Jenseits von Afrika: Der Weg des Homo sapiens

Welche Wege hat der Homo sapiens auf seinem Weg von Afrika nach Europa und Asien in den vergangenen Jahrhunderttausenden genommen? Die Klimabedingungen wechselten und damit auch die Lebensbedingungen. Teils erschwerten Wüsten den Vormarsch, teilweise auch dichter Wald. Ein Forscherteam entschlüsselte in den vergangenen zwölf Jahren im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 806 »Unser Weg nach Europa« das komplexe Zusammenspiel von kulturellen Innovationen und Umwelt, die die Wanderungen prägten. Nach Abschluss des interdisziplinären Verbundprojektes legen die Forschenden nun ein Buch mit den wichtigsten Ergebnissen unter Federführung der Universitäten Bonn und Köln vor.

Schwimmende Bohrplattform der Uni Bonn
Schwimmende Plattform, mit denen die Wissenschaftler der Universität Bonn auf dem Iznik-See (Türkei) Bohrkerne aus dem Seesediment entnahmen und darin die Pollen bestimmten. Foto: Thomas Litt/Uni Bonn

Die Wiege des Menschen befindet sich in Afrika – das ist seit einem halben Jahrhundert bekannt. Vor einem Jahrzehnt beherrschte noch die Idee die wissenschaftlicher Diskussion, dass vor rund 70.000 Jahren eine kleine Gruppe des Homo sapiens von Afrika nach Europa einwanderte. Durch anatomische und intellektuelle Überlegenheit soll sie bei ihrem Vormarsch archaische lokale Populationen verdrängt haben, wodurch der Homo sapiens als einziger genetischer Zweig der Menschheit überlebte.

»Dieses Bild hat sich grundlegend verändert, seit sich herausgestellt hat, dass die Neandertaler zumindest zu einem kleinen Teil zum Genom des Homo sapiens beigetragen haben«, sagt der Paläobotaniker Prof. Dr. Thomas Litt von der Universität Bonn, hauptverantwortlicher Herausgeber des Buches und stellvertretender Sprecher des Sonderforschungsbereichs. »Die Genetik erzählt nicht ganz dieselbe Geschichte – oder einen anderen Teil der Geschichte – wie die Paläontologie und die Archäologie.« Das Team versuchte deshalb, dieses kontroverse Bild besser zu verstehen, indem es Informationen zur Natur und Umwelt sowie die Rolle der Kultur dieser prähistorischen Bevölkerungsdynamik analysierte. Die Forschenden konzentrierten sich auf verschiedene Zeitabschnitte: von der Entstehung des modernen Menschen, seine Ausbreitung, die Wiederbesiedlung des eiszeitlichen Europas, die neolithische Besiedlung sowie die Migration der sesshaften Gesellschaften.

Die neuen Erkenntnisse zeigen, dass nicht nur eine Migrationswelle, sondern mehrere afrikanische Homo-sapiens-Populationen auf ihrer bis zu 5.000 Kilometer langen Reise nach Europa und Asien geführt haben. Verbesserte radiometrische Datierungen von Homo-sapiens-Fossilien legen darüber hinaus nahe, dass das Ursprungsgebiet des modernen Menschen nicht nur Ostafrika, sondern auch Süd- und Nordwest-Afrika umfasst. Die Zeitskala des Homo sapiens reicht nun bis auf 300.000 Jahre zurück. Das Team um Prof. Litt untersuchte, wann und wo aus paläoökologischer und paläoklimatologischer Sicht Migrationskorridore oder -barrieren vorhanden waren.

Keine wissenschaftlichen Belege für die West-Route

Die Wissenschaft ging bislang davon aus, dass es zwei mögliche Hauptrouten des modernen Menschen nach Europa gab: Die westliche über die Straße von Gibraltar und die östliche über die Levante. Trotz der geringen Entfernung über die Straße von Gibraltar konnten die Forschenden in den vergangenen zwölf Jahren keinen Beleg für direkte kulturelle Kontakte zwischen Marokko und der Iberischen Halbinsel beziehungsweise Hinweise für die Überquerung der Meerenge während des Paläolithikums finden. »Dies ist eines der großen Fragezeichen in der Geschichte der menschlichen Besiedlung im westlichen Mittelmeerraum«, sagt Litt zu diesem überraschenden Ergebnis. Offenbar sei die Straße von Gibraltar damals aufgrund starker Meeresströmung eher eine Barriere gewesen.

»Somit ist die Levante als einzige permanente Landverbindung zwischen Afrika und Eurasien die Schlüsselregion als Migrationsweg des modernen Menschen«, sagt Litt. Seine Arbeitsgruppe forschte intensiv an Bohrkernen etwa aus dem Toten Meer oder dem See Genezareth, in denen Pflanzenpollen konserviert sind. Daraus lassen sich Veränderungen des Pflanzenkleids ablesen und die Umwelt- und Klimaverhältnisse rekonstruieren. Litt: »Diese Daten verdeutlichen, dass die Lavente nur als Korridor in Frage kam, wenn unter günstigeren Bedingungen etwa weder Wüsten noch dichte Wälder den Vormarsch erschwerten.«

Fast Hundert Forschende waren beteiligt

Insgesamt zwölf Jahre hat das interdisziplinäre Forschungsteam aus Archäologie, Geowissenschaften, Bodenkunde, Ethnologie und Geografie im Sonderforschungsbereich 806 »Unser Weg nach Europa« die Wanderungen des Homo sapiens entschlüsselt. Etwa Hundert Forschende waren involviert und viele Hundert wissenschaftliche Beiträge wurden bereits veröffentlicht. Beteiligt waren neben den Universitäten Köln und Bonn die Rheinisch-Westfälische Hochschule Aachen sowie zahlreiche Kooperationspartner aus den USA, Afrika, dem Nahen Osten und Europa. Die wesentlichen Ergebnisse sind nun in dem 372 Seiten umfassenden Buch zusammengefasst, das der Paläobotaniker Prof. Dr. Thomas Litt (Bonn), der Ur- und Frühgeschichtler Prof. Dr. Jürgen Richter und der Geographiedidaktiker Prof. Dr. Frank Schäbitz (beide Universität Köln) gemeinsam herausgegeben haben. »Das Buch soll für alle Leser attraktiv und relevant sein, die daran interessiert sind, die Vorgeschichte unserer eigenen Spezies, ihre Migrationsrouten und ihre Motivation zur Wanderung, ausgelöst durch komplexe Interaktionen ihrer Kultur und Umwelt, zu verstehen«, sagt Litt.

Warven
Warven in einem Bohrkern des Vansees (Türkei): Es handelt sich dabei um hellere und dunklere Schichten in Seesedimenten, die sich im Jahreslauf ablagern. Foto: Thomas Litt/Uni Bonn
Publikation

Thomas Litt, Jürgen Richter, Frank Schäbitz (Hrsg.)

The Journey of Modern Humans from Africa to Europe - Culture-Environmental Interaction and Mobility

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