch die germanische Frühgeschichtein den Blickpunkt. Historiker bemühten sich, die anfängliche Kulturhöhe der Germanen gegenüber den antiken Mittelmeerkulturen nachzuweisen. Das Bedürfnis, sich der Germanen als der direkten eigenen Vorfahren zu versichern, entsprang dem Wunsch, die eigene Nation als Ergebnis einer langen und eigenständigen historischen Entwicklung zu begreifen.

Nationalisten, Nationalsozialisten und der Mythos des Hermann

1925, zum 50-jährigen Jubiläum des Hermannsdenkmals, hatte sich die politische Situation vollständig gewandelt. Das Hermannsdenkmal wurde zu einer Art Wallfahrtsort republik- und demokratiefeindlicher Nationalisten. Nach der Niederlage 1918 interpretierte diese die heldenhafte Befreiungstat des Arminius als ein neues Hoffnungszeichen, Deutschland aus tiefer Schmach und Elend zu befreien. Arminius verschmolz mit dem Siegfried des Nibelungenliedes zu einem Symbol deutscher Tragik und Größe, da beide einem Mord zum Opfer fielen - Märtyrer für die deutsche Sache. Die Mythen reicherten sich gegenseitig an und wurden in der „Dolchstoßlegende" politisch missbraucht - also der behauptung, die deutsche Armee sei im Felde unbesiegt geblieben und nur „von hinten erdolcht" worden, von Juden, Sozialdemokraten und Kommunisten, wie sich die rechtsnationale Presse beeilte festzustellen. Die als entwürdigend empfundene Gegenwart konnte so von völkisch-nationalen Propagandisten mit Sinn erfüllt und das durch den verlorenen Krieg und Versailler Vertrag gedemütigte deutsche Volk auf eine tragische Höhe gehoben werden. Die alten Mythen wurden wieder einmal hervorgeholt, um die Gegenwart zu bewältigen. Sie wurden in den Dienst einer zersetzenden antidemokratischen Agitation gestellt. Und auch die Sehnsucht nach einer nationalen Führerfigur, die das deutsche Elend in den strahlenden Sieg eines wieder machtvoll erstarkten Reiches verwandeln kann, verbirgt sich hinter diesem Märtyrermythos. Der Schritt von dem germanischen Heerführer zu dem sich selbst als messianisch ersehnten neuen Führer aufbauschenden Adolf Hitler war dann nicht mehr weit, wie zahlreiche Arminius-Romane dieser Zeit demonstrieren.

Der Nationalsozialismus trat als Erbe des nationalen Lagers auf. Nationale Mythen wurden aufgenommen und in eine Zielperspektive umgedeutet: Das Dritte Reich als Endpunkt der deutschen Geschichte. Germanen spielten bei der NS-Identitätssuche als frühe Vertreter der überzeitlichen und edlen Züge des Deutschtums eine wichtige Rolle. Von den früheren Rassenideologen übernahmen die Nazis die Idee von der biologischen Überlegenheit der nordischen Rasse, der Arier, der Herrenmenschen. Als Blütezeit der nordischen Rasse galt das Zeitalter der Germanen. Das Deutschtum sollte wieder auf dem Germanentum gegründet werden: durch die Harmonie von Führer und Gefolgschaft, Mannentreue, Verehrung der Ahnen, Heiligkeit von Frau, Familie und Heimat. Die weltgeschichtliche Mission des „nordischen Blutes" erforderte die Verteidigung der „Rassereinheit" durch Auslese und Ausmerze, eine „germanische Weltanschauung" beschwor „Tugenden" wie Treue, Ehre und Schutz des Blutes.

Die Vorgeschichtsforschung wurde jetzt zur politischen Waffe: Die Gesittung, die Taten und Leistungen der germanischen Vorfahren sollten zum Maßstab der kommenden Zeit werden. Tacitus Germania erklärte die NS-Ideologen zum „heiligen Buch" der Germanenkunde und beförderten den römischen Schriftsteller zum „Alt-Arier". Die „Rassereinheit" der Germanen, von Tacitus beglaubigt, entwickelte sich unheilvoll zur mörderischen Waffe gegen alle diejenigen, die nicht unter dieses typologisch-statische Rassenkonzept fielen. Und den Kampf der Germanen gegen Rom bog man sich zum Kampf um Lebensraum und Lebensrecht zurecht, der die zukünftigen Kriege des NS-Regimes rechtfertigen sollte.

Die Idealisierung des Arminius bekam vor dem Hintergrund des Führerprinzips einen neuen Akzent: Herausragende gestalten der deutschen Geschichte wurden unter dem Stichwort „deutsche Führergestalten" in einer Art „genealogischen Reihe" präsentiert, die mit Hitler endete. Die im Arminius-Mythos über Jahrhunderte beschworene germanische Freiheit ist so in die diktatorische nationalsozialistische Volksgemeinschaft überführt worden, die Einheit der Gleichschaltung unter einem autokratischen Herrschaftsmodell gewichen, das nicht mehr hinterfragt werden darf. Der Arminius-Mythos, der benutzt wurde, um diesen autoritären Führerstaat zu verwirklichen, hatte seine Schuldigkeit getan und konnte abtreten. Oder?

500 Jahre Mythos

Nach 1945 war das Thema „Germanen" lange Zeit tabuisiert. Die rassische Germanentümelei der Nazis hatte eine Blut-und-Boden-Ideologie und eine völkische Rassenlehre hervorgebracht, die in letzter Konsequenz zur Ermordung von Millionen Menschen führte. Zu viele Fachwissenschaftler und vermeintliche Germanenexperten hatten sich an dieser fragwürdigen Germanenideologie der Nazis beteiligt.

Das Bild von Arminius und der Varusschlacht wandelte sich. Arminius wurde von allem deutschtümelnden, nationalen Pathos befreit und das Hermannsdenkmal zu einer unpolitischen Touristenattraktion.

Arminius als Symbolfigur für das deutsche Selbstbewusstsein sowie der Mythos von den edlen, naturverbundenen und wehrhaften Germanen hatten 500 Jahre lang das Selbstbild der Deutschen geprägt und auf dem Weg zur Nationenbildung begleitet. Der historische Arminius war auf diesem langen Weg irgendwann völlig verloren gegangen und wurde durch einen neuen ersetzt, der nicht nur zum deutschen Nationalhelden aufsteigen, sondern der auch wie ein Chamäleon seine Farbe den aktuellen politischen Tagesbedürfnissen anpassen konnte. Aus dem antiken Rom wurde zunächst die Römische Kirche, dann alles Romanische, das voll „welscher Tücke" steckende Frankreich, schließlich das von der Aufklärung geschaffene liberale Gedankengut des Westens, seine republikanisch-demokratischen Prinzipien und die sie vertretenen Parteien, weiterhin auch alle nicht-germanischen/arischen Rassen, welche das als „germanisch" erklärte Deutschtum oder die „germanisch" definierte deutsche Nation wie auch immer bedrohten. In dieser ihm zugewiesen Rolle stieg Arminius zum Befreier und Freiheitshelden aller Deutschen auf. Und das ist ein zweiter Strang dieser Argumentation: Denn die Germanen der Römerzeit wurden kurzerhand zu den deutschen Vorfahren gemacht und ihre von Tacitus attestierten (nur) guten Eigenschaften auf alle Deutschen übertragen. Diese Gleichsetzung Germanen-Deutsche und die einseitige betonung des germanischen Erbes sind zwar historisch falsch, aber dennoch haben sie in der Entwicklung des deutschen Nationalbewusstseins eine prägende - und nicht immer positive - Rolle gespielt.

Dieser im Mythos neu geschaffene Arminius war in seiner langen Rezeptionsgeschichte nie ein Vorbild für Völkerverständigung und Pazifismus gewesen, sondern immer ging es um einen militärischen Sieg, der gegen alle aktuellen Gegner der Deutschen immer wieder errungen werden musste, so wie sich das nationale Bewusstsein der Deutschen immer in Abgrenzung von tatsächlichen oder eingebildeten feinden herausbildete. Und immer war diese deutsche Identität mit der Angst vor kultureller Überfremdung und Bedrohungsszenarien verbunden.

Die Frage nach der deutschen Identität kann heute niemals nur auf dem Hintergrund der nationalen Geschichte der letzten 200 jahre beantwortet werden. Germanen- und Arminiusmythos haben die Abgründe aufscheinen lassen, die sich dahinter verbergen können. Eine erneute Besinnung auf deutsche Identität kann nur auf der Grundlage der europäischen Geschichte erfolgen, denn der fatale Irrtum aller germanophilen Nationalisten war es, die deutsche Geschichte als einen Sonderweg zu deklarieren, der letztlich in Überlegenheitsphantasien und Völkervernichtungsideologien endete. Als Folge des Nationalismus definierten sich fast alle europäischen Nationen im Gegensatz zu ihren Nachbarn: durch die großen, mythisch verklärten Schlachten, die in die Gründungslegenden von den Ursprüngen der eigenen Nation aufgenommen werden. In dieser europäischen vergleichenden Betrachtungsweise liegt auch die Chance, eine „Entnationalisierung" des Arminius- und Germanen-Mythos erfolgreich weiter zu führen.

Es muss aber noch immer viel ideologisch-nationaler Müll weggeräumt werden, um sich heute - über 60 Jahre nach dem verbrecherischen Missbrauch alles Nationalen - unbefangen und kritisch wieder dem Thema nationaler Mythen und militanter nationaler Helden anzunähern. Dass dies nicht ganz so einfach zu sein scheint, konnte der Verfasser bei der Vorbereitung der Ausstellung erfahren, der Museumsträger den Versuch startete, Einfluss auf die wissenschaftlichen Ausstellungstexte zu nehmen: Die in der Ausstellung dokumentierte Besetzung des Arminiuskultes und des Hermannsdenkmals durch völkisch-nationalistische Ideologen war wohl nicht mit einem unpolitischem, touristisch neu herausgeputzten „Hermann" als neuem regionalem Markenzeichen zu vereinbaren. Aber dennoch, das 2000-jährige Jubiläum der Varusschlacht bietet eine neue Chance, sich den alten nationalen Helden und Mythen mit der gebotenen kritischen Distanz erneut zu nähern.

Weiterführende Links

In unserem Guide im Bereich Themen / Varus-Schlacht finden Sie eine Zusammenstellung von Links zum Thema.

Medien-Tipps

Weitere Buchtipps finden Sie in der Rubrik Varus-Schlacht der Bibliothek.

Anmerkung

Der Aufsatz geht zurück auf das 2009 erschienene Buch des Verfassers über den „Mythos Arminius - Die Varusschlacht und ihre Folgen" zurück (ISBN 978-3-402-00444-9).