Rekonstruktion eines der größten Schätze islamischer Kunst

Bauhistoriker der TU Berlin arbeiten an der Rekonstruktion eines der größten Schätze islamischer Kunst

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Von dem ehemals eindrucksvollen Palast aus dem achten Jahrhundert nach Christus steht nur noch eine Ruine. (© TU Berlin/ privat)

"Nach mehr als einem Jahrhundert hat Deutschland nun die Chance ergriffen, sich für einen Gefallen zu revanchieren, der mit einem der monumentalsten Geschenke verbunden war, die je vergeben worden sind", freuten sich Ende März jordanische Zeitungen. Sie feierten die Bemühungen deutscher Teams, die mit ihrer Sachkompetenz helfen, Qasr al Mschatta zu restaurieren und zu konservieren, das "weiße Schloss", wie die Wissenschaftler es nennen. Geleitet wird das Projekt von Johannes Cramer, Professor für Baugeschichte der TU Berlin.

Der ausgedehnte Palastkomplex, heute etwa 30 Kilometer außerhalb der jordanischen Hauptstadt Amman nahe am "Queen Alia International Airport" gelegen, wurde um 742 n. Chr. unter dem Umayyaden-Kalifen Walid II. erbaut. Die mit höchstem Anspruch und feinster Steinmetzarbeit über und über dekorierte Hauptfassade war dann über 1000 Jahre später, im Jahre 1903, vom osmanischen Sultan Abdul Hamid II. als Geschenk an Kaiser Wilhelm II. übergeben worden. Heute ist sie im Berliner Pergamon-Museum als exzellentes Beispiel früher islamischer Kunst zu bewundern. Das nun laufende dreijährige Projekt, das die Jordanier in die Lage versetzen soll, diese kunsthistorisch äußerst wertvolle und auf der Tentativ-Liste für das UNESCO-Welterbe stehende Gesamtanlage auf gesicherter Wissensbasis sachgerecht zu restaurieren, wird unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

"Die deutsche Expedition hatte die Anlage während des Abbaus der Fassade Anfang des vorigen Jahrhunderts zwar kurz und prägnant dokumentiert, dabei aber viele wichtige Fragen zur Datierung, Ausstattung und Nutzung offenlassen müssen", so TU-Bauhistoriker Johannes Cramer. Diese Fragen sollen nun in enger Kooperation mit der Antikenverwaltung des Königreichs Jordanien, der TU Berlin und den Staatlichen Museen zu Berlin beantwortet werden. Neben der Hilfe zur sachgerechten Restaurierung für das Königreich Jordanien wird aber auch die deutsche Museumslandschaft profitieren. Die geplante Neuaufstellung der Fassade im Rahmen der Restaurierung des Pergamon-Museums soll wissenschaftlich abgesichert werden, indem das seinerzeit Unterlassene entsprechend aktuellen Standards der Wissenschaft nachgearbeitet wird.

Seit Anfang 2009 wurde die gesamte Ruine mit ihrem Grundriss von 150 mal 150 Metern mit moderner Technik vermessen. Der gesamte Baudekor wird in konventioneller Handarbeit zeichnerisch im Maßstab 1:5 dokumentiert. Im Computer soll schließlich erstmals eine detail- und formtreue Darstellung der Gesamtfassade entstehen. Die kunsthistorische Analyse des Dekors zeigt, wie während des Bauverlaufs Einflüsse aus Rom, Byzanz, Persien und der Kopten zu einem eigenständigen islamischen künstlerischen Ausdruck verschmolzen sind. "Damit werden wir quasi Zeugen der Geburtsstunde islamischer Baudekoration", erklärt Bauhistoriker Cramer.

Bei den bauarchäologischen Untersuchungen und Ausgrabungen stieß man unter anderem auf Zehntausende von Mosaiksteinchen, die über weite Teile der Anlage verstreut lagen. Das beweist, dass die Anlage nach der Ermordung des Erbauers Walid II. nicht als ungenutzte Ruine liegen blieb, wie die Forschung ursprünglich annahm, sondern in ihren Hauptteilen fertig und genutzt wurde. Darauf verweisen auch andere Reste der Innenausstattung und technische Anlagen wie mehrere Tiefbeete mit spezieller Bewässerungstechnik. "Solche Schöpfungen gehören eindeutig nicht mehr zum Rohbau und beweisen, dass die Anlage genutzt war", so Dr. Barbara Perlich, die Projektleiterin.

Aus den Baubefunden konnten auch die Kuppel über der Audienzhalle und die Architektur eines davor liegenden Säulenhofs rekonstruiert werden. Der ursprünglich strahlend weiße Hofbelag und der ebenfalls blendend weiße Kalkstein im Sockelbereich kontrastierten mit dem roten Backsteinmauerwerk darüber und inspirierten die Wissenschaftler zu dem Namen "das weiße Schloss". Heute allerdings, nach tausend Jahren im heißen braunen Wüstensand, sieht man der Ruine das nicht mehr an.

Nach Abschluss der Substanzsicherung sollen die derzeit im Säulenhof gelagerten Bogensteine der Hauptansicht des Palastes wieder zu der eindrucksvollen Drei-Bogen-Fassade zusammengefügt und aufgebaut werden. Mehr als drei Viertel der originalen Steine sind noch vorhanden. Als letzte Maßnahme muss dann noch die Fehlstelle bearbeitet werden, die durch die Übertragung der Fassade nach Berlin bis heute am Originalstandort zurückblieb.

"Das Projekt ist ein Resultat von viel Diplomatie und gutem Willen", so Dr. Fawwaz al-Khraysheh, Generaldirektor der jordanischen staatlichen Antikenverwaltung DoA (Department of Antiquities). So soll nach den Plänen der Antikenverwaltung des Königreichs Jordanien langfristig ein für die interessierte Öffentlichkeit attraktiver Ort entstehen, der aus der Vergangenheit erzählt und zum Verweilen einlädt.

Auch viele Tiere und Pflanzen haben in der Ruine eine Heimat gefunden, wie dieser Hardun aus der Familie der Agamen (© TU Berlin/ privat)
TU-Forscherin Barbara Perlich zeichnet Tiefbeete, die im Palast wirtschaftlichen Zwecken dienten (© TU Berlin/ privat)
Beispiel frühislamischer Steinmetzkunst: Rosette von der Dreibogenfassade zwischen Säulenhof und großem Haupthof (© TU Berlin/ privat)

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