Steinzeit-Großstadt bei Stonehenge? - Ein Kommentar

Bei Ausgrabungen in einer Wallanlage bei Stonehenge soll die größte steinzeitliche Siedlung Nordeuropas entdeckt worden sein, berichtete SpiegelOnline.de am 7.11.2007. So ganz eindeutig ist das aber nicht.

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Mindestens 300 Häuser sollen in der Wallanlage Durrington Walls gestanden und 1200 oder vielleicht auch 2400 Menschen dort gewohnt haben. Damit wäre es für Mike Parker Pearson, einem der Leiter des Stonehenge Riverside Project, eine der größten neolithische Siedlung Nordeuropas.

Doch kommen wir erst einmal zu den Fakten. Das ca. 3 Kilometer von Stonehenge entfernt liegende Durrington Walls ist eine ovale Wall-Graben-Anlage mit einem Durchmesser von knapp 500 m, deren Innenflächen seit 2006 im Zuge des Stonehenge Riverside Project ausgegraben wird. Weniger als 1% der gesamten Innenfläche wurde bisher untersucht und in diesem Bereich konnten zehn Hausgrundrisse dokumentiert werden. Da Durrington Walls im gleichen Zeithorizont wie die Errichtung der Megalithstrukturen von Stonehenge (2500 - 2100 v.Chr.) liegt, wird die Anlage auch als dazugehörige Handwerkersiedlung interpretiert.

Aber war das gesamte Gelände der Anlage bebaut, so dass man mehrere hundert Häuser annehmen kann? Und wenn ja, waren diese Häuser alle gleichzeitig bewohnt? Und mit wie vielen Bewohnern pro Haus kann man rechnen?

Es steht außer Frage, dass noch mehr als diese zehn Hütten auf dem Gelände zu erwarten sind. Aber bei der bis dato aufgedeckten Fläche schon von einer Bebauung des gesamten Geländes auszugehen und gleich von mehreren hundert Häusern zu sprechen, erscheint mir etwas verfrüht. Zudem müsste man jedes einzelne Gebäude exakt datieren, um herauszufinden wie viele gleichzeitig in der Anlage bewohnt waren. Mittels einer Datierung über Keramik und C-14 ist dies, vorsichtig formuliert, nur sehr mühsam möglich. Die Begriffe Steinzeit-Großstadt oder Megacity, wie sie SpiegelOnline ersonnen hat, will ich hier erst gar nicht kommentieren.

Archäologie war und ist eine Wissenschaft die von Wahrscheinlichkeiten und manchmal mutigen Interpretationen lebt. Sehr vieles können wir nur annähernd erklären und weit mehr nur vermuten. Aber gerade dies macht den großen Reiz unseres Faches aus. Es wäre wirklich eine Sensation, würden sich die Annahmen von Parker Pearson bestätigen. Aber bevor man wirklich weiß, ob tatsächlich ein Großteil der Innenfläche bebaut war, sollte man meines Erachtens erst einmal von einer "gewöhnlichen" kleinen Siedlung ausgehen.

Kommentare (1)

  • Steinbeißer
    Steinbeißer
    am 13.11.2007
    Übertreibungen, reißerische Headlines und die weitgehend unüberprüfte Übertragung von (grundsätzlich als Fakten angenommen) Agenturmeldungen in undifferenzierte Artikel verkommen leider immer mehr zum Standard in der Presse. Solche Entwicklungen, insbesondere das Vernachlässigen echter journalistischer Tätigkeit mit dem Drang zur Wahrheitsfindung, sind offenbar der fortlaufenden Medienkonzentration zum Opfer gefallen.

    Der thematisch einigermaßen bewanderte, mündig erzogene, kritische Leser weiß i.d.R. mit solchen Texten umzugehen, alle anderen haben hier das Nachsehen.

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