Forschungsprojekt »Kalkriese als Ort der Varusschlacht? – eine anhaltende Kontroverse« erfolgreich abgeschlossen

Zwei Dissertationen bringen frische Erkenntnisse zur Varusschlacht

Das von der VolkswagenStiftung geförderte Projekt »Kalkriese als Ort der Varusschlacht? – eine anhaltende Kontroverse« konnte mit zwei Doktorarbeiten erfolgreich abgeschlossen werden. Gemeinsam mit dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Leibniz-Forschungsmuseum für Georessourcen, und der Ludwig-Maximilians-Universität München haben sich zwei Wissenschaftlerinnen auf ganz unterschiedliche Weise mit den Funden aus Kalkriese beschäftigt.

Kalkriese-Projekt: Präsentation der Ergebnisse
Prof. Dr. Marcus Zagermann, Universität Osnabrück, Dr. Uta Schröder, Universität Bonn, Prof. Dr. Michael Prange, THGA Bochum, Dr. Annika Lüttmann, THGA Bochum, und Dr. Stefan Burmeister, Geschäftsführer Varusschlacht im Osnabrücker Land.

Kalkriese – Schlachtfeld oder Marschlager?

Seit Jahrzehnten wird kontrovers diskutiert, ob Kalkriese bei Osnabrück tatsächlich der Ort der legendären Varusschlacht ist, in der drei römische Legionen im Jahr 9 n. Chr. untergingen. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt unter Beteiligung der Ludwig-Maximilians-Universität München, des Deutschen Bergbau-Museums Bochum und der Universität Osnabrück, gefördert von der VolkswagenStiftung, liefert nun neue Impulse – gestützt auf archäologische, kulturhistorische und naturwissenschaftliche Analysen.

5.400 Artefakte neu bewertet

Dr. Uta Schröder (Universität Bonn) hat in ihrer Dissertation über 5.000 Fundstücke systematisch analysiert, darunter viele bisher unveröffentlichte. Sie datiert die Funde in die Zeit des Augustus oder frühen Tiberius und erkennt deutliche Hinweise auf militärische Auseinandersetzungen. Besonders bemerkenswert: Besitzerinschriften, Hinweise auf Kavallerieeinheiten und sogar Verbindungen zu spanischen Truppenteilen eröffnen neue Perspektiven auf die Nutzung des Platzes.

Zugleich fordert Schröder eine kritische Neubewertung der Grabungsergebnisse: Fundkonzentrationen könnten teils eher auf methodische als auf historische Ursachen zurückgehen. Sie plädiert für stärkere geowissenschaftliche Begleitforschung, um die komplexe Kulturlandschaft Kalkrieses besser zu verstehen.

Metallurgischer Fingerabdruck der 19. Legion

Einen völlig neuen Zugang wählte Dr. Annika Lüttmann (TH Georg Agricola Bochum). Sie wies mit chemischen Analysen einen sogenannten „metallurgischen Fingerabdruck“ römischer Legionen nach. Anhand von Spurenelementen in Buntmetallen konnte sie zeigen, dass die in Kalkriese gefundenen Artefakte signifikant mit Funden aus Dangstetten übereinstimmen – dem bekannten Standort der 19. Legion vor der Varusschlacht.

Damit lässt sich erstmals ein direkter Nachweis dieser Legion in Kalkriese führen. Ein klarer Beweis für die Varusschlacht? Noch nicht – aber ein starker Hinweis.

Neue Grabungen ab Sommer 2026

Die Erkenntnisse bilden die Grundlage für ein neues mehrjähriges Grabungsprojekt, das unter Leitung von Prof. Dr. Marcus Zagermann (Universität Osnabrück) im Museumspark Kalkriese startet. Ziel ist es, weitere Hinweise auf die römische Nutzung des Ortes und das tatsächliche Kampfgeschehen zu erlangen. Im Fokus steht die Frage: Marschlager oder Hinterhalt?

Ein Ort, der noch viele Fragen stellt

Ob Varusschlacht oder ein anderes Gefecht der frühen Kaiserzeit – Kalkriese bleibt ein archäologisches Schlüsselareal mit großem Erkenntnispotenzial. Die Kombination kulturhistorischer Auswertung und naturwissenschaftlicher Analytik eröffnet neue Wege in der Forschung. Die Geschichte dieses Ortes ist – im besten Sinne – noch nicht zu Ende erzählt.

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