Römisches Kriegsschiff kreuzt im Dienst der Wissenschaft

Trierer Professor Christoph Schäfer betreut Nachbau einer „Navis Lusoria“

Ein Desaster? Über Monate haben viele Hände an dem Nachbau eines römischen Kriegsschiffs gebaut. Und dann das: Bei der Jungfernfahrt dringt Wasser in den Rumpf. Was Laien in eine Schrecken versetzt, ist für Experten kein unrühmlicher Untergang eines ambitionierten Projekts, sondern durchaus beabsichtigt.

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Nachbau eines Navis Lusoria auf dem Main. Foto: Michael Baudy / pixelio

Damit das Schiff schwimmt, müssen seine Planken Feuchtigkeit aufnehmen, aufquellen und auf diese Weise den Bootsrumpf abdichten. Nicht nur bei diesem Verfahren halten sich die Bootsbauer, die in einer Germersheimer Bundeswehrkaserne eine sogenannte „Navis Lusoria“ nachbauen, getreu an die historischen Vorbilder. Wie diese römischen Kriegsschiffe des dritten und vierten nachchristlichen Jahrhunderts konstruiert und gebaut waren, weiß in Deutschland kaum jemand besser als Prof. Dr. Christoph Schäfer, Althistoriker an der Universität Trier. Es ist nicht die erste Rekonstruktion, die unter seinen wissenschaftlichen Fittichen entsteht und neue Erkenntnisse erbringen soll.

„Hinsichtlich der Leistungsdaten dieses römischen Schiffstyps lassen uns die antiken Schriftquellen im Stich. Für das Verständnis der spätantiken Verteidigungsstrategie ist es daher umso wichtiger, fehlende Informationen über das Experiment wiederzugewinnen“, erläutert Prof. Schäfer seine Motivation für dieses wissenschaftliche Experiment.

Bereits in seiner Zeit als Hochschullehrer an der Universität Regensburg hat er vor sieben Jahren mit Studierenden einen Nachbau realisiert. Die Tests ergaben, dass dieser Schiffstyp von ungeübten Ruderern schnell zu beherrschen war. An den Riemen dürften somit Angehörige des Landheeres statt professioneller Marinesoldaten gesessen haben. Die Testfahrten und Messungen unter Segel brachten die Gewissheit, dass längere Strecken auf den Grenzflüssen des Imperiums in kurzer Zeit zu bewältigen waren; ein plausibler Beleg für die Wahrhaftigkeit historischer Quellen, wonach Kaiser Julian 361 n. Chr. in elf Tagen 1100 Flusskilometer zurückgelegt haben soll.

Doch wozu nun ein weiterer Nachbau? In der Wissenschaft gehen die Meinungen über die tatsächliche Länge des „Navis Lusoria“ auseinander. In Mainz fand man vor 30 Jahren bei Bauarbeiten gut erhaltene Reste mehrerer Boote. Die Originalmaße waren jedoch nicht zweifelsfrei zu ermitteln, weil keines der Schiffe in voller Länge erhalten war. Christoph Schäfer geht aufgrund der Forschungen von Dr. Ronald Bockius (Museum für Antike Schiffahrt, Mainz) beim Typ „Navis Lusoria“ inzwischen von einer Länge von 18 Metern aus. Daher wird die nun in Germersheim nachgebaute „Lusoria Rhenana“ knapp vier Meter kürzer sein als das Regensburger Modell. 24 Ruderer und ein Segel werden das 2,80 Meter breite und knapp fünf Tonnen schwere Wasserfahrzeug aus Eichenholz bewegen, das von mehr als 4000 handgeschmiedeten Nägeln zusammengehalten wird.

Das Schiff wird nicht nur als wissenschaftlicher Datenlieferant dienen. Später soll es als touristischer Magnet Besucher in den Landkreis Germersheim ziehen. Landrat Dr. Fritz Brechtel ist die Initiative zur Rekonstruktion der „Lusoria Rhenana“ zu verdanken, die vom Verein zur Förderung von Kunst und Kultur e. V. im Landkreis Germersheim getragen und durch Spenden finanziert wird. Für den historisch authentischen Nachbau wurden mit der Berufsbildenden Schule Germersheim und dem Verein für berufliche Bildung (VFBB) in Speyer kompetente Kooperationspartner gewonnen. An dem Nachbau haben unter Anleitung von Oberleutnant zur See Gerrit Wagener und Bootsbaumeister Matthias Helterhoff sowie dem Bootsbauer Jesper Bönigk verschiedene Gruppen Hand angelegt - unter anderem Studierende der Universität Trier. Sie arbeiteten mit arbeitslosen Jugendlichen, ehrenamtlichen Helfern und Angehörigen der Bundeswehr zusammen, die in ihrer Freizeit tatkräftig mit anpackten.

Anfang Mai wird das Schiff zu Test- und Messfahrten mit modernster Technik ausgestattet. Die Daten ermöglichen Rückschlüsse auf den Einsatz und die Verwendungsmöglichkeiten im Rahmen der Verteidigungsstrategie der Römer gegen germanische Überfälle.

Einem spektakulären Einsatz der römischen Flotte hat die Nachwelt wahrscheinlich den „Barbarenschatz von Neupotz“ zu verdanken. Vermutlich wollten mit reichlich Beutegut aus Gallien zurückkehrende Germanen bei Neupotz den Rhein überqueren, als sie von römischen Patrouillenbooten gestellt wurden. Ein großer Teil des Schatzes versank in den Fluten des Rheins und wurde beim Kiesabbau der Menschheit zurückgegeben.

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