Was Knochen über das Leben erzählen

Skorbut war vor vielen tausend Jahren in der Jungsteinzeit eine verbreitete Krankheit bei Kindern. Auch gab es Gewalt in der damaligen Gesellschaft, wie Pfeilschußverletzungen belegen. All diese Geschichten erzählen Knochen - wenn man sie wie Privatdozent Dr. Wolf-Rüdiger Teegen deuten kann. Anhand menschlicher und tierischer Skelette zieht er Rückschlüsse auf die Lebenswelt von damals.

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"Mit Hilfe von Knochen kann man die Biographie eines Menschen bestimmen - was er gegessen hat oder an welchen Krankheiten er gelitten hat", erklärt der 48-jährige Vorgeschichtsdozent, der von der Universität Leipzig an die Saar-Uni gekommen ist. Wolf-Rüdiger Teegen lehrt in diesem Sommersemester Vor- und Frühgeschichte an der Saar-Uni und vermittelt seine Forschungsergebnisse auch den Saarbrücker Studierenden.

Schon als Schüler hatte er zwei Leidenschaften: Archäologie und Medizin. Krankheiten in ferner Vergangenheit (Paläopathologie) sind sein Spezialgebiet. Neben seiner Lehrtätigkeit zieht es ihn immer wieder ins Grabungsfeld. Dabei erinnert er sich an einen besonders spektakulären Fund: Mitten im Zentrum von Trier wurde ein Doppelgrab aus der Spätantike entdeckt, in dem die Skelette von zwei älteren Männern lagen: "Ich konnte nachweisen, dass die beiden geköpft worden waren. Das war gar nicht so eindeutig, wie man zunächst glaubt, denn die Köpfe lagen an ihrem Platz in dem Grab", so Teegen. Bei näheren Untersuchungen sah er, dass die Halswirbel glatt durchtrennt worden waren, bei einem der Männer hatte das Schwert sogar den Unterkiefer getroffen. "Der Fund war auch deshalb spektakulär, weil es in der Antike eigentlich streng verboten war, Tote innerhalb der Stadt zu begraben", erklärt der Vorgeschichtsdozent. "Die Männer gehörten wahrscheinlich einer Familie der Oberschicht an, denn der Gesundheitszustand war für ihr fortgeschrittenes Alter bemerkenswert gut und sie litten kaum an degenerativen Gelenkerkrankungen." Wolf-Rüdiger Teegen vermutet, dass die Familien die Leichen der Männer im Geheimen zu Hause bestattet haben. Warum die Männer geköpft worden waren, ist immer noch ein Rätsel.

Trotzdem hat Wolf-Rüdiger Teegen anhand von Knochen schon viele Rätsel geknackt. Sein Spezialgebiet ist die so genannte Glockenbecher-Kultur der Jungsteinzeit (2400 bis 2200 vor Christus). Die Kultur ist benannt nach den typischen Gefäßen, die die Menschen damals benutzt haben. In der Nähe von Leipzig wurde ein Gräberfeld der Glockenbecher-Kultur ausgegraben. Wolf-Rüdiger Teegen hat die Skelette zusammen mit anderen Wissenschaftlern untersucht und einiges über ihre Ernährung und das gesellschaftliche Leben herausgefunden. Dabei ähnelt seine Arbeit der der Gerichtsmediziner, mit denen er auch zusammenarbeitet. Zuerst wird festgestellt, ob es sich um Knochen eines Menschen oder eines Tieres handelt. "Der Knochen liefert mir Hinweise auf Geschlecht, Alter und Größe sowie Krankheiten des Menschen oder des Tieres", so der Forscher.

Mit Lupe und Mikroskop nimmt er sich den Knochen dann genauer vor. An den Schädeln, die in der Nähe von Leipzig gefunden wurden, stellten die Forscher fest, dass die Glockenbecher-Menschen an Zahnstein, aber nicht an Karies litten. Das deutet darauf hin, dass sie sich eiweißreich ernährt haben. "An einigen Kinderskeletten konnten wir sehen, dass der Unterkiefer und der Gaumen zu Lebzeiten verstärkt durchblutet waren. Die Kinder hatten wohl Skorbut. Diese Krankheit entsteht durch einen Mangel an Vitamin C. Wir gehen deshalb davon aus, dass die Ernährung vor allem für die Kinder nicht immer optimal war", erläutert Teegen.

Hinweise auf Unfälle und gewalttätige Auseinandersetzungen in der Glockenbecher-Kultur geben dem Forscher vor allem Knochenbrüche: "Am Skelett einer älteren Frau aus einem Grab in der Nähe von Leipzig haben wir einen Armbruch festgestellt. Die Elle war gebrochen und später wieder gut verheilt. Wir gehen davon aus, dass die Frau mit dem Arm einen Stockhieb abwehren wollte", erzählt Wolf-Rüdiger Teegen und schließt daraus, dass es in der Glockenbecher-Kultur auch häusliche Gewalt gab.

Weitere Gebeine lieferten den Forschern sogar Hinweise auf Kriegsgeschehen. In dem Oberarmknochen eines 25- bis 35-jährigen Mannes entdeckten sie ein dreieckiges Feuersteinobjekt. "Wir fanden heraus, dass es sich um eine Pfeilspitze handelte. Der Pfeil hat den Mann vermutlich beim Weglaufen von hinten getroffen. Der Knochen weist keine Heilungsspuren auf. Der Mann muss also wenige Stunden oder Tage, nachdem er von dem Pfeil getroffen worden war, gestorben sein." Die Todesursache ist unklar, denn eigentlich war die Pfeil-Verletzung nicht tödlich. "Der Mann könnte an weiteren Kampf-Verletzungen gestorben sein oder einen Gift-Pfeil abbekommen haben, aber das ist nach so langer Zeit nicht mehr nachweisbar", erzählt Teegen. Seine Forschungen beweisen, dass einige Jungsteinzeit-Menschen eindeutig Krieger waren. "Das könnte einerseits heißen, dass zwischenmenschliche Gewalt durchaus verbreitet war. Andererseits sind Kampfverletzungen im Vergleich mit der Zahl der so genannten Kriegergräber erheblich seltener. Dies könnte bedeuten, dass durch rituelle Kampfhandlungen eine hohe Zahl an Opfern vermieden wurde", sagt der Forscher. Um das herauszufinden, braucht er noch mehr Ergebnisse.

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