In Deutschland kein Handelsverbot für Hehlerware aus Raubgrabungen ?

 

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

liebe Freunde der Archäologie,

 

nach 35 Jahren des Verweigerns und Verschleppens ist es der Bundesregierung nun doch zu peinlich geworden, dass Deutschland als eines der letzten Staaten das UNESCO-Übereinkommen zum Schutz von Kulturgut von 1970 noch immer nicht unterzeichnet hat. Ein Gesetzentwurf wurde vom Kabinett beschlossen und steht kurz vor der Verabschiedung durch Bundestag und Bundesrat. Dieser Entwurf pervertiert jedoch die Ziele der UNESCO-Konvention und orientiert sich primär an den Interessen derjenigen, die bislang die Unterzeichnung der Konvention erfolgreich zu verhindern wussten:

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In den Erläuterungen zu dem Gesetzentwurf wird unverblümt von den „berechtigten Interessen des Handels“ gesprochen und davon, dass „Wettbewerbsnachteile... für den Kunsthandel vermieden werden“ sollen, siehe www.bundesregierung.de/Artikel/-,413.936712/dokument.htm.

Träte das Gesetz in der jetzt vorliegenden Fassung in Kraft, so würden de facto alle vor Inkrafttreten aus den Herkunftsländern geschmuggelten Raubgrabungsfunde legalisiert. Nach diesem Datum aufgetauchte archäologische Objekte dürfen nur dann nicht verhandelt werden, wenn sie in einer im deutschen Bundesanzeiger veröffentlichten Liste erfasst wurden. Archäologische Bodenfunde dürften zwar noch innerhalb eines Jahres nachträglich auf die Liste gesetzt werden, aber nur dann, wenn der exakte Nachweis der ursprünglichen Herkunft (bezogen auf einen modernen Staat) erbracht wird. Bei Hehlerware aus undokumentierten Raubgrabungen dürfte dies in aller Regel nicht gelingen. So wären beispielsweise römische Raubgrabungsfunde von dem Kulturgüterschutz nahezu völlig ausgeschlossen, gibt es doch alleine rund 30 Nachfolgestaaten des Imperium Romanum.

Doch selbst wenn die Herkunft eines Objektes bekannt sein sollte (weil es beispielsweise am Zoll bei der Einreise bemerkt wurde) so soll auch künftig in der Regel eine straffreie Einfuhr möglich sein und zwar auch dann, wenn das Herkunftsland explizit ein Exportverbot erlassen hat. Diese Exportverbote für archäologische Objekte, die in nahezu allen Ländern gelten, sollen somit weiterhin von Deutschland ignoriert werden, da eine andere Regelung angeblich „mit dem Grundgesetz kollidieren“ würde. Was sogar in den USA eine Selbstverständlichkeit ist, die Beschlagnahmung archäologischen Schmuggelgutes an den Landesgrenzen, ist hier nicht vorgesehen (außer wenn jemand versucht Zollabgaben zu hinterziehen). Schildkrötenpanzer, Papageienfedern und Elfenbeinanhänger können aber sehr wohl an deutschen Grenzen beschlagnahmt werden.

Die beabsichtigte de facto - Legalisierung archäologischer Hehlerware wird den Umsatz fördern, neue Nachfrage erzeugen und die Ausplünderung von Fundstätten und Museen forcieren. Kein Kulturgüterschutz sondern ein Raubgrabungsförderungsgesetz wurde formuliert!

Ausführliche Informationen und Dokumente finden Sie auf der extra eingesichteten Website

http://web.uni-marburg.de/vorgeschichte/protest.html

Nur durch massiven Protest kann hier das Schlimmste verhindert werden. Schreiben Sie an die Abgeordneten des Bundestages, denen die Brisanz des Themas wohl kaum bewusst sein dürfte.

Der einfachste Weg ist, unseren eigens hierfür eingerichteten Mailomat zu nutzen. Hier können Sie mit Ihrem Namen als Absender den als Attachement beigefügten Protestbrief an alle Bundestagsabgeordneten mit einem Mausklick schicken. Vorteilhaft (aber nicht unbedingt erforderlich) wäre, wenn Sie den „Betreff“ individuell formulierten, ggf. auch den ersten Satz. Das erschwert ein Ausfiltern der Mails. Noch besser sind eigene Schreiben. Leiten Sie unsere Mail mit dem Attachement auch möglichst an alle Ihnen bekannten Interessierten weiter.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Michael Müller-Karpe

Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz

Ernst-Ludwig-Platz 2

D-55116 Mainz

 

Prof. Dr. Andreas Müller-Karpe

Vorgeschichtliches Seminar der

Philipps-Universität Marburg

Biegenstr. 11

D-35037 Marburg

 

Weitere Informationen und den Mailomat finden Sie unter:

http://web.uni-marburg.de/vorgeschichte/protest.html

Kommentare (26)

  • H.-Dieter Viel
    H.-Dieter Viel
    am 31.03.2006
    Werden Sie zu Kulturmenschen, meine Herren Abgeordneten und nicht zu Willfährigen der Industrie ( und damit zu Wilden )!!!
    Die Kulturgüter gehören in das Land, aus dem sie stammen!!!

    H.-Dieter Viel
  • G.-Th. Bau
    G.-Th. Bau
    am 31.03.2006
    Wie immer und überall:
    Nicht das von Fachleuten und meist auch der Bevölkerungsmehrheit als notwendig, geboten, anständig und sinnvoll Angesehne wird getan, sondern das was eine Lobby mit ihrem Einfluss gerne hätte.
    Warum sollten "Kunsthändler" und "Hobbyarchäologen" (Gegen echte Hobbyarchäologen will ich ausdrücklich nichts gesagt haben) denn da anders sein, als Versicherungskonzerne, Energieversorger, die Beamtenverbände, die Gewerkschaften, der BDI, Ärztevereinigungen, usw. usw. usw. ???
    Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.
    Wir dürfen zwar wählen, aber bestimmen tun meist andere. Wir wählen letztendlich nur aus, welche Ansprechpartner für die Lobbyisten zuständig sind. Mehr ist von der Demokratie nicht übrig geblieben.
  • Baerbel
    Baerbel
    am 31.03.2006
    Bitte alle mitmachen bei der Petition/ dem Protest.

    Wie ich aus einer Antwortmail vom Büro von Frau Monika Griefahn entnehmen kann, wurde der Gesetzesentwurf jetzt erst mal dem Bundesrat zur Stellungnahme vorgelegt.
    D. h. es gibt auch zum jetzigen Zeitpunkt noch Möglichkeiten auf Länderebene Einfluss zu nehmen.

    Schicken Sie auch Briefe und Mail an die Zuständigen in den jeweiligen Landesministerien!!!

    Es wäre jetzt zu früh vor Lobbyisten zu resignieren - breiter Protest ist jetzt gefragt.

    Grüße
    Bärbel
  • Chr. Schulz
    Chr. Schulz
    am 31.03.2006
    Demokratie bedeutet Aushandlungsprozesse und nicht zuletzt Kompromiss zwischen Interessen. Zu bewerten ist dabei das Ergebnis, und dies erscheint hier als ein wahrer Papiertiger. Jeder kennt wohl das Gefühl, einen faszinierenden Gegenstand sehr gern sein Eigen nennen zu wollen. Diesem berechtigten Bedürfnis aber müssen wirksam Grenzen gesetzt werden! Traurig, dass man immer wieder vor Augen geführt bekommt, dass kulturelle Güter für Viele nur durch den zu erzielenden Preis Geltung erlangen. Wo Fundkontexte unwiederbringlich zerstört werden, ist der Verlust an möglichem Erkenntniswert nicht zu beziffern. Aber hier liegt zugleich ein Teil des Problems: was nicht direkt und genau in Geld(verlust) umrechenbar ist, scheint abstrakt und die Folgen allzu schnell hinnehmbar. Umso wichtiger, dass Herkunftsländer und Kulturgüter Fürsprecher haben, die sich zu Wort melden und solche faulen Kompromisse nicht kommentar- und tatenlos hinnehmen ... Möge es nützen!
  • Steffan
    Steffan
    am 01.04.2006
    Man muss sich fragen, warum unsere Politiker so zögerlich
    mit diesem Thema umgehen. Kulturschätze gehören den der gesamten Menschheit und niemals in private Hände.
  • Oliver Teske
    Oliver Teske
    am 05.04.2006
    Ich habe mit gemacht und bin zu der Überzeugung gekommen, daß die Politik sich nicht im geringsten für unser Anliegen interessiert. Als Antwort habe ich nur bekommen, daß man sich nur für Stimmen aus dem eigenen Wählerkreis interessiert (Ich dachte immer das B in MdB sthet für Bundestag also Bund???) und man die Mail eigentlich auch sofort hätte löschen können. Das wir in einer Diktatur leben wissen wir eigentlich seit der letzten Bundestag Wahl. Da spielen die Interessen von einzelnen Idealisten, wie uns keine bedeutende Rolle. Ich Wohne in Oberursel, dort gibt es eine Kelten Siedlung und außer den Raubgräber interessiert sich keiner dafür. Da ist es wichtiger jedes Jahr einen neuen Brunnen zu bauen und das Jugendkafe zu renovieren, weil es von Randalebrüder zelgt wurde. Für Archäologie ist in unserer Zeit kein Platz mehr, obwohl es gerade unserer Zeit gut tun würde.

    VALETE
    Oli
  • Pierre Michel Bruley
    Pierre Michel Bruley
    am 08.04.2006
    Es ist schon eine Schande wie die deutsche Regierung gegen den Interessen der Wählerschaft handelt.
    Auch ich freue mich wenn gefundene Objekte überall gezeigt wird, aber noch würde es mich freuen über die Geschichte dieses Fundes. Dies ist aber nur möglich wenn Professionelle an dem Fund arbeiten und diese im Original am Fundort bzw. der Region für jedermann sichtbar bleiben.
    Wir schreiben in Deutschland von einer Demokratie aber ich sehe nur Bürokratie und Kapitalismus.
    Armes Deutschland
    P.M.Bruley
  • Klaus
    Klaus
    am 09.04.2006
    Mich würde einmal die Definition von "Kulturgut" der Museumsdirektoren interessieren.
  • Müller Ute
    Müller Ute
    am 10.04.2006
    Als Stiftungsrätin des archäologisch- ethnischen Projectes Pro Calima in Kolumbien - in dem nach anfänglich großen Schwierigkeiten die präkolumbianischen Gold- und Keramikschätze heute gegen Grabräuber wirksam geschützt und wissenschaftlich ausgewertet werden können- ist es empörend, welch "kolonialer Geist" in unserem "hochdentwickelten Land" noch immer herrscht.
  • Harald Richter lba.-ut
    Harald Richter lba.-ut
    am 11.04.2006
    Die Antwort auf all eure Problem ist ganz einfach.
    Wer Hehlerware annimmt macht sich strafbar.

    Harald Richter
  • Ernst Probst
    Ernst Probst
    am 14.04.2006
    Manche Archäologen hätten es gerne, wenn archäologische Funde in der Vergangenheit nur von Wissenschaftlern geborgen und nur im Fundland aufbewahrt worden wären. Das hätte zur Folge gehabt:

    1. Es gäbe weltweit merklich weniger archäologische Funde, weil die meisten Entdeckungen nachweislich Privatleuten gelungen sind.
    2. In vielen europäischen und amerikanischen Museen würde gähnende Leere herrschen.
    3. Viele archäologische Funde ohne wissenschaftlichen Wert würden völlig unbeachtet und nutzlos in Magazinen von Wissenschaftlern liegen.
    4. Die Steuerzahler in Deutschland würden selten archäologische Funde zu Gesicht bekommen, die mit ihrem Geld ausgegraben wurden.
    5. Der Standpunkt, dass jeder archäologische Fund - und sei er noch so unbedeutend - nur für die Wissenschaft bestimmt ist, führt dazu, dass es zu keiner guten Zusammenarbeit zwischen Archäologen und Laien kommt.

    Mit freundlichen Grüßen
    Ernst Probst
    Journalist und Buchautor
  • B. Schädlich
    B. Schädlich
    am 18.04.2006
    >Die Kulturgüter gehören in das Land, aus dem sie stammen!!!

    Dann plädieren Sie also dafür, das Pergamonmuseum und den überwiegenden Teil der großen dt. Museen zu schliessen und die Bestände in die Herkunftsländer zurückzuführen? Weltfremder gehts kaum noch...

    B. Schädlich
  • Ernst Probst
    Ernst Probst
    am 18.04.2006
    Zur Versachlichung der Debatte trägt vielleicht die Antwort von MdB Bernd Schmidbauer auf die mehr als 500 Massen-E-Mails von Archäologen/innen an MdB bei:

    "Zunächst einmal ist es zu begrüßen, dass es einer Bundesregierung nach
    über 30 Jahren kontroverser Diskussion endlich gelungen ist, den Entwurf
    eines Ausführungsgesetzes zur UNESCO-Konvention von 1970 vorzulegen. Das
    Ausführungsgesetz kann kein Allheilmittel für den Kulturgutschutz sein.
    Es dient der Ausführung des UNESCO-Übereinkommens von 1970, das im
    Übrigen ein Verbot des Handels mit archäologischen Gegenständen nicht
    vorsieht. Es dient nicht der generellen Unterbindung des Handels mit
    antiken und archäologischen Funden. Zu einzelnen von Ihnen aufgeführten
    Kritikpunkten möchte ich wie folgt Stellung nehmen:

    Die Forderung nach einer Beweislastumkehr in Bezug auf den Ursprung
    eines Gegenstandes, dessen Rückgabe von einem Vertragsstaat begehrt
    wird, ist problematisch. Eine Rückgabe ohne Beweis der Herkunft ist
    nicht möglich, denn es besteht dann die Gefahr, dass sich mehrere
    Staaten auf den Rückgabeanspruch berufen. Ein Rückgabeanspruch sieht die
    Konvention nur für den Staat vor, aus dem der Gegenstand stammt. Vermutungen reichen hierfür nicht aus.

    Das so genannte Listenprinzip ist nicht verzichtbar, denn ohne
    Listenprinzip fehlt dem betroffenen Händler, Sammler, Museum oder in
    sonstiger Weise betroffenen Bürger die Möglichkeit zu erkennen, ob ein
    erworbener Gegenstand möglicherweise in den Herkunftsstaat zurückzugeben
    ist. Das Problem, dass Gegenstände, die illegal ausgegraben und illegal
    außer Landes gebracht werden, zuvor nicht in Listen erfasst werden können, wird dadurch gelöst, dass für archäologische Funde binnen
    Jahresfrist nach Bekanntwerden des Gegenstandes eine Nacherfassung in
    der Liste durch den Herkunftsstaat möglich ist.

    Die gewünschte Rückführungsmöglichkeit für bereits vor dem Inkrafttreten
    des Gesetzes nach Deutschland verbrachte Gegenstände herbeizuführen, ist
    aufgrund des verfassungsrechtlich begründeten Rückwirkungsverbots nicht
    möglich. Dadurch wird aber nicht jeder Gegenstand legalisiert. Ist ein
    Kulturgut in einem Staat illegal ausgegraben, in dem alle Bodenfunde dem
    Staat gehören, so erfüllt der wissentliche Handel damit in Deutschland
    in aller Regel den Tatbestand der Hehlerei, der entsprechend geahndet
    werden kann.

    Schließlich möchte ich darauf hinweisen, dass das Ausführungsgesetz der
    UNESCO-Konvention grundsätzlich eine Ausgewogenheit zwischen den
    Interessen eines legalen Kunsthandels und dem Schutz der Kulturgüter
    herstellen muss.

    Ungeachtet all dieser Erwiderungen möchte ich Ihnen zusichern, dass wir
    den vorgelegten Gesetzentwurf im weiteren parlamentarischen Verfahren
    gerade im Hinblick auf die von Ihnen vorgebrachten Kritikpunkte
    überprüfen werden."
  • Michael Müller-Karpe
    Michael Müller-Karpe
    am 20.04.2006
    Hier eine Stellungnahme zu dem von Ernst Probst am 18.4.2006 veröffentlichten Schreiben von MdB Bernd Schmidbauer

    Sehr geehrter Herr Schmidbauer,

    herzlichen Dank für Ihr Interesse und Ihre Stellungnahme.

    Erlauben Sie mir dazu folgende Anmerkungen:

    Sie Schreiben, ein Verbot des Handels mit archäologischen Gegenständen sei in dem UNESCO-Übereinkommen nicht vorgesehen. Dies stimmt so nicht. Wie Sie zutreffend feststellen, dient es zwar nicht der generellen Unterbindung des Handels mit antiken und archäologischen Funden. In Artikel 13 heißt es aber: "Die Vertragsstaaten verpflichten sich ... das unantastbare Recht jedes Vertragsstaates anzuerkennen, bestimmtes Kulturgut als unveräußerlich einzustufen und zu erklären, das daher ipso facto nicht ausgeführt werden darf". Der Irak und viele andere Staaten verbieten den Handel mit archäologischen Funden, die sich dort grundsätzlich im Staatseigentum befinden. Jeder Signatarstaat hat dieses Handelsverbot zu respektieren. Der deutsche Gesetzentwurf verstößt gegen diese Vorgabe.

    Sie halten eine Beweislastumkehr in Bezug auf den Ursprung eines Gegenstandes für problematisch. Eine Beweislastumkehr in Bezug auf Rückgaberegelungen wäre in der Tat unsinnig. Rückgabe, da haben Sie völlig Recht, kann selbstverständlich nur erfolgen, wenn der rechtmäßige Eigentümer zu verifizieren ist. Nur, Rückgabe ist nicht Zweck der Konvention sondern Mittel zum Erreichen desselben. Artikel 9 fordert das Ergreifen von „Maßnahmen, um zu verhindern, dass dem kulturellen Erbe des betroffenen Staates nicht wieder gutzumachender Schaden zugefügt wird.“ Rückgaberegelungen können in aller Regel Objekte aus undokumentierten Raubgrabungen nicht erfassen. Daher sind Bestimmungen, die vorgeben, solche Dinge durch Rückgaberegelungen schützen zu wollen, wirklichkeitsfremd.

    Der Handel mit undokumentierten Raubgrabungsfunden – darum geht es in Artikel 9 – kann m. E. nur durch eine Umkehr der Beweislast in Bezug auf die Legalität der Herkunft unterbunden werden. Diese Beweislastumkehr soll ein Konfiszieren ermöglichen, wo, wie im Falle undokumentierter Raubgrabungsfunde, Rückgaberegelungen nicht greifen. Die im Artenschutz praktizierte Beweislastumkehr müsste in gleicher Weise auch im Bereich des Kulturgüterschutzes gelten: Elfenbein wird konfisziert, wenn der Nachweis einer legalen Herkunft fehlt – und nicht erst dann, wenn ein Herkunftsstaat belegt, dass der zugehörige Elefant auf seinem Territorium gewildert wurde.

    Rückgaberegelungen im Allgemeinen und das Listenprinzip im Besonderen sind ein untaugliches Mittel, wenn es um den Schutz der archäologischen Stätten und damit des Bodenarchivs mit den darin gespeicherten Informationen geht. Diesen Schutz würde das geforderte Handelsverbot für Bodenfunde, deren legale Herkunft nicht nachgewiesen ist, ermöglichen. Die Umkehr der Beweislast entspräche der Logik: Fehlt der Herkunftsnachweis, kann der betroffene Bürger mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass der angebotene provenienzlose Bodenfund aus einer Raubgrabung stammt, denn Funde aus legalen, ordnungsgemäß dokumentierten Grabungen kommen in ein Museum, in aller Regel aber nicht in den Handel.

    Die von Ihnen erwähnte Möglichkeit der Nacherfassung in der Liste durch den Herkunftsstaat ist wirkungslos. Sie setzt den Herkunftsnachweis voraus, der bei Funden aus undokumentierten Raubgrabungen wohl kaum zu erbringen ist. Im wirklichen Leben wird diese Regelung in aller Regel nicht zu durchsetzbaren Rückgabeansprüchen führen.

    Andere Signatarstaate halten das Listenprinzip übrigens durchaus für verzichtbar. Das haben die USA erst jüngst in einem Übereinkommen mit Kolumbien gezeigt (http://exchanges.state.gov/culprop/co06deslist.pdf). Den Importrestriktionen unterworfen sind dort alle Objekte, die aus einer bestimmten Zeit stammen (ca. 1500 v. Chr. bis 1830 nach Chr.) und bestimmten Materialien angehören (Steinskulpturen, Keramikfiguren, Keramikgefäße, Keramikurnen, Gold, Knochen, Textilien etc.), die in einer Liste verzeichnet sind, aber auch ausdrücklich dann, wenn diese Kategorien in keiner Liste verzeichnet sind. Entscheidend ist einzig, dass die Objekte aus der fraglichen Zeit stammen. Eine solche Regelung ist im Einklang mit den Vorgaben des UNESCO-Übereinkommens und ermöglicht den Schutz. Die deutsche Beschränkung des Schutzes auf Objekte, die in einer Liste "individuell identifizierbarer" Einzelobjekte verzeichnet sind, dient hingegen vornehmlich dem Zweck den Schutz zu verunmöglichen und pervertiert die Ziele des UNESCO-Übereinkommens. Unsere Kulturnation bleibt damit sogar noch hinter den Standards der USA zurück.

    Sie schreiben, durch das neue Gesetz werde nicht jeder Gegenstand legalisiert, Hehlerei bleibe auch weiterhin in Deutschland ein Straftatbestand. In abstrakter, formaljuristischer Hinsicht ist dies natürlich richtig. In der Rechtswirklichkeit entscheidend ist aber: Wenn der Handel mit Kulturgut illegaler Herkunft künftig verboten ist, werden Dinge, die diesem Verbot nicht unterfallen (weil sie nicht gelistet sind), im Umkehrschluss, als Kulturgut legaler Herkunft zu gelten haben. In der Theorie bestehen natürlich auch weiterhin die Möglichkeiten des Zivilrechts. Ohne Herkunftsnachweis greifen die aber nicht. Solange der Schutz von Kulturgut an den Herkunftsnachweis gekoppelt bleibt, wird Antikenhehlerei in Deutschland de facto auch künftig zumeist kein Straftatbestand sein.

    Das vom Regierungsentwurf vorgesehene Handelsverbot ist ein rein theoretisches, wirklichkeitsfremdes Rechtskonstrukt, ohne praktischem Nutzen: Die wenigen, zufällig im Bundesanzeiger veröffentlichten Einzelobjekte dürften wohl kaum jemals an einer deutschen Grenze auftauchen. Real existierendes Diebesgut aus Raubgrabungen (das selbstverständlich nicht im Bundesanzeiger veröffentlicht ist - und mangels Herkunftsnachweis auch nicht nachgelistet werden kann) wird hingegen auch künftig völlig legal die deutschen Grenzen passieren und hier "gutgläubig" erworben werden.

    Ich habe meine Bedenken in einem Artikel zusammengefasst, der soeben in der Zeitschrift Kunst und Recht erschienen ist (ab 26.4.2006 unter: Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterhttp://web.uni-marburg.de/vorgeschichte/Stellungnahme_UNESCO_70_MMK.pdf). Ich bitte Sie zu prüfen ob die in dem Beitrag unterbreiteten Anregungen nicht im Rahmen einer Überarbeitung des Gesetzentwurfs Berücksichtigung finden könnten.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ihr

    Dr. Michael Müller-Karpe
  • Gaby
    Gaby
    am 04.05.2006
    seit Jahrhunderten reiben sich Hehler die Hände. Nun sind diesen Leuten die Tore weit geöffnet worden, denn eine der ältesten Kulturen dieser Welt ist zum Plündern freigegeben. Eine Schande für jede Regierung diese Barbareien zu unterstützen. Kulturgüter gehören immer in die Länder aus denen sie stammen und nicht Raubrittern.
    gruß G.K.Al-Samarraie
  • Krishna Gans
    Krishna Gans
    am 10.05.2006
    Meiner Laienmeinung nach gehören archäologische Funde insofern der Öffentlichkeit, das sie sich informieren kann, was, wo, unter welchen Umständen ausgegraben / gefunden wurde. Dabei sollte es auch egal sein, ob Lehrmeinungsvertreter ggfs. Funde "verheimlichen" wollen, weil sie in kein theoretisches Konzept passen. Auch das interssiert die Öffentlichkeit.
  • Sabine Pfunder
    Sabine Pfunder
    am 27.05.2006
    wen wundert eigentlich noch die kulturvergessene Vorgehensweise -eine Nation mit Riesenquoten bei BigBrother,"Volks"musik und immer mehr Quatschfernsehen - und im gegebenen Fall haben die "Politiker" komischerweise immer solche Sendungen gesehen. Wir sind eie bildungsferne und kulturverachtende Nation zu werden im Begriff. Also : gegenhalten und nie aufhören damit ! -damit Vergangenheit Zukunft hat -das sind nämlich WIR, - die vor uns sind und nach uns kommen !
  • naffets0
    naffets0
    am 10.06.2006
    Hallo,
    ich habe mich auch an dieser Aktion beteiligt und auch von den Parteien des Bundestages Antworten erhalten. Leider alles nur bla, bla...Traurig!!! Alles nach dem Motto: Ihr habt uns gewählt und jetzt bestimmen wir!!!
  • Wibke Kolbmann
    Wibke Kolbmann
    am 11.06.2006
    Ich versuche über dieses Forum Kontakt zu den sechs weiteren Kandidaten aufzunehmen, die sich beim Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg auf die Stelle als wissenschaftlicher Assistent beworben haben und am 2. Mai dort ein Vorstellungsgespräch hatten. Konkret möchte ich in Erfahrung bringen, ob sie ebenfalls eingehend über Ihre Haltung zum Antikenhandel befragt wurden. In der Hoffnung auf Rückmeldungen.

    Freundliche Grüße
    Wibke Kolbmann
  • Lambertz
    Lambertz
    am 13.08.2006
    Den Kommentar von Herrn Probst schließe ich mich an.Es Ist immer wieder ein Erlebnnis,wenn Objekte gefunden,der Fundort dokumentiert und dem Publikum gezeigt und die details nahegebracht werden.Das Professionelle an die Funde arbeiten sollen ist zwar verständlich,aber das Professionelle HobbyArchäologen,die als ehrenamtliche Helfer von den Museumsmitarbeitern abgelehnt,verteufelt und sogar kriminallisiert werden geht mir nicht in den Kopf.Hier in der BRD,vorallem in NRW geht man seltsam mit Kulturgüter um.Man läßt Aräologie studenten an Funde heran ,die durch ihre Unerfahrenheit mehr zerstören als heil zu bergen.Funde aus der Bronzezeit,aber auch römische Keramiken und Funde aus dem Mittelalter,die schon als ähnliche typus in den Magazinen liegen werden nach der Dokumentation vor Ort zerschlagen,zerschreddert und mit Geheimhaltung gegenüber der Öffentlichkeit entsorgt.Ich frage mich mit welchen Recht? Mit welchen Recht lagern Funde ohne wissenschaftlichen Wert in den Magazinen oder werden entsorgt?Oder warum bleiben Funde unter Verschluß wo der Steuerzahler archäologische Arbeiten mitfinanziert?warum schließen sich die Museen und die Archäologen immer aus,wenn es um diese Problematik geht?Sollen auch die Museen und Kunstgallerien die fremden Kulturgüter an die Herkunftsländer zurückgeben.
  • Frank Kolb
    Frank Kolb
    am 15.08.2006
    Zwei Sachen würden mich ja mal echt interessieren:

    Erstens: Gegen welchen Artikel des Grundgesetzes würde nach Ansicht der Verantwortlichen ein Importverbot von ungesetzlich ausgeführten Kulturgütern, deren Export illegal war, verstoßen?
    Will ich echt wissen....

    Zweitens möchte ich gerne wissen, ob es eine Art EU-Vorlage oder Empfehlung für den gesetzlichen Umgang mit Raub-Kulturgütern gibt.

    Die Gesetzesvorlage an sich macht mich sprachlos. Ich habe noch nie von einem Gesetz zum Schutz von Kulturgütern gehört, welches direkt dazu führt, den Handel mit eben solchen quasi zu legalisieren.

    Mir ist völlig unverständlich über welche Lobby diese Kultur-Räuber verfügen um sowas durchzusetzen.

    Als hessischer Mitbürger ist mir die vergehensweise jedoch bekannt seit dem Entwurf des neuen hessischen Naturschutzgesetzen, welches den Namen nicht verdient und eigentlich nur dazu führt dass Naturschutz vor "Invetition und Handel" zurückstehen muss.

    Es scheint eine Linie zu geben in der Politik, welche klar sagt: Komerz vor Kultur - und ich muss sagen, das stinkt mir.
  • Noreya Wolf
    Noreya Wolf
    am 31.08.2006
    Wieviele Gräber wurden schon leer aufgefunden? Wie oft hört oder liest man "genauere Bestimmung nicht möglich", da das Grab ausgeraubt wurde? Wieviel wurde bereits zerstört? Was ist uns alles an Wissen und Information über frühe Kulturen verloren gegangen?

    Die Kommentare mancher Leser kann ich wirklich nicht verstehen. Es stimmt, viele Funde wurden von Privatleuten gemacht, aber das darf doch kein Argument für Raubgräberei und Hehlerei sein! Etliche dieser gelobten Privatleute horten in ihren diversen Häusern, Lagern, etc. wahre Schätze, die nie ein anderer Mensch erblicken wird. Gehen sie einmal auf Ebay und geben sie unter "Antikes" das Stichwort "Kelten", "Germanen" oder "Römer" ein. Ein wahres Eldorado für jeden Privatsammler. Und offenbar ganz legal. Natürlich sind oft Funde dabei, die kein Museum interessieren würden, doch darum geht es nicht.

    Diejenigen, die gezielt nach antiken Bodenschätzen suchen, zerstören bei dieser Suche viel wertvolles Wissen. Doch solange man damit viel Geld verdienen kann, und das auch nocht so gut wie legal, werden sie nicht damit aufhören.

    Grüße,
    Noreya
  • Goekberk Hanocak
    Goekberk Hanocak
    am 03.09.2006
    Hut ab vor denjenigen deutschen Archäologen, die gegen die Plünderung und Zerstörung ihre Stimme erheben. Dies ist auch ein Bekenntnis zum GG, worin die Gerechtigkeit in der Welt als ein höchste Gut hervorgehoben wird. Anscheinend haben in den politischen Etagen einige noch nicht begriffen, wie man damit klar kommt, wenn man einerseits von der Verantvortung für Afganistan, für Afrika, für Nahen-Osten plädiert, andererseits aber nicht dafür sorgt, dass diese Völker das behalten, was ihnen eigentlich gehört.

    Gökberk Hanocak
  • Gabriele
    Gabriele
    am 04.09.2006
    Hat Deutschland und damit sind unsere gewählten Interessenvertreter gemeint, schon jemals wirklich demokratisch-intelligente Sachlagen zustande bekommen?
    Mann kann sich nicht des Eindruckes wehren, diese Leute leben auf einem anderen Planten wie wir und das Wort Demokratie steht allenfalls im Wörterbuch. Hauptsache die Renten und Aufsichtsratentlohnungen stimmen. Für intelligente Sachfragen reicht dann dort die Intelligenz einfach nicht aus, wie z.B. in Bezug auf das Nicht-Handelsverbot für Raubgräber-Hehlerware der BRD.

  • Gerd Otto
    Gerd Otto
    am 10.10.2009
    Hallo,
    als engagiertem Heimatforscher und Hobby-
    archäologen gefielen mir die Beiträge 11 und
    20 v. Herrn Probst, da ich seine Ansicht ohne
    Einschränkung teile. Die Ergebnisse meiner
    eigenen Forschungstätigkeit, rechne ich mir als Verdienst an, obwohl mein Buchwerk:
    "Auf den Spuren der Römer in der Osteifel" von der Denkmalpflegebehörde in Koblenz geschmäht wird! Leider trachtet man hier da-
    nach, wissenschaftlichen Ernst durch Über-
    heblichkeit zu ersetzen.
  • Gerd Otto
    Gerd Otto
    am 11.10.2009
    Weil in meinem Beitrag #25 vergessen, möchte ich meinen Bemerkungen hinzu fügen,
    dass auch ich die bestürzende Erfahrung
    machen musste, dass weiträumig in der Eifel
    nahezu jedes potenzielle Fundgebiet heillos
    durchgewühlt ist. An diesem status quo etwas zu ändern, kann nach meiner Meinung nur dadurch erreicht werden, indem man die sog. "gutwilligen Metallsucher"zur ernsthaf-
    ten wissenschaftlichen Mitarbeit motiviert.
    Das Fordern verschärfter Gesetze und Straf-
    verfolgung auf einschlägigen Kolloquien wird,
    abgesehen von Einzelerfolgen, kaum mehr als
    ein "Papiertiger" bleiben.
    Ferner bin ich der Ansicht, dass man sich von
    dem Unwort "Raubgräber" distanzieren sollte;
    meines Wissens bedeutet "rauben", sich fremdes Eigentum unter Anwendung von Gewalt, zumindest aber deren Androhung an-
    zueignen. Davon dürfte in keinem der Fälle
    die Rede sein.

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