Die Auferstehung der Götter

Mineralogen der TU Berlin helfen bei der Restaurierung der Sammlung Max von Oppenheims

80 Jahre nach dem sie erstmals gezeigt wurden und 70 Jahre nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg werden die monumentalen Statuen von Tell Halaf im nächsten Jahr endlich wieder in Berlin zu sehen sein - mächtige Löwen, Greifen und Sphingen, wundersame Wesen wie ein Skorpionvogelmann, eine drei Meter hohe Götterfigur, reich verzierte Reliefplatten mit Jagd- und Tierkampfszenen und die "thronende Göttin".

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Die "thronende Göttin" mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sie wieder haben auferstehen lassen (v.l.): die Mineralogin Kirsten Drüppel, der Archäologe Lutz Martin, der Steinrestaurator Stefan Geismeier, die Archäologin Nadja Cholidis. (© TU-Pressestelle/Dahl)
Die "thronende Göttin" mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sie wieder haben auferstehen lassen (v.l.): die Mineralogin Kirsten Drüppel, der Archäologe Lutz Martin, der Steinrestaurator Stefan Geismeier, die Archäologin Nadja Cholidis. (© TU-Pressestelle/Dahl)

Dereinst schmückten die 3000 Jahre alten Bildwerke den Westpalast des aramäischen Fürstensitzes Guzana. Heute trägt der Ort den Namen Tell Halaf. Vor über hundert Jahren hatte Max von Oppenheim (1860 bis 1946) auf dem Ruinenhügel an der Grenze zwischen der heutigen Türkei und dem heutigen Syrien den Palast des Fürsten Kapara zusammen mit einem weiteren Palast, einem opulenten Torbau und Grabanlagen entdeckt, ausgegraben und Teile davon 1930 in Berlin in einer weltweit Aufsehen erregenden Ausstellung präsentiert. "Doch die sensationellen Funde von damals sind heute nur noch einem Kreis von Kunsthistorikern und Archäo-logen bekannt. Die Welt kennt Schliemann und Troja, nicht aber Oppenheim und Tell Halaf", sagt die Archäologin Nadja Cholidis vom Vorderasiatischen Museum Berlin.

Das soll sich ändern. Mit der Ausstellung "Abenteuer Tell Halaf", die 2010 auf der Museumsinsel ihre Tore öffnet, wird eine archäologische Sammlung von Weltrang der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. Und dann wird der Glanz dieser Schau auch auf Kirsten Drüppel und Gerhard Franz fallen. Die Mineralogen der TU Berlin haben mit dazu beigetragen, ein Restaurierungsprojekt zu vollenden, das in seiner Kühnheit seinesgleichen sucht.
2004 war bei der TU Berlin ein Brief von Nadja Cholidis eingegangen, in dem sie die Wissenschaftler um Hilfe bat. Seit 2001 arbeiteten Archäologen und Restauratoren unter ihrer Leitung daran, die 1943 durch einen Bombentreffer vollständig zerstörten Ausgrabungsfunde wieder zusammenzufügen. Vollständig zerstört hieß in diesem Fall: Sie waren in 27.000 Teile zerborsten. Kalksteinreliefs und Gipsabgüsse waren ganz dahin - verbrannt in der Feuersbrunst.

55 Jahre, von 1944 bis 1999, lagerten die Trümmer dann in den Kellern und Außendepots des Pergamonmuseums; von den Gelehrten als unwiederbringliches Kulturgut abgeschrieben. "Aber selbst als 2001 mit dem Geld der Deutschen Forschungsgemeinschaft, des Bankhauses und der zwei Stiftungen Oppenheim die wissenschaftliche Erforschung und Restaurierung der Funde begann, war dem Vorhaben, aus 27.000 Fragmenten die Statuen, Reliefs und Steinwerkzeuge wieder auferstehen zu lassen, seitens der Fachwelt wenig Erfolg beschieden", erzählt Nadja Cholidis heute freimütig.

Doch allen düsteren Prognosen zum Trotz gelingt es - anfänglich vor allem anhand des Dekors wie wallenden Löwenmähnen, Tatzen, Barthaaren, Haarschmuck, Gefieder, Fell, Sehnen und Muskeln - die Bildwerke wieder zusammenzusetzen. Aber nun, 2004, war das Forschungsprojekt zu der archäologischen Sammlung Oppenheims ins Stocken geraten. Bei jenen Steinen, die aus dem Inneren der Skulpturen stammen, also kein Dekor aufwiesen, waren Nadja Cholidis und ihre Kollegen, der Steinrestaurator Stefan Geismeier und der Archäologe Lutz Martin, an die Grenzen ihres Wissens, detektivischen Spürsinns, fotografischen Gedächtnisses und ihrer Intuition gestoßen. Cholidis wendet sich deshalb an Gerhard Franz, den Leiter des Fachgebietes Mineralogie. Sie hofft, durch die mineralogische Beschreibung der Basaltfragmente die Restaurierung wieder voranzubringen. Was die TU-Wissenschaftler zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, ist, dass die TU Berlin den Steindenkmälern von Tell Halaf schon einmal zu Hilfe gekommen war - Ende der 1920er Jahre. Damals war Max von Oppenheim auf der Suche nach Museumsräumen für seine Funde. Sein sehnlichster Wunsch, die Kolossalstatuen im Vorderasiatischen Museum auf der Museumsinsel auszustellen, hatten sich aus finanziellen Gründen zerschlagen. So kam Oppenheim das Angebot der damaligen Technischen Hochschule zu Berlin, eine stillgelegte Eisengießerei in der Franklinstraße 6 in Charlottenburg als Ausstellungsort nutzen zu können, nicht ungelegen. Im Juli 1930 eröffnete er dort sein privates Tell-Halaf-Museum.

Kirsten Drüppel, die ab 2005 die mineralogischen, petrologischen und geochemischen Untersuchungen der Basaltstatuen leitete, verfolgte insbesondere drei Ziele: Sie will die Steinbrüche lokalisieren, aus denen die monolithischen Basaltblöcke vor 4000 Jahren gebrochen worden waren, die Brandkatastrophe von 1943 rekonstruieren und vor allem den noch "heimatlos" gebliebenen Basaltteilen einen Platz in dem Steinpuzzle zuweisen, damit die archäologischen Funde weiter vervollständigt werden können. Finanziert wurden die Arbeiten von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

 

Ihre Nachforschungen zur Herkunft der Basalte in der Türkei und Syrien widerlegen Max von Oppenheims Vermutung, sie stammten aus dem vom Tell Halaf nur 15 Kilometer nördlich gelegenen Steinbruch El Kbise. Vielmehr kommt sie zu dem Ergebnis, dass der Basalt aus dem 60 Kilometer südlich gelegenen Basaltplateau Ard esh-Sheik gewonnen wurde. Zu ebenfalls neuen Erkenntnissen führt die Rekonstruktion des Brandverlaufs. "Wir fanden auf dem Basalt zum Beispiel Apatit, ein Reaktionsprodukt aus weißem Phosphor und dem Karbonat der Kalksteinreliefs. Das lässt den Schluss zu, dass eine Phosphorbombe eingeschlagen war", erzählt Drüppel. Und sie kann eine schon früher aufgestellte Hypothese bestätigen: Die konzentrischen Rissstrukturen bei zahlreichen Basaltobjekten sind eine Folge der Löscharbeiten. "Die Risse deuten auf eine rasche Abkühlung der Bildwerke durch Löschwasser hin, was wiederum erklären würde, warum der Basalt in oftmals nur zentimeterkleine Teile zersprungen war", sagt Drüppel. Was den Figuren zur Rettung dienen sollte, machte ihnen offensichtlich den Garaus.

Auch das vielleicht schwierigste Vorhaben für die Mineralogen, bisher nicht zuzuordnende Teile einfügen zu können, gelingt erstaunlich gut. Zur Beschreibung der Basalte kristallisierten sie verschiedene mineralogische Kriterien heraus, wobei die Verteilung von Blasenhohlräumen sowie der Verwitterungsgrad und die Verwitterungsfarbe des Minerals Olivin sich als sicherste Kriterien für eine korrekte Zuordnung erwiesen. Am Ende bleiben von den vormals 27 000 Teilen lediglich 2000 zurück, die nicht zugeordnet werden können.

"Nach sieben Jahren Arbeit haben wir 60 Objekte wieder zusammengefügt, darunter 30 Bildwerke wie das Doppelsitzbild eines Paares, vier der insgesamt sechs Monumentalplastiken von der Eingangsfassade des Westpalastes - eine drei Meter hohe Götterfigur, der Löwe, die Löwin und der Greif -, sowie die 'thronende Göttin', jene von Oppenheim so bewunderte große weibliche Grabfigur", erzählt Nadja Cholidis.

In der atemberaubenden Geschichte der Steindenkmäler von Tell Halaf wird die Ausstellung 2010 aber nur eine Zwischenstation sein. Im Zuge der Restaurierung der Berliner Museumsinsel wird die Eingangsfassade des Westpalastes von Tell Halaf, so wie sie 1930 schon einmal zu sehen war, diesmal aber unter Verwendung von Originalteilen, wieder rekonstruiert und künftig das neue Portal des Vorderasiatischen Museums auf der Museumsinsel bilden. Dann werden die Götter von Guzana die Besucher begrüßen.

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