Das Ende des Limes

von: Dr. Markus Scholz
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Spätantike & FrühmittelalterLimes

Kaum eine andere Epoche der rund 500jährigen römischen Geschichte am Rhein ist so arm an zeitgenössischen Schriftquellen wie die unruhigen Jahrzehnte zwischen ca. 230 und 280 n. Chr. Die Erforschung dieses Zeitraums ist daher in hohem Maße auf die Ausdeutung archäologischer Relikte angewiesen. Lange lehrten Historiker und Archäologen, der Limes sei 259/60 n. Chr. auf breiter Front durch einen "gewaltigen Germanensturm" überrannt worden. Dieses Geschichtsbild ist durch die Vermehrung und kritische Überprüfung bestehender Quellen überholt.

Nach heutigem Erkenntnisstand stellt sich das Ende des Limes als ein jahrzehntelanger, komplexer Prozeß des kontinuierlichen Niedergangs dar, der noch lange nicht in all seinen ungünstigen Wechselwirkungen erforscht ist. Neben der äußeren Bedrohung der Grenzregionen durch verschiedene germanische Stämme und Kriegerbünde untergruben vor allem innenpolitische Schwierigkeiten den militärischen Grenzschutz und das Vertrauen der Provinzbevölkerung in die "innere Sicherheit". Neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse lenken den Blick der Forschung zudem auf sich im 3. Jahrhundert verschlechternde klimatische und ökologische Rahmenbedingungen, die bereits akute wirtschaftliche Probleme verschärften. Ab der Mitte des 3. Jahrhunderts beschleunigte sich die Entwicklung und mündete in die Aufgabe der Provinzgebiete östlich des Rheins und nördlich der Donau.

Neue Feinde

Im Osten erwuchs den Römern nach der Unterwerfung des Partherreiches durch die persischen Sassaniden 226 n. Chr. ein neuer, gefährlicher Gegner, der als außenpolitisches Ziel die Wiedererrichtung des Achämenidenreiches in den Grenzen des 5. Jhs. v. Chr. verfolgte. Die Perser erhoben damit umfangreiche Besitzansprüche auf römische Ostprovinzen, die jahrzehntelange Kriege heraufbeschworen. Das straff organisierte Perserreich war den Römern in vielen Belangen nahezu ebenbürtig.

Auch an anderen Außengrenzen eskalierten vorhandene Spannungen: Sarmaten, Goten, Carpen und Gepiden bedrohten die Donauprovinzen. Umfangreiche Waffenopfer besiegter Feinde in Seen und Mooren Norddeutschlands und Südskandinaviens stammen zwar von innergermanischen Konflikten, bezeugen aber zugleich eine seit der Zeit um 200 n. Chr. zunehmend bessere Bewaffnung und taktische Organisation - oft nach römischem Vorbild - germanischer Kriegerscharen.

Das Schicksalsjahr 233 n. Chr.

Kaiser Severus Alexander (222-235 n. Chr.) versuchte vergeblich, der Persergefahr in einem groß angelegten Präventivkrieg zu begegnen, wobei auch obergermanische und raetische Truppen zum Einsatz kamen, in erster Linie schlagkräftige Legionsvexillationen und Alenreiter. Germanen nutzten 233 n. Chr. die Schwächung des Limes zu verheerenden Plünderungszügen. Die am Limes verbliebene Auxiliarinfanterie vermochte die germanischen Reiterscharen kaum aufzuhalten, die bis an den Rhein und in das Alpenvorland vorstießen. Das militärisch ungeschützte Hinterland war den Eindringlingen ausgeliefert.

Eine bis dahin lange Friedensperiode sowie wiederholte Solderhöhungen der severischen Kaiser hatten den Grenzprovinzen zuvor einen wirtschaftlichen Aufschwung beschert: ausgedehnte Bau- und Stiftungstätigkeiten im öffentlichen und privaten Bereich zeugen davon. Das Wohlstandsgefälle zu den germanischen Nachbarn wurde jedoch verschärft und weckte Begehrlichkeiten. Die Katastrophe von 233 n. Chr. scheint die Provinzbevölkerung überraschend getroffen zu haben. Ausgedehnte Zerstörungshorizonte dieser Zeit sind vor allem in der Wetterau, am Mainlimes und im Westen Raetiens archäologisch nachweisbar. Die Ernsthaftigkeit der Lage beweist die Tatsache, dass sich der Kaiser gezwungen sah, den Perserfeldzug - zu ungünstigen Friedensbedingungen - abzubrechen und mit seinem Heer am Rhein bei Mainz aufzumarschieren.

Die Ereignisse dieser Jahre offenbarten die grundlegende Schwäche der römischen Grenzsicherung: mit der Aufreihung der Truppen entlang der Grenzlinien konnte der gleichzeitigen massiven Bedrohung verschiedener Reichsteile nicht mehr wirksam begegnet werden.

"Das Imperium schlägt zurück"

Als Severus Alexander sich anschickte mit den Germanen um Frieden zu verhandeln, wurde er von meuternden Soldaten erschlagen. Sie erkoren ihren Anführer, den hochgedienten Offizier Maximinus zum Kaiser (235-238 n. Chr.), der im Sommer 235 n. Chr. einen massiven Vergeltungsschlag tief in die germanischen Siedlungsgebiete hinein vortrug. Die Germanengefahr konnte für fast zwei Jahrzehnte gebannt werden.

Bei der Instandsetzung der Grenzanlagen berücksichtigte man die Negativerfahrungen. Mancherorts deuten Befunde darauf hin, dass Grenzübergänge geschlossen wurden. Das als Reitersperre gedachte Wall-Graben-System des obergermanischen Limes könnte erst damals angelegt worden sein.

Der Wiederaufbau stagniert

Trotz des rasch eingeleiteten Wiederaufbaus erholte sich das Limesgebiet von den erlittenen Verwüstungen letztlich nicht mehr. Zerstörte Zivilsiedlungen im Umfeld der Limeskastelle und im Hinterland (vici) scheinen oft nicht mehr oder nur noch verkleinert wieder aufgebaut worden zu sein. Notdürftige Reparaturen bestätigen zwar die Weiterbewirtschaftung der ebenfalls geschädigten ländlichen Gutshöfe, jedoch auf niedrigerem Niveau. In der baulichen Verkleinerung oder gar Umnutzung von Badeanlagen als Wohn- und Wirtschaftsgebäude spiegelt sich der gesunkene Lebensstandard wider.

Zerstörte Produktionsanlagen sowie die Folgen eines jahrzehntelangen Raubbaus am Baumbestand verursachten den Zusammenbruch wichtiger Wirtschaftszweige; der Energielieferant Holz wurde knapp. So scheint das in der Wetterau vormals florierende Töpfereigewerbe weitgehend zum Erliegen gekommen zu sein: Keramikimporte aus dem Rheinland dominieren das archäologische Fundspektrum des 2. Drittels des 3. Jahrhunderts. Auch Ziegel scheint man nicht mehr gebrannt zu haben: immer häufiger verbaute man (teilweise schadhaftes) Altmaterial. Hypokaustheizungen wichen einfacher konstruierten, sparsameren Kanalheizungen.

Erneute Rückschläge

Eine Rebellion gegen seine Herrschaft zwang Kaiser Maximinus 236 n. Chr. mit einem Expeditionsheer von Obergermanien nach Pannonien zu ziehen. Wenige Jahre später (241/42 n. Chr.) bereitete sein Nachfolger Gordianus III. einen neuen Perserkrieg vor. Mehrere Münzschätze aus den Limeskastellen und ihren vici, die mit frisch geprägten Münzen dieser Kaiser schließen, bezeugen indirekt, dass der fortgesetzte "Raubbau" an militärischen Ressourcen die lückenlose Grenzüberwachung am Limes und damit den wirksamen Schutz der rechtsrheinischen Provinzgebiete zunehmend in Frage stellte. Die Besitzer der offenbar vor dem Abmarsch der Truppen verborgenen Schätze waren offenkundig nicht mehr in der Lage diese wieder zu heben. Ob die entstandenen Personallücken in den Limeskastellen jemals durch Rückkehrer bzw. Neuaushebungen ausgeglichen wurden, ist mehr als fraglich.

Im Gegenteil deuten archäologische Befunde darauf hin, dass sich die Militärführung auf wesentlich geringere Truppenstärken am Limes einstellte. Einzelne Kastelle, insbesondere solche an weniger akut gefährdeten Grenzstrecken, scheinen damals für eine verringerte Besatzung baulich reduziert worden zu sein, so z. B. die Numeruskastelle Kapersburg und Miltenberg-Ost. Derartigen Strukturanpassungen der Innenbebauung einiger Limeskastelle wurde bei früheren Ausgrabungen leider nur wenig Beachtung geschenkt. Gleichzeitig mehren sich Anzeichen dafür, dass Reste verbliebener Kavallerieeinheiten als eine Art mobile "Eingreifreserve" in den städtischen Zentren des Hinterlandes konzentriert wurden: die vormalige Limesstruktur begann sich aufzulösen.

Durch die drastische Verringerung der Limestruppen verebbte auch der Geldzufluß in die Grenzregionen. Der regelmäßig ausgezahlte Sold hatte eine gleichbleibend hohe Kaufkraft garantiert und war entscheidender Wirtschaftsmotor. Den von Handwerk, Handel und Dienstleistungen lebenden vici kam die zahlungskräftige Käuferschicht abhanden. Der merkliche Bevölkerungsschwund nach 233 n. Chr. durch Tod, Verschleppung und Abwanderungen erschwerte die Gewinnung von Saisonarbeitern in der Landwirtschaft. Offenbar begegnete man diesen Engpässen durch Ansiedlung kriegsgefangener Germanen, deren Gegenwart sich im archäologischen Fundmaterial dieser Zeit niederschlägt.

Die eigenen Leute ...

Die bisherigen Ausführungen haben bereits einen Schwachpunkt der römischen Innenpolitik gestreift: die raschen und meist gewaltsamen Herrscherwechsel im 3. Jahrhundert. Ein römischer Kaiser konnte in der Regel seiner faktisch von der Armee und der senatorischen Führungselite verliehenen Herrschaft sicher sein, solange sie Frieden und Prosperität im gesamten Reich zu garantieren vermochte. Die gleichzeitige Bedrohung voneinander weit entfernter Reichsteile sowie das notgedrungen schwerpunktmäßige militärische Eingreifen der Kaiser schürten eklatante Interessenskonflikte innerhalb des Reiches. Immer häufiger sahen sich bedrohte Grenzprovinzen von der Zentralmacht vernachlässigt, deren Heeresgruppen ihre jeweiligen Repräsentanten, in der Regel die Statthalter, zu Gegenkaisern erkoren. Die Machtkämpfe wurden in blutigen Bürgerkriegen ausgefochten, eine Schwächung, die äußeren Feinden zusätzliche Angriffsmöglichkeiten bot.

Unter den Severern war das Militär durch Solderhöhungen sowie das Eherecht für aktive Soldaten in den Genuß neuer Privilegien gekommen. Dadurch wuchs die Verbundenheit der Soldaten mit ihrem jeweiligen Dienstort bzw. -provinz. Die Kampfmotivation an entfernten Bürgerkriegsfronten musste nicht selten durch zusätzliche Donative oder im Zweifelsfall auch durch das Recht auf Beute untermauert werden. Als teilweisen Ausgleich für abgezogene Limestruppen scheint man in zunehmendem Maße germanische Freiwillige angeworben zu haben. Diese Söldner ließen sich ihre Loyalität wiederum teuer vergüten. Militär- und Wiederaufbaukosten explodierten.

Noch funktionierende Betriebe sahen sich folglich im 2. Drittel des 3. Jahrhunderts - das gilt für weite Teile des Reiches - zunehmendem Steuerdruck und Requirierungen durchziehender Truppenverbände ausgesetzt. Die Bevölkerung des Dorfes Skaptopara in Thrakien (heute in Bulgarien gelegen) verfasste aus diesen Gründen 238 n. Chr. ein Bittgesuch an Kaiser Gordianus III. Im inschriftlich überlieferten Text klingt eine regelrechte Drohung an: "Wenn wir aber weiter Belastungen ausgesetzt sind, werden wir von den gewohnten Wohnsitzen fliehen und die (kaiserliche) Kasse wird davon den allergrößten Schaden davontragen" (Übersetzung nach P. Herrmann). Die hier von verarmten Landbewohnern angedrohte Flucht geriet zu dieser Zeit nicht selten zur Flucht in die Räuberei! Derart sprechende Quellen fehlen aus dem Limesgebiet zwar, doch dürfte es der hiesigen Provinzbevölkerung kaum besser ergangen sein.

Kurz: die in der Severerzeit weitgehend auf Staatssubvention (Sold und Truppenversorgung) gegründeten Wirtschaftsverflechtungen in den Grenzregionen brachen in der Mitte des 3. Jahrhunderts zusammen. Äußere Bedrohung und dadurch aufgebrochene innenpolitische Krisen traten in einen verhängnisvollen Teufelskreis ein.

Lokale Eliten entziehen sich der Verantwortung

Bis in die 250er Jahre n. Chr. immerhin scheint sich römisches Leben im Limesgebiet auf niedrigem Niveau konsoldiert zu haben. Meilensteine der Kaiser Traianus Decius (249-251 n. Chr.) aus Mainz-Kastel und Friedberg, des Trebonianus Gallus (251-253 n. Chr.) sowie des Valerianus (253-260 n. Chr.) aus Ladenburg und Heidelberg bezeugen Straßenreparaturen und die Existenz einer verantwortlichen Lokalverwaltung mindestens bis in diese Jahre. Die bis heute jüngste, inschriftlich datierte Baumaßnahme am Limes vermeldet die Renovierung eines Bades beim Kastell Jagsthausen 244-247 n. Chr.

Andererseits liefert die Auswertung in Mainz gefundener Denkmäler Indizien dafür, dass Angehörige der politischen und zugleich wirtschaftlichen Lokaleliten (decuriones) des Limesgebietes ihre Aktivitäten offenbar in den besser geschützten linksrheinischen Städten zu entfalten begannen oder ganz dorthin übersiedelten. Ihr Potential ging den rechtsrheinischen civitates verloren und damit die Initiative jeglicher nachhaltiger Wiederaufbauanstrengung.

Die Krise spitzt sich zu

Um eine Rebellion niederzuwerfen, zog Valerianus, der damalige Statthalter Raetiens, 253 n. Chr. im Auftrag des Kaisers Trebonianus Gallus (251-253 n. Chr.) Truppen zusammen, die wiederum ihn zum Gegenkaiser ausriefen. Mit diesem Heer, in das offensichtlich das Gros der Limestruppen eingereiht wurde, marschierte er zur Durchsetzung seines Machtanspruchs an die mittlere Donau, ein Jahr darauf dann gegen die Perser nach Kleinasien. Daß diese Soldaten - soweit sie die Kämpfe überlebt hatten - noch einmal in ihre Limeskastelle zurückkehrten, ist äußerst unwahrscheinlich. Germanen nutzten die Grenzentblößung zu ausgedehnten Plünderungszügen, wobei das raetische Limesgebiet besonders schwer getroffen worden zu sein scheint. Spätestens die Ereignisse dieser Jahre müssen der noch verbliebenen Bevölkerung und Besatzungen endgültig die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage vor Augen geführt haben. Die Situation scheint als derart bedrohlich empfunden worden zu sein, dass selbst im linksrheinischen Mainz - einem Legionsstandort! - hastig eine Stadtmauer errichtet wurde, die, aus Spolien erbaut, nur die Kernbereiche der canabae einbezog.

Der Zusammenbruch

257 n. Chr. bekämpfte der Sohn und Mitkaiser Valerians, Gallienus (253-268 n. Chr.), vom Rhein aus germanische Plündererscharen, die auf römischen Straßen (!) bereits tief nach Gallien eingedrungen waren. Ein Schutzbündnis mit einem germanischen Fürsten, der gegen jährliche Geldzahlungen weitere Angriffe auf die Provinzen verhindern sollte, währte nur kurz. Als Gallienus 259 n. Chr. unter Begleitung umfangreicher Truppen aus den germanischen Provinzen und Raetien gegen den Usurpator Ingenuus auf den Balkan ziehen musste, zerbrach auf germanischer Seite jeder Respekt vor der römischen Militärmacht: Franken, Iuthungen und andere Germanen nutzten die Gelegenheit zu Einfällen bisher unbekannten Ausmaßes nach Gallien und Norditalien. Zeitweise wurde sogar die Hauptstadt Rom bedroht. Fränkische Verbände überquerten den Rhein, durchstreiften Gallien und erreichten die spanische Provinzhauptstadt Tarraco/Tarragona. Im Übermut versuchten sie sogar - allerdings erfolglos - nach Africa überzusetzen.

Die Inschrift eines Siegesaltars aus Augsburg berichtet von einem römischen Sieg über Iuthungen 260 n. Chr. und ergänzt die historische Überlieferung: während Gallienus 260 n. Chr. germanische Invasoren bei Mailand schlagen konnte, hatten sich im Frühjahr desselben Jahres laut Augsburger Siegesaltar bereits Iuthungen mit "Tausenden von gefangenen Italikern" und gewiß reicher Beute wieder nach Norden abgesetzt. Wie der Siegesaltar verkündet, wurde ihnen jedoch bei Augsburg der Rückweg verlegt. Dem raetischen Statthalter gelang es, die Germanen in einer zweitägigen Schlacht am 24./25. April 260 n. Chr. zu besiegen. Die in der Inschrift genannte Zusammensetzung seines Heeres ist bezeichnend für die Zustände dieser Zeit: militibus prov(inciae) Raetiae sed et Germanicianis itemque popularibus (Übersetzung: Soldaten der Provinz Raetien, solche aus der (ober)germanischen Provinz und dazu Volksaufgebote). Einem vermutlich in aller Eile zum Schutz der raetischen Provinzhauptstadt zusammengewürfelten Heer war es also gelungen, die Germanen zu schlagen, ihnen die Beute zu entreißen und die gefangenen Italiker zu befreien.

Welch immense Werte an Metallobjekten zusammengetragen wurden, veranschaulichen die im Rhein versunkenen Plündererhorte von Neupotz und Hagenbach (Pfalz). Dem entspricht ein erhöhter Anteil an Metallschrott im archäologischen Fundgut germanischer Siedlungen. Kaum zu taxieren ist die lebende Beute an Vieh und Menschen (Augsburger Siegesaltar). Die Tiefe der Vorstöße lässt erahnen, dass die Grenzgebiete bereits weitgehend ausgeplündert waren.

Im Sommer desselben Jahres, so berichten spätantike Quellen, wurden aus Gallien zurückkehrende Franken von römischen Truppen am Rhein gestellt und geschlagen. Ihr Kommandeur, der amtierende Statthalter Niedergermaniens (?) Postumus, ließ die den Germanen entrissene Beute an seine Soldaten verteilen. Caesar Saloninus, Sohn des Gallienus und von diesem 257 n. Chr. mit dem Oberkommando am Rhein betraut, intervenierte und forderte die Rückgabe der Güter an ihre rechtmäßigen Besitzer. Die Soldaten meuterten, belagerten die Residenzstadt Köln und erzwangen die Auslieferung des Prinzen. Saloninus wurde erschlagen und Postumus zum Kaiser ausgerufen. Die germanischen Provinzen, Gallien, Raetien, Britannien und Hispanien unterwarfen sich dem Usurpator ("Gallisches Sonderreich"). Gallienus konnte in das Geschehen nicht mehr eingreifen: aus dem Osten erreichte ihn die Nachricht von der vernichtenden Niederlage seines Vaters gegen den Perserkönig Shapur I. Kaiser Valerianus war in persische Kriegsgefangenschaft geraten - eine in der römischen Geschichte beispiellose Katastrophe. Eine Kette von Usurpationen und Barbareneinfällen in den Donauprovinzen band Gallienus die Hände.

Demgegenüber versuchte Postumus nicht, seinen Herrschaftsanspruch reichsweit durchzusetzen, sondern konzentrierte sich auf die Verteidigung der Rheingrenze, wobei er auf Bündnisse mit Germanenfürsten angewiesen war. Zur Sicherung des Limes dürfte ihm das militärische Potential gefehlt zu haben. Erst 265 n. Chr. konnte sich Gallienus gegen Postumus wenden. Der Machtkampf blieb zwar unentschieden, doch gelang ihm die Rückeroberung Raetiens. An der Reaktivierung der Limeslinie konnte keine Partei mehr interessiert sein: dies hätte eine Verlegung eigener Truppen an die Peripherie der Bürgerkriegsschauplätze bedeutet - zum Nutzen des Gegners. Einen durch das Untermaingebiet vorgetragenen Umgehungsangriff des Gallienus fürchtend, ist es allenfalls denkbar, dass Postumus vorübergehend Teile des nördlichen Limesgebietes militärisch wieder besetzte, worauf einzelne Münzfunde hinweisen könnten. Das Limesgebiet geriet zum "Niemandsland" zwischen den feindlichen Blöcken.

Letzte Lebenszeichen und Ende

Etliche Versteckfunde an Hausrat, Schmuck, Münzen und Tempelinventar, die nicht mehr gehoben wurden, bekunden den Bevölkerungsverlust. Dennoch war das Limesgebiet nicht menschenleer. Etliche aus Werkzeugen und eisernem Baumaterial, das oft von abgebrannten Gebäuden stammt, bestehende Horte belegen die Anwesenheit zumindest kleiner Gruppen, die die römischen Ruinen nach verwertbarem Material durchstreiften. Ob es sich um letzte Reste der Provinzbevölkerung handelte oder um erste germanische Neusiedler, die von den Bürgerkriegsparteien vielleicht gezielt als Puffer zwischen den Fronten angesiedelt wurden, wissen wir nicht.

Erst 274 n. Chr. hatte der energisch durchgreifende Kaiser Aurelian (270-275 n. Chr.) die desolate Lage des Reiches wieder soweit stabilisiert, dass er sich erfolgreich der Beseitigung des inzwischen durch innere Machtkämpfe geschwächten "Gallischen Sonderreiches" zuwenden konnte. Wahrscheinlich nutzte der Kaiser seine Anwesenheit am Rhein zur endgültigen Räumung des Limesgebietes. Mit der Neuordnung der Verhältnisse dürfte die Rücknahme der römischen Militärgrenze auf die Rheinlinie einhergegangen sein. Wenige Jahre zuvor hatte Aurelian die Evakuierung der dakischen Provinzen befohlen, die auf Kosten anderer Provinzterritorien südlich der Donau neu gegründet wurden. Dieser Vorgang ist historisch überliefert, die Ergreifung gleicher Maßnahmen am Rhein lässt sich vorerst nur vermuten.

Germanische Siedler nahmen - in Eigeninitiative oder auf römisches Geheiß - das ehemalige Limesgebiet allmählich in Besitz und begannen sich auf vormals römischem Boden politisch neu zu organisieren. 297 n. Chr. wurde der Zwickel zwischen Rhein und Donau erstmals Alamannia genannt.

Literatur

  • H.-P. Kuhnen (Hrsg.), Gestürmt - Geräumt - Vergessen? Der Limesfall und das Ende der Römerherrschaft in Südwestdeutschland (Stuttgart 1992).
  • H. U. Nuber, Das Ende des Obergermanisch-Raetischen Limes - eine Forschungsaufgabe. In: Ders./K. Schmid/H. Steuer/Th. Zotz (Hrsg.), Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends in Südwestdeutschland (Sigmaringen 1990) 51-68.
  • M. Reuter, Der Wiederaufbau des obergermanisch-raetischen Limes unter Maximinus Thrax. In: N. Gudea (ed.), Roman Frontier Studies. Proceedings of the XVIIth International Congress of Roman Frontier Studies (Zalau 1999) 533-537.
  • E. Schallmayer (Hrsg.), Niederbieber, Postumus und der Limesfall. Stationen eines politischen Prozesses. Bericht des ersten Saalburgkolloquiums. Saalburg-Schr. 3 (Bad Homburg 1996).
  • B. Steidl, Die Wetterau vom 3. bis 5. Jahrhundert n. Chr. Materialien zur Vor- und Frühgesch. Hessen 22 (Wiesbaden 2000).
  • B. Steidl, Der Verlust der obergermanisch-raetischen Limesgebiete. In: L. Wamser/Chr. Flügel/B. Ziegaus (Hrsg.), Die Römer zwischen Alpen und Nordmeer. Zivilisatorisches Erbe einer europäischen Militärmacht (Mainz 2000) 75-79.