Von der Romanik in das Industriezeitalter

Bei den aktuellen Ausgrabungen im Kloster Pforta nahe Naumburg zeigt sich, dass Naturkatastrophen wie Überschwemmungen ein fester Bestandteil der über 800-jährigen Umweltgeschichte des ehemaligen Klosters sind.

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Relikte von Wirtschaftsbauten im Kloster Schulpforta
Vor gotischem (links) und neugotischem Haus (Treppengiebel) sind die Relikte von Wirtschaftsbauten zu erkennen. Der L-förmige Mauerzug gehört zu einem Ensemble aus der Zeit vor 1730. Foto: H. Jarecki, © LDA Sachsen-Anhalt

Seit Sommer dieses Jahres erfolgen im Kloster Pforta umfangreiche Baumaßnahmen. Hier entsteht auf etwa 1/6 des Klostergeländes das neue Besucherempfangszentrum (BEZ) mit zugehöriger touristischer Infrastruktur. Die notwenigen Erdarbeiten öffnen zugleich ein Fenster in die Geschichte des ehemaligen Klosters. So ist es selbstverständlich, dass die Bauarbeiten von archäologischen Grabungen begleitet werden. Voraussichtlich noch bis Ende Oktober 2012 untersuchen acht Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt eine Fläche von ca. 15.000 m².

Schulpforte wurde in der ersten Hälfte des 12. Jhs. als Zisterzienserabtei Sankt Marien zur Pforte gegründet. Nach der Reformation wurde es ab Mitte des 16. Jhs. als Fürstenschule neu organisiert und diente seither als überregionale Bildungsstätte. Seit 1990 lautet die Bezeichnung Landesschule Pforta.

Im Grabungsareal befanden sich früher der Kloster- bzw. Schulgarten und der einst Ökonomiehof genannte, bis in die 1990er Jahre wirtschaftende Gutsbetrieb. Die archäologische Ausgangssituation ist äußerst komplex, da die älteren Befunde durch Neu- und Umbauten des 20. Jhs. überlagert werden. Die baubegleitenden archäologischen Untersuchungen ermöglichen eine Reihe wichtiger, neuer Erkenntnisse, erfordern aber auch Zeit, Geduld und Sorgfalt. Viele der inzwischen aufgedeckten Strukturen waren weder über textliche noch über graphische Archivalien zu erschließen, wie etwa Befunde zum Fundament der Klostermauer und zu verschiedenen Umbauten vor dem 18. Jh.

Naturkatastrophen wie Überschwemmungen sind fester Bestandteil der über 800-jährigen Umweltgeschichte des ehemaligen Klosters. Doch nicht nur die Kraft des Wassers führte zu Zerstörungen an der kilometerlangen Umfassungsmauer. Archäologische Detailuntersuchungen erbrachten den Nachweis, dass es im weichen Auengrund schon früh zu einem einseitigen Nachsacken der Fundamentlagen und einem daraus resultierenden Schiefstand der Mauer kam.

An der nördlichen Klostereinfahrt gelang die Entdeckung eines schmaleren Vorgängertores. Direkt neben der B 87 fanden sich zudem die Relikte einer über den Mühlenbach führenden Brücke. Zu den Hinterlassenschaften des wilhelminischen Gutes gehören die Relikte der 1877 errichteten Gasanstalt. Mit dem dort produzierten Stadtgas sollte die Beleuchtung in der Schule verbessert und Schäden für die Augen der Schüler vermieden werden.

Ein intensives historisches Baugeschehen ist im Bereich des zukünftigen BEZ festzustellen. Die ältesten Mauern in diesem Areal gehören zu einem Gebäudering, in den das Gotische Haus integriert war. Pläne aus der Zeit um 1730 sind hier mit dem archäologischen Befund in Einklang zu bringen. Dieses Ensemble kann schon vor Errichtung des Klosters bestanden haben oder im Zusammenhang mit der Gründung der Fürstenschule stehen. Von höchstem Interesse sind in diesem Zusammenhang unscheinbare Bodenverfärbungen unter diesen Mauern. Sie gehören zu vormaligen Pfostenbauten (und Grubenhäusern) und belegen eine ältere Bebauungsphase in Holz. Die weiteren Untersuchungen sollen Aufschlüsse zum genauen Alter geben.

Schon jetzt ist abzusehen, dass die archäologischen Forschungen umfangreiche Erkenntnisse zur mehrhundertjährigen Geschichte dieses bedeutenden mitteldeutschen Baudenkmals erbringen werden. Von besonderem Interesse ist hierbei das Zusammenspiel von sakraler Architektur wie Kirche und Kreuzgang und romanischen Profanbauten wie Klostermauer und Wirtschaftsarealen.

Fundament der Klostermauer
Die Fundamentlagen der Klostermauer (Bildmitte) sind in dem weichen Untergrund zur Saale hin nach außen (rechts) verkippt. Der Höhenunterschied zwischen den Längskanten der Mauer beträgt 7 cm. Foto: H. Jarecki, © LDA Sachsen-Anhalt
Ausgrabung
Freilegungs- und Vermessungsarbeiten am Gasometer. Foto: H. Jarecki, © LDA Sachsen-Anhalt

Kommentare (1)

  • Prof. Dr. Wolfgang Kuhoff
    Prof. Dr. Wolfgang Kuhoff
    am 04.10.2012
    Wenn man von einem "Besucherempfangszentrum (BEZ) mit zugehöriger touristischer Infrastruktur" liest, dann schwant einem im Zusammenhang mit dem angeblichen Umfang von 1/6 des Gesamtareals, daß dort ein modernistisches Gebäude womöglich mit der heutigen unsäglichen Gewohnheit eines Totalglasbaus entstehen soll. Aufgrund meiner eigenen Kenntnis des Gesamtkomplexes kann ich nur eindringlich davor warnen, wieder einmal eine Verunstaltung eines historisch gewachsenen Ensembles durch undurchdachte Baumaßnahmen der Gegenwart vorzunehmen. Noch kann man dem vorbeugen. Ich lasse mich aber gerne eines anderen belehren, sollte tatsächlich ein dezentes Gebäude vorgesehen sein, das sich nicht protzend aufdrängt. Immerhin ist Schulpforta auch durch seine guten Weine bekannt, und diese lassen sich in einem einfühlsam eingefügten oder vorgesetzten Bauwerk angenehmer präsentieren als in einem Allerweltsbau ohne eigentliches architektonisches Gesicht. Ohnehin sollte ein Empfangszentrum nicht im bestehenden Areal angelegt werden, sondern außerhalb.

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