Unterwegs in frühneuzeitlichen Schuhen

Hartmut Kühne, Kirchenhistoriker an der Humboldt-Universität zu Berlin, und Petr Hlavácek, Schuhtechnologe von der Tomas-Bata- Universität Zlín, initiieren einzigartigen Testlauf über 70 Kilometer mit Schuhnachbildung der Frühen Neuzeit

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Ein mährischer Schuhtechnologe, ein Prager Archivar und ein Berliner Kirchenhistoriker werden in einem dreitägigen Versuch die Trageeigenschaften eines 500 Jahre alten Schuhes testen. Für dieses Experiment wurden nach einer gründlichen Erforschung des Originals drei handgearbeitete Repliken genäht. Der originale Schuh wurde in der ehemaligen Wallfahrtskirche in Bad Wilsnack entdeckt. Er wurde dort im frühen 16. Jahrhundert von einem wohl vermögenden jugendlichen Pilger. Es handelt sich wahrscheinlich um den einzigen erhaltenen 'Pilgerschuh', der nach der Mode der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts hergestellt wurde. Das schuhhistorische Experiment hat das Ziel zu überprüfen, welches Maß an Tragekomfort diese Schuhe boten, für welche Terrains sie geeignet waren, wie anfällig sie für Schäden verschiedener Art waren.

Der Initiator des Vorhabens, Prof. Petr Hlavácek von der Tomas-Bata- Universität Zlín, hat bereits zwei ähnliche schuhhistorische Experimente durchgeführt. In dem ersten Versuch wurden im Jahr 2003 getreue Repliken der sog. Ötzi-Schuhe erprobt. Vier Freiwillige waren in diesen Repliken in den Alpen bis zum Fundort gestiegen und hatten festgestellt, dass diese Schuhen einen ungewöhnlich hohen Komfort bieten. Eine Replik der Schuhe ist im Leder- und Schuhmuseum in Offenbach zu sehen. In einem zweiten Experiment erprobte Prof. Hlavácek im Jahr 2004 die ältesten erhaltenen Schuhe, die vor etwa 10.000 Jahr in Nordamerika aus Wermutbast geflochten wurden. Der Test der Wilsnacker Schuhe ist daher der dritte schuhhistorische Versuch. Als nächstes ist die Erprobung jener Schuhe geplant, die die chinesischen Soldaten nach der Darstellung der Terrakotta-Armee in Xi-an getragen haben.

Die Idee der Erprobung des Wilsnacker Schuhes entstand 2004 auf einer Tagung über europäische Wallfahrten in Príbram in der Tschechischen Republik, wo der Zlíner Forscher in einem Vortrag die Vermutung äußert, es gäbe keine erhaltenen Pilgerschuhe des Mittelalters. Der Berliner Kirchenhistoriker Hartmut Kühne machte damals auf den Wilsnacker Schuh aufmerksam. Nach einer gemeinsamen schuhtechnischen und kulturgeschichtlichen Recherche, die im Jahr 2006 veröffentlicht wurde, beginnt nun der praktische Test. Die drei Wissenschaftler sind ab heute bis zum Sonntag, den 13. Mai auf dem neu erschlossenen 'Pilgerweg' von Berlin nach Bad Wilsnack mit den Schuhrepliken unterwegs.

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