»Werte im Widerstreit – Von Bräuten, Muscheln, Geld und Kupfer«

Ein Graduiertenkolleg der Universität Frankfurt präsentiert seine laufenden Forschungen als Ausstellung

Jede Gesellschaft oder Kultur hat eine andere Vorstellung von »wertvollen Dingen« und ihren Äquivalenten. Die Ausstellung »Werte im Widerstreit – Von Bräuten, Muscheln, Geld und Kupfer« zeigt die Arbeit von Doktorandinnen und Doktoranden aus der Archäologie, Ethnologie und Volkswirtschaft.

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Vorder- und Rückseite einer der ersten Münzen, geprägt um 600 v. Chr.. Trite (5,84 g) aus einer Gold/Silber-Legierung (Elektron) © Deutsche Bundesbank, Frankfurt am Main
Vorder- und Rückseite einer der ersten Münzen, geprägt um 600 v. Chr. © Deutsche Bundesbank, Frankfurt am Main

Seit 2010 geht die international zusammengesetzte Gruppe von 20 Doktorandinnen und Doktoranden des Graduiertenkollegs »Wert und Äquivalent« diesen Fragen nach: Wodurch erhalten Dinge ihren Wert und wie verändert er sich im Lauf der Zeit? Wie wird Wert im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext bestimmt und ist der Wert eines Objektes durch Äquivalente präziser zu fassen?

Gegenstand der Forschungen sind unter anderem Keramikobjekte, Münzen, Steinbeile, Biberfelle, Elefantenstoßzähne, Keilschrifttexte und Muscheln. Dabei erstreckt sich der zeitliche und räumliche Bogen vom 4. Jahrtausend v. Chr. bis in die Gegenwart und geographisch von Südostasien über den Vorderen Orient, Europa und Afrika bis nach Nordamerika.

Bei den Vorbereitungen zur Ausstellung hatten die Doktoranden die Gelegenheit, sich intensiv mit den Forschungsthemen anderer Fachgebiete auseinanderzusetzen. Denn wann sonst diskutieren Archäologen, Ethnologen und Volkswirte über die Gemeinsamkeiten ihrer Dissertationsthemen? Für die Ausstellung  wurden die 16 ganz unterschiedlichen Themen in vier Bereiche gegliedert:

Geld und Gewicht: Von der Entstehung des frühesten Gewichtssystems in Mesopotamien/Irak über die Entwicklung der Münze in Griechenland bis zur Geldtheorie des Frankfurter Wirtschaftswissenschaftlers Bernhard Laum.
Materialwert
: Wie wird ein Palast im 3. Jahrtausend v. Chr. in Syrien gebaut und welchen Wert hatten die Ladungen von gesunkenen römischen Schiffen? Warum verwendete man noch in der Bronzezeit Steingeräte und wie funktionierte das komplexe System der Produktion und Verteilung der Nok-Terrakotten in Nigeria?
Ritual
: Ist der Münzwurf im Trevibrunnen in Rom, bei dem sich Touristen einen Wunsch erfüllen wollen, heute gleich bedeutend wie antike Münzopfer in Flüssen und Seen? Und wieso werden noch heute Ahnenschätze in Ostindonesien von Katholiken in einem Ritual verehrt?
Momente
: Die Forschungen über den Brautpreis in Westafrika korrigieren die weit verbreitete Vorstellung, dass die Braut gekauft wird. Und was nehmen alte Leute mit, die ihre Wohnung auflösen und ins Altenheim ziehen? Welchen Wert besitzt ein Objekt, zu dem sie eine lebenslange Beziehung hatten?

Ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung ist ein einführender Film, der von zwei Studentinnen der Kunstpädagogik der Universität Frankfurt gedreht wurde. Sie führten mit den Doktoranden Interviews und begleiteten sie während ihrer Forschungen. In weiteren von den Doktoranden erstellten Videos können die Besucher an einer Brautzeremonie in Burkina Faso teilnehmen, einer Zeremonie von Ahnenschätzen beiwohnen, die Bautätigkeit eines syrischen Palastes aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. erleben und die Untersuchung von Ösenringen beobachten, die einst den Göttern geweiht wurden.

»Werte im Widerstreit – Von Bräuten, Muscheln, Geld und Kupfer«

Die Ausstellung läuft bis zum 16. Dezember in der Ausstellungshalle im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Rheinstraße 23-25, Wiesbaden.
Dienstags bis Sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Zur Ausstellung ist eine Begleitpublikation erschienen, die in der Ausstellungshalle erhältlich ist.

Kommentare (1)

  • Stefan Wehmeier
    Stefan Wehmeier
    am 21.10.2012
    Der sogenannte Wert

    "Übrigens sagt es ja auch Marx, dessen Betrachtung der Volkswirtschaft von einer Werttheorie ausgeht: "der Wert ist ein Gespenst". - Was ihn aber nicht von dem Versuch abhält, das Gespenst in drei dicken Büchern zu bannen. "Man abstrahiere", so sagt Marx, "von den bearbeiteten Substanzen alle körperlichen Eigenschaften, dann bleibt nur noch eine Eigenschaft, nämlich der Wert."
    Wer diese Worte, die gleich zu Anfang des "Kapitals" zu lesen sind, hat durchgehen lassen und nichts Verdächtiges in ihnen entdeckt hat, darf ruhig weiterlesen. Er kann nicht mehr verdorben werden. Wer sich aber die Frage vorlegt: "Was ist eine Eigenschaft, getrennt von der Materie?" - wer also diesen grundlegenden Satz im "Kapital" zu begreifen, materialistisch aufzufassen versucht, der wird entweder irre, oder er wird den Satz für Wahnsinn, seinen Ausgangspunkt für ein Gespenst erklären.

    Aber das ist ja gerade das Erstaunliche an der Behauptung, die Wertlehre wäre die Grundlage der nationalökonomischen Wissenschaft, daß dem Handel das Dasein dieses sogenannten Wertes vollkommen unbekannt ist. Sonst gehen heute auf allen Gebieten der menschlichen Tätigkeit Wissenschaft und Leben Hand in Hand; nur im Handel weiß man nichts von der Haupttheorie seiner Wissenschaft. Im täglichen Handelsverkehr gibt es nur Preise, durch Nachfrage und Angebot bestimmte Preise, und der Kaufmann, der vom Wert einer Sache spricht, denkt dabei an den Preis, den der Besitzer unter den obwaltenden zeitlichen und örtlichen Verhältnissen wahrscheinlich würde erhandeln können. Der Wert ist also eine Schätzung, die durch den Abschluß des Handels in eine genau abgemessene Menge Tauschgüter, in den "Preis" übergeht. Den Preis kann man haarscharf messen, den Wert kann man nur schätzen. Das ist der ganze Unterschied, und die Erklärung vom Wesen des Preises muß demnach sowohl auf den Preis wie auf den Wert anwendbar sein. Eine besondere Theorie des "Wertes" ist überflüssig."

    Silvio Gesell (Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld, 1916)

    Die Entstehung des Geldes als Grundvoraussetzung entwickelter Arbeitsteilung und die Religion hängen insofern zusammen, als dass sich die halbwegs zivilisierte Menschheit ohne das "Programm Genesis" gar nicht erst auf die Benutzung eines darum von der Allgemeinheit bis heute unverstandenen und a priori fehlerhaften Geldes eingelassen hätte:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

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