Frühgriechische Kykladen-Kultur in Karlsruhe zu sehen

Wieder einmal steht eine der frühen Zivilisationen Griechenlands im Mittelpunkt einer großen Sonderausstellung des Badischen Landesmuseums Karlsruhe: »Kykladen. Lebenswelten einer frühgriechischen Kultur« heißt die neue Sonderschau, die vom 17. Dezember 2011 bis 22. April 2012 im Schloss zu sehen sein wird.

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Kykladenidol
Kykladenidol. Das Auge war einst bemalt. Foto: BLM

Bekannt ist die Kultur der Kykladen vor allem durch die charakteristischen Idole aus Marmor, deren abstrakte Schönheit einige der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts inspirierte. Diese Figuren stehen jedoch für mehr – sie sind Zeugen einer hoch entwickelten Kultur, die den Beginn eines neuen Zeitalters markiert: der Bronzezeit.

Anders als die bisherigen, eher kunsthistorisch ausgerichteten Ausstellungen wie insbesondere jene, die 1976 im Badischen Landesmuseum zu sehen war, rückt die neue Schau daher zum ersten Mal in diesem Umfang die Menschen und das Alltagsleben ins Blickfeld. In mehreren Themenbereichen gibt sie einen Überblick über die Kykladenkultur und ihre Zeit. Zahlreiche Originalobjekte aus ganz Europa sowie eigens angefertigte Modelle veranschaulichen die Lebenswelt auf den grie-chischen Inseln der frühen Bronzezeit. Durch die Zusammenarbeit mit dem Zent-rum für Altertumswissenschaften der Universität Heidelberg können dabei neues-te Forschungsergebnisse präsentiert werden.

Der Name »Kykladen« geht auf das griechische Wort kyklos, Kreis, zurück, da die Inseln kreisförmig um Delos, die heilige Insel des Apollon, angeordnet sind. Wich-tige Rohstoffe, wie verschiedene Gesteine, aber auch Erze zur Metallgewinnung, gehörten neben den Ressourcen des Meeres zum natürlichen Reichtum dieser Inseln in der Ägäis und lockten die ersten Siedler an. Um 3000 v. Chr. ging auf den Kykladen die Steinzeit zu Ende und es begann eine Entwicklung, die von dort ausgehend schließlich auf den gesamten europäischen Raum wirkte. Neben den Waffen und Werkzeugen aus dem neuen Material Bronze, das die bisher genutz-ten Steinklingen ersetzte, gab es weitere entscheidende technische Neuerungen. So bauten die Bewohner der Kykladen seetüchtige Schiffe, die es ermöglichten, Rohstoffe und Waren nicht nur von Insel zu Insel zu tauschen, sondern Handel bis an die Küste Kleinasiens zu treiben. Die Bedeutung der Seefahrt für den Auf-stieg der kykladischen Kultur wird in der Ausstellung unter anderem anhand des rekonstruierten Modells eines kykladischen Langbootes veranschaulicht. Alltags-gegenstände wie Werkzeuge und Gebrauchsgeschirr, vor allem aber die ein-drucksvollen Prunkgefäße aus Marmor zeugen von der hohen Handwerkskunst der Inselbewohner.

Schlicht und klar, nahezu abstrakte Formen im strahlenden Weiß griechischen Marmors – so sind die Idole der Kykladen überliefert worden. Nach den ersten Funden im 19. Jahrhundert noch als »Scheusale« betrachtet, erfuhren sie erst durch die Künstler der Moderne wie Picasso oder Henry Moore Wertschätzung als eigenständige Werke von großer Schönheit. In der Ausstellung ermöglichen Originalwerke berühmter Künstler den direkten Vergleich mit ihren kykladischen Vorbildern. Deren Aussehen weckt jedoch falsche Vorstellungen, denn wie die Forschungen zeigen, waren die Idole keineswegs marmorweiß, sondern vielmehr bunt bemalt. Die Farbspuren reichen dabei von körperlichen Details wie Augen über Linien und Punkte, die Schmuck oder Körperbemalung darstellen, bis zu Zickzacklinien und Streifen. Zum Teil waren die Bemalungen mehrfach verändert oder erneuert worden. Dies wirft auch ein Licht auf die mögliche Verwendung der Figuren, die lange Zeit im Dunkeln lag: die Ausstellungsmacher deuten die Idole als Kultobjekte, die als Mittler zwischen den Menschen und der spirituellen Welt dienten. Die Bemalung ist vermutlich Spiegelbild des Lebenszyklus ihres Be-sitzers und symbolisiert Phasen und Momente, die göttlichen Beistands bedurf-ten. Daher zeigt das Badische Landesmuseum neben herausragenden Originalobjekten auch Repliken mit rekonstruierter Bemalung, die ein Bild davon vermit-teln, wie die Idole einst ausgesehen haben.

Da aus der Kykladenkultur keine Schrift überliefert ist, können nur die archäolo-gischen Funde Aufschluss über Glauben und Weltvorstellungen jener Menschen geben. So präsentieren die Ausstellungsmacher Grabbeigaben, Kultplätze und Opfergefäße sowie die rätselhaften sogenannten »Kykladenpfannen« und gehen ihrer Bedeutung sowohl im religiösen Leben als auch im Alltag nach.

Neben den kunsthistorischen und archäologischen Aspekten ist schließlich auch die Entdeckungsgeschichte der Kykladenkultur sowie die Geschichte vom Sam-meln von Kykladenobjekten Gegenstand der Ausstellung. Dabei wird auch das spannende Thema Raubgrabungen und illegaler Kunsthandel nicht umgangen.

Begleitet wird die Ausstellung von einer Vortragsreihe sowie von einem Programm für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, das Workshops, Werkstätten und zahlreiche Führungen einschließt.
Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog mit Aufsätzen renommier-ter Autoren.

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