Zwischenbilanz der archäologischen Grabungen am Aachener Münsterplatz

Seit Ende Februar arbeiten sich Stadtarchäologe Andreas Schaub und ehrenamtliche Hilfskräfte des Archäologischen Arbeitskreises (AAA) in Handarbeit Schicht für Schicht durch zwei Baumscheiben. Die beiden zuvor dort gepflanzten Linden waren 2023 einem Sturm zum Opfer gefallen. Nach Abschluss der archäologischen Arbeiten werden erneut zwei Linden in die Baumscheiben gepflanzt. Da die Baumscheiben zunächst präpariert werden müssen, bot sich eine seltene Gelegenheit für die Archäologinnen und Archäologen: Gebaut wird am Münsterplatz nur selten. Jeder Bodeneingriff an diesem historischen Ort wird archäologisch betreut und ermöglicht interessante Funde.

Ausgrabungsarbeiten auf dem Münsterplatz
Grabung im Schatten von Dom und St. Foillan: Auf dem Münsterplatz schreiten die archäologischen Grabungen voran. Wegen besonderer Funde erhält das städtische Team Unterstützung von Susanne Domke (vorne) und Katja Schüller vom Landesmuseum in Bonn und de Landschaftsverband Rheinland. Foto: Stadt Aachen

Mittelalterlicher Friedhof mit außergewöhnlichen Bestattungen

Die Ergebnisse aus der ersten Baumscheibe gewähren einen Einblick in längst vergangene Zeiten: In erster Linie wurden umfangreiche Reste des mittelalterlichen Friedhofs entdeckt, dem Münsterkirchhof. Er ist seit dem 13. Jahrhundert überliefert. Die ältesten Gräber, die das archäologische Team nun gefunden hat, reichen jedoch mindestens bis ins 12. Jahrhundert zurück. Der Friedhof wurde bis in die napoleonische Zeit genutzt, ehe Friedhöfe aus hygienischen Gründen aus den Innenstädten verlagert wurden.

Insgesamt konnten die Archäologinnen und Archäologen etwa 45 Bestattungen auf vier Quadratmetern identifizieren – eine enorm dichte Belegung. Besonders hervorzuheben ist das Skelett eines Pilgers, dem drei Jakobsmuscheln aus Santiago in den Sarg gelegt wurden. Darüber hinaus enthielt eine Grabgrube mehrere Personen – ein Indiz dafür, dass dort im 16. Jahrhundert Opfer einer Epidemie begraben wurden. Auch ein Schädel mit einem absichtlich zugefügten Loch zählt zu den bemerkenswerten Funden.

Kollegiale Zusammenarbeit bei zwei besonders zerbrechlichen Funden

In der zweiten Baumscheibe haben Schaub und seine ehrenamtlichen Hilfskräfte ganz aktuell zwei Säuglingsskelette freigelegt. Die Bestattung im selben Grab sowie das offensichtlich gleiche Alter der Skelette deuten auf einen möglichen Zwillingsfund hin. Stadtarchäologe Schaub erklärte: "Das sind Funde, die auch uns Expertinnen und Experten bewegen und die Schicksale der damaligen Bevölkerung offenbaren. Da die Knochen so filigran waren, haben wir direkt unsere Kolleginnen und Kollegen vom LVR-Landesmuseum Bonn informiert." Unmittelbar reisten nicht nur Restauratorinnen vom Museum, sondern auch Anthropologinnen und Anthropologen von der Universität Bonn nach Aachen, untersuchten die Skelette und legten sie mit größter Vorsicht frei. Dabei staunten sie über die gut erhaltenen Aachener Funde. Es gelang sogar, die kleinsten menschlichen Knochen, die Steigbügelknochen im Ohr, zu bergen. "Diese Knochen sind kleiner als ein Reiskorn", veranschaulichte Schaub.  

Im Süden war der Friedhof durch eine Mauer begrenzt, die zugleich den Rechtsbezirk der Münsterimmunität markiert. Das Team um Andreas Schaub konnte diese Mauer wie erhofft nachweisen. Sie liegt vermutlich direkt über einer Mauer der römischen Thermen. Von diesen fanden sich verlagerte Teile der einst reichen Innenausstattung wie Mosaiksteine oder Marmorplättchen. Einige verlagerte Scherben des frühen Mittelalters belegen die durchgehende Besiedlung des Münsterplatzes seit römischer Zeit.

Wissenschaftliche Auswertung der Funde

Das archäologische Team birgt die Funde, dokumentiert und inventarisiert sie. Ein Mediziner, der derzeit an seiner Doktorarbeit zu den Funden auf dem Münsterplatz arbeitet, wird die Knochen anthropologisch untersuchen und wissenschaftlich auswerten. Nach Abschluss dieser Untersuchungen werden die Aachener Funde im Depot des LVR-Landesmuseums in Meckenheim aufbewahrt.

Die Grabungen an diesem stark frequentierten Platz zogen in den vergangenen Monaten die Aufmerksamkeit unzähliger Passantinnen und Passanten auf sich. Kein Wunder, waren doch die Skelette mit dem bloßen Auge in den Pflanzgruben zu entdecken. Die Archäologinnen und Archäologen beantworteten die Fragen von Klein und Groß mit viel Geduld. Damit die Arbeiten aber dadurch nicht beeinträchtigt wurden, gestaltete der städtische Fachbereich Kommunikation und Stadtmarketing kurzerhand Plakate, die die Grabungen erläuterten. 

Freigelegte Bestattungen nahe des Aachener Doms
Alter Friedhof: Gut 45 Skelette oder Reste davon sind in der ersten Grube nahe des Aachener Doms entdeckt worden. Die Knochenfunde wurden von Fachleuten dokumentiert, soweit wie notwendig entnommen, und der Rest des Lochs wird nun in Kürze wieder mit Erde befüllt und im Herbst mit einem Baum bepflanzt. Foto: Stadt Aachen
Funde der Ausgrabung am Aachener Münsterplatz
Zahlreiche Einzelfunde: Das städtische Archäologieteam hat unter anderem Jakobsmuscheln, die einem Pilger beigelegt waren, einen alten Rosenkranz und Mosaikreste der römischen Therme aus der Erde geholt. Foto: Stadt Aachen
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