Stadtarchäologie beendet Grabung am Aachener Münsterplatz

Mit einer großen Schippe fing Ende Februar 2026 am Münsterplatz alles an. Doch schnell kamen vor allem Pinsel und weiteres feines Werkzeug zum Einsatz. Die Schaufeln standen fortan eher am Rande der beiden Gruben mitten in der Aachener City. „In der rund sechsmonatigen Untersuchung ist es uns erstmals möglich gewesen, detaillierte Einblicke in den alten Münsterkirchhof zu bekommen“, zog Stadtarchäologe Andreas Schaub eine rundum positive Bilanz nach der intensiven Grabungszeit.

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Jakobsmuscheln von der Ausgrabung am Münsterplatz
Mittelalterliches Pilgerziel: Schon früh strömten die Menschen von Nah und Fern nach Aachen. Das beweisen Jakobsmuscheln, die bei der Grabung am Münsterplatz entdeckt worden sind. Foto: © Stadt Aachen / Stefan Herrmann

Seltene Grabungsgelegenheit auf dem Münsterplatz

Ein gutes halbes Jahr lang haben sich Stadtarchäologe Andreas Schaub und ehrenamtliche Hilfskräfte des Archäologischen Arbeitskreises (AAA) in Handarbeit Schicht für Schicht durch zwei Baumscheiben gearbeitet. Die beiden zuvor dort gepflanzten Linden waren 2023 einem Sturm zum Opfer gefallen. Nun, nach dem Abschluss der archäologischen Arbeiten, werden erneut zwei Linden in die Baumscheiben gepflanzt. Da die Baumscheiben zunächst präpariert werden müssen, bot sich in den vergangenen Monaten eine seltene Gelegenheit für die Archäologinnen und Archäologen: Denn gebaut – vor allem in die Tiefe gegraben – wird am Münsterplatz nur selten. Jeder Bodeneingriff an diesem historischen Ort wird daher archäologisch betreut und ermöglicht interessante Funde. 

Hauptzugang zu den römischen Heilthermen?

In der zweiten Grube, die in den vergangenen Wochen intensiv untersucht worden ist, wurde unter anderem die Grenzmauer der Immunität des Marienstifts zum städtischen Gebiet freigelegt. Überraschend war dabei der Fund eines gleichzeitig mit der Mauer errichteten und bis dato unbekannten großen Brunnens. "Damit konnten wir ein kleines Rätsel entschlüsseln", erläuterte Andreas Schaub. "Auf grafischen Darstellungen des 16./17. Jahrhunderts war an dieser Stelle nämlich ein bisher nicht gedeutetes Bauwerk verzeichnet, das sich nunmehr identifizieren lässt. Der im 16. Jahrhundert bereits aufgegebene Brunnen gründet überraschenderweise auf einer römischen Straße. Nach Lage der Dinge kann dies der Hauptzugang zu den römischen Heilthermen, den so genannten 'Münsterthermen', gewesen sein", so der Stadtarchäologe weiter. 

Dank der tatkräftigen Unterstützung der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer konnte die Stadtarchäologie zudem rund 60 Gräber des 12. bis 18. Jahrhunderts dokumentieren. "Besonders berührend war eine aufwändig ausgestattete Doppelbestattung zweier Säuglinge, die mithilfe von Restauratorinnen und Anthropologinnen seitens des LVR-Landesmuseums und der Universität Bonn sachgerecht freigelegt und geborgen wurde", erzählte Schaub. Durch zwischenzeitlich begonnene Recherchen in Tauf- und Sterberegistern der Pfarre von St. Foillan soll herausgefunden werden, um wen es sich bei dem mutmaßlichen Zwillingspärchen genau handelte. 

Funde aus Römer, Merowinger- und Karolingerzeit

Die gesamten Skelettfunde werden weiter bearbeitet. Sie sollen im Rahmen einer Dissertation an der RWTH Aachen nähere Erkenntnisse zur Aachener Bevölkerung in Mittelalter und früher Neuzeit erbringen und auch klären, ob ein Teil der Toten tatsächlich einer Epidemie im 16. Jahrhundert zum Opfer fiel.

Unter den zahlreichen geborgenen Fundstücken ragen mit Goldfolie überzogene Glasmosaiksteine heraus, die aus den römischen Thermen stammen dürften. Keramikfunde aus Merowinger- und Karolingerzeit, mittelalterliche Pilgermuscheln und Teile zerbrochener Pilgerhörner, die vermutlich bei Heiligtumsfahrten im Einsatz waren und dabei zu Bruch gingen, runden das reiche Fundspektrum ab. 

Die Ergebnisse aus der ersten Baumscheibe gewährten bereits einen Einblick in längst vergangene Zeiten: In erster Linie wurden umfangreiche Reste des mittelalterlichen Friedhofs entdeckt, dem Münsterkirchhof. Er ist seit dem 13. Jahrhundert überliefert. Die ältesten Gräber, die das archäologische Team gefunden hat, reichen jedoch mindestens bis ins 12. Jahrhundert zurück. Der Friedhof wurde bis in die napoleonische Zeit genutzt, ehe Friedhöfe aus hygienischen Gründen aus den Innenstädten verlagert wurden. 

Die Grabungen am prominenten Platz zogen in den vergangenen Monaten die Aufmerksamkeit unzähliger Passantinnen und Passanten auf sich. Die Archäologinnen und Archäologen beantworteten so intensiv wie selten zuvor die Fragen von Klein und Groß mit viel Geduld. Damit die Arbeiten nicht allzu sehr beeinträchtigt wurden, gestaltete der städtische Fachbereich Kommunikation und Stadtmarketing im Sommer Plakate, die die Grabungen erläuterten.   

Stadtarchäologe Andreas Schaub erläutert die Befunde
In zwei Metern Tiefe auf eine römische Straße gestoßen, die in die römischen Heilthermen führte: Stadtarchäologe Andreas Schaub zieht Bilanz von der Grabung am Münsterplatz. Foto: © Stadt Aachen / Stefan Herrmann