Starke Mauern und hohe Türme

Archäologen legen 100 Meter langen Abschnitt der mittelalterlichen Stadtmauer von Paderborn frei

Stadtkerngrabungen eröffnen meistens nur auf kleinen Parzellen einen Blick in die Vergangenheit. In Paderborn jedoch untersuchen Archäologen aktuell in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) einen langen Teilabschnitt der mittelalterlichen Stadtbefestigung. In der freigelegten Fläche liegen die Grundmauern der Wehranlage mit mehreren Türmen. Damit gelingt den Wissenschaftlern die bislang größte Ausgrabung eines zusammenhängenden Mauerabschnitts, der den Straßenverlauf bis heute prägt.

Grabungsleiter Robert Süße, Eckhard Döring vom Straßenbauamt Paderborn und Stadtarchäologin Dr. Sveva Gai (v.l.n.r.) stehen auf dem Fundament von einem der freigelegten Türme
Grabungsleiter Robert Süße, Eckhard Döring vom Straßenbauamt Paderborn und Stadtarchäologin Dr. Sveva Gai (v.l.n.r.) stehen auf dem Fundament von einem der freigelegten Türme. (Foto: LWL/N. Wolpert)

Elf Meter breit und 100 Meter lang ist die Ausgrabung, die Archäologen in Paderborn zwischen Marienstraße und Alter Torgasse vornehmen. "Die Öffnung eines so großen zusammenhängenden Areals bietet die einmalige Möglichkeit, die Stadtmauer in diesem Bereich in ihrem gesamten Verlauf genau zu lokalisieren und zu dokumentieren", so Stadtarchäologin Dr. Sveva Gai. "Überwiegend ist aber nur die unterste Steinlage erhalten."

Die Stadtmauer war an ihrer Basis über zwei Meter breit. Sie ist in der sogenannten Zweischalentechnik errichtet: Die beiden Außenseiten bestehen aus Kalksteinblöcken, der Innenraum ist mit kleineren Bruchsteinen gefüllt. Diese Technik war kostengünstig, da Steine jeder Größe verwendet werden konnten. Darüber hinaus kamen bei den Ausgrabungen die rechteckigen Fundamente von zwei Stützpfeilern zum Vorschein. Sie verliehen der Mauer eine größere Stabilität.

Zwei sogenannte Halbschalentürme, die in den Stadtgraben hineinragten, haben die Wehrhaftigkeit der Mauer verstärkt. "Das besondere Kennzeichen solcher Schalentürme ist, dass sie zur Stadt hin eine offene, unvermauerte Seite haben. Der Grundriss ähnelt daher einem Halbkreis", erläutert Grabungsleiter Robert Süße. Diese Architektur sparte nicht nur wertvolles Baumaterial, sondern hatte vor allem einen Vorteil: Wenn Angreifer die Mauer erobert hatten, konnten sie sich nicht in den Türmen verschanzen, um die Stadt zu beschießen.

Für die Datierung der Mauer nutzen die Ausgräber vor allem Schriftquellen. Funde, die eine nähere zeitliche Einordnung erlauben, fehlen bislang. "Für das Jahr 1184 ist die erste urkundliche Erwähnung der Stadtmauer belegt", erklärt Gai. "Vermutlich bestand die Anlage aber schon seit der Mitte des 12. Jahrhunderts."

Anlass für die Ausgrabung ist der der geplante Neubau einer Bushaltestelle. Voruntersuchungen in diesem Bereich hatten gezeigt, dass die Fundamente der mittelalterlichen Stadtmauer hier im Boden liegen. Das ist keine Überraschung, denn der Verlauf der Stadtbefestigung prägt bis heute das Erscheinungsbild und den städtebaulichen Charakter Paderborns entscheidend: Die Ringstraßen folgen der einstigen Mauer um den historischen Ortskern. Noch heute heißt die anliegende Straße "Westernmauer".

Im 19. Jahrhundert wurde die Mauer abgerissen. Zu diesem Zeitpunkt besaß sie angesichts der neuen Waffentechnik keine Funktion mehr. Ihre Überreste dienten den Paderborner Bürgern als Steinbruch. Ein längerer Abschnitt der Stadtmauer ist heute nur noch am Busdorfwall zu sehen, teilweise überbaut von neuzeitlichen Häusern. "Der hier freigelegte Mauerabschnitt besitzt daher einen großen Wert als Teil der Paderborner Stadtgeschichte", so Gai. "Wir sind sehr froh, dass die Stadt die Untersuchung der Befestigung im Vorfeld der Bauarbeiten ermöglicht und alle Überreste der Stadtmauer als Bodendenkmal eintragen lässt."

Bevor die Steine der Stadtmauer fotografisch dokumentiert werden, müssen sie sauber freigelegt sein
Bevor die Steine der Stadtmauer fotografisch dokumentiert werden, müssen sie sauber freigelegt sein. (Foto: LWL/N. Wolpert)
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