Das vergessene Dorf bei Borgentreich - mittelalterliche Siedlung Echene entdeckt

Ein Ausgrabungsteam begleitet vom Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) hat die Überreste einer mittelalterlichen Siedlung südwestlich von Borgentreich (Kreis Höxter) entdeckt. Neben Spuren vergangener Holzhäuser und Keramikscherben aus dem 10. und 11. Jahrhundert wurde auch das massive Steinfundament eines Kellers ausgegraben.

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Archäologische Befunde im Drohnenbild
Im Drohnenbild werden die Kellergrube und der Brunnen mit runder Baugrube rechts daneben sehr deutlich. Foto: LWL-Archäologie/A. Koch

Die Siedlung "Echene" war den Forschenden aus historischen Quellen bekannt, doch bisher konnte niemand sagen, wo genau sie sich befand. Bevor hier eine Stromleitung zu den neuen Windenergie-Anlagen verlegt wird, werden alle archäologischen Befunde und Funde dokumentiert und geborgen. Die Fachleute wussten aus Schriftquellen von der Siedlung, und auch, dass sie noch im Mittelalter wieder unterging oder aufgeben wurde. Der Flurname "Echeln" nordwestlich des Mühlenbaches deutete eindeutig auf die Siedlung Echene hin, die 944 erstmals erwähnt wird. Echene wird in den folgenden Jahrhunderten immer wieder genannt, die letzten Nachrichten stammen aus dem 15. Jahrhundert.

"Danach gerät die Siedlung in Vergessenheit bis zur Neuentdeckung vor einigen Wochen", erklärt Dr. Sven Spiong, Leiter der Bielefelder LWL-Archäologie. Da die freigelegten Überreste der Siedlung bis in die Bachniederung reichen, schätzen die Fachleute, dass sich die Siedlung möglicherweise auch auf der anderen Bachseite fortsetzte, wie es auch der Flurname dort vermuten lässt.

Über die neuen Erkenntnisse der Bodendenkmalpflege freut sich auch Bürgermeister Nicolas Aisch: "Die Entdeckung dieser mittelalterlichen Siedlung zeigt einmal mehr, wie viel Geschichte noch unter unseren Füßen verborgen liegt. Solche Funde sind nicht nur für die Archäologie von großer Bedeutung, sondern auch für die Identität unserer Region und ihrer Menschen."

Bevor Borgentreich in den 80er Jahren des 13. Jahrhundert als befestigte Stadt gegründet wurde, gab es in der Region schon viele Jahrhunderte vorher kleinere Siedlungen, die sich mindestens bis ins 10. und 11. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, so Spiong weiter. So liegt bereits einen Kilometer südlich des neuen Fundortes, unmittelbar südlich des Christinenhofes, eine weitere mittelalterliche Siedlung, in der bereits 1987 eine kleinere Ausgrabung stattfand. Da die Funde von dieser Siedlung vom 9. oder 10. bis ins 14. Jahrhundert reichen, hat sie wohl größtenteils gleichzeitig mit der Siedlung "Echene" bestanden. Möglicherweise handelt es sich um die aus den Schriftquellen bekannte Ortswüstung Broktrup.

"Die Landschaft war spätestens seit dem 10. Jahrhundert von einer Fülle solcher Kleinsiedlungen geprägt, die auffälliger Weise immer in direkter Nähe zu Bächen oder im Umfeld einer Quellmulde lagen. Das für Mensch und Tier notwendige Wasser und die angrenzenden fruchtbaren Ackerflächen bestimmten damals die Lage, an denen die Menschen ihre Höfe errichteten", erklärt der LWL-Archäologe.

Das Grabungsteam unter der Leitung von Bartosz Adamski hat in den zurückliegenden Wochen eine Fülle von Überresten der Siedlung freigelegt. Die Entdeckungen erlauben bereits erste Rückschlüsse auf den Aufbau der Siedlung. Zu den ältesten entdeckten Gruben zählen die Pfostenlöcher einer Holzbebauung: Größere Haupthäuser waren damals meist über 20 Meter lang, kleinere Nebengebäude von drei mal vier Metern waren hingegen ursprünglich etwa einen Meter in den Boden eingetieft. Ab dem fortgeschrittenen 11. Jahrhundert kommen Fachwerkhäuser auf, von denen sich nur noch die Keller im Boden erhalten haben. Diese Keller hatten meist hölzerne Wände. Nur ein Keller, den der LWL-Archäologe Normen Posselt entdeckte, hatte gemauerte Wände und einen Eingang im Norden. Zudem fanden die Forschenden zwei Brunnen in der Grabung.

Für Spiong und sein Team geht die Arbeit nach der Ausgrabung weiter: "Die Ausgrabung ermöglicht uns einen guten Blick in den Alltag der Menschen in einer ländlichen Siedlung mit all seinen Entwicklungen über die Jahrhunderte." Hierfür müsse das Bielefelder Team aber erst viele Kisten randvoll mit Scherben durchsehen, jede einzelne Grube datieren um dann die Entwicklung der Siedlung von ihren Anfängen bis zu ihrem Untergang zumindest für den untersuchten Teilbereich zu rekonstruieren. "Erst dann erhalten wir gute Einblicke in das Leben der Menschen, die hier vor Jahrhunderten ihre Häuser errichteten, und wir können die Siedlungsgemeinschaft von Echene vor dem erneuten Vergessen bewahren."

Mittelalterlicher Keller wird freigelegt
Blick auf die Kellermauern des 13. Jahrhunderts. Im Vordergrund deutet sich der Kellerzugang an. Foto: LWL-Archäologie/S. Spiong