Geiseln als Friedensgaranten

Geiselnahmen gehören zu den heimtückischsten Methoden moderner Terroristen. In der Antike und bis in die Neuzeit hingegen konnten Geiseln auch eine friedenssichernde Funktion haben. Ein Projekt unter Leitung des Kasseler Althistorikers Prof. Dr. Kai Ruffing beleuchtet nun die Praxis der Geiselstellung im Römischen Reich – und welch hohen Status die Geiseln dabei oft hatten.

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Attilas Fest
In seiner Jugend war Attila der Hunne eine Geisel Roms - im Austausch für den Römer Flavius Aëtius. Bild: Ausschnitt aus dem Gemälde »Attilas Fest«, 1870 (Ungarische Nationalgalerie, Budapest)

Im Gegensatz zu Geiselnahme oder zur Kriegsgefangenschaft, die es natürlich ebenso gab, war die sogenannte Geiselstellung in der Antike eher eine Ingewahrsamnahme. Diese Geiseln dienten den Mächten der Antike dazu, Verträge mit anderen Mächten abzusichern – insbesondere Friedensverträge. "Auch und gerade die Römer haben häufig verschiedene Formen von Friedensvereinbarungen durch Geiseln abgesichert", berichtet Prof. Dr. Kai Ruffing, Leiter des Fachgebietes Alte Geschichte an der Universität Kassel. "Das konnte einen wechselseitigen Austausch von Geiseln bedeuten, oder die Römer nahmen einseitig Geiseln, um fremde Mächte von Angriffen abzuhalten. In jedem Fall war dies weit vor Entwicklung des Völkerrechts ein Weg, um Sicherheit und Frieden zu festigen." Anders als bei der willkürlichen Geiselnahme, wie wir sie noch heute kennen, handelte es sich bei den gestellten Geiseln der Antike zumeist um Angehörige höherer Schichten und sie hatten oft eher den Status von gut zu behandelnden Gästen – allerdings mit Bewegungseinschränkungen. Ein prominentes Beispiel ist der spätere Seleukiden-König Demetrios I. Soter. Er wurde 178 v. Chr. von seinem Vater als Geisel nach Rom geschickt, um den Frieden von Apameia zu garantieren.

Im Rahmen eines Projekts wird u.a. eine Falldatenbank erstellt, die den Mittelmeerraum in der römischen Epoche abdeckt. Sie dient als Grundlage für ein Internet-basiertes Historisch-Geographisches Informationssystem, das weitere Untersuchungen erleichtern soll. Die Forschungen sind als Teilprojekt einbettet in den DFG-Sonderforschungsbereich "Dynamiken der Sicherheit" der Universitäten Marburg und Gießen.

Während die historischen Fälle einzelner Geiseln zum Teil gut dokumentiert sind, fehlt bislang eine umfassende Untersuchung zur Bedeutung des Geiselwesens in der römischen Außenpolitik. Die Forschungen, die Ruffing zusammen mit seinem Doktoranden Simon Theijs durchführt, suchen nun Antworten beispielsweise auf die Fragen, unter welchen Bedingungen die Friedenssicherung funktionierte und wann sie scheiterte, wieviel Zwang die Römer bei der Geiselstellung einsetzten und für welche Zeiträume die Abkommen galten. Bereits jetzt wird deutlich, welch hohen Status diese lebenden Unterpfande über weite Strecken der Antike hatten: "Wir stellen fest, dass die Geiseln auch dann, wenn der Frieden gebrochen wurde, nicht unbedingt getötet wurden. Sie waren oft Partner in einem gemeinsamen Bemühen, die Abkommen einzuhalten", so Ruffing. "Zugleich dienten sie als Mittler zwischen der römischen Kultur und den Kulturen der die Römer umgebenden Völker."

Die Praxis der Geiselstellung verliert sich übrigens in der Neuzeit (ab etwa 1500). Über die Ursachen lässt sich spekulieren: Ein Grund mag die zunehmende Verbreitung völkerrechtlicher Abkommen sein. Ein anderer, dass Allianzen immer stärker durch den Austausch von Hochzeitspartnern abgesichert wurden.

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